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Nr. 19.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 5.

suchung beendet ist, fallen die antisemitischen und Pfaffenblätter über den ihnen verhaßten Minister her, überhäufen ihn mit Beschimpfungen und stempeln ihn zum Verbrecher! Die Sorte bleibt sich doch überall gleich!

Ein weiterer Unglücksfall ereignete sich Montag Mittag in der Ausstellung selbst und zwar in der Maschinen⸗Gallerie. Das Gerüst, auf welchem vier Maler an der Dekoration der oberen Gallerie arbeiteten, stürzte ein. Drei der Arbeiter sind bereits tot, der Zustand des vierten scheint hoffnungslos.

Eine große Feuersbrunst wütete in Ottawa(Kanada). Die Stadt, welche 60 70 000 Einwohner zählt, ist zum größten Teile eingeäschert. Das Feuer brach in Hull (einem Vororte von Ottawa) um 11 Uhr vor⸗ mittags aus, breitete sich dann über den Fluß aus und erfaßte verschiedene große Sägemühlen, wobei eine große Masse Holz vernichtet wurde. Von heftigem Winde getragen, umfaßten die Flammen bald große Teile der ärmeren Viertel von Ottawa. Tausende von Familien sind ob⸗ dachlos und der Schaden wird jetzt schon auf eine Million Pfund geschätzt. Hunderte von Personen kampieren auf den öffentlichen Plätzen. Wie viel Menschenleben verloren sind, konnte noch nicht festgestellt werden. Der Brand ist das furchtbarste Unglück, welches sich je in Kanada

ereignet hat.

Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain.

W. Marburg, 3. Mai. Maifeier. Am Abend des 1. Mai fand im Lokale des Herrn Jesberg eine glänzend verlaufene Versammlung statt, welche von annähernd 100 Personen, dar⸗ unter auch einige Frauen, besucht war. Ein für die hiesigen Verhältnisse günstiges Resultat. In glänzender Rede unternahm es Gen. Krumm⸗ Gießen, die Bedeutung des 1. Mai für die Arbeiterklasse zu schildern, hierbei das Gebahren der herrschenden Klassen gegen alles, was sich die Arbeiter in zähem Kampfe für ihre Gesund⸗ heit usw. erkämpfen, in scharfen Worten geißelte. Für die Zukunft müßten wir einig und ge⸗ schlossen zusammenstehen, jede kleinliche Nörgelei unterlassen und versuchen, die Organisationen immer mehr zu stärken, damit die Forderungen, die die Arbeiterschaft an die herrschenden Gewalten stellt, immer näher der Verwirklichung kämen. Lebhafter Beifall folgte diesen Ausführungen. Nach Beendigung des offiziellen Teiles der Ver⸗ sammlung blieben die Genossen noch einige Zeit beisammen, um bei einem Glase Bier die Grillen und Sorgen zu vertreiben, welche wir bei dem Kampfe um das tägliche Brot haben.

u. In Marburg wird es helle! Elek⸗ trisches Licht soll die Universität und die mit dieser verbundenen Anstalten erhalten. Sollte 1 dieses bewahrheiten, so wäre dies

eudig zu begrüßen, und die Stadt wäre dann auch verpflichtet, dieser Frage einmal näher zu treten und eventuell durch Anlage einer Zentrale auch für die Stadt selbst die elekrische Beleuch⸗ tung einzuführen.

* Marburg. Ein ausgedehnter Wald⸗ brand entstand vorigen Samstag Nachmittag in dem fiskalischen Walde nordöstlich unserer Stadt, demBürgeler Gleichen. Eine etwa 30 bis 40 Morgen umfassende Kieferndickung stand vollständig in Flammen. Das gesamte Jägerbataillon, die hiesige Feuerwehr, sowie zahlreiche sonstige hiesige Einwohner eilten rasch in den Wald. Durch Umschlagen von Hunderten von Bäumen, Aufwerfen von Gräben u. s. w. gelang es, um 8 Uhr abends des Feuers Herr zu werden. Der Schaden ist erheblich.

* Marburg. Der Bürgermeister Back⸗ haus aus Rengerhausen, der schon 24 Jahre hindurch die Staudesamtsgeschäfte besorgt, wurde wegen Vergehens gegen das Personenstandsgesetz von der Strafkammer zu 20 Mark Geldstrafe verurteilt. Er hatte ein noch nicht ehemündiges Mädchen zur Trauung zugelassen. Angeblich war ihm der betreffende Paragraph unbekannt!

Kleine Mitteilungen.

