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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 19.
zwar die 63 stündige Arbeitswoche für alle Arbeiter über 16 Jahre beantragt, aber später sich nicht mehr um das Schicksal des Antrags gekümmert habe. Redner bean⸗ tragt, die Petition der Regierung zur Berücksichtigung zu überweisen.— Dieser Antrag fand jedoch nicht die genügende Unterstützung. Die Abgeordneten Baudert und Stolle(Soz.) führten noch Fälle übermäßig langer Arbeitszeit und erbärmlicher Löhne aus der Textilindu⸗ strie an. Häufig komme es vor, daß 14—16 Stunden täglich gearbeitet werde bei einem Lohn von 17 Pfg. pro Stunde. Kaplan Hitze(Zte.) suchte die Anklagen Fischers gegen das Zentrum zu entkräften. Er verlangte von Fischer, ihm zu sagen, wie das Zentrum seine Wünsche bei dem Bundesrat durchsetzen könne. Fischer entgegnete, wenn es dem Zentrum Ernst in dieser Frage wäre, so könnte es wohl auch hier, wie bei andern Gelegenheiten sein Wünschen Geltung verschaffen.
Eine ähnliche Materie stand am 28. zur Beratung und zwar 125 Petition des oberschlesischen christlichen Arbeitervereins um Einführung der achtstündigen Arbeitszeit im Bergbetriebe. Auf diese interessante Debatte, welche die ganze soziale Frage aufrollte, im Laufe deren unsere Genossen Sachse, Thi el 25 Stolle und Geyer die Ausbeutung und Rechtlosigkeit der Ar⸗ beiter, das Elend der langen Arbeitszeit, die Partei; nahme des Klassenstaats für die Arbeitgeber, und schließ⸗ lich als klassische Illustration dieser Parteilichkeit, die Vorgänge bei dem letzten Kohlenarbeiter⸗Streik schildern, kommen wir noch zurück.
Am 1. Mai standen Wahlprüfungen auf der Tagesordnung. Die Wahl des Kon servativen v. Loebell wird für ungültig erklärt, ebenso die des Bündlers Harriehausen. Genosse Sachse, dessen Wahl wegen formaler Mängel die Kommi sion für ungültig zu erklären beantragt, hat sein Mandat niedergelegt.
Von Nah und Fern.
Die Maifeier.
Nach den bei Schluß unseres Blattes vorliegenden Nachrichten war die Beteiligung an der Maifeier größer als im Vorjahre und die Arbeits ruhe in größeren Städ⸗ ten fast allgemein. Der Verlauf war überall ein guter und— selbstverständlich— wurde die„Ordnung“ nirgends
estört.
* unserer nächsten Umgebung war aus leicht er⸗ kärlichen Gründen am 1. Mai selbst von einem Feier⸗ tage nichts zu bemerken. Soviel uns bekannt, haben weder in Gießen, noch in den Nachbarorten Arbeiter durch Arbeitsruhe gefeiert. Festversammlungen fanden bereits am Sonntag statt in Altenbuseck wo Gen. Dahmer, in Wieseck wo Orbig und in Heuchelheim wo Vetters über die Bedeutung des 1. Mai sprachen. Die Versammlungen nahmen bei starker Beteiligung überall guten Verlanf.
In Gießen wies die Versammlung am 1. Mai einen besseren Besuch als im Vorjahre auf. Es wurde eine Resolution angenommen, die sich für den Achtstun⸗ dentag und den Weltfrieden ausspricht und der inter⸗ nationalen Solidarität Ausdruck giebt.
Ebenso zahlreich waren in Lollar die Genossen zu⸗ sammengekommen. Die Feier wurde durch Gesangsvorträge eröffnet, worauf Genosse Beckmann sein sehr beifällig aufgenommenes Referat über die Bedeutung des Tages abstattete.
Offen bach feierte am Vorabend die Grundstein⸗ legung des Saalbaves, bei welcher Gelegenheit Genosse Ulrich eine zündende Ansprache hielt.— Die Festver⸗ sammlung am Vormittage war von ca. 800 Personen besucht. Nachmittags fand ein imposanter Festzug statt, dem sich 2500 Personen angeschlossen hatten.
