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Wittekdeutsche Senntags⸗-Jzüung
Nr. 2.
Flotte„gleichberechtigt an der Seite der Streit⸗ kräfte zu Lande stehen soll“, so deutet das auf die Absicht hin, sie ebenso zu einer Flotte ersten Ranges zu machen, wie wir ein Landheer ersten Ranges besitzen, das heißt, eine Marine zu schaffen, welche der englisch en gleich, wenn nicht überlegen ist. Die Rede des Kaisers wird vort eussichtlich in den kon⸗ menden Marinedebattey, eine wesentliche Rolle spielen. Für die Oppositionsparteien sind die kaiserlichen Ausführungen von, allergrößtem Wert. Die Minister, die die jetzige Flotten⸗ vorlage verteidigen sollen, beneiden wir nicht um ihre Aufgabe. Ueberseepalitik.
In Deuts Y⸗Südwestafrika wurden im letzten Jahre 21 Schwarze hein gerichtet und 233 zu Prügelstrasen verurteilt.
Das Ansehen des Reiches ist infol natürlich riesig gestiegen und der H 5 gewaltig zugenommen. Nur fehlen noch einig Dutzend Panzerschiffe, um Heuker und Prügel meister ausreichend zu schützen.
— In der Delagobay haben englische Kriegsschiffe den deutschen Reichspostdampfer „Bundesrat“ und das Hamburger Handelsschiff „Hans Wagner“ mit, Beschlag belegt, weil die beiden Dampfer angeblich Kriegsmaterial für die Buren bezw. Mannschaften für dieselben an Bord hatten. Deutscherseits wird das ent⸗ schieden bestritten. Die deutsche Regierung hat sich sofort mit der englischen in Verbindung gesetzt und die Freigabe der Schiffe verlangt. Auf den Ausgang dieser Affäre kaun mau sehr gespaunt sein. Die englischen Schiffsführer hätten thatsächlich eine große Dummheit be⸗ gangen, wenn sie unberechtigterweise die Be⸗ schlagnahme vollzogen hätten.
Der neue Flottenplan schon veraltet.
Aus Paris wird gemeldet:
„Der Ministerrat beschästigte sich mit einem Gesetzentwurf bezüglich der Verteidigung der Küste und der Kolonien. Die zu diesem Zweck nötigen Ausgaben werden auf 120 Millionen geschätzt. Die Arbeiten sollen innerhalb 2½ Jahren ausgeführt werden. Die Ausgaben sollen durch die im Budget für die Vermehrung der Flotte vorgesehenen Mittel gedeckt werden. Die betreffenden Kredite sind bereits in das Budget eingestellt worden.“
Ferner wird vom„Petit Parisien“ gemeldet, der französische Ministerrat habe außer jenen Forderungen für Verteidigung der Küsten und der Kolonien eine neue Flottenvorlage
Diese Flottenvorlage fordere„die
beschlossen. Herstellung von 12 großen Kriegsschiffen, einigen Torpedojägern und einer bedeu— tenden Anzahl von Torpedobooten. Die Kosten werden auf mehr als 400 Mil⸗ lionen veranschlagt. Die betreffenden Gesetzes— vorlagen sollen der Kammer bereits zu Beginn der nächsten, am 9. Januar beginnenden Ses⸗ sion unterbreitet werden.“
Die Franzosen sind also im Begriff, den zu erwartenden deutschen Flottenpläuen durch ein noch schnelleres Tempo ihrer Flotten— rüstung zuvor zukommen. Der Effekt der neuen, für das Wohl Deutschlauds als unum— gänglich gepriesenen Marineforderungen der Herren Tirpitz und Bülow ist mithin zwar eine absolute Verstärkung, aber eine relative Schwächung— und auf das Verhältuis der Kräfte allein kommt es an— der deutschen Wehrkraft.
Selbst das flottenbegeisterte„Berliner Tage— blatt“ überschleicht ob dieser französischen Ueber— raschung ein bängliches Zweifeln.„Unter diesen Umständen, scheint es, befindet sich der deutsche Reichstag immer mehr in der Zwangslage, die deutsche Flottenvermehrung zu bewilligen, ob— wohl der beabsichtigte Vorsprung Deutschlands vor den übrigen Mächten bereits nahezu illusorisch geworden sein dürfte.“
Wir zweifeln nicht, daß die Rickertgarde in wachsendem Flottenverständnis ohne Zögern beim Reichstag eine Revidierung der ange⸗ kündigten Tirpitzpläne behufs Ueberholung der französischen Forderungen beantragen
wird. Die Bedeutung des geplanten Doppellt⸗ geschwaders ist beretts„nahezu illusgrisch“ ge⸗ worden. Wohlan, wir sind„in der Zwangs ⸗ lage“, drei und hier Doppelgeschwader 311 bauen. Und so fort von Zwangslage zi! Zwangslage, von Beschwader zu Geschwader. Der helle Wahnsin n!
