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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr.

Die alberne Blutmordfabel als Mittel zum Abonnentenfang. Es ist wirklich was Schönes um den Antisemitismus und Herr Gräfe hatte recht als er deklamirte:

Denn das Schnöde muß doch weichen Emer Sache hoch uud hehr!

Politische Bundschau. Gießen, 5. Oktober.

Schwenkung der deutschen Chinapolitik.

Eine erfreuliche Wandlung scheint in Deutsch⸗ land in Bezug auf die chinesischen Angelegen⸗ heiten Platz zu greifen. Aus einem an den Kaiser von China gerichteten Telegramme Wil⸗ helms II. geht hervor, daß der bisherige Rache⸗ kurs verlassen und der Frieden mit China baldigst herbeigeführt werden soll. Das er⸗ wähnte Telegramm des deutschen Kaisers ist die Antwort auf ein solches des Kaisers von China, in welchem die Ermordung der Europäer be klagt und Sühne dafür angeboten wird. Im Weiteren wird auf die freundschaftlichen Be⸗ ziehungen Chinas mit Deutschland hingewiesen und der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß der Friede sobald als möglich herbeigeführt und all⸗ seitige Eintracht für ewige Zeiten ermöglicht wird. Im Antwort⸗Telegramm spricht sich der deutsche Kaiser zunächst über das Sühne⸗An⸗ gebot aus. Dann heißt es:

Ich mache nicht Eure Majestät persön⸗ lich verantwortlich für die Unbill, die gegen die bei allen Völkern für unantastbar ge⸗ achteten Gesandtschaften verübt ist, noch für die schwere Kränkung, die so vielen Nationen und Konfessionen und den Unterthanen Eurer Majestät, die meinem christlichen Glauben angehören, zugefügt ist. Aber die Rathgeber des Thrones Eurer Majestät, die Beamten, auf deren Häuptern die Blutschuld des Ver⸗ brechens ruht, das alle christlichen Nationen mit Entsetzen erfüllt, müssen ihre Schandthat büßen, und wenn Eure Majestät sie der ver⸗ dienten Strafe zuführen, so will ich dies als eine Sühne betrachten, die den christlichen Nationen genügt.

Wollen Euere Majestät Ihren kaiserlichen Arm dazu leihen und hierbei die Unterstützung der Ver⸗ treter aller beleidigten Nationen genehmigen, so erkläre ich mich meinerseits damit ein verstanden. Auch würde ich die Rückkehr Euerer Majestät nach der Hauptstadt Peking zu diesem Zweck gern begrüßen.

Mein Generalfeldmarschall Graf Waldersee wird Befehl erhalten, nicht nur Euere Majestät nach Rang und Würde ehrenvoll zu empfangen, sondern auch Euerer Majestät jeden militärischen Schutz zu gewähren, den Sie wünschen und dessen Sie vielleicht auch gegen die Rebellen be⸗ dürfen. Auch ich sehne mich nach Frieden, aber nach einem Frieden, der die Schuld sühnt, das begangene Unrecht in vollem Umfang und nach jeder Richtung hin wieder gut macht und allen Fremden in China die volle Sicherheit bietet an Leib und Leben, Hab und Gut, be⸗ sonders aber zu freier Ausübung ihrer Religion.

Damit wird das Rundschreiben des Grafen Bülow, in dem die Auslieferung der Schuldigen

gefordert war, nicht anerkannt.

Was die völkerrechtliche Seite der Frage an⸗ geht, meint dieMünch. Post, so schließt sich Wilhelm[l jetzt emer Ansicht an, die bisher ausschließlich von der sozialdemokratischen Partei mit allem Nachdruck vertreten wurde, indem er nämlich dem chinesischen Kaiser die Bestrafung der Schuldigen überläßt.

Peinlich wird in manchen Kreisen in dem Schreiben des deutschen Kaisers abermals die Verquickung des Verlangens blutiger Genugthung mit dem oft wiederholten Hinweise auf Christen⸗ thum und christliche Gesinnung wirken. Indeß entspricht das Schreiben des Kaisers in dieser Hinsicht nur der in vielen von seinen Reden ausdrücklich vertretenen Weltanschauung.

Neuer agrarischer Raubzug.

