Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
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gestern nach Verbrauch der Summe sich hierher zurückbegab, wo er festgenommen wurde. Er will das Geld zu Missionszwecken verwendet haben, kann jedoch seine Angaben mit nach⸗ weisbaren Thatsachen nicht begründen; es ist deshalb mit Bestimmtheit anzunehmen, daß dieser Gauner von dem Geisteszustand der Be— schwindelten Kenntniß besaß und diesen Vor⸗ theil zu seinem Schwindel ausnutzte. Gegen die Geschwister soll zurzeit ein Entmündig⸗ ungsverfahren im Gange sein.— Derartige Schwindler⸗Spezialitäten operiren nicht blos bei geistig Beschränkten mit Erfolg. Augen⸗ verdrehern gegenüber ist immer Vorsicht am Platze. Aus Wetzlar.
-th. Landtagswahl. Am vergangenen Montag fanden in Wetzlar in 6 Urwahlbezirken die Wahlmännerwahlen zu der am 5. November stattfindenden Wahl eines Landtags- Abgeordneten statt. Das Resultat derselben war ein geradezu klägliches und bedeutet für Herrn Schlabach, dem Kandidaten, eine ungeheuere „Schlappe“! Im zweiten Wahlbezirk, wo in der dritten Abtheilung ein Wahlmann zu wählen war, erschienen, 2— zwei— Urwähler. Im dritten Wahlbezirk erschienen in jeder Wahlab⸗ theilung genau soviel; ein ganzer Wähler erschien im vierten Bezirk, aber im sechsten überhaupt keiner! Hier kam wegen mangelnder Betheiligung keine Wahl zu stande, während in den übrigen Bezirken die aufgestellten Kandidaten ein⸗ bezw. zweistimmig ge⸗ wählt wurden. Herr Schlabach kann auf den mit so wuchtiger Mehrheit erreichten Sieg wirklich stolz sein. Ueber Dankbarkeit und Er⸗ kenntlichkeit des Bürgerthums mag er wohl seine eigenen Gedanken haben. Soviel haben also seine eigenen Mitbürger für ihn übrig, für ihn, der doch seit mehr als einem Menschenalter eine so vielseitige Thätigkeit entwickelt, fast bei jedem Krieger⸗ Turn⸗ und Gesang⸗Vereinsfest war er an der tete!— Wir setzen zwar bei jedem Menschen die edelsten Gefühle voraus, würden es aber begreiflich finden, wenn Herr Berg⸗ werksdirektor Roth, der so bei Seite Gedrückte, angesichts dieses Resultates etwas wie Schaden- freude empfände. Nun, aber Herr Schlabach wird sich darüber trösten; als Entschädigung mag er sich, wenn er nach Berlin kommt, einmal in irgend einem Theater„Die strengen Herren“ ansehen— im Dreiklassenhause kann er ja doch Nichts bessern, auch Nichts verderben.
— Die Kreiskonferenz für den Wahlkreis Wetzlar⸗Altenkirchen, die neulich Um⸗ stände halber nicht stattfinden konnte, wird nun nächsten Sonntag, am 4. November, nachmittags 3 Uhr in Gießen, in der Wirthschaft Löb(Wiener Hof) abgehalten. Tagesordnung bleibt wie früher bekannt gegeben. Die Be⸗ theiligten wollen sich pünktlich einfinden, damit sie noch an der Gießener Versammlung theilnehmen können.
Ortskrankenkasse. Eine gut besuchte Generalversammlung der Ortskrankenkasse für Gesellen und Fabrikarbeiter fand am Sonntag im Schützen garten statt. Es wurde eine Neu- wahl der Vertreter vorgenommen. Ferner wurde eine Kommission gewählt, die im Verein mit dem Vorstand eine Revision des Statuts vor- nehmen soll.
— Aerzte⸗Verein. Vor einiger Zeit haben die Aerzte im Kreise Wetzlar sich eine Organisation gegründet, deren Zweck es sein soll, die„Standesinteressen“ zu fördern und nebenbei— oder vielmehr wohl in der Haupt⸗ sache— bessere Lohn⸗ und Arbeitsbe⸗ dingungen sich zu erkämpfen— bei den Aerzten heißt das„standesgemäße Honorir⸗ ung.“ Wir haben natürlich nicht das Geringste dagegen, wenn die Herren ihre Lage und ihr Einkommen zu verbessern trachten, wenn sie
nur sonst ihren hohen Pflichten jedem Kran⸗ ken gegenüber nach jeder Richtung hin gerecht werden und lassen auch dem armen Teufel ihre Hülfe angedeihen, der nicht in der Lage ist, „standesgemäße Honorare“ zahlen zu können. — Uebrigens ist die Anerkennung des Organi—
sationsgedankens seitens der Herren ja recht erfreulich und läßt hoffen, daß sie den glei⸗ chen Bestrebungen der Arbeiter Gerechtigkeit widerfahren lassen, und die Arbeiterbewegung nicht so schief beurtheilen, wie das von Ein⸗ zelnen unter ihnen leider immer noch geschieht.
