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Nr. 19.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 3.

Antisemitische Wahrheitsliebe.

Das Offenbacher antisemitische Blatt setzt seinen Lesern die Mitteilung vor, unser Genosse Fräßdorf habe im sächsischen Landtage erklärt: Der Mittelstand sei nicht wert, daß er noch bis morgen bestehe. Man ver⸗ gleiche damit die von uns oben auszugsweise wiedergegebenen Ausführungen Fräßdorfs, und man wird die Fälschung sofort erkennen. Natür⸗ lich sagte Fräßdorf: ein Mittelstand, der nur durch die Erdrosselung der Kon sum⸗ vereine und nur auf Kosten der Armen und Aermsten erhalten werden könne, sei überhaupt kein Mittelstand mehr und nicht wert, daß er noch bis morgen bestehe.

ZurLeutenot auf dem Lande.

In einer Sitzung des landwirtschaftlichen Kreisvereins zu Kirchhain äußerte der Landrat Freiherr von Schenk zu Schweinsberg, in landwirtschaftlichen Kreisen habe man die Heran⸗ ziehung ungarischer und siebenbürgischer Deutscher zur Abstellung derLeutenot nicht empfehlen können, weil diese Leute in ihrer Heimat eine bessere Leben sweise ge⸗ wöhnt seien, als man ihnen in Deutschland biete.

Die Agrarier können eben nur Leute brauchen,

die noch geringere Ansprüche stellen als die heimischen Landarbeiter. Der Kuli ist ihr Ideal.

Eine Niederlage der Bündler und Antisemiten.

Im Wahlkreise Aurich⸗Wilhelmshaven hat am 26. April für den verstorbenen Abg. Kruse(mtl.) eine Reichs tagsersatzwahl stattge⸗ funden. Von Seiten der Antisemiten war der Zeitungsverleger Bruhn aus Berlin aufgestellt worden, der auch von dem Bunde der Land⸗ wirte unterstützt wurde, weil er für den Brot⸗ und Fleischwucher eintritt. Für seine Wahl rührten denn auch die Bündler gewaltig die Lärmtrommel. Aber trotz ganz gewaltiger An⸗ strengung und trotzdem in mehr als 100 Ver⸗ sammlungen in bekannter antisemitischer Manier gearbeitet, der Fleischschaugesetzentwurf und sogar der KonitzerRitualmord ausgeschlachtet wurde, ist das Ergebniß für diese Sorte Rück⸗ wärtser ein klägliche. Sie haben, obwohl die Wahlbeteiligung gegen 1898 eine stärker war, Stimmenrückgang zu verzeichnen. Nach den bisherigen Nachrichten ist der ratiovalliberale Dr. Semler gewählt. Dieser unterscheidet sich allerdings von einem Bündler nur wenig und hat sich als Gegner des Reichstag⸗ wahlrechts erklärt. Es erhielten Stimmen: Dr. Semler(natl.) 6494, Allmers(fr. Vp.) 2843, Bruhn(Antis) 1719, Hug(Soz.) 1072 Stimmen.

Bei der Wahl im Jahre 1898 erhielten Stimmen: Dr. Krüse(natl.) 5253, Meyer (fr. Vp) 2032, Vissering(B. d. L.) 1815, Hug(Soz.) 1010, Dr. Lieber(Zentr.) 1011, zersplittert 22 Stimmen.

König Stumms Wahl.

Die Wahlprüfungskommission des Reichstags hat beschlossen, die Wahl des Abg. Freiherrn v. Stumm zu beanstanden. Ohne Verstöße gegen das Gesetz geht es bei diesen Herren nun einmal nicht ab.

Reichstagsnachwahl in Mülhausen i. E.

Der Abgeordnete für Mülhausen, Genosse Bueb, hat sein Reichstagsmandat nieder⸗ gelegt. Zur Nachwahl stellen unsere Genossen den Kaufmann L. Emmel, früher in Saar⸗ gemünd, jetzt in Mülhausen, auf. Gen. Emmel wird alsAltdeutscher zweifellos einen schwereren Stand haben, als Bueb, der als geborener Elsässer die Sympathien der dortigen Bevölke⸗ rung für sich hatte. Immerhin ist nicht an⸗ zunehmen, daß uns der Kreis verloren geht, selbst dann nicht, wenn, wie es den Anschein hat, sämtliche gegnerische Parteien mit einem Kompromißkandidaten auf den Plan treten. Der Wahlkreis ist seit 1890 in unsereu Händen und der einzige sozialdemokratisch vertretene in Elsaß⸗Lothringen. Mit 9749 gegen 5473 Stim⸗ men wurde 1890 Genosse Ch. Hickel gewählt.

