Nr. 2
Gießen, Sonntag, den 7. Januar 1900.
7. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
Mitteldeutsche
untags⸗Zeit
Redaktions schluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr
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Arbeiter!
Werbt neue Streiter für die Interessen des werkthätigen Volkes!
Immer wird dieser Ruf wiederholt werden;
und mit Recht kann man sagen, daß diese
Mahnung nie mehr angebracht war als jetzt. Die Krisen im politischen Leben sind
die äußeren Erscheinungen des Interessenkampfs,
den Schlot⸗ und Krautjunker mit einander kämpfen. Auf beiden Seiten ist Neigung zum Friedensschluß, sobald sich eine Grundlage für die Teilung des Raubes findet, den man an den Arbeitern verüben will. In diesem Kampfe dürfen die Arbeiter nicht ruhig zusehen; denn ihre Taschen sind es, nach welchen die beutegierigen Finger ausgestreckt werden.
Die ganze Arbeiterklasse muß mobil gemacht werden.
Die beste Waffe und das beste Agitations⸗ mittel in diesem Kampfe ist die Presse.
Darum, Arbeiter, werbt neue Abonnenten für die
Mitleldeutsche Sountags⸗Zeitung.
—.;— Fb TT
Die drohende Erhöhung des Heringszolles.
el. Im Musterstaate der Sozialreform und Sozialpolitik werden die Gesetze nicht zum Schutze der Konsumenten, d. h. der breiten Masse des arbeitenden Volkes, sondern zu gunsten der Produzenten erlassen. Schreien die Agrarier laut, flugs ist die Regierung zur Abhilfe der Notlage mit einem„kleinen“ Mittel zur Hand; jammern die zünftigen Handwerker, die Regierung präsentiert ihnen ein Innungs⸗ gesetz und den Befähigungsnachweis, beklagen sich die Detaillisten über die Konkurrenz der großen Warenhäuser und den sogenannten un⸗ lauteren Wettbewerb, die Regierungen sinnen auf Mittel und Wege, wie die Großbazare durch hohe Besteuerung beseitigt werden können. Was anderes aber bedeutet das, als dem ar⸗ beitenden Volke die Lebensmittel und Bedarfs⸗ artikel verteuern? Und auf diese Verteuerung alles dessen, was zu des Lebens Notdurft ge⸗ hört, scheint unsere zukünftige Zollpolitik hin⸗ auszulaufen. Schrieben doch noch vor kurzem die„Berliner Polit. Nachrichten“, daß der in Ausarbeitung begriffene neue Zolltarif nicht sowohl nach Rücksichten des Kon⸗ sums als nach Rücksichten der Pro— duktion aufgestellt werde, und daß letzteren die Rücksichten des heimischen Ver⸗ brauchs nachstehen müssen. Wenn aber das arbeitende Volk, nicht etwa eine gleiche Bevorzugung, ach nein, nur Ell—
bogenfreiheit im Kampfe mit dem Kapttalis⸗ mus, im Kampfe um bessere Existenzbedingungen fordert, dann wird diese Forderung unter dem Beifall der Junker und der Bourgeoisie als dreiste Herausforderung schroff zurückgewiesen.
Mit welcher Fürsorge Regierung und Reichs⸗ tag sich der Produzenten annehmen, dafür bietet die Debatte in einer Sitzung der Petitions— kommission des Reichstags Anfang Dezember ein lehrreiches Beispiel. Fischereigesellschaften in Altona, Geestemünde, Elsfleth und Glück⸗ stadt hatten um eine Erhöhung des Zolles für gesalzene Heringe von 3 auf 6 Mark für die Tonne(150 Kg.) nachgesucht. Bereits 1897 hatten konservative und antisemitische Abgeord⸗ nete einen Antrag auf Erhöhung des Herings⸗ zolles eingebracht. Im Jahre 1898 lagen ähnliche Petitionen wie heute vor, aber der Reichstag beschloß am 30. April 1898 ohne Debatte Uebergang zur Tagesordnung, während dieses Mal das veränderte Verhalten der Kom⸗ mission durch eine Erklärung des anwesenden Regierungsvertreters hervorgerufen wurde. Und was wußte dieser Herr als durchschlagende Gründe vorzubringen? Nachdem er die„Not⸗ lage“, wie sie die Fischereigesellschaften schildern, als richtig anerkannt und betont hatte, daß die gedeihliche Förderung dieser Gesellschaften Auf⸗ gabe der Regierung sei, damit die 30-35 Millionen Mark, welche jetzt jährlich ins Aus⸗ land fließen, künftig in die Taschen deutscher Unternehmer gleiten, bemerkte er, die Erweite— rung der Heringsflotte sei vor allem im Interesse der Landes verteidigung von großer Bedeutung, ein Stamm see⸗ befahrener Mannschaften stehe dann im Mobil⸗ machungsfalle für den Ersatzbedarf der Marine sogleich zur Verfügung. Aus diesem Gesichtspunkte gewähre die Reichsregierung aus dem Fonds zur Förderung der Hochsee— fischerei den Heringsgesellschaften Geldbei⸗ hilfen. Aber mit der Zeit ist die Zahl der Gesellschaften gestiegen und die Beihilfe wird entsprechend geringer.