Finanzminister a. D Küchler f.
In Darmstadt starb am Donnerstag der ehemalige hessische Finanzmini er Küchler. Ein schweres Halsleiden, das ihn befallen, machte vor längerer Zeit eine Operation noth⸗ wendig, die anscheinend glücklich verlief, aber dennoch zur Katastrophe führte. Küchler hatte das Ministerium noch keine zwei Jahre inne. Er war 55 Jahre alt.
Eine acwaltige Explosion, die in weitem Umkreis die Luft erzittern machte, ereignete sich am Dienstag Nachmittag auf der Norddeutschen Munitionsfabrik in Schöne-⸗ beck im Kreise Magdeburg. Das Laboratorium, ein kleiner, leichter Bau, war in die Luft ge⸗ flogen. Ein Arbeiter wurde tödtlich verletzt, vier Personen, drei weibliche und eine männliche, kamen mit leichteren Verletzungen davon. Auf der Fabrik befand sich kein Krankenkorb, sodaß eine halbe Stunde verfloß, ehe der schwerver— letzte Arbeiter nach dem Krankenhause gebracht werden konnte. Konitz.
Die ganze Woche wurde gegen den des Meineids beschuldigten Arbeiter Maßlof verhandelt. Unzählige Zeugen werden ver— nommen. Der„Vorwärts“ schreibt darüber:
Der Hexenaberglauben des Mittelalters feiert in dem westpreußischen Städtchen seine Auf⸗ erstehung. Wie vor Zeiten epidemische Hallu⸗ zinationen den grausigen Teufelsbündnissen und Zaubereien plastische Gestalt verliehen, so setzt sich heute das Blutmärchen in beschränkten Köpfen fest und fördert vor dem Richtertisch Aussagen zu Tage, deren Widersinnigkeit sich ebenfalls nicht anders als durch eine epide⸗ mische Geistesverwüstung ganzer Volks⸗ schichten erklären läßt. Hoffentlich hat der Staatsanwalt unter diesen beklagenswerthen Zuständen ein Einsehen und läßt von neuen Meineidsprozessen ab, die nur Unglückliche ins Zuchthaus bringen würden, ohne daß sie das Geheimniß des Gymnasiastenmordes noch zu zu lichten im Stande wären.
Große Explosion in New⸗Pork.
Eine furchtbare Explosion in der Chemi⸗ kalienfabrik von Taorant u. Comp. in Newyork hat große Opfer gefordert. Trotzdem, daß die Direktion, in deren Fabrik sich die Explosionen sich ereignet haben, erklärt, daß alle Ange⸗ stellten ihr Leben gerettet hätten, außer einem, über dessen Verbleib nichts bekannt ist, behaup⸗
ten die Blätter, die Zahl der getödteten und.
vermißten Personen belaufe sich auf 100— 200. In den benachbarten Gebäuden und Straßen sind viele Menschen durch umherfliegende Glas⸗ splitter und andere Trümmerstücke verletzt wor⸗ den; eine davon getroffene Person ist im Kran⸗ kenhause gestorben, 20 Verletzte befinden sich dort in Behandlung.
Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain.
W. Mardurg, 1. Novbr.
Ein schwerer Verlust hat unsere Par⸗ tei, resp. die hiesigen Genossen betroffen. Gen. Martin Roth, unser Senior, ist am Mon⸗ tag Abend 10.30 Uhr nach längerem schweren Leiden im Alter von 70 Jahren gestorben. Mit ihm ist einer der letzten hiesigen Veteranen von 1848, der sein ganzes Leben lang seinen Grund- sätzen treu geblieben ist, von uns geschieden. Er war gelernter Gärtner, konnte aber seit längerer Zeit in seinem Berufe krankheitshal⸗ ber nicht mehr thätig sein. Trotzdem nahm er stets regen Antheil an allem, was unsere Sache fördern konnte. Auch bei festlichen Gelegen- heiten fehlte er nie und hatte stets guten Hu⸗ mor. Vor einigen Jahren verheirathete sich Roth zum zweiten Male und hinterläßt er eine Wittwe und zwei kleine Kinder in ziemlich dürftigen Verhältnissen. Wir werden ihm ein gutes Andenken bewahren.