Genosse Bueb wurde 1893 als sein Nachfolger mit 12 158 gegen 9797 elsässische Stimmen ge⸗ wählt und behauptete 1898 den Kreis mit 13610 Stimmen gegen 8052 elsässische und 1761 nationalliberale.

Landtagswahlen in Württemberg.

Nach einur Erklärung des Ministerpräsidenten v. Mittnacht in der würtenb. Abgeordneten⸗ kammer sollen die Neuwahlen zum Landtage im November dieses Jahres ausgeschrieben worden, damit sie am Jahresschluß vollzogen sind.

Ausländisches. Belgische Kolonialgreuel.

Daß die Kolnnialarbeit aller europäischen Staaten mehr oder weniger Barbarei ist, zeigt wieder ein Fall aus Kongo, in dem die Scheuß⸗ lichkeiten des Prinzen Arenberg noch übertroffen sind. Ueber die fürchterlichen Grausamkeiten, welche sich Belgier gegenüber Schwarzen im Kongo zu Schulden kommen ließen, schreibt ein Beamter der Antwerpener Mongolagesellschaft, Aouis Lacroix, daß im vergangenen November ihm ein Vorgesetzter befahl, alle Einwohner von Monbia todt zu schießen, und in der That wur⸗ den 22 Frauen und 2 Kinder im Dorfe selbst und drei Frauen auf der Flucht getödtet. Herr Lacroix fügte hinzu:Von Mitleid er⸗ griffen sah ich mich gezwungen, meinen Chef zu verhindern, auf ein Kind zu zielen, welches er schon einige Male gefehlt hatte, und dessen Mutter von mehreren Kugeln durchbohrt dalag. Und was war der Anlaß dieser Metzeleien? Herr Lacroix berichtet es, leidenschaftslos wie ein orientalischer Chronilschreiber:Weil das Boot von Mondia nicht rechtzeitig an den verschiedenen Posten erschienen war, um Kautschuk abzuholen! Auf Befehl desselben Chefs wurden ein anderes Mal 60 Frauen, welche dem Posten von Mon⸗ bia Nahrungsmittel brachten, in Ketten gelegt, ins Gefängnis geworfen und dort dem Hunger⸗ tod übergeben; nur 5 von 60 blieben am Leben. Und weshalb diese Unthat? Weil das Dorf Mumbumbala, aus dem diese Frauen kamen, keinen Kautschuk gageliefert hatte. Noch gegen vier weiterere Europäer sind Klagen erhoben; einer wird beschuldigt, 150 Menschen getödtet und 60 Hände abgeschlagen zu haben, der zweite hat Frauen und Kinder kreuzigen und Männer verstümmeln lassen; die beiden anderen werden nur vereinzelter Mord⸗ thaten beschuldigt.

Diese Scheußlichkeiten kamen in der belgischen Ka mmer zur Sprache, wo von den Ministern die Kongoregierung und die Kolcnialbestien noch in Schutz genommen wurden. Unser Genosse Vander velde griff in wuchtiger Weise in die Debatte ein und erhob energische Anklagen gegen das ganze Kongounternehmen. Er sagte unter anderem, daß tief verschuldete Offiziere in die Kolonie gingen, um sich dort neue Mittel zu verschaffen, wobei sie die Farbigen in skan⸗ dalöser Weise ausbeuteten und mißhandelten. Weiter besprach er die Beteiligung des Königs an dem Kongounternehmen und sagte nach derVoss. Ztg:

Sicherlich, König Leopold II., der große Zivilisator, hat in Betreff der Behandlung der Farbigen schöne Worte gesprochen, aber er ist darum nicht minder einer der größten Elfen⸗ bein⸗ und Gummihändler der Welt, und die Antwerpener Gesellschaft, die von allen Seiten jetzt angegriffen wird, ist ganz einfach der König der Belgier. Der König besitzt am Kongo eine ungeheure Privat- domäne, deren Erträgnisse nicht in die Staats⸗ kasse abgeführt werden und deren Millionen dazu dienen, um dem König die Vorschüsse, die er für das koloniale Unternehmen geleistet hatte, wieder einzubringen. Belgien zahlt jährlich zwei Millionen Franks, der König eine Million Franks, um den Fehlbetrag des kongostaatlichen Staatshaushalts zu decken, aber der König ge⸗ winnt Millionen aus der Privatdomäne. Alle Offiziere und Agenten erhalten Prämien nach dem Ergebnisse der Ausbeutung; sie haben also ein Interesse daran, die Farbigen roh zu be⸗

handeln. Selbst die Anhänger der kolo⸗ nialen Politik müssen doch wünschen, daß über die schrecklichen Anklagen Licht verbreitet wird. Kein Volk kann Belgien tadeln, denn die Deut⸗ schen, die Franzosen und Engländer haben es nicht anders gemacht. Wir sprechen offen, denn die menschliche Solidarität verbindet uns ebenso sehr mit den farbigen wie mit den weißen Arbeitern.