Ueber die Wuusche der Agrarier in Bezug auf die Erhöhung der Getreidezölle schwirren geradezu unheimliche Nachrichten in der Luft. Und die Gefahr liegt sehr nahe, daß der Reichstag in seiner jetzigen Zusammen⸗ setzung diese agrarischen Forderungen erfüllt. Die agrarische Kommission des wirthschafr⸗ lichen Ausschusses, welcher die extremsten Agrarier, wie z. B. Graf Kanitz, Frhr. von Wangenheim, v. Frege u. A. angehören, hat sich dahin geeinigt, eine Erhöhung des Weizen⸗ und Rog genzolls von 3,5 Mk auf 8 Mk. in einem Generaltarif und auf 6,5 Mk. in einem Minimaltarif zu beantragen, d. h. der Zoll soll 8 Mk. denjenigen Ländern gegenüber betragen, mit denen keine ũandels verträge zu Stande kommen, und mindestens 6,5 Mk. auf Grund solcher Verträge. Auch eine ent⸗ sprechende Steigerung des Gerstenzolls wurde beschlossen.

Da nun auch ein Zoll von 6.50 Mk. zu hoch ist, um mit den Exportländern Handels⸗ verträge zu Stande kommen zu lassen, so bedeutet dieser Beschluß einen allgemeinen Zoll von 8 Mk., oder wie derVorwärts ausrechnet, einen jährlichen Tribut von

1080 Millionen Mark, den die arbeitende Bevölkerung an eine kleine Anzahl großer und mittlerer Grundbesitzer zu zahlen hat. Pro Kopf der Bevölkerung 20 Mk., ür jede fünfköpfige Arbeiterfamilie eine weitere Steuer von

100 Mark das Jahr, das bedeutet der 8 Mark⸗Zoll! Diesen 8 Mark⸗ Hungerzoll fordert nicht blos ein einzelner Junker, sondern das ist die Forderung, welche die von Reichs wegen als anutliche Ver⸗ treter derdeutschen Landwirthschaft berufene landwirthschaftliche Kommission des wirthschaftlichen Ausschusses aufstellt, der an⸗ geblich eingesetzt wurde, um Handels ver⸗ träge vorzubereiten!

Diese land wirthschaftliche Kommission ist nicht der wirthschaftliche Ausschuß, nicht die Regierung. Aber es ist die Verkörperung der kleinen, doch mächtigen Partei, des Junkerthums, das erhalten werden muß als sicherste Stütze des Staates, und sei's auf Kosten der Armen und Aermsten. Noch höher soll der Tribut ge⸗ steigert werden, den die Proletarier den Nach⸗ kommen der Raubritter zahlen müssen. Wahr⸗ haftig, die Räubereien des wegelagerischen Adels im Mittelalter waren armselige Spielereien gegenüber der planmäßigen Auswucherung des Volkes durch die heutige Junkersippe.

Zur Wahlrechtsreform in Hessen.

Wie dieKl. Pr. aus Darmstadt berichtet, wäre der neue Wahlgesetzentwurf soweit ge⸗ fördert, daß er demnächst das Gesammtministerium beschäftigen, und in nicht zu ferner Zeit den Stunden zugestellt werden wird. Es soll ein direktes Wahlrecht mit bestimmten Garantien geboten werden. Wie diesebe⸗ stimmten Garantien aussehen, ist nicht gesagt. Wir müssen deshalb warten mit einer Be⸗ sprechung derselben, bis wir sie vor uns haben. Soviel steht aber schon heute fest, daß unsere Abgeordneten jeder Schmälerung oder Ver⸗ schlechterung des Wahlrechts energisch entgegen⸗ treten werden.

Noch mehr Zölle.

Eine Erhöhung des Tabakzolls hat, wie dieKöln. Volksztg. schreibt, der national⸗ liberale Abg. Bassermann in Aussicht genommen. Derselbe hat die Absicht, eine Erhöhung des Zolles von 85 Mk. auf 125 Mk. pro 100 Kilo⸗ gramm zu beantragen. Das rheinische Blatt meint, dem Antrag liege die Spekulation auf die Pfälzer und badischen Tabakbauern zu Grunde, denn im Interesse der Jenaer Wähler des Herrn Bassermann liege er nicht. Der nationalliberalen Fraktion im Ganzen aber dürfte ein solcher An⸗ trag den Verlust einiger Mandate bei den nächsten Reichstagswahlen kosten.

Das gute Herz der Agrarier.

