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Nr. 45.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Jeden. Den controllirenden Beamten suchte man dadurch zu täuschen, daß man die Schichtenzettel fälschen ließ!
Es lebe die Redefreiheit!
Der Dreschgraf Pückler und zwei seiner würdigen Genossen, nämlich die Schriftsteller Böckler und Bötticher hatten sich am 26. Okt. vor der Berliner Strafkammer wegen der An— klage, zu Gewaltthätigkeiten aufgereizt zu ha⸗ ben, zu verantworten. Es handelte sich um die jüngsten blumenreichen Reden Pücklers von denen wir unsern Lesern wiederholt Proben vorgeführt haben. Der Staatsanwalt bean- tragte— 200 Mark Geldstrafe. Der Gerichts- hof war aber der Ansicht, die dem Grafen Pück— ler zur Last gelegten Aeußerungen seien nach Ansicht des Gerichts nur bildlich und nicht wörtlich zu nehmen und sprach die Angeklagten frei. Ein Polizeikommissar als Zeuge bekundete, daß Graf Pückler nicht ernst zu nehmen sei, was zweifellos richtig ist. Freuen wir uns auch darüber, wenn das Berliner Ge⸗ richt die Redefreiheit nicht einschränken mag. — Sozialdemokraten mögen sich aber ja hüten, sich in Pückler'scher Weise auszu⸗ drücken, viele Monate Gefängniß sind ihnen
sicher.
Graf Pückler steckt an!
Ein allerliebster Erguß, ganz im Stil des Dreschgrafen gehalten, von tieser wirth⸗ schaftlicher Einsich: zeugend, findet sich in dem Blatte des Anusemiterich's Hir schel, der„Deutschen Volkswächt“. Wir können nicht umhin, unseren Lesern diese unergründliche nationalökonomische Weisheit mitzutheilen.
Hier ist sie:
„Eudlich, endlich kommt er, doch er kommt! Der läugstersehnte, all unsere einzige Hoffuung und die längstverfallene Sühne so zahl- loser Verbrechen am deutschen Bauernstand,—— „Der Judustri krach!“„Der Handelskrach!“ Der Krach des Schwindelgebäudes genannt„Die Weltpolitik.“— Schon wirft er seine Schatten voraus! Vereinzelt auftauchende Lichter verkünden das Heran- nahen!“
Nun wiederholt das Blatt eine Börsen— nachricht der„Kleinen Presse“, in welcher starker Begehr nach Staatsanlehen konstatirt und weiter gesagt wird, daß das Publikum sich von Industriewerthen zurückzöge.
Dann heißt es:
„Die Hauptstinker(ö) an der Börse merken bereits, daß es mit der Industrie und dem Handel abflaut. Darum ziehen sie ihr Kapital aus Industrie und städtischen, der Industrie und dem Handel zu— meist dienenden Grundstucken zurück, um fie den mehr Sicherheit verheißenden Staaspapieren, in weiterer Folge den Banken und Sparkassen zuzuführen. — Nun werden Viele sagen,„aber warum solch ein Jubelgeschrei? wegen des an und für sich gewiß be⸗ dauerlichen ja schrecklichen Krach, der doch Tausenden das Verderben bringt?— Ganz recht! Aber wie du mir, so ich dir! Kannte denn Handel und In⸗ dustrie, bezw. die sie ausübenden Klassen irgend ein Mitleid mit dem fast zu Grunde gerichteten Bauern- stand?— Nein, und abermals, nein! Darum also! — Mögen sie sich's also wechseln lassen! Uns ist's nun auch wWurscht! Freuen wir uns viel⸗ mehr rücksichtslos ja herzlos des kommenden herrlichen Krachs! Denn er bringt uns: 1) Das Zurückhusen der Getreidespeku— lanten und der Fleisch-Importeure, die zur Zeit auf jederzeit willige Aufnahme noch das Land mit fremdem Getreide und Fleisch überfluttzen;() 2) die Anlage fast aller irgend nur freizumachender Gelder in den öffentlichen Kassen, damit die Herabdrückung des Zinssußes bezweckend; 3) die Eutlassung einer Armee von Arbeitern, die zum Theil dann, so weit sie die Fabrik nicht schon gänzsich verdorben hat, uns die Felder bestellen hilft.——— ꝛc. ꝛc. Also, darum noch einmal: Sei willkommen, o Krach! Denn durch dich allein kann dem Vaterlande wieder Ordnung werden.“ 8 0 5
