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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 2.

Anterhaltungs⸗

Das Dorfhospital. Nahe am Friedhof, im engen Thal weitab vom Getöse der Reichen, Umspielt von der Sonne letztem Strahl, Liegt des Dorfes Armenspital, Bewohnt von wandelnden Leichen.

Fast bis zur Erde hänget das Dach; Trüb sind die Fenster, die kleinen. Singen die Lerchen den Morgen wach, Dringt aus dem engen, dumpfen Gemach Nur trostloses Flehen und Weinen.

Und drinnen, o Jammer, halte den Mund, Da liegen die Aermsten der Armen, An Seele und Nörper zu Tode wund, Flehn sie alle aus Herzensgrund: O Vater, habe Erbarmen!

Und rings, wohin das Auge blickt, Ein Modern, ein Klagen, ein Stöhnen, Mir war's, als sei ich der Welt entrückt; Als ich in den Abgrund des Elends geblickt Ein Meer ohne Ufer voll Thränen.

Die Sonne ging unter; ich aber schritt Rasch durch die Felder, die kleinen; Doch folgten mir bang auf jeden Tritt Die Seufzer der Armen, sie kamen mit: Noch lange hört' ich ihr Weinen.

Das Abenteuer der Neujaßrsnacht. Novelle von H. Zschokke.

(Fortsetzung.)

Philipp fror erbärmlich; eine warme Stube hätte ihm wohlgethau, ein gutes Trinkgeld nicht minder. Er bewilligte dem jungen Herrn also die Amts vertretung auf eine halbe Stunde, nämlich bis zwölf Uhr; dann sollte er zur Hauptpforte der Gregorienkirche kommen und Mantel, Horn und Spieß gegen den langen roten Seibdenmantel, Larve und Federhut aus⸗ tauschen. Auch nannte er ihm noch vier Straßen, in denen er die Stunden abzurufen habe.

Herzensschatz! rief die Maske entzückt. Ich möchte Dich küssen, wenn Du nicht ein Schmierfinke wärst. Nun, es soll Dich nicht gerenen. Um zwölf Uhr stelle Dich bei der Kirche ein und h le zum Trinkgeld Dir ein Bratengeld. Juchheh, ich bin Nachtwächter!

Die Kleider wurden vertauscht. Die Maske vervachtwächterte sich, Philipp band die Larve vor, setzte den mit einer funkelnden Schleife ge⸗ zie ten Tederhut auf und wickelte sich in den langen, feuerroten Seidenmantel. Als er seinen Stellvertreter verließ, fiel es ihm aber doch aufs Herz, der junge Herr könnte vielleicht aus Uebermuth die nachtwächterliche Würde ent⸗ weihen. Er drehte sich noch einmal um und sagte:Ich hoffe, Sie werden meine Gut⸗ mötigkeit nicht mißbrauchen und Unfug treiben. Das könnte mir Verdruß zuziehen und mich um den Dienst bringen.

Was denkst Du denn, närrischer Kerl? rief der Stellvertreter.Meinst Du, ich wisse nicht, was meines Amtes sei? Dafür iaß mich sorgen. Ich bin ein Ehristenmensch, so gut als Du. Packe Dich, oder ich werfe Dir den Spieß zwischen die Beine! Um zwölf Uhr bist Du unfehlbar bei der Gregorienkirche und giebst mir meine Kleidung wieder. Adieu! Das macht mie Teufelsspaß. f

Trotzig ging der neue Nachtwächter seines Weges. Philipp eilte, ein nahegelegenes Bier⸗ haus zu erreichen.

III

Indem er um die Ecke des königlichen Pa⸗ lastes bog, fühlte er sich von einer maskierten Person berührt, die soeben vor diesem Palaste aue einem Wagen stieg. Philipp blieb stehen und fragte nach Maskenart, nämlich mit ge⸗ dämpfter, leiser Stimme:Was steht zu Befehl?

Gnädiger Herr, Sie sind in Gedanken hier vor dem Portal vorübergegangen! erwiderte nic Maske.Wollen Ihre Königliche Hoheit nicht

Was? Königliche Hoheit? sagte Philipp lachend,ich bin keine Hohheit. Wie kommen Sie zu dem Einfall?

