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Gießen, Sonntag, den 7. Oktober 1900. E*

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Mitteldeutsche

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Ein Gedenktag.

Am 1. Oktober war ein Jahrzehnt ver⸗ flossen, seitdem jenes Schandgesetz, durch welches Bismarck die junge Arbeiterbewegung vernichten wollte, nicht mehr auf der deutschen Arbeiter- schaft lastet. Wohl ist es richtig, daß in der ersten Zeit des Sozialistengesetzes die Partei⸗ organisationen, ihre Presse, überhaupt alles, was bis dahin von der organisirten Arbeiterschaft geschaffen war, rücksichtslos vernichtet wurde. Die Partei wurde aufgelöst. Was man aber nicht vernichten konnte und niemals durch den Polizeiknüppel wird vernichten können, das ist der Geist, der in unseren Organisationen lebt, und ohne den sie nur leere Formen, tönendes Erz und klingende Schellen wären. Es ist das sozialistische Denken der Arbeitermassen, das stets wieder die Einzelbestandtheile zu macht⸗ vollen Organisationen zusammenschweißt.

Unter den schwierigsten Verhältnissen, unter den ungeheuerlichsten Verfolgungen, unter der Gefahr für jeden einzelnen, jahrelang im Ge⸗ fängniß schmachten zu müssen, umkläfft von einer Meute der infamsten Spitzel und Schurken, welche die Welt jemals gesehen hat, baute sich die Partei wieder auf. In jener Zeit wurde der leise und ehrfurchtsvoll geflüsterte Begriff: die Partei geboren. In jener Zeit kam die Arbeiterschaft erst recht zum Bewußtsein dessen, was das Wort Solidarität besagt. Sie lernte die Macht der Solidarität kennen und die Pflichten der Solidarität erfüllen. Und es war ihr ein heiliger Ernst mit der Erfüllung dieser Pflichten. Wie trefflich die neue Organisation arbeitete, zeigt schon das Kassenwesen derselben. Die Einnahmen betrugen bis zum Fall des Sozialistengesetzes 677 138,36 Mk., die Ausgaben 654 565,36 Mk. Keine mit allen Garantien der peinlichsten Kontrolle um gebene staatliche Finanzverwaltung hat jemals besser gearbeitet, als die Organisation der ver⸗ fehmten und verfolgten Arbeiterschaft.

Eine der furchtbarsten und gefürchtetsten Waffen, welche sich die Organisation der Ge⸗ ächteten geschmiedet hatte, war das herrliche Kampfblatt derselben, derSozialdemo 1 0 Vollständig frei von jeder Einschränkung durch staatliche Zwangsgesetze war er allein in der Lage, jedes Ding beim rechten Namen zu nennen. Und das that er auch. Zuerst in der Schweiz, später in England gedruckt, wurde er in einer Auflage von Zehntausenden verbreitet und durch dierothe Feldpost mit der Sicherheit eines Regierungsinstituts verbreitet.

Gewaltig waren die Opfer, welche die Ar⸗ beiterschaft im Kampfe bringen mußte. Gegen 900 Aus weisungsbefehle waren er⸗ gangen. Allein auf Grund des Sozialisten⸗ gesetzes waren gegen 1000 Jahre Gefäng⸗ nißstrasen verhängt worden, wozu noch etwa 600 Jahre Gefängniß kamen, die in den Majestätsbeleidigungs⸗Prozessen nach den 1882er Attentaten ausgesprochen wurden. Wie viel Noth und Tod, Herzeleid und Wunden werden durch diese Zahlen mit ausgesprochen! Aber auch das Wachsthum der Partei entsprach diesen Opfern. Die Zahl der sozialdemokratischen Stimmen wuchs in den 12 Jahren des Sozia⸗ listengesetzes pon 437 900 auf 1427 000.

Statt nur neun Reichstagssitzen im Jahre 1878, hatte unsere Partei deren 35 im Jahre 1890 inne. Aus der kleinen Partei war eine mächtige Volksbewegung geworden, die mit keinen Polizeimitteln mehr aufzuhalten war.

Seit zehn Jahren ist das Sozialistengesetz gefallen, der Geist aber, aus dem es geboren, der Geist der Ausbeutungs⸗ und Unterdrückungs⸗ sucht, er lebt auch heute noch und macht sich täglich bemerkbar. Es fehlte auch nicht an Versuchen, neue Knebelgesetze über die Arbeiter⸗ klasse zu verhängen; an demguten Willen der Herrschenden lag es nicht, wenn die U m⸗ sturz⸗ und Zuchthaus vorlage nicht Gesetz wurde. Aber auch ohnedies sind die Opfer, die unser Kampf in den verflossenen zehn Jahren erforderte, kaum geringer gewesen als während des Sczialistengesetzes. Trotz alledem geht es vorwärts auf der ganzen Linie! Un⸗ entwegt strebt unsere Partei dem Ziele des Sozialismus zu: der Befreiung der Arbeiter⸗ klasse aus politischer und wirthschaftlicher Knecht⸗ schaft. Dankbar gedenken wir jezt aller derer, die ihre Freiheit, Existenz, Gesundheit für dieses hohe Ziel aufopferten, unsere Aufgabe aber muß es sein, in der Foctführung des Kampfes die⸗ selbe Ausdauer und Thatkraft zu zeigen; immer muß unsere Loosung sein:

Vorwärts!

von derkleinen aber

veinen! Partei.