* Mainz. Soldatenmißhandlung. Die MainzerVolksztg. berichtet: Einem Sol⸗ daten der 4. Kompagnie des 117. Inf.⸗Regts. wurden von einem Unteroffizier zwei derartige Schläge wider das linke Ohr versetzt, daß der Mann dabei sein Gehör auf diesem Ohr verlor. Die ärztliche Untersuchung ergab ein zerstörtes Trommelfell.

** Mainz. Der verheiratete Schuhmacher Löhringer in Worms sollte dieser Tage vor der Mainzer Strafkammer wegen Kuppelei zur Verantwortung gezogen werden. In dem an⸗ gesetzten Termine erschien der Angeklagte nicht, er hatte sich mit Salpetersäure vergiftet. Am Sonntag erschoß sich vor dem Gau⸗ thore ein hier beschäftigter Metzger aus Furcht vor Strafe, die er wegen Unterschlagung von Kundengeldern zu erwarten hatte.

Arbeiterbewegung.

Wiesbaden. Die Maurer befinden sich seit 14 Tagen im Streik. Ein großer Teil der Ausständigen ist abgereist; es befinden sich nur noch etwa 150 am Platze. Zwei gut besuchte Maurerversammlungen in Frauenstein und Bier⸗ stadt beschlossen, so lange im Ausstand zu ver⸗ harren, bis die Unternehmer, welche keine Zu⸗ geständnisse machen wollen, sich zu Verhandlungen herbeigelassen haben.

Fulda. Vorige Woche haben über 200 Maurer gekündigt. Die Arbeitgeber wollen die Forderung von 3140 Pfg. Stundenlohn und zehneinhalbstündige Arbeitszeit nicht be⸗ willigen.

Tuttlingen. Reichstagsabgeordneter Bock unterhandelte mit den Schuhfabrikanten wegen Beilegung des Streiks. Von Seiten der Fabrikanten sind nur ganz geringfügige Zu⸗ geständnisse gemacht worden. Die Abmachungen haben die Zustimmung der Arbeiter noch nicht gefunden, weshalb der Streik noch fortdauert.

7 Berlin. Gegen die drohende Wieder⸗ einführung der zehnstündigen Arbeits⸗ zeit in den Betrieben der Berliner Metall⸗ industrie haben die Berliner Gewerkvereine gestern eine Erklärung dahin beschlossen:Daß die Arbeiter der Maschinenbau⸗ und Metall⸗ industrie nicht gewillt sind, die beabsichtigte Ver⸗ längerung der täglichen Arbeitszeit auf zehn Stunden in denjenigen Betrieben, die bereits eine kürzere Arbeitszeit eingeführt haben, ohne weiteres anzuerkennen.

Gewerkschaftliches.

In der Osterwoch ehaben eine Reihe Gewerk⸗ schaften ihre Verbandstage und General⸗Ver⸗ sammlungen abgehalten. Da es der Raumver⸗ hältnisse wegen in unserem Blatte unmöglich ist, näher auf die Verhandlungen einzugehen, müssen wir uns mit Wiedergabe der wichtigsten Be⸗ schlüsse und einiger Zahlen über die Entwickelung der einzelnen Organisationen begnügen.

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Die Holzarbeiterdelegierten traten in Nuͤrn⸗ berg zu ihrem dritten Verbandstage zusammen. Achtzig Delegierte, sowie sieben Mitglieder des Vorstandes und Aus schusses waren vertreten, außerdem hatten die dänischen und österreichen Holzarbeiter Vertreter entsand.. Dem vom Vorstande vorgelegten Geschäftsbericht, der den Zeitraum vom 1. Jan. 1898 bis 31. Dez. 1899 umfaßt, ist folgendes zu entnehmen. Am Schlusse des Jahres 1899 zählte der Verband 67656 Mitglieder in 542 Zallstellen. Noch vor zwei Jahren betrug die Mitgliederzahl reich⸗ lich 42 000, so daß eine Steigerung der Mitgliederzahl um ca 59 Prozent zu verzeichnen ist. Für denselben Zeitraum weist der Kassenbericht eine Einnahme von 1 113 959 Mk. und eine Ausgabe von 984912 Mk. nach. Außer den in den Lokalkassen verbliebenen 295 173 Mk. sind die wichtigsten Ausgabeposten: Reiseunterstützung: 43 221, Mk. Gemaßregelten unterstützung 6546, Mk.; für die Holzarbeiter⸗

zeitung(die den Mitgliedern gratis geliefert wird) 99 309 Mk.; Streikunterstützung 387 140 Mk.; Umzugskosten: 7611 Mk.; Rechtsschutz 11 848 Mk.; Notfallunterstützung 9519 Mk. etc. Sehr be⸗ achtenswert sind die Angaben des Berichts über die stattgefundenen Lohnkämpfe.

