Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 45.
Seite 6. Dunkle Mächte. 11) Roman von Elise Langer
Mittlerweile wurde es immer stiller im Kinderzimmer. Es war nichts mehr zu thun. Die Aerzte— es war ein zweiter hinzugezogen worden— hatten das Kind aufgegeben. Die⸗ ses lag mit spitzem Näschen und gebrochenen Augen schwer athmend da. Man konnte jeden Augenblick das Ende erwarten. Zu erkennen schien es keinen mehr. Nur einmal erhob es sein abgemagertes Händchen, als verlangte es noch etwas. Seine Mutter nahm es zwischen ihre Hände, aber es schien nicht befriedigt. Ein weinender Laut kam aus der kleinen, ächzenden Brust. Helma, die an der anderen Seite des Bettes auf einem niedrigen Stuhl, das Gesicht in den Händen vergraben, saß, blickte auf und faßte das andere erhobene Händchen. So war es recht, das hatte es gewollt. Beide Hände ruhten auf seiner Brust. Ein süßes Lächeln ging über das kleine blasse Gesicht. Es war das letzte. Nach wenigen Augenblicken hatte es sein zartes Leben ausgehaucht.
Brandts Schmerz war grenzenlos, als er, des Abends nach Hause kommend, den Tod des Kindes erfuhr.„Du hast es gemordet, du bist schuld an seinem Tode,“ sagte er sich, als er von den Frauen allein gelassen, mit gerungenen Händen an der kleinen Leiche stand.„Hättest Du Emmy bei der Mutter gelassen, wäre sie vielleicht noch am Leben und das blühende Kind, das sie war. Deine Liebe zu ihr war Sehnsucht. Alles war Sehnsucht. Deine Hei⸗ rath, Deine Vaterliebe, Dein Verrath an Hel⸗ ma, an Kohlweit, an Deine Ueberzeugung.“ — Er drückte die geballte Faust gegen die Stirn. Er glaubte wahnsinnig zu werden.
Es war einer jener Augenblicke, in denen der Mensch sein eigener Richter ist, ein uner⸗ bittlicher als das strengste Tribunal, vor das ein Mensch gestellt werden kann.
rau Brandt verkündete am nächsten Mor⸗ gen ihren Entschluß, noch am selben Abend ab⸗ zureisen und die kleine Leiche mit sich zu neh⸗ men. Ihr Gatte konnte sie ihr nicht vorent⸗ halten. Helma that alle Schritte für die Ein⸗ sargung und besorgte die nöthigen Papiere. Sie erwies sich so hilfreich und gut und theil⸗ nehmend, daß Frau Brandt, die sich äußerlich härter gab, als sie war, tief gerührt fühlte und mit Trauer an das Schicksal des Mädchens dachte.
Sie ließ, bevor sie abreiste, ihren Mann um eine Unterredung bitten.
Brandt beschied sie in sein Zimmer. Es war ein peinvoller Augenblick, als sich die Gatten nun so gegenüber standen. Er wies auf einen Lehnstuhl, Frau Brandt blieb aber steif vor ihm stehen.
„Ich bin gekommen, um unsere Angelegen⸗ heit zu ordnen“, sagte sie, sich jetzt der franzö⸗ sischen Sprache bedienend, während sie bisher im Hause das ihr fast ebenso geläufige Deutsch gesprochen hatte.„Unsere Ehe länger bestehen zu lassen, da eines der Kinder todt ist, hat keinen Zweck mehr. Sie werden mir hierin beistimmen.“
Brandt verbeugte sich stumm.
„Ich könnte die Zustände, die ich hier ge⸗ funden,“ fuhr sie fort,„als Grund der Schei—
dungsklage anführen,“ wenn es mir nicht wi⸗ K 2
derstrebte, ein Wesen, dem ich zu Dank ver⸗ pflichtet bin, in diese Affäre hineinzuziehen.“
„Wie es von Ihrer Großmuth nicht anders zu erwarten war, warf Brandt mit schlecht ver⸗ deckter Ironie ein.
Seine Frau schien es zu überhören.„Ich bin daher der Ansicht, daß wir, der Wahrheit gemäß, unüberwindliche gegenseitige Abneigung als Grund angeben. Wenn Sie damit einver⸗ standen sind, mögen Sie Ihren Anwalt dahin instruiren.“
Abermals stumme Verbeugung von Seiten Brandts.