Ein neuzeitliches Gefecht,
Infolge der modernen Feuerwaffen ist ein heutiges Gefecht von einem solchen in früherer Zeit so verschieden, vie Tag und Nacht. Recht charakteristisch ist folgender Brief, der aus dem Burenlager bei Ladyfmith an die„Köla. Volks⸗ zeitung“ gerichtet wurde:
10. Nos.
Gestern waren wir im Feuer. Am Morgen um 6 Uhr ritten wir mile dem alten Kommandanten de Meillion fort und waren uach einer Stunde auf einem Kopje ganz in der Front und dicht bei Ladyfmith. Gegenüber auf dem Kopze in Entfernung von 1200 Mtr. lagen die Engländer und schossen mit Eranaten und Gewehren auf uns. Wir lagen sicher hinter großen Blöcken und feuerten eifrig bis Mittag 1, Uhr. Die englischen Kugeln gingen immer dicht über unsere Köpfe. Der Feind war nur durch das Fernglas erkennbar. Ich hatte mir ein gutes erbeutetes englisches gekauft. Um 1 Uhr wurde die Hitze so groß, dass beide Seiten schwiegen. Von 3 bis 5 wurde dann wieder geschossen. Fern auf den Bergen standen die großen Kanonen und beschossen sich gegenseitig über unsere Köpfe hinweg. Auf unserer Seite waren nur 3 Mann von 800 gefallen.— Als wir abends zurückkamen, waren wir recht kaput von der Hitze und haben darum heute einen Ruhetag ge⸗ macht. Zugleich putzen wir unsere Gewehre und setzen unsere Sachen in Stand. Von allgemeinem Interesse für solche zukünftige Gewehrgefechte war die Beobachtung, daß der Feldstecher eine viel größere Rolle spielen muß, als bisher. Jeder Unteroffizier der deutschen Armee sollte mit einem guten Fernglas ausgerüstet sein. Außerdem sollte jede Kompagnie
ein Fernrohr auf Stativ mitführen, da es von ö
größter Wichtigkeit ist, die Stelle aufzufinden, wo der Feind eigentlich liegt. Rauch sieht man ja⸗ keinen mehr, der Knall verhallt aus eine Ens⸗ fernung von 1200 Meter und mehr; so hört man nur die Kugeln pfeifen und weiß nicht, woher sie kommen. Wenn der Feind mit dem Glas aufgefunden ist, muß sich die Truppe systematisch einschießen, d h. man muß erst auf Punkte wie Sandhaufen u. s. w. schießen, wo man die aufschlagende Kugel mit dem Feldstecher be⸗ obachten kann. Erst wenn auf diese Weise die Stellung des Feindes und die Entfernung bestimmt ist, kann ein Massenfeuer von Wirkung sein, sonst wird nur alle Munition umsonst verknallt.
Also in einem neuzeitlichen Krieg stehen sich die Heere gegenüber ohne sich zu sehen. Kein Rauch, kein Knall glücklich der, der durch ein gutes Fernglas den Feind zu Gesicht be⸗ kommt. Wenn nicht die Vernunft den Krieg beseitigt, so wird er durch die fortschreitende Waffentechnik zur Unmöglichkeit gemacht werden.
Helf, was helfen mag.
Die Marinevorträge der„Freien Vereinigung für deutsche Flottenvorträge“ ziehen nicht, der Besuch ist mehr als kläglich, trotz aller Lockungen, trotz des Massenverbrauches von Freibillets. Die gähnende Leere erschreckt die Verherrlicher des Wasserpatriotismus, die Marineprofessoren und ⸗Pastoren. Also helfe, was helfen kann! Die Soldaten der Garnison werden deshalb in die Flottenvorträge kommandiert. Sie sollen die öden Säle in ihres Kommißgehorsams⸗ zwange füllen helfen. Am Mittwoch hat ein Oberlieutenant Kretzschmar im Saale der Ber⸗ liner Aktienbrauerei Friedrichshain gesprochen. In den Blättern wird hervorgehoben, daß viele Soldaten der Berliner Garnison anwesend waren. Wie aus der„Nordd. Allgem. Ztg.“ hervorgeht, sind auch die Mitglieder der Berliner Jugendwehr, die sich zum großen Teil aus der 5 0 aus der Schule entlassenen Jugend rekrutiert, aufgeboten worden, um die Stärke der„Volksbewegung“ zu markieren. Auch An- gehörige von Kriegervereinen zählt die „Nordd. Allg. Ztg.“ als Besucher des Mariue⸗ Abends auf. Angelockt wurden alle durch die Ankündigung einer Vorführung von Licht— bildern aus der Marine.
