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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 32.
dieser Sorte Presse in noch stärkerem Maße derselbe Schwindel geübt, der sich bei dem Nobiling⸗Attentat im Jahre 1878 als wirk⸗ sam erwies, um Maßregeln gegen die um ihre Befreiung ringende Arbeiterklasse durchzudrücken. Auch damals log das Wolffsche Telegraphen⸗ bureau in die Welt hinaus, Nobiling habe. sich als Sozialdemokrat bekannt, obwohl er durch einen Schuß in den Kopf, den er sich sofort nach dem Attentat beibrachte, besinnungs⸗ los bis zu seinem Tode war! Resultat dieser schamlosen Hetze, die damals gegen unsere Partei losbrach, war das Sozialistengesetz, das uns vernichten sollte. Zwar schlug es uns manche Wunde, viele Opfer mußten gebracht werden, aber stärker und zahlreicher als je stand die deutsche Sozialdemokratie am Ende der zwölf⸗ jährigen Schandgesetz-Periode da! Und sollte der reaktionären Meute einmal der wiederholte Versuch gelingen, sollte die herrschende Klasse aus den sozialistengesetzlichen Erfahrungen nichts gelernt haben und uns mit neuen Umsturz⸗ und Zuchthausgesetzen knebeln wollen— wir sind gerüstet, wir fürchten uns nicht und werden trotz aller Unterdrückungsgesetze unsere gerechte Sache zum Siege führen!— Die Hetze hat bereits begonnen. Die Presse des Rückschritts von den „angesehenen“ Zeitungen bis herunter zu den erbärmlichsten Kreisblättchen schreit nach Maß⸗ regeln zur„Bekämpfung des Anarchismus“. Natürlich werfen die kapitalistischen Soldschreiber Anarchismus und Sozialdemokratie in einen Topf. Bekämpfung des Anarchismus! Wer hat ihn denn großgezogen? War es nicht preu⸗ ßische Polizei unter Puttkamer, welche ihn mit allen Mitteln und mit dem Gelde der deutschen Steuerzahler unterstützte? Wir erinnern vorläufig nur an die Ihring, Naporra, Schröder, Haupt, Wohl⸗ gemuth und andere Polizisten, die mit Wissen ihrer höheren Vorgesetzten sich an der anarchistischen Agitation beteiligten. Die Sozialdemokratie hat mit dem Anarchismus gar nichts zu thun, steht im Gegensatz zu ihm und hat ihn stets bekämpft. Sie verurteilt auch den Mord in jeder Form, den Ein zelmord sowohl, als den Massen mord im Kriege, auch den Duellmord, der fast täglich von den„Gebildeten“ verübt wird.
Sozialismus und Anarchismus.
xy. Die verabscheuungswürdige, an dem König von Italien verübte Mordthat wird nicht verfehlen, daß man das Berbrechen eines— an⸗ geblichen— tollen Anarchisten dem Sozialismus zuzuschreiben versuchen wird. Daher ist es gut, wenn jeder Arbeiter sich klar über den Unter⸗ schied von Sozialismus und Anarchismus wird. Der Sozialismus ist„Vergesellschaftung“, der Anarchismus Leben außer der Gesellschaft, „Führer⸗ und Gesetzlosigkeit“, der Wortbedeu— tung nach.
Der Sozialismus ist zunächst das Gegenteil vom Individualismus. Bisher hat die individualistische Weltansicht geherrscht, dahin lautend: Ich bin für mich da, die Welt ist für mich da und die Gesellschaft auch. Der Individualismus ist zugleich Egoismus, er giebt dem Stärkeren das Recht über den Schwächeren. Der Sozialismus sagt: Der Mensch ist ein Glied der menschlichen Gemein⸗ schaft, er muß sich nach dieser Gemeinschaft richten und nimmt nur den Platz ein, den er in der Gemeinschast nach seiner Leistung bean— spruchen darf. Diese Gemeinschaft ist aber auch ihm gegenüber verpflichtet, sie muß ihm ein menschenwürdiges Dasein geben. Der Arbeiter, der seine Pflicht erfüllt, steht dem Kaufmann, dem Gelehrten völlig gleich und die Organisierung der Arbeit ist Sache der Ge⸗ meinschaft.
* Zu Nutz und Frommen derjenigen unserer Genossen die sich bisher weniger mit den anarchistischen Theorien beschäftigten, verös»atlichen wir gern diesen Artikel; ein⸗ zelnen Sätzen, auf oc wor ciel eicht später noch zurück- kommen, können wir nicht zanz zustimmen. Red.
