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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 19.

Anterhaltungsteil.

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Der Zukunft.

Von G. Freiherr v. Ompteda.

Wir Alle erkämpfen das Licht und den Tag, Wir ringen in Nacht und Dunkel,

Wir wollen vergessen, was hinter uns lag, Wir sehnen den Tag, wir suchen den Tag Bei ängstlichem Sternengefunkel!

Wir ahnen, wir fühlen die große Zeit, Wir vergessen versunkene Sorgen,

Wir warten auf lünftige Herrlichkeit,

Wir grüßen, wir feiern die kommende Zeit, Wir singen den dämmernden Morgen.

Und gehen wir auch, eh' die Sonne geloht, Ehe Tag es wird über der Erde:

Wir besiegeln durch uuseren freudigen Tod, Daß wir wußten, daß endlich die Sonne geloht, Daß wir ahnten das lösendeWerde!

Wir Uebergangsmenschen, wir wollen das Mahl, Den kommenden Glücklichen rüsten!

Die leeren im Siegesrausch den Polal,

Die thun sich dann gut am bereiteten Mahl Und leben im Ernten, in Lüsten!

Sie werden einst, wenn sie die Frucht in der Hand, Die wir nur gesehen im Reifen, Unsere Träume von einem Zukunftsland, Unfere Kämpfe, die Feder, den Stift in der Hand, Unsre glühende Sehusucht begreifen.

Aus derGesellschaft, Monatsschrist für Litte⸗ ratur, Kunst und Sozialpolitik.

Das blaue Wunder. Novelle von H. Zschokke. (Schluß.)

12. Wirkungen.

Nach einigen Wochen, die sehr pünltlich bei Kraftbrühen verlebt wurden, trippelte Jungfrau Sarah wieder wohlgemut, stärker und frischer als jemals, im Hause umher. Sie wiegte das Knäbchen und nug es mit Zärtlichkeit umher, und hegte und pflegte es mit wahrer Affenliebe. Sie war glücklich von ihrer närrischen Einbil⸗ dung, durch eine noch weit närrischere, geheilt. Dankbar dafür war der erste Gang, welchen sie außer dem Hause that, zur Kirche, und von der Kirche zu einem Notar, dem Doktor Falk ihr gesamtes Vermögen gerschtlich verschreiben zu lassen, mit der Bedingung, daß er sie lebens⸗ länglich dafür verpflege, und ihr jährlich zum eignen Gebrauch eine ansehnliche Summe Taschen⸗ geld gebe. Dem Doktor aber machte sie noch den geheimen Artikel zur Pflicht, daß dem kleinen Regimentstrompeter dermaleinst die Hälfte des gesamten Vermögens zufallen müsse.

So ward Doktor Falk plötzlich durch die blauen Wunder der Jungfrau Sarah Waldhorn zum reichen Monne. Der Sieg der medizinischen Fakultät war unwiderruflich entschieden; desto ärger wüteten von nun an die theologische, philo⸗ sophische und juristische gegeneinander. Sie konnten sich nicht verzeihen, daß sie sich gegen⸗ seitig um die Universalerbschast geprellt hatten. Dem Doktor Falk verzieh man leichter. Er war an allem unschuldig. Man knüpfte sogar wieder Freundschaft mit ihm an, denn er war einer der reichsten Männer in der Stadt; und einen reichen Mann, oder vielmehr sein Geld, kann der Philosoph und Jurist, wie der Theolog all⸗ zeit gebrauchen.

Die erbitterten Leutchen trieben ihren gegen⸗ seitigen Haß endlich so weit, daß sie ihren Kindern verboten, miteinonder zu spielen; daß, wenn zwei sich einander von fern auf der Straße sahen, beide umkehrten, um sich nicht zu begegnen; daß, wenn zwei einander sich nicht ausweichen konn⸗ ten, sie links und rechts vorbei gingen, ohne sich zu begrüßen. Ihre Todfeindschaft, die oft

in die lächerlichsten Uebertreibungen ausartete, ward zuletzt zum Gespräch und Aergernis der ganzen Stadt.

Aber, sagte Suschen zu ihrem Manne, es ist doch recht betrübend, Verwandten in solchem Hader zu sehen. Wie wärs, Männchen, wenn du sie wieder versöhntest? Vielleicht, wenn du sie einmal zu einem freundschaftlichen Essen zusammenbätest. Beim Glase Wein wärmen die die Männer wohl alte Freundschaft wieder auf. Versuch's doch! Das hieße ein gutes Werk thun.