Die Rede machte einen so mächtigen Eindruck, daß die Kammer diese Verhandlungen fortzu⸗ führen beschloß. Am andern Tage erklärte der Minister wie es bei solchen und ähnlichen Dingen auch anderwäl. ts geschieht die Be⸗ hauptungen Vanderveldes fürunwahr und bestritt, daß der König Aktionär der Kongo gesellschaft sei. Dadurch werden aber die Anklagen in keiner Weise entkräftet.

E. Sozialistischer Wahlsieg in Italien.

In Mailand wurde Genosse Ettore Ciccotti mit 1951 von 1997 abgegebenen Stimmen, also fast einstimmig in die Deputiertenkammer gewählt. Der Regierung war es trotz eifrigen Bemühens nicht gelungen, einen Kandidaten zu finden. Genosse Ciccotti ist ein namhafter Gelehrter. Er trieb zuerst Jurisprudenz, wendete sich aber später geschichtlichen Studien zu. Nach Erlangung des Doktorats habilitierte er sich in Rom als Privat⸗ dozent; bald wurde er außerord entlicher Professor. Seine politischen Ueberzeugungen erregten aber bei der Regierung Anstoß. Im Jahre 1898 wurde er gemaßregelt. Der Wahlkreis, in dom er gewählt wurde, war früher nie von einem Sozialdemokraten vertreten. Es geht überall vorwärts!

Der Krieg in Südafrika.

Es ist den Buren gelungen, sich trotz der englischen Umgehungsversuche in guter Ordnung nach Norden zurückzuziehen. Sie räumten ihre Stellungen bei Dewetsdorp und Wepener frei⸗ willig in der begründeten Besorgnis, sonst von den Engländern einge schlossen zu werden. Von einem großen Erfolge der Letzteren ist hierbei nicht zu sprechen. Die mit der Verfolgung der sich zurückziehenden Buren betrauten Kavallerie⸗ brigaden sind bereits nach Bloemfontein zurück⸗ gekehrt, ohne etwas ausgerichtet zu haben.

Aus Mafeking liegt eine Meldung vom 12. April vor, wonach die Buren an diesem Tage die Stadt heftig beschossen. Menschen seien dabei nicht umgekommen, wohl aber wurde viel Materialschaden angerichtet. Die Belagerung Mafekings dauert jetzt schon über sechs Monate. Eine fürchterliche Explosion fand am 24. April in der Gießerei von Begbie in Johannes⸗ burg statt, welche als Arsenal von der Regie⸗ rung benutzt wird. Das Gebäude wurde völlig zerstört, dreizehn Menschen getötet und siebzig verletzt. Man glaubt, daß es sich um ein von englischer Seite angestistetes Attentat handelt; es wurde eine Untersuchung eingeleitet und der Sohn des Besitzers Begbie verhaftet.

Die Gesamtverkuste der Engländer be⸗ tragen nach einer amtlichen Zusammenstellung seit Beginn des Krieges bis 21. April 18 383 Mann. Diejenigen der Buren werden auf 14 500 bis 13. März angegeben.

Aus dem Reichstag.

Die Sitzung am 27. April wurde mit der Beratung der Petition betreffend Einführung einer Maximalarbeits⸗ zeit in der Textilindustrie zum gröd ten Teile ausgefüllt. Hierzu sprach Genosse Fisch er⸗Berlin, der in ausge⸗ zeichneter Rede darlegte daß die Einführung des Zehn⸗ stundentages in dieser Industrie durchaus möglich sei und wies an der Hand der Gewerbeinspektoren⸗Be⸗ richte und unter Anführung der günstigen Erfahrungen, die man in anderen Ländern mit der kürzeren Arbeits⸗ zeit gemacht habe, die Notwendigkeit der Beschränkung der Arbeitszeit nach. Grade die Länder mit kurzer Arbeitszeit und hohen Löhnen seien an Leistungsfähig⸗ keit allen übrigen Ländern voraus. Mit Recht habe der frühere englische Arbeitsminister Mundela erklärt:Es sind die langen Arbeitsst unden der fremden Arbeiter, die uns, die Engländer, gegen ihre Konkurrenz schützen.

Fischer beleuchtete noch besonders die traurige Haltung des Zentrums in dieser Frage, das vor drei Jahren

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