Wenn im Frühjahre die Saaten grünen und die Bäume blühen, halten die frommen Gläubigen

Kirchengebete und Bittgänge ab, um reschen Erntesegen vom Himmel zu erflehen. Die frommen Beter sollten aber eigentlich um schlechte Ernte bitten, wenn sie dasIn⸗ teresse der Landwirthschaft wahrnehmen wollten. Zu dieser Schlußfolgerung kommt man, wenn man folgende Notiz der agrarischen Deutschen Tageszig liest:

Trübe Aussichten erwecken die aus Amerika einlaufenden Berichte über den dortigen Obstertrag. Es scheint, daß die reiche Ernte der Jahre 1888, 1892 und 1896 sich wiederholen wird und daß die Preise beträchtlich fallen werden, da die in Aussicht stehende außergewöhnlich starke Ernte außer den im letzten Jahre zugänglichen Märkten sich weitere Absatzgebiete suchen muß. Fast überall scheinen die rothen Aepfel vor⸗ zuherrschen, es wird daher eine weit größere Menge zur Ausfuhr gelangen, da die rothen Sorten im Ausland die besten Preise erzielen. Ueber die Aussichten der Aepfelernte in Michigan, Illinois und Missouri lauten die Berichte außergewöhnlich günstig.

Man sollte meinen, die ganze Menschheit müßte sich freuen, wenn die Natur ihren Segen so reichlich spendet, daß schließlich auch dem Armen ein ihm sonst versagter Genuß möglich wird. Aber weit gefehlt. Was Ernährung der Menschheit, was Genußmöglichkeit für dieselbe! Worauf es ankommt, das ist der Profit für die Agrarkapitalisten. Möge die Menschheit ruhig hungern, wenn sie nur hohe Preise herausschlagen! Den reichen Segen der Natur, der so viele beglücken könnte, verwünschen und verfluchen sie, weil sie für ihr schäbiges Profit⸗ interesse zittern! Das ist die ökonomischeMoral des Kapitalismus! Diese tritt aber noch deutlicher und abschreckender in einem Aufrufe zu Tage, den der konserv ative Land⸗ ta gsabgeordnete für Charlottenburg, Herr Ring, als Vorsitzender einer Vereinigung der Milchproduzenten für Berlin, erläßt. Unter Berufung auf den Namen Gottes redet er der Verthenerung der Milch das Wort und als Mittel dazu preist er an, daß die Milchzentrale zur Verhütung einerMilch⸗ schwemme die Milch aufkaufen und eventuell ausgießen soll, die sonst noch von außen nach Berlin geführt wird, um den hohen Preisen der Milchzentrale Konkurrenz zu machen..

Um den Gewinn der Agrarier zu steigern, will man also zu dem allerdings in der Geschichte nicht mehr ganz unerhörten Mittel greifen, Nahrungsmittel, die den Preis drücken könnten, zu vernichten! In einer Gesellschaft, in der Millionen darben und Tausende hungern, well man Lebensmittel zerstören, damit die Be⸗ sitenden noch besser leben können. In den Rinnsteinen Berlins soll die Milch fließen, die Tausenden von siechen Proletarierkindern fehlt! Aber was gilt das Leben der Arbeiterbrut gegen das Wohlergehen der Großgrundbesitzer! Wer will den Leitern der Milchzentrale einen Vor⸗ wurf machen? Sind sie nicht respektable Herren, die nur das thun, was das Gesetz erlaubt? Ist dieüberflüssige Milch nicht ihr Eigenthum? Haben sie sie nicht redlich bezahlt?

Also haben die Berliner Arbeiter, deren Kinder sterben, weil die Milch zu theuer ge⸗ worden ist, gar keinen Grund zur Beschwerde.

Die Verjüngung im Offizierskorps geht weiter und damit wachsen die Pensions⸗ Ausgaben in's Ungemessene. Pensionirt wurden in der deutschen Armee seit 15. August dieses Jahres: 2 Generalleutnants, 6 Generalmajore, 7 Oberste, 4 Oberstleutnants, 14 Majore, 21 Hauptleute, 10 Oberleutn ants und 9 Leutnauts. In Summa 73 Offiziere, Kosten per Jahr ca. 260,000 Mark. Ohne Pension sind ausgeschieden: 23 Leutnants

Somit beträgt der Gesammtabgang an Offizieren in den letzten 6 Wochen 96.

Harmonie zwischen Kapital und Arbeit. Die Mansfelder Gewerkschaft hat wiederum acht tüchtige, langjährige Arbeiter aus ihrem Dienst entlassen, weil diese dem

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