In Frankfurt waren die fünf Vormittagsver. sammlungen mit Ausnahme einer einzigen sehr stark besucht. Die gemütliche Zusammenkunft im Tivoligarten wies eine über über Erwarten große Beteiligung auf.
Auch in Mainz, Wies baden, Höch st etc. stär⸗ kere Beteiligung und Arbeitsruhe.
Berlin zeigte in den Außenbezirken feiertägliches Aussehen. 26 Versammlungen fanden statt, die fñmmt⸗ lich überfüllt waren. Paul Göhre, der ehemalige Pastor, trat bei den Schneidern als Referent auf und erntete stürmischen Beifall.
Hamburg. Fest zug von 70 Korporationen mit 16 000 Teilnehmern.
Bremen. Die Zahl der durch Arbeitsruhe Feiern⸗ den betrug 5000. Der Betrieb der Schiffsbau⸗Gesellschaft „Weser“(700 Arbeiter) ruhte vollständig.
In Dresden, Leipzig und ganz Sachsen ist das Weltfest würdig verlaufen und uberall 5 sich ein Wachstum der Zahl der Demonstranten.
Lohnbewegung der Weißbinder in Gießen.
Die hiesigen Weißbinder haben mit wenigen Ausnahmen gekündigt und sind gewillt, falls sie mit ihren Forderungen bei den Arbeitgebern kein Entgegenkommen finden, die Arbeit am 5. Mai niederzulegen. Die Forderungen— 30 Pfg. Stundenlohn für Arbeiter unter 21 Jahren, 40 Pfg. für ältere— sind angesichts des Umstandes, daß die Weißbinder einen Teil des Jahres ohne Beschäftigung sind, bescheiden zu nennen. Trotzdem nehmen die Arbeitgeber einen ablehnenden Standpunkt ein.
Aus Wetzlar.
-th. Der Streik der hiesigen Handschuhmacher, der nun schon einige Wochen andauert, ist noch nicht beendet. Die Fabrikanten haben sich noch nicht zu Unter⸗ handlungen mit der Kommission der Arbeiter herbeige⸗ lassen. Dagegen schimpfen sie in einem Berliner Unter⸗ nehmerorgan wie die Rohrspatzen über die„Anmaßung“ der Arbeiter, Forderungen zu stellen. In dem Artikel kommt so richtig der hochmütige Unternehmerdünkel zum Ausd cuck. Es werden da Behauptungen aufgestellt, deren Unwahrheit(edem objektis Denkenden ohne weiteres klar werden muß. Wären die Verhältnisse so, wie sie der Unternehmer schildert und verdienten die Arbeiter „durchschnittlich 30 Mk.“, dann wäre es doch keine m Hand schuhmacher eingefallen, die Opfer eines Lohnkampfes auf sich zu nehmen. Wie bei solchen Gelegenheiten immer, beteuern bie Unternehmer auch hier, daß„kein Gewinn zu erzielen“ sei. Eigentümlich, dabei werden die Unter⸗ nehmer immer reicher! Vernünftiger wäre es, sie kämen den berechtigten Forderungen der Arbeiter, von denen sie verlangen, daß sie die Interessen der Arbeitgeber hochhalten sollen, einigermaßen entgegen, anstatt von „Anmaßung“ und„knabenhaften Ausschreitungen“ zu sprechen.
Nochmals der„Fall Oertel“.