Die Sozialdemokratie hat stets auf den bei der heutigen planlosen Wirthschaftsweise b noth⸗ wendigen Eintritt der Krise, des„Krachs“ nach einer Periode wirthschaftlichen Aufschwungs hin⸗ gewiesen, immer aber dabei betont, welch namen⸗ loses Elend für fast das gesammte Volk die
irthschaftliche Krise, der industrielle Krach im Gefolge haben muß. Natürlich auch für die Klein⸗ und Mittel bauern, deren An⸗ gehörige zum größten Theile in der In⸗ dustrie mitbeschäftigt sind, weil ihr Stückchen Land eine größere Familie nicht er⸗
nähren kann. Nun begrüßt jubelnd ein„Mittel- standsretter“ das allgemeine Elend, unter dem doch auch die Klein handwerker und Kaufleute— die er doch wohl auch zum Mittelstand rechnet— ganz empfindlich zu leiden hätten! Merkts Euch, Leute vom Mittel- stand! Hört, Arbeiter, es sehnt einer, der sich„Christ“ nennt, Arbeislosigkeit, Noth, Hunger, Elend für Euch herbei!— Und welches pyramidale wirthschaftliche Ver⸗ ständniß! Ein Botokude verfügt über mehr davon! Wirklich, stellt man zusammen, was die antis mitischen Mittelstandsbeglücker in der letzten Zeit produzirten, fügt man zu obiger Leistung die Dreschreden Pücklers, den Ritual- mordschwindel, den neulichen Aufruf Köhlers— so gelangt man zur unfehlbar richtigen Beur— theilung des Antisemitismus: Komplette Gehirn— erweichung!
Reichstagswahlen.
Bei der Stichwahl im Kreise Westhavel⸗ land hat unsere Partei einen glänzenden Sieg davon getragen. Unser Kandidat Pé us wurde mit 10991 Stimmen gewählt. Sein Gegner, der konservative Landrath Loebell erhielt nur 10 343 Stimmen. Es wurden hier in der Stichwahl 1300 Stimmen mehr abge— geben, als am 18. Oktober. Péus hat rund 1500 Stimmen mehr erhalten, während Loebell fast genau so viel Stimmen zubekommen hat, als im ersten Wahlgang der Freisinnige hatte; nur 200 Stimmen fehlen daran. Daraus muß man schließen, daß fast alle freisinnigen Stimmen Loebell zugefallen sind. Der größte Theil unseres Zuwachses waren sicher Reserven.
Die Wahl in Wanzleben endete wie vorauszusehen war, mit der Wahl des Nat io— nalliberalen Schmidt. Unser Kandidat, Genosse Gerlach, erhielt 6520 Stimmen, 500 mehr als im ersten Wahlgange. Dem Nationalliberalen kamen natürlich die 3767 konservativen Stimmen zu Hülfe, so daß er mit 8875 Stimmen siegte.
In Hofgeismac-Rinteln siegte der Antisemit Dr. Vogel mit 5003 Stimmen, Lippoldes (kons.) erhielt 3417. Trotz des schließlichen Sieges des Antisemiten, zeigt dieses Ergebniß deutlich den Rückgang des Antisemitismus. Während 1893 in der Stichwahl für diesen noch über 8000 Stimmen abgegeben wurden. 1898 der antisemitische Kandidat mit 6000 im ersten Wahlgange siegte, brachte er es jetzt in der Stichwahl nur auf 5000 Stimmen. Hätte er nicht einen kranken Mann, eine po⸗ litische Null zum Gegner gehabt, war er un⸗ fehlbar verloren.
Im sechsten Berliner Wahlkreis, dem früher von Liebknecht vertretenen, hatte die am Dienstag stattgefundene Ersatzwahl folgendes Ergebniß: Ledebour(Soz.) 53,896, Ulrich(kons.⸗ antisem.) 10,490, Weigelt(Centr.) 1116 Stimmen. Gegen die Wahl von 1898 sind für unseren Kandidaten ca. 5000 Stimmen weniger abgegeben worden, was angesichts des sicheren Sieges ganz erklärlich war. Viel ungünstiger stellt sich aber das Resultat für die Gegner. Letztere verloren zusammen weit über die Hälfte der für sie 1898 abgegebenen Stimmen. Auch wenn man die Freisinnigen, die keinen Kandi— daten aufgestellt haben, außer Berechnung läßt, büßten die Konservativen über 5000, das Cent⸗ rum 600, jede Partei ein Drittel ihrer Stimmen ein. Für uns bedeutet auch diese Wahl einen schönen Erfolg!