Die Maske verbeugte sich ehrfurchtsvoll und schielte nach der strahlenden Diamantenschleife auf Philipps Federhut.Ich bitte um Gnade, wenn ich Maskenrecht verletze. Aber in welches Gewand Sie sich hüllen mögen, Ihre edle Ge⸗ stalt wird Sie immer verraten. Belieben Sie gefälligst vorzutreten. Werden Sie tanzen, wenn ich fragen darf?

Ich? Tanzen? Nein! Sie sehen ja, ich habe Stiefel an! antwortete Philipp.

Also spielen? fragte die Maske weiter.

Noch weniger; ich habe kein Geld bei mir! erwiderte der Nachtwächtergehilfe.

Mein Gott, verfügen Sie doch über meine Börse, über alles, was ich bin und habe! rief die Maske und bot dem bestürzten Philipp einen vollen Geldbeutel an.

Aber wissen Sie denn, wer ich bin? fragte A und schob die Hand mit dem Geldbeutel zurück.

Die Maske flüsterte mit einer graziösen Ver⸗ beugung:Königliche Hoheit, Prinz Julian!

In diesem Augenblicke hörte Philipp seinen Stellvertreter in einer benachbarten Gasse ver⸗ nehmlich und laut die Stunde rufen. Jetzt erst merkte er die Verwandlungen. Prinz Julian, in der Residenz als ein junger, wilder, liebens⸗ würdiger und geistvoller Mann bekannt, hatte den Einfall gehabt, die Rollen mit ihm zu ver⸗ tauschen.Nun, dachte Philipp,spielt er den Nachtwächter gut, so will ich ihm auch in meiner Prinzenmaske keine Schande machen, und zeigen, daß ich wohl eine halbe Stunde lang Prinz sein kann. Es ist seine Schuld, wenn ich viel⸗ leicht einen Bock schieße. Er wickelte sich fester in den feuerroten Mantel, nahm die Geld börse an, steckte sie eiu und sagte:Maske, wer sind Sie? Ich gebe Ihnen morgen Ihr Geld zurück.

Ich bin der Kammerherr Pilzow!

Gut, gehen Sie voran! ich folge Ihnen.

Der Kammerherr gehorchte, flog die breiten Marmorstufen hinan, Philipp ihm behende nach. Sie traten in einen unermeßlichen Saal, von tausend Kerzen erleuchtet, deren Strahlen sich an den Wänden in einer Menge Spiegel, an der Decke in den schweren Krystallleuchtern brachen. Ein buntes Gewühl von Masken wogte durcheinander, Soltane, Tirolermädchen, Papagenos, geharmischte Ritter, Nonnen, Ga⸗ lar teriehändler, Liebesgötter, Mönche, Frauen, Juden, Perser und Meder. Philipp war eine Weile ganz verblüfft und geblendet. Solch ein Schauspiel hatte er sein Lebtag nicht gehabt. In der Mitte des Saales wogten hundert Tänzer und Tänzerinnen in den harmonischen Wellen der Musik.

Philipp, dem die milde Wärme wohlthat, die ihn hier anhauchte, war von Verwunderung so gelähmt, daß er kaum mit einem Kopfnicken dankte, wenn unter den Vorbeischwärmenden ihn einige Masken bald neckend, bald ehrerbictig, bald zutraulich grüßten.

Befehlen Sie zum Frühstück? flüsterte ihm der Kammerherr zu, der nun, beim Licht be⸗ sehen, als Bramine dastand.

Lassen Sie mich nur erst auftauen! ent⸗ gegnete Philipp.Mich friert verzweifelt.

Aber ein Glas warmen Punsch? sagte der Bramine, und sührte ihn in ein Seiten⸗ kabinet. Der Pseudo⸗Prinz ließ sich nicht bitten. Ein Glas nach dem anderen ward geleert. Der Punsch war gut, und bald ergoß sich sein Feuer durch alle Adern Philipps.

Wie steht's Bramine? Sie tanzen heute nich!, fragte er den Kammerherrn, als sie in den Saal zurücktraten.

Der Bramine seufzte und zuckte die Achseln. Für mich ist Spiel und Tanz vorbei, das Lachen ist vorüber. Die einzige, die ich zum Tanz fordern möchte... die Gräfin Vonau .. ich glaubte, sie liebe mich... denken Sie sich meine Verzweiflung... unsere Häuser

waren einig... plötzlich bricht sie gänzlich mit mir ab.

Ei, das ist das erste was ich höre! rief Philipp..