— Noch ein harter Verlust, glück⸗ licher Weise nicht durch den Tod, wohl aber durch sein Scheiden von hier betrifft die hie ige Partei durch den Weggang des Gen. Julius Wolff. Derselbe hat durch seine rastlose Thä⸗ tigkeit im Interesse unserer Partei sich die An⸗ erkennung wohl aller hiesigen Genossen erwor⸗ ben und verlieren wir Gen. Wolff recht un⸗ gern. Wir wünschen ihm in seinem neuen Wir⸗ kungskreise viel Glück und werden uns seiner stets gern erinnern.
— Parteiversammlung. Am näch⸗ ten Sanistag, Abends 9 Uhr findet bei Gen. Jesberg dahier, eine Parteiversammlung tatt. Die Tagesordnung wird in derselben be⸗ kannt gegeben werden.
— Von der Universität. Die seik 7 Jahren an hiesiger Universität als Lektor der französischen Sprache thätige Dr. Doutre⸗ pont hat einen Ruf als Professor der Rhéto- rique francaise on der militärischen Akademie zu Namur in Belgien erhalten und zwar unter der Bedingung, daß er seine Thätigkeit inner⸗ halb einer Woche beginnen solle. Dr. Doutre⸗ pont hat den ehrenvollen Ruf angenommen und kann deshalb die schon angesagten Verle⸗ sungen nicht mehr halten.
E Herr Geh. Med.⸗Rath Prof. v. Beh⸗ ring beabsichtigt, die Tuberkulose-Til⸗ gungsversuche bei Rindvieh fortzu⸗ setzen. Er ersucht deshalb die Viehbesitzer der Kreise Marburg und Kirchhain, ihm zu diesem Zwecke ihre Stallungen zur Verfügung zu stel⸗ len. Im Kreise Marburg sind bis jetzt 3000 Thiere angemeldet, 21000 sind vorhanden.
Partei⸗Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender.
Volksversammlung. Sonntag Nachmittag 4 Uhr spricht Genosse Dr. David im Lokale Orbig.
Samstag, 3. November.
Sießen. Holzarbeiter abends 9 Uhr bei Lö b, „Wiener Hoff.(Vortrag v. Pook.)
Gießen. Metallarbeiter abe ds 9 Uhr bei Orbig.
Heuchelheim. Arb.⸗Bild.⸗Verein abends 8 ½ Uhr bei Wirth Gg. Volkmann.
Sountag, den 4. November.
Schlitz. Arb.⸗Bild. Verein. Nachm. 4 Uhr: Mitgl.
Versammlung bei Gastwirth Schmidt.
Friedberg. Oeffentliche Versammlung Nichtgewerb⸗ licher Arbeiter, nachmittags 4 Uhr, in Stadt New⸗ York(Referent G. Repp). Alle Mitglieder wollen pünktlich erscheinen.
Montag, 5. No vember.
Gießen. Schneider. Abends 9 Uhr bei Orbig.
Gießen. Gewerkschaftskartell. Sitzung abends 9 Uhr bei Orvig.
Wahlkreis Alsfeld⸗Lauterbach. Kreiskonferenz.
Sonntag, den 11. November, nachmittags 2½ Uhr bei Gastwirth Kaut in Lauterbach. Ta gesordnunng: 1) Die Agitation im Wahlkreise während des ver⸗ gangenen Jahres(Referent Genosse Philipp Schmidt). 2) Rechenschaftsbericht des Kreisvertrauensmanns und Neuwahl desselben. 3) Rechenschaftsbericht vom Vorstand des Kreiswahl⸗ vereins und Neuwahl desselven. 4) Bericht vom Parteitag in Mainz(Referent Genosse Orbig⸗Gießen). 5) Verschiedenes. flicht der Genossen ist es, dafür zu sorgen, daß die Konferenz zahlreich besucht wird. Der Kreisvertrauens mann.
Briefkasten.
Fr. B. Gießen. Wir bezweifeln trotzdem die Richtigkeit dieser Behauptung. Wir wollen erst nähere Erkundigungen einziehen.
St.⸗Mrbg. Wird besorgt.
H. Langsdorf. Wir ziehen darüber Erkundigungen ein und theilen Ihnen Weiteres brieflich mit.
Quittung. Steinberg. Für den Parteitag Mk. 9. 20. Der Kr.⸗Kassirer.
Genosse M. in B. ersucht uns, allen denen, welche seine Familie während seiner Krankheit unterstützen halfen, bestens zu danken.— Bei dieser Gelegenheit sei mitgetheilt, daß die damalige Sammlung im Ganzen Mk. 42.85 ergab. Davon an M. abgesandt: Mk. 42.— Porto Mk.—.60, Rest Mk.—.25, die wir mit etwa noch Eingehendem an M. ausfolgen werden.
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