Gießen, Sonntag, den 5. August 1900.

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Die Hunnen als Vorbilder für deutsche Soldaten.

Wilhelm II. hat am vorigen Freitag in Bremerhaven vor dem Auszug der zweiten nach China bestimmten Truppensendung wieder eine Rede gehalten, die in ihrem wahren Wortlaut erst einige Tage später bekannt wurde, weil sich die offiziösen Telegraphenbureaus offenbar scheuten, sie in ihrem wirklichen Text zu veröffentlichen. Allerdings ist die Rede geeignet, allgemeines Staunen in der ganzen Welt zu erregen. Nach dem Berichte derNordwestdeutschen Zeitung,

der jedenfalls von einem Ohrenzeugen stammt,

sagte der Kaiser:

Die Aufgabe, zu der ich Euch hinaussende, ist eine große. Ihr sollt schweres Unrecht sühnen! Denn ein Fall in der Art, wie es die Chenesen gethan haben, die es gewagt, tausendjährige alte Völkerrechte umzuwerfen und der Heiligkeit des Gesandten, der Heilig keit des Gastrechts in so abscheulicher Weise Hohn zu sprechen, ist ein Vorfall, wie er in der Weltgeschichte noch nicht vorgekommen ist, und dies hat sich noch dazu ein Volk geleistet, welches stolz ist auf seine vieltausendjährige Kultur!

Aber Ihr könnt daraus ersehen, wohin eine Kultur kommt, die nicht auf dem Boden des Christentums aufgebaut ist; jede heidnische Kultur, mag sie noch so schön und herrlich sein, wird bei der ersten Kraftprobe erliegen.

.... Kommt Ihr vor den Feind, so wird der selb geschlagen! Pardon wird nicht geg ben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer Euch in die Hände fällt, sei Euch verfallen! Wie vor 1000 Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Ueberlieferung und Märchen gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch Euch in einer Weise bethätigt werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel auzusehen!

Ihr werdet mit einer Uebermacht zu fechten haben; doch dies sind wir gewohnt, unsere Kriegsgeschichte beweist es! Ihr habt es ge⸗ lernt aus der Geschichte des Großen Kur fürsten und aus Eurer Regimentsgeschichte. Hestet neuen Ruhm an Eure Fahnen; der Segen des Herrn sei mit Euch! Die Gebete der Euren, eines ganzen Volkes be⸗ gleiten Euch auf allen Euren Wegen! Meine besten Wünsche für Euch, für das Glück Eurer Waffen! Eure Leistungen werden Euch folgen, wohin es auch se! Und Go'tes Segen möge an Eure Fahnen sich heften und dieser Krieg den Segen bringen, daß das Christeutum in jenem Lande seinen Einzug hält, damit solch traurige Fälle nicht mehr vorkommen! Dafür steht Ihr mir mit Eurem Fahnen eid! Und nun glückliche Reise! Adieu, Kameraden!

Natürlich beschäftigt diese Rede lebhaft die

gesamte Presse und merkwürdiger Weise liefern

und ohne Pardon empfehlen.

die Organe der Ordnungspresse vom Schlage derPost,Kreuzzeitung und dieparteilosen Byzantiner die schärfsten Kritiken. Von der Seite wird an dem Kaiserwort fälschend herum gedeutelt und gesagt, der Kaiser habe nur darauf hinweisen wollen, daß die Chinesen keinen Pardon gäben! So meint dieKreuzztg.:

Schon die allgemeine Erfahrung daß eine Armee, die selbst Grausamkeiten ausübt, an der Manneszucht schweren Schaden leidet, und die Wahrheit, daß es eines Christen nicht würdig ist, ähnliche Schandthaten wie die Chinesen zu begehen, macht die Auslegung(nämlich, daß der Kaiser. wie es thatsächlich geschehen, die Soldaten aufgefordert habe, keinen Pardon zu geben) zur Unmög⸗ lichkeit.

Und der frommeReichsbote meint:

Ausgeschlossen erscheint uns eine Auslegung, die hierin eine Aufforderung zu einem schonungslosen Rache⸗ und Vernichtungskriege gegen die Chinesen erblickt, gleich als wolle der Kaiser gegen diese infolge ihrer eigenen Rechtsbrüche nun eine Kriegführung ohne Humanität Das kann der Kaiser den Soldaten, denen er eben Manneszucht und Christentum ans Herz gelegt hat, nicht gesagt haben, die Schonung von wehrlosen Feinden, die sich selbst gefangen geben, ist sogar ein Artikel der Genfer Konvention, der sich am wenigsten die deutsche Kriegführung wird entziehen wollen. 5 Die ebenso fromme christlich⸗katholischeGer⸗ mania hingegen sagt:

Diese kräftigen, entschiedenen Worte un⸗ seres Kaisers werden im ganzen deutschen Volke lebhaften Wiederhall finden.

DerVorwärts meint:

Man darf nicht erschrecken über die Konsc quenz die ser christlich⸗militärischen Weltanschauung, wenigstens nicht mehr erschrecken. Die Mahnung, nicht Pardon zu geben, hat ja der Kaiser schon einmal an seine Sol⸗ daten gerichtet in noch scharferer Form. Damals waren es nicht Chinesen, denen der Kaiser die Vernich⸗ tung androhte, sondern deutsche Volksgenossen, wir So⸗ zialdemokraten. Den Rekruten schärfte er damals ein, daß sie wenn er es befehle auch auf Vater und Mutter schießen müßten. Dagegen klingt die jetzige Aufforderung mild sie ist nicht die erste und nicht die äußerste Konsequenz dieser straffen christ⸗ lich-militärischen Weltanschauung Wilhelms II.