Der Anarchismus steht auf einem ganz an⸗ deren Boden. Der geistige Vater des Anar⸗ chismus ist Rousseau, denn dieser stellte die „Gesellschaftslosigkeit“ als den idealen Zustand hin. Er behauptet, die Menschen seien in dem ältesten Zustand, im Naturzustand, zugleich völlig gesellschaftslos und dabei am tu zendhaftesten und glücklichsten gewesen. Aus dem Naturzustand sei der Mensch in die Gesellschaft getreten. Im Zustand der Gesellschaft sei aber mit ihm eine Verschlechterung vor sich gegemgen, Garantieen gegen die Gefah en der Gesellschaft hätte erst der„Gesellschafts vertrag“ gegeben.
Diese Ansicht ist durchaus falsch. In dem Naturzustand herrscht das Recht des Stärkeren, nach welchem der große Fisch den kleinen frißt. Dieses Recht herrscht auch weiter in der indi⸗ vidualistisch gebildeten Gesellschaft, aber durch die Entwickelung der Gesellschaft zum Sozialis⸗ mus(Evolution— Entwickelung) wird das Recht des Stärkeren allmählich aufgehoben werden. Eine plötzliche Revolution wird nie und nimmer zu diesem Ziele führen, daher tritt jetzt an Stelle der revolutionären Ansicht jetzt die evolutionistische, welche von der Entwickelung der Menschheit, an der wir kräftig weiterarbeiteu müssen, die Besse⸗ rung erwartet.
Was ist nun Anarchismus? Der Anarchis⸗ mus will die Gesellschaftsordnung ohne Staat, ohne Lohnsystem und mit denkbarster„Selbst⸗ bestimmung des Einzelnen“(Autonomie der Indi⸗ viduen). Diese freieste„Selbstbestimmung des Einzelnen“ ist der größte Unsinn, den man sich denken kann, und von der größten Gefahr, wenn nicht jeder Einzelne ein Gott ist. Der Anar⸗ chismus zeigt hier, daß er nichts ist als ein Individualismus, der auf die Spitze getrieben ist, er ist also geradezu das Gegenteil vom Sozialismus.
Der Anarchismus ist abzuleiten von Rousseau, bestimmt ausgedrückt wurde er erst von dem Franzosen Proudhon.(1809— 65.) Proudhon stellte den Satz auf:„Eigentum ist Diebstahl“, aber den Privatbesitz will er trotzdem nicht auf⸗ heben; Gewinn darf nicht beim Handel genommen werden, deshalb, so meint er, kann er nur in der Anarchie gedeihen. Der neuere Anarchismus wurde von dem Russen Bakunin begründet, er ist auch der Urheber der Theorie, daß die Anarchie nur durch Gewalt zu erreichen sei. An Bakunin schließt sich Netschajew, der eigentliche Prediger der„Propaganda der That“. Netschajew will auch die Räuber daran teilnehmen lassen,„denn sie seien eine der ehrenhaftesten Formen des russischen Volkslebens“. Tag und Nacht, so lehrt er, darf der Anarchist nur einen Gedanken, einen Zweck haben: die unerbittliche Zerstörung. Und hierdurch, durch die That, d. h. den Mord, soll für den Anarchismus Propaganda, Stim⸗ mung in der Volksmenge gemacht werden! Der Fürst Krapotkin lehrte sodann, die Menschen der Zukunft würden nach Vernichtung des Staates, einer neuen und höheren Moral fol⸗ gend, in der Anarchie leben können. Wie die Menschen angesichts dieser gravenhaften Moral von der„Propaganda der That“ zu einer neuen und höheren Moral gelangen können, sagt er nicht. Es bedarf auch keiner neuen Moral. Wenn die Menschheit einst im sozialen Staat befolgen wird, was ihre großen Denker jetzt schon gelehrt haben, so wird es jedenfalls gut sein.
In Deutschland suchte später Most den Anar⸗ chismus einzubürgern, mit kläglichem Erfolg, denn er fand eine Arbeiterschaft vor, die sehr wohl das Unsittliche und Gefährliche und die Aussichts⸗ losigkeit der anarchistischen Lehre zu beurteilen weiß. Die Arbeiter können ihr Ziel nur durch einen ruhig fortschreitenden Kampf erreichen, aber dieser muß ein Kampf mit ehrlichen und sittlich zulässigen Mitteln sein, nicht durch die brutale That eines Eiazelnen, sondern durch die Organisation der Gesamtheit muß das Ziel er⸗ reicht werden. Diese Organisation muß vor
allem einen wirtschaftlichen Kampf erstreben und einen Bildungsfortschritt, es ist ein friedlicher Kampf mit den Mitteln bes Rechts und des In dieser Organisation
ge stigen Fortschritts.
sieyht der Einzelne sich gefördert durch den An⸗ sthluß an die Gemeinschaft.