„Ich hätte also nichts weiter hinzuzufügen,“ nahm seine Gattin nach einem leichten Räus⸗ pern nochmals das Wort,„wenn mir nicht das
Schicksal des unglücklichen Mädchens, welches ein Opfer unseres traurigen Verhältnisses ge⸗ worden ist, am Herzen läge.“ Und ohne sich von seinen zornigen aufflammenden Blicken ein⸗ schüchtern zu lassen, fuhr sie fort:„Sie werden in kurzem frei sein. Handeln Sie als rechtschaf⸗ fener Mann, bringen Sie die Unglückliche wie⸗
der zu Ehren. Ich bin überzeugt, daß Sie
sich selbst sowie unserm armen Charles damit den besten Dienst leisten werden. Und damit scheide ich denn von hier und von einer Ver⸗ gangenheit, die uns Beiden so wenig Glück ge⸗ bracht hat.“.
Sie wandte sich und schritt henaus, ohne ihm die Hand zu reichen.
Der kleine Sarg war bereits abgeholt wor⸗ den. Helma hatte ihn reich mit Blumen ge⸗ schmückt und diese mit heißen Thränen bethaut. Sie und Charles begleiteten Frau Brandt zur Bahn. Der Knabe war in diesen Trauertagen ganz verschüchtert und verstummt. Zum letzten Male schloß ihn die Mutter in ihre Arme. Das lebende Kind mußte sie lassen, nur das todte durfte sie mit sich nehmen. Helma drückte sie nur fest und vielsagend die Hand. Die Glocke ertönte zum dritten Male. Der Zug setzte sich in Bewegung und rascher und rascher brauste er davon.
IX.
Seit dem Rücktritt Kolweits hatte Brandt die Maske fallen lassen müssen. Es wäre ver⸗ gebens gewesen, den wahren Charakter des „Nordd. Beobachter“ noch länger verschleiern zu wollen. Denn Brandt sah keine Möglich⸗ keit der ehrliche Kolweit über die Gründe sei⸗ nes Ausscheidens aus der Redaktion zum Schweigen gegen seine Gesinnungsgenossen zu verpflichten, und sein Schweigen würde auch nichts geholfen haben. Die Thatsache seines Rücktritt allein genügte, um allen Mitarbei⸗ tern seiner Partei, die im Vertrauen auf seine bekannte Ueberzeugungstreue sich über die ver⸗ steckten Ziele des Blattes bisher gleich ihm hat⸗ ten täuschen lassen, die Augen zu öffnen. Es hatte Brandt schwere Kämpfe gekostet, mit sei⸗ nen politischen Grundsätzen zu brechen, als ihn damals an den Ufern des Genfer Sees die Ver⸗ sucher der Selbstsucht und des Ehrgeizes ver⸗ lockt hatten, jetzt bot er der Welt eine eherne Stirn, und dieselbe Sophisterei, mit der er da⸗ mals sein Gewissen betrogen hatte, half ihm nun sein Thun offen vertheidigen.
Jetzt näherte er sich auch gesellschaftlich mehr und mehr den Kreisen, mit welchen ihn seine Stellung als Chefredakteur eines offiziellen Blattes in Beziehungen brachte. Er machte Vi⸗
siten bei Ministern, Kabinetsräthen usw. und
erhielt von diesen Einladungen, denen er um so lieber folgte, als sein Haus ihm immer un⸗ erträglicher wurde. Die Scheidung von seiner Gattin war von dieser in Genf eingeleitet wor⸗ den, der Spruch des Gerichtes ließ aber auf sich warten und unterdessen verzehrte sich Helma in stillem Gram. Ihre Schönheit litt darunter. Brandt wurde immer kühler gegen sie. Er floh ihre traurigen Mienen und vorwurfsvollen Blicke.
Der mit Reue gemischte Schmerz um Emmy hatte allmählich von seiner Schärfe verloren, aber die Lücken, die ihr Tod gelassen, wollten das Haus so viel öder, wie Charles es auch mit Lust und Leben erfüllte.
In den vornehmen Kreisen war der geist⸗ volle Mann mit dem imponirenden Aeußeren, der glänzenden Unterhaltungsgabe und der ge—⸗ sellschaftlichen Korrektheit— denn diese stand ihm, wenn er wollte, zu Gebot— eine stets gern gesehene Erscheinung, ja er fing an dort Mode zu werden. Während der Herbstjagden lud man ihn auf die Güter ringsum ein, und Männer und Frauen kamen ihm in gleich schmeichelhafter Weise entgegen.