Kürzlich hielten die Antisemiten Sachsens, die unentwegt unter der FirmaDeutsch-soziale Reformpartei zu Herrn Zimmermann halten, in Riesa ihren Parteitag ab. Dabei kamen ganz erbauliche Dinge über die Ursachen der Spaltung zur Sprache.

Herr Zimmermann nahm den Mund ge⸗ waltig voll. Er gab zwar zu, daß der Antise⸗ mitismusSchlappen erlitten habe, behauptet aber, die seien nur denanderen zu verdanken. Die Juden hätten Mißbehagen über die Spaltung empfuaden. Liebermanns zarte Rücksichtnahme auf die Konserva⸗ tiven habe drastische Resultate gezeitigt.Wir müssen kräftig genug werden, um Parteigeschäfte zu machen. Schacherpolitik ist also das Ideal der Deutsch⸗Sozialen. Sonst schimpft man doch über das Schachern der Juden. Die Rothen, so meinte Herr Zimmermann weiter, bedauern von Herzen Liebermanns Ausscheiden.Lieber⸗ mann sei ihnen als Gegner sehr willkommen ge⸗ wesen. Zimmermann nicht minder, wie wir ihm versichern können. Vertrauens voll schaut Herr Zimmermann in die Zukunft. Er meinte, der Antisemitismus habe in Deutschland ge⸗ waltig() an Boden gewonnen, aber andere hätten Nutzen daraus zu ziehen gesucht. Der Konitzer Mord, die Eröffnung des Riesenwaaren⸗ hauses Tietz in Berlin seien bezeichnend für die Gesammtlage. Wer jenes Unternehmen unter⸗ stützt, würde bald bekannt werden, dem deutschen Michel wird die Schlafmütze von den Ohren gezogen. Bezüglich der Stellung der Antise⸗ miten zur sozialen Gesetzgebung erklärte der Redner, daß diese nach wie vor unterstützt werde. Allerdings müsse nun einmal aufgehört

jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4312 a.) 33½0% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt.

werden mit dereinseitigen Arbeitnehmerpolitik, es müsse auch etwas für die kleinen selbständigen Existenzen gethan werden. Der lebhafte Beifall, der bei diesem Theile der Zimmermann'schen Rede ertönte, veranlaßte den also Ausgezeichneten nun noch zu einem packenden Vergleich, mit dem er seine Rede schloß.Wie die Cymbern und Teutonen sich zusammenketteten und sich auf den Feind stürzten, so wollen auch die Deutsch⸗ Sozialen sich zusammenketten und den furcht⸗ baren Kampf zum Heile des deutschen Volks⸗ thums durchkämpfen. Ein grimmiges Wüthen steht uns also noch bevor.

Der Abgeordnete Gräf erzählte:In der Fraktion sei seit 2 Jahren ein ersprießliches Zusammenarbeiten nicht mehr möglich gewesen, da Liebermann und Raab das per sönliche Regiment angestrebt hätten. Wir regten uns dagegen. Die Folge war, daß selbft im Reichstag Reibungen vorkamen und die Thätigkeit lahm gelegt wurde. Unser An⸗ sehen schwand damit. Die Versuche, die Abgg. Werner, Bindewald und Dr. Vielhaben aus der Partei hinauszudrängen, seien ein weiterer Schritt gewesen, desgleichen der Ver⸗ such, unseren hochverdienten Dr. Giese aus der Geschäftsstelle zu verdrängen, die er unter großen Opfern halte. Die beständige Rücksichtnahme nach rechts und links, die Liebermann wollte. lähmte ebenfalls.

Herr Klemm hat sich dem Zimmermann schen Flügel angeschlossen, weil Liebermann durch seine Rücksichtnahme auf die Konservativen die Partei auf den todten Punkt gebracht habe. Herr Lotze endlich hat in der Sezession die Gewähr gefunden für eine Gesundung der Partei und warb im übrigen eifrig um die Gunst des Bundes de: Landwirthe, der zum Leidwesen der Zimmermänner mehr mit denanderen sym⸗ pathisirt. Gleich den Liebermännern will auch Herr Lotze das Programm des Bundes der Landwirte vertreten. Mit diesem Anerbieten unbedingter Gefolgschaft an die Brotwucherer schließt der Bericht der Deutschen Wacht, dem wir die vorstehenden Citate entnehmen.

Was hier mitgeteilt wurde, bestätigt im wesentlichen, was auch schon früher über die Ur⸗ sache der Spaltung bekannt geworden ist. Lieber⸗ mann v. Sonnenberg wollte die Antisemiten ganz ins Schlepptau der junkerlicher Reaktion spannen und dagegen wehrten sich die Kleinbürger, die der Partei angehören. Ihr Hauptverlangen ist reaktionäre Mittelstandsgesetzgebung, daneben wollen sie aber auch den Bauern helfen, durch ein Mittel, welches diesen nichts nützen kann, durch den Brotwucher. Herr Zimmermann, der neben Liebermann nicht genügend zum Worte kommen konnte, machte sich zum Führer der Opposition gegen dieanderen und har nun glücklich das Ziel seines Strebens erreicht. Er ist das geistige Haupt derkleinen aber reinen deutschsozialen Reformpartei, von deren Reinheit jetzt wieder die Abonnements⸗Einladung deß Deutschen Wacht des Heern Zimmermann Zeugnir ablegt, in welcher der Abdruck einer zusamen⸗ hängenden Schilderung des Konitzer Mordesdie sich spannend wie ein Roman liest alsBeitrag zur Klärung von einem Eingeweihten angekündigt wird.

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