Die Vorstandschaft des sozialdemokra⸗ tischen Vereins Nürnberg-Altstadt und die Vor⸗ standschaft der sozialdemokratischen Partei für den Gau Nordbayern versenden ein Flugblatt, worin der Nachweis geliefert wird, daß es einen „Fall Oertel“. wie ihn die unanständigen Blätter unserer Gegner sich zurecht fälschten, nie gegeben hat. Es ergiebt sich aus der Darstellung, daß die Nürnberger Parteigenossen mit Oertel wegen Uebernahme der„Tagespost“ lediglich deshalb in Verhandlung traten, weil das Defizit der Zeitung, das sich nach der Behauptung Oertels ergeben hatte und das sich durch die von den Genossen verlangte Verbesserung des Blattes noch gesteigert haben würde, nicht von einem einzelnen getragen werden könne. Genosse Oertel war mit der Ueber⸗ nahme durchaus einverstanden und hat die von den Genossen acceptierten Bedingungen sel bst festgesetzt. In der privaten Unterhaltung, die man dann noch am Schlusse mit Oertel hatte, äußerte dieser, er sei froh, daß die Sache eine so verständige Lösung gefunden habe, er habe die„Fränk. Tagespost“ noch nie als sein Eigentum betrachtet. Man beurteile danach, welch unsauberes Manöver der betreffenden bürgerlichen Blätter es war, das tragische Ende des Genossen Oertel mit der Preßfrage in Ver⸗ bindung zu bringen.
Ehrenurkunden für Arbeiter.
Um einen tiefgefühlten Bedürfnis abzuhelfen, will die Handeskammer zu Solingen jedesmal in feierlicher Sitzung solchen Arbeitern „künftlerisch ausgestattete Diplome“ verleihen, die 25 Jahre ununterbrochen in einem Betriebe gearbeitet haben und denen der Arbeit⸗ geber bescheinigt. daß ihre Arbeitsleistungen stets befriedigend wahren, sowie daß sie sich stets einer guten Führung befleißigt haben. „Gute Führung“ ist ein dehnbarer Begriff. Ver⸗ steht man etwa darunter das Fernhalten von dem„gemeingefährlichen Bestrebungen der eee Das schönste kommt aber noch:
Bei der Beratung der Bestimmungen über die Ver⸗
leihung von Ehrenurkunden an gewerbli he Arbeiter
wurde angeregt, man möge die Urkunden auch an kauf⸗ männnische Angestellte verleihen. Dagegen wurde in⸗ dessen bemerkt, daß Bedenken obwalteu müßten, die gleiche Ehrung zwei in sozialer Hinsicht von einander abweichenden Personengruppen zukommen zu lassen. Durch diese„reinliche Scheidung“ wird der „Wert“ der für den Arbeiter bestimmten „Ehren“-Urkunde erst in das rechte Licht ge⸗ setzt. Die Arbeiter danken für diese Art„Sozial⸗ politik“ bestens.
Resultat einnundfünfzigjähriger Arbeit.
Der Dienstknecht Christoph Müller zu Olden⸗ dorf bei Suderburg hat seit Ostern 1849 bei dem Vollhöfner Müller Nr 8 daselbst ununter⸗ brochen, mithin 51 Jahre, im Dienst gestan⸗ den. Jür die Leistung so langjähriger treuer Dienste hat der Regierungspräsident dem Ge⸗ nannten seine Anerkennung ausgesprochen und zugleich ein Geldgeschenk von 30 Mark bewilligt. Der landwirtschaftliche Lokalverein für Uelzen und Umgegend hat dem Genannten ein Ehren⸗ diplom bewilligt. Nun ist also der Gefeierte
im Besitz von einem Ehrendiplom, einem Aner⸗ kennungsschreiben und 30 Mark, das micht un⸗ gefähr/ Pfg. pro Tag. Wee viel ne int woh ein Großgrundbesitzer nach„51 jährigen treuen Diensten“ sein eigen?
Der Mord in Konitz.