Im direkten Gegensatz zu der neuen Rede steht aber, was der Kaiser vei der Einweihung der evangelischen Erlöserkirche in Jerusalem sagte:

Die welterlösende Kraft des Evangeliums treibt uns an, ihm nachzufolgen, sie mahnt uns in glaubensvollem Aufblick zu dem, der für uns am Kreuze gestorben, zu christlicher Duldung, zur Bethätig ung selbst⸗ loser Nächstenliebe an allen Menschen Was die germanischen Völker geworden sind, das sind sie geworden unter dem Panier des Kreuzes auf Gol⸗ gatha, des Wehrzeichens der selbstaufopfernden Nächstenliebe. Wie ror sast zwei Jahrtausenden, so soll auch heute von hier der Ruf in alle Welt erschallen, der unser sehnsuchtsvolles Hossen in sich birgt: Friede ui de Jeder sorge in seinem Stande und Berufe, daß Alle, die den Namen des gekreuzigten Herrn tragen, in dem Zeichen dieses hochgelobten Namens ihren Wandel führen, zum Siege über alle aus der Sünde und der Selbstsucht stammenden finsteren Mächte. N 2.

Aus mancherlei Gründen unterlassen wir es, weitere Kritiken an die Bremerhavener Rede zu knüpfen, unsere Genossen werden sich ihre e genen Gedanken machen. Wir raten aber ebenfalls unseren Freunden, in den jetzigen Zeiten bei Besprechung dieser Dinge die größte Vorsicht obwalten zu lassen.

* *

Ueber die Hunnen

findet man in Schlossers Weltgeschichte fol⸗ gende Beschreibung: f d

Die Hunnen waren ein wildes asiatisches Reitervolk. Ihre Raubzüge waren furchtbarer als die irgend eines

anderen Volkes jener Zeit; sie zerstörten aus bloßer Freude am Zerstören, schieppten die Menschen mit sich in die Sklaverei fort und ließen sie Hunger und Miß⸗ handlungen aller Art erleiden. Dop elt furchtbar wurden diese verheerenden Züge dadurch, daß die Hunnen den Affen, denen sie an Gestalt ähnlich waren, auch an Schamlosigkeit glichen, weshalb das weibliche Ge schlecht, welchen von den meisten germanischen Stämmen selbst auf ihren Raubzügen mit Achtung behandelt wurde, ganz besonders ihren Mißhandlungen ausgesetzt war.... Alle Hunnen woren beritten, lebten unter Zelten oder Hütten, zeichneten sich durch Raubgier, Wildheit und rohe Sinnlichkeit aus.

Uebrigens versäumt Schlosser nicht, hinzu⸗ zufügen, daß sich der Hunnenkönig Attila(oder Etzel, wie er gewöhnlich genannt wird) auch sehr für die Kunst und die Künstler interessierte.

Ermordung des RNönigs von Italien.

War die Aufregung in der Oeffentlichkeit in⸗ folge der Vorgänge in China und der Rede des Kaisers ohnehin eine nicht geringe, so stieg die⸗ selbe auf den Höhepunkt, als in den Morgen⸗ stunden des 30. Juli folgende Meldung von Monza bei Mailand aus verbreitet wurde:

König Umberto wurde nach der Preis⸗ verteilung bei einem Wettrennen, als er um 10 Uhr 30 Minuten den Wagen bestieg, von drei Schüssen getroffen, von denen einer durch das Herz ging. Der König starb um 11 Uhr 30 Minuten. Der Mörder heißt Gaetano Bresei und stammt aus Prato in Toskana. Ec wurde alsbald verhaftet und nur mit Mihe der Volkswut entrissen. Der Mörder gestand zynisch sein Verbrechen ein.

König Umberto war am 14. März 1844 in Turin geboren. Den Thron hatte er am 9. Januar 1878 bestiegen. Er war bereits zweimal das Ziel von Attentaten gewesen. Am 17. November 1878 versuchte ein gewisser Passanante in Neapel einen mißglückten Mordanschlag auf das Leben des Königs. Am 23. April 1897 stieß der durch Hunger irrsinnig gewordene Schmiedgeselle Acciarito mit einem Dolche nach dem König, als er zum Derby⸗ Rennen fuhr.

König Umberto hat nichts gethan, wodurch er etwa den Zorn des Volkes besonders gegen sich herausgefordert hätte, erfreute sich im Gegen⸗ teil infolge seiner persönlichen Eigenschaften einer größeren Beliebtheit, als mancher seiner Kollegen. Man weiß deshalb auch nicht, was die Veran- lassung zu der grausigen That sein soll, der der König jetzt zum Opfer gefallen ist, und über die Personalien des Mörders liegen noch keine näheren Angaben vor Er wäre vor wenig Wochen von Amerika zurückgekehrt. Die Mit⸗ teilung unseres Mannheimer Paxteiorgans, daß Bresci in Mannheim als Gypsfigurenanfert'ger thätig und als solcher einer der gefährlichsten Ausbeuter seiner jugendlichen Landsleute gewesen sei, wird als unrichtig bezeichnet.

Aber für unsereOrdnungspresse stand es natürlich ohne Nachricht über Person und Beweggründe des Mörders fest, daß erAnarchist und bei einerVerschwörung beteiligt sei. Jedes Kreisblättchen auch derGießener Anzeiger war von der Partie sprach von eineroffen bar anarchistischen That. Noch heute wird von