Alles ganz gut! rief Jungfrau Sarah, man soll ein Christ sein und sich versöhnen! Ich bin auch dafür! Nur gebt mir das Essen hier nicht im Hause; ich kann die drei Schleicher nicht vor den Augen leiden. Ich kann alles vergeben, aber vergessen nicht. Speiset im Wirts⸗ hause zur Schlacht von Abukir miteinander; nur hier uicht. a

13. Die Schlacht von Abukir.

Dem Doktor wäre die Versöhnung seiner Vettern ganz recht und lieb gewesen, doch traute er dem Frieden nur halb. Aber Suschen hatte darum gebeten. Und wenn sich Sus chen aufs Bitten legte, dann legte wan sich ganz vergebens aufs Abschlagen, besonders Falk. Er stand zwar nicht unter dem Pantoffel seiner Frau; aber gewiß doch unter ihrer weichen Hand.

Sehr gelegen zu dem Versöhnungsmahl kam ihm die Anwesenheit zweier fremden großen Ge⸗ lehrten in der Stadt; beide hatten ihm einst als Lehrer Gefälligkeiten erwiesen. Jetzt konnte er vergelten, und die Gegenwart dieser beiden großen Männer flößte den drei feindlichen Verwandten wenigstens so viel Achtung ein, daß sie sich in deren Gegenwart nicht durch neue Vorwürfe reizen konnte. Man schätze nicht gering, was wir im gemeinen Leben Anstand nennen. Es ist oft das Gängelband, an welchem die kindliche Tugend auf schwachen Füßen laufen lernt. Der eine von den großen Männern, der berühmte Schulrat Hahnenkamm, war eigentlich mehr lang als groß, faft ricsenhaft, aber dünn und mager wie ein Schatten. Der andere große Mann war der Hofrat Pilz, ein kleines, bleiches Männ⸗ chen, durch seine Schriften hinlänglich der Welt und Nachwelt bekannt, wenn er nicht etwa ver⸗ gessen ist. Der Wirt der Schlacht bei Abukir mußte ein glönzendes Nachtessen bereiten, der Doktor lud auf ein einfaches sokratisches Mahl ein.

So ein sokratisches Mahl bei einem Doktor, reich wie der Mann im Evangelium, wird nicht leicht ausgeschlagen. Man fand sich ein. Zange und die beiden großen Männer erschienen zuerst. Die Unterhaltung war sehr gewürzt durch den attischen Witz der Fremden, die, in litterarischen Klatschereien wohl bewandert, von allen durch Schriften bekannteu Männern etwas Lächerliches aufzutischen wußten. Als aber der Professor Waldhorn kam, ward dem Advokaten das Lachen sauer. Dieser verzog das breite, fleischige Gesicht, als hätte er die Kolik; und jener ging um den Advokaten in so weitem Bogen herum, als ob er fürchtete, seinen neuen perlfarbenen Rock mit den weißen Atlasbeinkleidern schon durch den Hauch desselben zu besudeln. Als aber gar klein, schwarz, rund und gesund der Oberprediger hereinschritt, war's, als führe ein böser Geist in die Versammlung. Die Einheimischen sprachen nur mit den Fremden; sich selbst vermieden sie einander anzusehen, und geschah es, so war's mit Basiliskenaugen.

Man ging endlich zur Tafel. Der Doktor trieb mit seinem Witz verschwenderischen Auf⸗ wand, um Heiterkeit in die Unterhaltung zu bringen. Die beiden großen Männer waren unerschöpflich in anstößigen Gelehrtengeschichten. Alles schien auf dem besten Wege zu sein. Der gute Falk bereitete sich schon zu einer rührenden Abschiedsszene beim Champagner vor.

Der Philosoph Waldhorn ließ sich das süße Amt nicht nehmen, bei Tische zuservieren, wie er's hieß. Er füllte die Suppe auf, es war Kirschsupue, nach einer ganz nenen Vor⸗ schrift; ein Meisterstück des Abukirkochs; eine

Wollust für Jeinschmecker.

kam, so fiel dies dem Professor schwer aufs Herz dem Menschen konnte er unmöglich Suppe geben. Er zuckte.