Von dem Mörder des Gymnasiasten Winter ist noch immer keine Spur vorhanden. Mehrere Verhaftungen wurden vorgenommen, doch wurde nur die des früheren Abdeckers Is raelski aufrecht erhalten. Gegen ihn ist das Verfahren wegen Begünstigung eingeleitet.— Die Behörde hat jetzt die Belohnung auf Entdeckung des Thäters auf 20 000 Mk. erhöht. Zur Verteilung an die Knaben, welche den Kopf des Ermordeten fanden, sind von einem israelitischen Rechts⸗ anwalt 1000 Mk. zur Verfügung gestellt worden. — Die Aufregung in Konitz und Umgebung wird durch die antisemitischen Hetzereien, Ver⸗ teilung von Flugblättern und Anheften geschrie⸗ uener Plakate, in denen die Juden des Mordes beschuldigt werden, aufs höchste gesteigert. Aus⸗ schreitungen haben in Konitz, Tuchel und Baldenburg stattgefunden. Eine Menge Fenster der Synagoge in Baldenburg wurden zertrümmert, Schaufenster jüdischer Geschäftsleute durchschossen und mit Steinen eingeworfen. In⸗ folgedessen ist die Gendarmerie verstärkt worden.
Die Weltansstellung in Paris
übertrifft an Ausdehnung und Pracht alle bisher dagewesenen. Fünfzig Staaten stellen aus und die Zahl der Aussteller beträgt rund 100 000, das sind 30,000 mehr als im Jahre 1889. Bei der ersten Internationalen Ausstellung im Jahre 1855 betrug der bebaute Flächenraum 117 000 Quadratmeter; 1889 waren es 290 000 und jetzt sind es 1,080,000. Im Jahre 1855 waren auf der Ausstellung 350 Pferdekräfte thätig; 1889 waren es 5500 und diesmal werden es 45,000 sein. Dementsprechend sind auch die Kosten gewachsen. Im Jahre 1855 wurden 11,5 Mill. 1867 23,5 Mill., 1878 55,5 und im Jahre 1889 40 Mill. ausgegeben. Diesmal betragen die Ausgaben über hundert Millionen.
Deutschland ist der Pariser Ausstellungen von 1878 und 1889„aus politischen Gründen“, die vom Fürsten Bismarck im Jahre 1876 in einer Denkschrift dargelegt wurden, ferngeblieben. Nachdem es aber einmal beschlossen war, daß wir diesmal nicht fehlen werden, sind auch be⸗ sondere Anstrengungen gemacht worden, damit Deutschland den friedlichen Wettkampf der Na⸗ tionen mit Ehren und Erfolgen bestehe.
Auf der Ausstellung ereignete sich am Sonn⸗ tag Nachmittag 4 Uhr ein schwerer Unglücks⸗ fall. Die Fußgängerbrücke, welche über die Avenue de Suffren hinweg vom Marsfelde nach dem Himmelskugel⸗Panorama führt, stürzte ein. Unter den Trümmern sind bis jetzt sieben Tote und eine Anzahl Verwundete hervorgeholt worden. Ausländer sollen sich nicht unter den Verunglückten befinden. Die Brücke, die nicht von der Ausstellungsleitung, sondern von der Panoramagesellschaft hergestellt wurde, war noch nicht fertig. Als sie einstürzte, waren nicht mehr als acht Arbeiter au der Brücke thätig, aber unter der Brücke gingen gerade viele Aus⸗ stellungsbesucher hindurch. Wie es zuerst den Anschein hatte, dürfte die Schuld an dem Un⸗ glück den Unternehmern zufallen, die die Stütz⸗ balken zu früh entfernen ließen. Von den bei dem Unfall in der Ausstellung verletzten Per⸗ sonen sind während der Nacht zwei im Kranken⸗ hause gestorben. Der Zustand mehrerer an⸗ derer Personen giebt zu ernsten Besorgnissen Anlaß.— Der Ministerpräsident sowie die Minister Millerand und Baudin waren auf der Unglücksstelle anwesend. Von der natio⸗ nalistischen Presse wird Millerand heftig an⸗ gegriffen und ihm die Schuld an dem Unglück beigemessen, weil er auf der Eröffnung der Aus⸗ stellung am 14. April bestanden habe. Diese Angriffe erscheinen um so blödsinniger, als die Unglücksstelle gar nicht auf dem Ausstellungs⸗ terrain gelegen ist, außerdem war die Brücke noch nicht polizeilich abgenommen. Ehe noch das Urteil eines Sachverständigen vorliegt, ja ehe die Unter⸗
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