Durch die Zollerhöhung würde eine Preis- steigerung eintreten und der ärmeren Be⸗ völkerung ein unentbehrliches Nahrungsmittel verteuert werden. Eine Zollerhöhung von 3 auf 10 Mark, nach Wunsch der Gesellschaften, würde jeden Hering um ¼ Pfg. verteuern, eine Erhöhung auf 6 Mark für die Tonne um , Pfg. Die älteste der Gesellschaften hat sich jetzt gegen die Erhöhung ausgesprochen und als Grund die befriedigenden Erträge der letzten Jahre angegeben. Aber auf diese eine Stimme will und wird man nicht hören, und so wird uns der neue Zolltarif mit einer Erhöhung des Heringszolles beglücken, wenn die Erhöhung nicht schon eher durchgesetzt wird. Damit er⸗ langen die Gesellschaften Schutz gegen die aus⸗ ländische Konkurrenz und höhere Preise für ihre Ware, die Regierung ihrerseits Menschen⸗ material für ihre neuen Kriegsschiffe.
Die Tonne gesalzene Heringe kostet 7—20 Mark, der Zoll verteuert sie um 15—45%, die billigen Heringe, welche die Armen kaufen, aber am meisten. Ein Hering ist je nach der Größe mit /—¼ Pfg. an Zoll belastet. Nun werden auf den Kopf der Bevölkerung jährlich 3,5 Kilogramm Heringe gegessen, vom arbeiten⸗ den Volk aber viel mehr als von den Reichen,
die nur hin und wieder einen der teuren Sorten als Delikatesse verzehren. Die Zollerhöhung würde die gesalzenen Heringe mit 45 135% des Preises belasten und die ärmsten Leute, namentlich in katholischen Gegenden, treffen. Das Proletariat hätte dann 10 Millionen Mark zu den 3,4 Millionen an Zoll für Heringe mehr zu zahlen; denn Deutschland bleibt auf ausländische Zufuhr angewiesen.
Es scheint, daß der Zolltarif unter dem Gesichtspunkt revidiert wird: welche Wirkung, im günstigen oder ungünstigen Sinne, hat er auf die Vermehrung unserer„herrlichen“ Flotte. So muß das deutsche Volk doppelt bluten: als Konsument, indem es für die gleiche Ware künftig das doppelte oder gar dreifache zahlt, als Arbeiter, indem die Mannschaft der Fischer⸗ flotte entweder bei den Unternehmern frohndet, oder sich auf den Kriegsschiffen niederkartätschen läßt. Wie herrlich weit haben wir's doch am Ende des Jahrhunderts gebracht im christlichen Deutschland. Dient man jetzt dem Meeres gott mehr, als dem Gott der Landesheerscharen?
Man sagt, die Schiffsbauten schaffen dem Arbeiter Arbeitsgelegenheit. Wenn sie aber Zollerhöhungen und damit höhere Lebensmittel⸗ preise zur Folge haben, welcken Vorteil hat der Arbeiter dann davon? Eine Vermehrung der Flotte liegt einzig und allein im Interesse der Gewalthaber und der Bourgeoisie, die aus den Kosten für die Schiffe sich die Taschen füllt. Das Volk muß Gut und Blut opfern. Macht und Reichtum für die Herschenden, Hunger und Elend für die Armen.
Politische Rundschau.
Gießen, 5. Januar.
Kaiser und Flottenfrage.
In einer Neujahrsansprache hat der Kaiser gesagt:„Wie mein Großvater für sein Land— heer, so werde auch ich für meine Marine unbeirrt in gleicher Weise das Werk der Reorganisation fort⸗ und durchführen, damit auch sie gleichberechtigt an der Seite meiner Streitkräfte zu Lande stehen möge und durch sie das deutsche Reich auch im Aus⸗ lande in der Lage sei, den noch nicht er⸗ reichten Platz zu erringen. Mit beiden vereint, hoffe ich, in der Lage zu sein, mit festem Vertrauen auf Gottes Führung den Spruch Friedrich Wilhelms I. wahrzumachen: Wenn man in der Welt etwas will dezidieren (entscheiden), will es die Feder nicht machen, wenn sie nicht von der force(Macht) des Schwertes souteniert(unterstützt) wird!“
Wenn wir diese kaiserlichen Ausführungen richtig verstehen, so wäre die demnächst im Reichstag zu behandelnde Flottenvorlage, die viele Millionen kosten wird, thatsächlich, ganz wie unsere Redner behauptet haben, nur die winzige Einleitung einer unabsehbaren Flotten- und Ueberseepolitik. Unseres Erachtens hat sich der Kaiser mit seiner Rede entschieden in Widerspruch gesetzt mit allem, was die ver— antwortliche Regierung noch im vorigen Jahre vertreten hat. Nicht mehr ist die Rede von der Beschränkung der Flotte auf die unbedingt notwendigen Aufgaben und auf die für diese Aufgabe unerläßliche Stärke, sondern wenn die