Wie jämmerlich steht es um die Flotten⸗ politik, wenn sie durch kommandierte Soldaten, Kriegervereine und Jugendwehren„gerettet“
werden muß! der„Begeisterung“ täuschen?
Der edle Prinz von Arenberg.
Seine Durchlaucht der Prinz von Arenberg, über dessen bestialische That wir in voriger
Nummer berichteten, ist am ersten Weihnachts⸗ feiertag in Hamburg eingetroffen, ist daselbst in einem vornehmen Hotel abgestiegen und be⸗ sichtigte dann Sehenswükdigkeiten der Stadt. Während der Ueberfahrt von Afrika nach Deutschland soll Se. Durchlaucht durchaus guter Dinge gewesen sein und huldvoll geäußert haben,„aus der Sache werde nicht viel“. Von
Hamburg geruhte daun der Leutselige Herr sich
nach Berlin zu begeben, allwo er ebenfalls in ein standesgemäßes Hotel einkehrte. Hier wurde er bon dem Vertreter eines Berliner Blattes regelrecht interviewt(ausgefragt).
Der Prinz eröffnete die Unterredung mit dem Redakteur mit folgenden Worten:
„Ich weiß, weshalb Sie kommen, Sie wollen mich ausfragen. Ich kann aber gar
nichts fagen, es ist mir dies streng verboten.
Die Sache liegt in kompetenten Händen und bald wird alles aufgeklärt sein.“ „Aus Ihren Worten, Durchlaucht, geht
deutlich hervor, daß Sie die Affaire Willy Cain
doch wesentlich anders darstellen werden, als ei bisher geschehen ist?““
„Ja selbstverständlich! Ich habe erst gestern die verschiedenen Zeitungsberichte gelesen. Es ist ja unglaublich, was da alles behauptet wird. Ich werde als Popanz, als Wau⸗Wau für kleine Kinder hingestellt. Ich kann Ihnen
nichts weiter sagen, als das eine: Ich war provoziert und gereizt und habe so gehandelt, wie ich als Ehrenmann und Offizser handeln mußte“
„Wie ist es aber mit den Behauptungen, daß Cain in ganz willkürlicher Weise,, ohne vorheriges Gerichtsverfahren auf grausame Art getötet wurde?“
„Auch darüber kann ich mich des näheren nicht äußern. Es wird alles aufgeklärt werden. In Europa kann man unsere kolonialen Ver⸗ hältnisse unmöglich beurteilen. Was dort nur schneidig ist, wird hier grausam genannt, was zielbewußt ist, wird hier als willkürlich beurteilt.“
„Zielbewußt?! Gestatten Durchlaucht die Frage, was Ihnen als Ziel vor Augen ge⸗ standen hat?“
„Ja, das läßt sich nicht so ohne weiteres beautworten. In der Hauptsache muß es aber unser aller Ziel sein, den preußischen und militärischen Geist in unseren Kolo⸗ nien einzubürg ern.“
Dem Prinzen schien es jetzt, als habe er schon zu viel gesagt. Bevor der Interviewer noch eine weitere Frage stellen konnte, verab⸗ schiedete er sich mit den Worten:„Es thut mir leid, Ihnen nicht länger Rede stehen zu können. Ich muß noch Toilette machen und aufs Kolonialamt fahren.“—
Wir zweifeln nicht daran, daß der katholische Prinz ganz recht hat mit der Behauptung: „aus der Sache wird nicht viel“. Wer sich der Fälle Wehlan, Peters erinnert, wer da weiß, wie in Deutschland Duellmörder bestraft werden, der wird mit dem Mörder überzeugt sein, daß nicht viel aus der Sache wird. Was
hat er denn auch gethan? Du lieber Gott,
er hat einen Afrikaner, der allerdings eine an⸗ gesehene Persönlichkeit war, kaltblütig in der grausamsten Weise getötet. Aber auf das Warum kommt es an. Und das hat ja der Prinz genügend erklärt: Er wollte preußische Schneidigkeit in den Kolonien einführen, preußische Schneidigkeit und militärischen Geist. Na, und dem Mann soll viel passieren?
Ja, wenn er einen Streikbrecher Streik— brecher genannt hätte, dann wären ihm einige Monate sicher. Aber wie der Fall nun einmal liegt, wird nicht viel daraus werden. Der
Prinz ist übrigens in Berlin in Haft genommen worden. Gar so unangenehm wird es in seinem Haftlotal nicht sein und an guten Speisen und Getränken fehlt es ihm gewiß auch nicht.
Wen soll dieser blöde Humbug
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dunneh ihm eile Geldstra
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