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Nr. 1.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 7

Ein brüderliches Bleeblatt.

Von P. A. Rosenberg.

Es waren einmal drei Brüder, die Philo- sophie studierten.

Sie waren alle drei dumm, und zwar der eine immer dümmer, als der andere.

Ihr Vater war tot. Er war ein kluger und sehr gelehrter Mann gewesen. Von ihm hatten sie ihre Begabung nicht geerbt. Aber da nun alle Leute meinten, daß der Vater so klug ge⸗ wesen sei, so mußten die Brüder Philosophie 3 sie glaubten, ihr Name verpflichte sie azu.

Der älteste von ihnen machte sich zuerst an die Sache. Er las und las Tag und Nacht die Bücher der klugen Männer und wurde immer unglücklicher, denn er konnte nichts von allem wverstehen; und das schien ihm für einen Menschen in seiner Stellung schrecklich zu sein.

Das ist schrecklich, sagte er,ich kann buchstäblich nichts verstehen. Es scheint mir indessen immer, daß ich verstehen kann, daß es da etwas zu verstehen giebt; aber was das ist, das verstehe ich nicht. Es ist, als ob etwas in mir immer fragte und spräche:Was ist in Deinem Innersten? Taugst Du zu etwas? Das ist wirklich höchst ungemütlich. Wenn das so weitergeht, so glaube ich wirklich, daß ich verrückt werde!

Und so wurde es. Er wurde ganz und gar verrückt und glaubte, er sei ein Stein. Er hielt sich für einen Stein, und man mußte ihn in eine Zwangsjacke stecken und in ein Irrenhaus

bringen.

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Das war der Familie sehr unangenehm, denn es war eine feine Familie.

Der Professor in der Anstalt sagte:Er hat nie viel Verstand besessen, und der, den er hatte,

ist weg! Der kommt nie mehr wieder. Und das that er auch nicht. **

*

Nun muß ich daran, sagte der zweite Bruder,denn es geht bei Gott nicht an, daß die Leute glauben, wir in unserer Familie seien zu dumm für die Philosophie, wir, die einen solchen Vater gehabt haben!

Und so las der zweite Bruder Tag und

Nacht, er studierte so viel er nur konnte und das war nicht viel, aber es reichte doch dazu hin, daß es auch in seinem Kopfe zu wackeln anfing. Ich verstehe absolut nichts! sagte er.Das ist ein Teufelszeug, diese Philosophie, denn mir ist, als ob immer etwas von mir gefordert würde. Wenn man es doch erlernen könnte, wie man Lesen und Schreiben oder Kartenspielen lernt; aber das kann man nicht. Ich glaube, der Teufel hat die Philosophie geschaffen.

Und das war doch immer eine Idee! Der junge Mann sagte es und schrieb es, daß die Philosophie ein Werk des Teufels sei; und die Leute sagten, er wäre ein frommer Mann und er hätte Recht. Und fo wurde er ein Geistlicher und zog den Priesterrock an, und mit der Zeit wurde er Probst und bekam das Danebrogskreuz und das ganze Jahr viel Geld.

Aber Philosophie trieb er nie mehr.

Ich kaun das nie verstehen, sagte er.

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weit davon weg, denn man kann so leicht ver⸗ rückt werden. Mein Bruder hat den Verstand verloren, und ich war nahe daran, dasselbe zu thun.

Das war der zweite Bruder. Er wurde die Sache gut los. Und doch war er ein ganzes Teil dümmer als der erste.

** *

Nun blieb nur der dritte Bruder übrig.

Was kann da so Fürchterliches sein? dachte er.Das muß ich sehen!

Und er las Tag und Nacht, wie seine

Brüder. Aber in seinem Kopf fing es nicht zu wackeln an. Es kam ihm alles ganz ein⸗ fach vor.

Herr Gott, das ist ja nichts! sagte er. Das ist ja nicht schlimmer als das kleine Ein⸗ maleins.

Es gab nichts, was in ihm fragte, was durchaus wissen wollte, ob sein Oberstübchen zu etwas tauge.

Er las, was der eine große Denker gemeint hatte, und was der andere große Denker gemeint hatte, und schrieb das dann auf seine Weise auf, bis es ein ganzes Buch wurde. Und so wurde er Prosessor der Philosophie an des Königs eigener Universität.

Was für ein Kopf! sagten die Leute. Er schlägt nach seinem Vater. Er macht der Fa⸗ milie wirklich Ehre.

Das war der dritte Bruder.

Und er war der Dümmste.

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