Es fanden in den zwei Jahren 111 Angriffs- streiks und ebensoviele Abwehrstreiks statt. In 86 Fällen konnte ohne Streik auf grund fried⸗ licher Verhandlung mit den Arbeitgebern eine Besserung deu Arbeitsverhälinisse herbeigeführt worden. Dabei wurde für 5818 Arbeiter eine Arbeitszeitverkürzung von 3,8 Stunden pro Woche und eine Lohnerhöhung von 425 Prozent erreicht. Mit der wachsenden Stärke der Or⸗ ganisation werden sich die Fälle des friedlichen Ausgleichs der Lohndifferenzen mehren und schon darin allein zeigt sich, eine wie gute Stütze die Gewerkschaft für die Arbeiter bedeutet. Die üb⸗ rigen Lohnkämpfe sind im Allgemeinen günstig für die Arbeiter verlaufen. Von den auf dem Verbandstage gefaßten Beschlüssen ist der bezüg⸗ lich der Arbeitslosen unterstützung her⸗ vorzuheben. Auch dieser Verbandstag lehnte wie der vorhergegangene die Einführung der Ar⸗ beitslosenunterstützung ab und zwar mit 47 gegen 19 Stimmen und 14 Enthaltungen. Abgelehnt wurde auch der Vorstandsantrag den Sitz des Zentralvorstandes und das Fachorgan an einen Ort zu verlegen. Dagegen beschloß man die Erhohung des Wochenbeitrages von 20 auf 25 Pfg. Im Allgemeinen legten die fünf⸗ tägigen Verhandlungen ein schönes Zeugnis von der erfreulichen Entwickelung ab, die der Holz⸗ arbeiterverband genommen hat.

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* Der Verein deutscher Schuhmacher

hielt seine 8. Generalversammlung in Mag de⸗ burg ab. Dieser Verband zählt in 230 Zahl⸗ stellen 18038 Mitglieder; seit 1898 ist eine Zunahme von 2062 zu verzeichnen.

Die Kasse weist in der Berichtszeit vom 2. Januar 1898 bis 2. Januar 1900 eine Einnahme von 268 897 Mk., und eine Ausgabe von 218 975 Mk. auf, so daß ein Kasseubestand von 50 521 Mk. verbleibt. Unter den haupt⸗ sächlichsten Ausgaben sind zu nennen: Für Streiks 84813 Mk., Reiseunterstützung 10 794 Mk., sonstige Unterstützung 7439 Mk., Fachorgan 34 964 Mk., Agitation 8740 Mk.

Die außerordentliche rasche technische Ent⸗ wickelung innerhalb der Schuhindustrie, die eine fortwährende Neueinführung verbesserter Ma⸗ schinen hervorrief, und eine weiterere Teilung der Arbeit begünstigte, brachte unausgesetzt Kon⸗ flikte über Lohnreduktionen. An die Organisation gelt deshalb schwere finanzielle Anforderungen gestellt.

Auch gegenwärtig tobt ein hartnäckiger Kampf mit den Tuttlinger Fabrikanten, die 2000 Ar⸗ beiter und Arbeiterinnen ausgesperrt haben. Auch die Schuhmacher lehnten die obligatorische Einführung der Arbeitslosenunterstützung ab, die Entscheiduog darüber einer Urabstimmung überlassend. In einem Referate über Arbeiter und Unternehmerorganisationen konstatierte Bock⸗ Gotha, daß, während die Unternehmer zu/ organisiert sind, von den 140 000 Schuhmachern in Deutschland nur 20 000 dem Verbande an⸗ gehören. Er bezeichnete als die Forderungen, deren Durchführung zunächst zu erstreben sei, die Erringung der 10 stündigen Arbeits⸗ zeit für das Kleingewerbe, der neun⸗ stündigen Arbeitszeit für mechanische Betriebe, Fourniturenfreiheit und Schaffung oon Tarifgemeinschaften.

Partei-Dachrichten.

Versammlungs⸗Kalender.

Samstag, 5. Mai: Gießen. Schneiderverband abends ½9 Uhr bei Orbig. Sonntag, 6. Mai: Alsfeld. Wahlverein nachm. Uhr bei Gastwirt Pfeffer: Mitgliederversammlung. Tagesordnung:

Der erste Mai. Nach der Versammlung gemüt⸗ liches Beisammensein.

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