Mein Gott, Sie wissen's nicht? Die ganze Residenz spricht davon, seufzte der Kammer⸗ herr.Schon seit vierzehn Tagen haben wir gebrochen. Sie erlaubt mir nicht einmal mich zu rechtfertigen. Drei Briefe schickte sie mir unerbrochen zurück. Sie ist eine geschworene Feindin der Baronesse Reizenthal. Ich hatte ihr gelobt, jeden Umgang mit dieser zu meiden. Denken Sie mein Unglück: Als die Königin Mutter nach Freudenwald zur Jagdpartie fährt, machte sie mich zum Kavalier der Baro⸗ nesse was sollte ich thun? Konnte ich wider⸗ sprechen? Gerade am Namenstage der gött⸗ lichen Bonau mußte ich unerwartet fort... fie erfuhr alles... sie verkannte mein Herz 1

Wohlan, Bramine, benutzen Sie den Augen⸗ bick! Die allgemeine Freude versöhnt alles. Ist die Gräfin nicht hier?

Sehen Sie sie nicht dort drüben, links. die Karmeliterin neben den drei schwarzen Masken? Sie hat die Larve abgelegt. O mein Prinz, Ihr gnädiges Fürwort bet ihr

Philipp, den der Punsch begeistert hatte, dachte: da ist ein gutes Werk zu thun, und machte sich ohne Umstände zur Karmeliterin; Die Gräfin Bonau betrachtete ihn eine Weile ernst und errötend, als er sich ihr zur Seite niedersetzte. Sie war ein schönes Mädchen, doch bemerkte Philipp bald, sein Röschen sei noch zehntausendmal schöner.

Meine Gräfin... stammelte er und geriet in Verlegenheit, als sie ihren hellen, schwärmerischen Blick auf ihn lenkte.

Prinz, sagte die Gräfin,Sie waren vor einer Stunde beinahe zu mutwillig!

Schöne Gräfin, ich bin dafür jetzt desto ernsthafter!

Desto besser; so brauche ich Sie nicht zu fliehen, Prinz!

Schöne Gräfin, eine Frage nur erlauben Sie mir: thun Sie auch in diesem Nonnen⸗ kleide aufrichtige Buße für ihre Sünden?

Ich habe nichts zu büßen.

Aber doch Gräfin, ihre Grausamkeiten Ihr Unrecht gegen den lieben Braminen, der dort drüben von Gott und aller Welt verlassen teht.

5 Die schöne Karmeliterin schlug die Augen nieder und ward ein wenig unxuhig.

Wissen Sie auch, schöne Gräfin, daß der Kammerherr an der Freudenwalder Geschichte so unschuldig ist, wie ich? b

Wie Sie, Prinz? sagte die Gräfin, und runzelte die Stirn.Was sagten Sie mir erst vor einer Stunde?

Sie haben recht, liebe Gräfin, ich war zu mutwillig! Sie selbst sagen es ja. Nun schwör' ich, der Kammerherr mußte auf Befehl der Königin Mutter nach Freudenwald, mußte gegen seinen Willen dahin, mußte beständig der Ka⸗ valier der ihm verhaßten Reizenthal sein

Der ihm verhaßten? sagte spöttisch und bitter lächelnd die Gräfin. f

Ja, er haßt, er verachtet die Baronin. Glauben Sie mir, er hat gegen die Baronesse fast alle Grenzen des Anstandes verletzt, er hat sich durch sein Betragen vielen Verdruß zuge⸗ zogen. Ich weiß es. Und das alles that er für Sie. Nur Sie liebt er, nur Sie betet er an. Und Sie Sie könnten ihn verstoßen?

Wie kommt es, Prinz, daß Sie sich für Pilzow so lebhaft interessieren? Sonst war's doch nicht so?

Es geschieht, Gräfin, weil ich ihn vorher nicht kannte, noch weniger seine traurige Lage, in die sie ihn stürzten. Ich schwöre Ihnen, er ist unschuldig. Sie haben ihm nichts zu ver⸗ zeihen, aber wohl er Ihnen. a

Still! lispelte die Karmeliterin mit er⸗ heiterten Mienen.Man achtet auf uns. Kommen Sie hinweg von hier! Sie band ihre Larve vor, stand auf und gab dem ver⸗ meinten Prinzen den Arm. Beide gingen den Saal entlang, dann in ein leeres Seitenkabinett. Hier führte die Gräfin bittere Klage gegen den Kammerherrn; aber es waren nur Klagen eifer⸗

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