Unter den letzteren lernte er eine Dame kennen, die in Männerkreisen namentlich viel von sich reden machte. Es war eine Baronin von Romberg, die Tochter eines Advokaten, der, wie es hieß, gewisse heikle Transaktionen
für den Baron vermittelt und diesen dadurch so sehr in seine Gewalt bekommen hatte, daß der Edelmann es für rathsam befunden, ihre bei⸗ derseitigen Interessen an einander zu knüp⸗ fen, indem er die Tochter, Fräulein Renate Busch, zu seiner Gemahlin machte. Das Ge⸗ rücht mochte entstanden sein, weil man sich sonst nicht erklären konnte, warum der steinreiche Aristokrat das unschöne bürgerliche Mädchen geheirathet haben sollte. Wie dem auch sei, die Ehe war eine sehr glückliche, der Baron trug seine Gattin auf Händen, und bei seinem vor wenigen Jahren erfolgten Tode stellte es sich heraus, daß er ihr den Haupttheil seines Vermögens testamentarisch vermacht hatte.
. Renate von Romberg, jetzt eine Frau von vierunddreißig Jahren, besaß außer einer schö⸗ nen Gestalt keine körperlichen Reize. Das Ge⸗ sicht war mit Sommersprossen bedeckt, die Nase nichts weniger als klassisch und der Mund um so viel so groß, als die grüngrauen Augen zu klein waren. Dafür genoß sie aber des Ru⸗ fes einer geistreichen, originellen Frau, weil sie sich in Reden und Handlungen nicht an die herkömmlichen Regeln band, sondern sich über die gesellschaftlichen Schranken unbedenklich hin⸗ wegsetzte. Bei ihrem Vermögen von nahezu 1 Million durfte sie sich das gewähren. Auf die⸗ sem Goldgrunde verminderte sich ihre Häßlich⸗ keit in demselben Grade, wie sich ihre geistigen Vorzüge in den Augen ihrer Bewunderer ver⸗ größerten. Bei den Frauen war sie beliebt, aber um so mehr zog sie die Männer an. Un⸗ ter diesen bewegte sie sich am liebsten, wie sie denn auch den männlichen Sport mit Vorliebe betrieb. Sie rauchte, ritt vorzüglich und die Jagd war ihre Leidenschaft. Wie andere Frauen die Milchzähnchen ihrer Kinder als Schmuck tragen, so trug sie die langen spitzen Zähne eines Fuchses, dem sie mit eigener Hand den Garaus gemacht, in Gold gefaßt an ihrer Uhr⸗ kette. Zu der Hinterlassenschaft ihres Gatten gehörte auch ein mit prächtigem Wald bestan⸗ denes Gut, auf dem sie sich jedoch nur zur Jagd⸗ zeit aufhielt. Den übrigen Theil des Jahres verlebte sie, wenn sie nicht auf Reisen war, in Berlin, wo sie in ihrem fürstlich eingerich⸗ teten Hause eine glänzende Gesellschaft um sich versammelte.
Wenn Brandt in seiner jetzigen Stimmung in der ihm das ganze weibliche Geschlecht ver⸗ leidet war, den Frauen möglichst auswich, der Baronin Romberg konnte er nicht aus dem Wege gehen. Schon bei ihrer ersten Begegnung auf
dem Rendezvousplatze vor Beginn einer Jagd
zu der Dr. Brandt eingeladen worden, an einem frischen, sonnigen Oktobermorgen, verwickelte ihn die elegante Reiterin sofort in ein lebhaftes Gespräch. Sie war eifrig Leserin des„Nord⸗ deutschen Beobachters“, sprach sich begeistert über seine Leitartikel aus, erging sich in Lobes⸗ erhebungen über die Haltung des Blattes, und Brandt sog das Lob aus diesem Frauenmunde mit dem größten Behagen ein. Das war eine andere Unterhaltung als die mit seinen senti⸗ mentalen Frauenzimmern zu Hause! Damit war die Anknüpfung gegeben. Brandt erhielt eine Einladung der Baronin zur Jagd auf ih⸗ rer Besitzung, später auch zu ihren hauptstäd⸗ tischen Zirkeln. Es herrschte bald ein kordialer, kameradschaftlicher Ton zwischen ihnen, sodaß die adeligen Herren untereinander witzelten: Brand erweckte bei der Baronin Heimathsge⸗ fühle, sie fänden sich zusammen wie zwei, de⸗ nen es im fremden Element nicht recht wohl ist. Und es war etwas Wahres daran. Als die Tochter eines bedeutenden Rechtsgelehrten war Renate an eine gewisse geistige Atmosphäre gewöhnt gewesen, die sie in ihren jetzigen Krei⸗ sen vermißte und für deren Mangel sie sich durch die neue interessante Bekanntschaft schad⸗ los halten wollte. Zudem besaßen beide eine verwandte sarkastische Geistesrichtung. Wenn sie sich allein sahen, hechelten sie ihre Umgebung mit unerbittlicher Schärfe durch, wobei sie ein⸗ ander an witzigen und beißenden Bemerkungen überboten. Allein man wandelte nicht unge⸗ straft unter Palmen. Wie fast auf jede Frau, mit der er in nähere Berührung kam, übte
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