Herr Zange sah mit verbissenem Grimm alles, was in dem Innern des Philosophen vor⸗ ging. Und da der Professor noch dazu finster und mit verachtendem Blick zu ihm hinüber sah, als wollt' er fragen:muß ich gegen Dich

konnte sich der wütende Advokat kaum mäßigen. Er streckte niemand sah es höhnend dem Philosophen schnell ein verzerrtes Gesicht ent⸗ gegen. Da lief dem Professor der Weltweis⸗ heit die Galle über. Er gab ebenso schnell niemand sah es mit dem großen silbernen, von purpurfarbener Kirschsuppe geröteten Suppen⸗ löffel dem Advokaten einen derben Hieb auf den verzerrten Mund. Rasend fuhr der Advokat auf, streckte den langen Arm über den Tisch und er⸗

griff, statt des Philosophen dieser hatte sich

rasch unter den Tisch geduckt den Kopf des

Oberpredigers. Erschrocken ließ dieser seine ehr⸗ würdige Perücke in den Geierkrallen des Advo⸗ katen und duckte sich neben den Philosophen unter die Tischplatte. Hier setzten beide das Treffen gegen den juristischen Goliath fort. Jeder saßte eines von Zanges Beinen. Jeder zerrte wütend daran; so mußte der Riese stürzen. Mit ihm aber stürzte das sokratische Gastmahl schallend auf den Erdboden.

Da erhoben die Waldhorne unter dem Tische ein fürchterliches Geheul. Dem bei diesen Schlägereien ganz unschuldigen Schulrat Hahnen⸗ kamm war durch wunderbaren Aufschwung einer Klappe des Tisches die rote Kirschsuppe dick ums Gesicht geflogen. Hofrat Pilz saß starr und steif; er erblickte einen ganzen Haufen kleiner gebratener Vögel auf seinem Schoß versammelt.

Das alles begab sich aber in so fast un⸗ berechenbarer Geschwindigkeit, daß keiner wußte, wie? warum? woher? was weiter?

Hol' der Teufel die Fakultäten! rief der Doktor und flüchtete aus dem Erdbeben zum Fenster.Ich dacht' es ja wohl!

Beim traurigen Schimmer des Gaskron⸗ leuchters sah man nichts mehr über dem Tisch, als die in der Luft spielenden Beine des Advo⸗ katen. Der Philosoph Waldhorn kroch auf allen Vieren unter dem Tische langsam hervor; ein gebratenes Milchschwein lag auf seinem Rücken, wie der Affe auf dem Bären. Der Oberprediger kroch ebenfalls hervor; aber, ins Tischtuch ver⸗

wickelt, folgte ihm dieses mit den Trümmern

des sokratischen Gastmahls, wie ein feierlicher Leichenzug, durch das ganze Zimmer. Der kleine Hofrat Pilz setzte indessen bedächtig alle seine kleinen Vögel vom Schoß auf die Erde. Die wehmütigste Erscheinung blieb aber die lange Gestalt des mit Kirschsuppe geblendeten Schul⸗ rats. Er hatte zur Verteidigung mit vieler Geistesgegenwart, eine Kalbskeule ergriffen. So zog er majestätisch, wie ein blutiges Gespenst, schweigend und tappend im Saale umher; denn er konnte durch die purpurne Finsternis der Suppe nicht erkennen, woher so rasch die Schlägerei entstanden. Darum, als der Wirt von Abukir eben mit einer prächtigen Pastete ins Zimmer und dem Schulrate zu nahe trat, schlug dieser in gerechter Furcht mit der Keule herkulisch Wirt und Pastete auseinander, ohne Erbarmen; denn, wer konnte dem Geblendeten sagen, wer sein Freund oder Feind sei?

Der Oberprediger ließ seine Perrücke, der Professor sein Spanferkel im Stich. Beide flohen aus der Schlacht. Ihnen nach Zange, der Rot⸗ bart; voll Wut und Scham. Der Doktor brachte die beiden berühmten Fremden in kläglicher Ge⸗ stalt zu seiner Frau, und erzählte die unselige Begebenheit.

Gerechter Himmel! schrie die Tante,Leute in Aemtern und Würden! Wunder!

rat, als er das Gesicht wieder bekam,es scheint

ich nicht irre!

Elenden die Formen des Anstandes beobachten?

Das ist ja ein blaues Mit Erlaubnis, versetzte der lange Schul⸗

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