Der Anarchismus hat besonders in den Ländern Eingang gefunden, in welchen das Volk zur leidenschaftlichen Empfindung neigt und zu⸗ gleich von bedeutender Stupidität ist. Leidensch aft und sittliche Rohheit verbinden sich hier mit Unbildung; es sind die Völker mit sogenannter Halbkultur, in welchen der Anarchismus gedeiht. Der Anarchismus gedeiht deshalb nur in der Heimlichkeit und in der Ver⸗ schwörung, der Sozialismus untersteht der Oeffentlichkeit.
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Politische Bundschau. Gießen, 3. August.
Zur Ermordung Umbertos schreibt unser Münchener Parteiorgan:
Die Scharfmacherpresse jubelt. Nach so vielen Enttäuschungen und kläglich mißlungenen Versuchen, die große internationale Union zur Ausrottung des„Anarchismus und des ver⸗ wandten Sozialismus“ zu Stande zu bringen, endlich einmal, endlich ein Lichtblick! Ein Attentat, ein wahr⸗ und leibhaftiges Attentat! Der König todt und der Mörder verhaftet! Kein Schwindel. Keine alexandrinische Bomben⸗ komödie. Keine plumpe, schlecht vorbereitete und gleich miserabel ausgeführte Farce, wie das „Belgrader„Attentat“ auf Milan, das dem Vielgeliebten freilich wenigstens zur Konfiskation des Vermögens der serbischen„Landesfeinde“ verhalf. Kein Dummerjungenstceich, wie Sipido's Schießerei auf den edlen Prinzen von Wales. Nein, ein in allen Theilen wohlgelungenes, prächtiges, unvergleichliches Attentat, das gar nicht schnell und reichlich genug„fruktifizirt“ werden kann.
Die Stumm'sche Post hat es nicht übers Herz bringen können, den üblichen lamentablen Nekrolog ohne einen wilden Racheschrei abzu⸗ schließen. Sie schreibt:
Die Nachricht von der Ermordung des Königs von Italien hat in hiesigen(Berliner) politischen Kreisen Entsetzen und Empörung über diese neueste Aktion anarchistischer Blutgier hervorgerufen. Man verhehlt sich nicht, daß nach den bisherigen Mordanschlägen der Caserio, Lucheni und Bresci jeden Augenblick ein neues Attentat ihrer Genossen erwartet werden kann, dem im Interesse des allgemeinen Wohles und der Sicherheit aller Volker bei Zeiten vorgebeugt werden muß.
Noch ist mit keinem Worte angedeutet, ge⸗ schweige denn erwiesen, daß Bresci der fanaiische Anarchist ist, als den ihn die Scharfmacher⸗ presse hinstellt, und schon beginnt das hochnot⸗ peinliche Verfahren contra„Anarchismus und verwandte Strömungen“.
Deutsche Kulturverbreitung in Afrika.
Einem aus zuverlässiger Quelle stammenden Privatbriefe aus Kamerun entnimmt der„Ham⸗ burger Korresp.“ folgende Mitteilungen:
Vor dem Tode des Herrn v. G.... sind zwei Fälle hintereinander vorgekommen, wie sie sich seit der Okkupation durch die deutsche Re⸗ gierung noch unter keinem Richter ereignet haben. 1. Mpundo Akwa erhielt im Disziplinarwege durch Herrn v. G. 25 Hiebe, weil er sich einem Matrosen vom„Habicht“ gegenüber Prinz genannt hatte. 2 Viktor Manga, der zweite Sohn Mangas, erhielt ebenso 25 Hiebe auf Befehl des Herrn v. G., weil er den Material⸗ verwalter Herrn O. nicht ordentlich ge⸗ grüßt, seinen Hut nicht vom Kopfe abgenommen hat. Bevor die 25 Hiebe an dem Viktor voll⸗ streckt waren, ging Manga sofort, nachdem er davon Kenntnis hatte, daß sein Sohn 25 Hiebe kriegen sollte, zu Herrn v. G. und bat ihn des⸗ halb um Verzeihung. Seiner Bitte wurde jedoch von Herrn v. G. kein Gehör geschenkt. Diese beiden brutalen Thaten haben die Bewohner der Dualla in hohem Grade peinlich berührt. Von den Einwohnern Duallas hatte niemand geträumt, daß Mangas Sohn 25 Hiebe bekommen kann, weil dieser doch der angesehenste von allen Häuptlingen ist.
Auf diese Art denkt man den Afrikanern deutsche Kultur und Sitte am besten beizubringen.
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