Sozialdemokratische Kandidaten
sind auch zu den bevorstehenden Landtags⸗
wahlen in Lippe⸗Dettmold in Aussicht genommen. Unsere Genossen haben in fünf Wahlkreisen Kandidaten aufgestellt. Wahlerfolge
hat unsere Partei auch bei den Landtags⸗ wahlen in Sachsen⸗Weimar zu ver⸗ zeichnen, wo überhaupt ein starkes An⸗ wachsen der Opposition konstatirt wird. Unsere Genossen hatten dort, um reaktionäre Mehrheit wirksam zu bekämpfen, Wahlbündnisse mit der freisinnigen Partei abgeschlossen. Die
Seite 3. Wahlbetheiligung war eine sehr rege. Unsere Genossen behaupteten mit großer Mehrheit
Apolda und gewannen den Kreis Ilmenau. Die Freisinnigen siegten in Kaltenordhei m und Weimar. In Weida soll die Wahl eines nationalsozialen Kandidaten gesichert sein.
Den Freisinnigen zum Siege verholfen haben unsere Parteigenossen wiederum in Breslau. Dort war bekanntlich die Wahl der drei freisinnigen Abgeordneten für ungültig erklätt worden, weil den sozialdemokratischen Wahlmännern die Zeitversäumniß vom frei⸗ sinnigen Wahlkomitee bezahlt worden war. Bei der nunmehr stattgefundenen Nachwahl stimmten unsere Wahlmänner selbstverständlich wieder für die Freisinns-Kandidaten, die sich verpflichtet hatten, für die Verwirklichung gewisser Minimal⸗ forderungen, so der Einführung des gleichen direkten Wahlrechts zum Landtage, einzutreten. Infolgedessen wurden die früheren Abgeordneten Schmieder, Gothein und Wed ekamp mit 30, 45 und 60 Stimmen Mehrheit wie der⸗ gewählt.
Bemerkenswerth ist noch, daß die Konser— vativen Wahlbestechung versuchten. Natür⸗ lich hatten sie damit bei unseren Genossen kein Glück, was sie sich übrigens hätten vorher denken können.
Einer Wählerversammlung theilte ein sozial⸗ demokratischer Wahlmann mit, ein Konservativer habe ihm 1000 Mark angeboten, damit er die Genossen am Wahltage von der Abstimmung abhalte und für das Geld einen Ausflug arrangire! Vielleicht haben diese Herren solche Praktiten dem Reichsamt des Innern abgeguckt! Schöne Gesellschaft!
Hunnischer Kaisergrußz.
Der Elberfelder„Freien Presse“ theilt ein Leser wit, daß als Dekoration zum Kaiserem- pfang sich an einem Hause Elberfelds ein großes Schild befand mit einem Bilde, auf welchem ein Deutscher einen Chinesen übers Knie zieht und ihn gründlich verhaut. Unter diesem Bilde stand folgende hochchristliche Inschrift: Warte nur, Du Biest,
Du wirst noch gerädert, geköpft und a[gespießt.
Welch ein Kulturvolk sind wir doch. Es ist wahrhaft zu viel der Kultur im Vaterlande. Wir müßen schon etwas vom Ueberfluß nach China und in die Kolonien tragen!
Wachsthum der Steuern in Hessen.
Wie gewaltig in unserem Hessenländchen in den letzten Jahren die Steuerschraude angezogen wurde, zeigt ein Vergleich der jetzt zur Er⸗ hebung gelangenden Steuersätze gegenüber denen von 1870. Die Durchschnittssteigerung der Einkommensteuer beträgt seit dieser Zeit in den 25 größten Städten und Otctschaften Hessens 364,2 Prozent. An der Spitze steht Weisenau bei Mainz mit nicht weniger als 953,7 pCt. Steigerung, dann folgt Kastel mit 946,8 pCt., Kostheim 539,9, Offenbach 496.8, Worms 471,2, Gießen 440,2, Everstadt 436,8, Neu-Isenburg 415,9, Mainz 385,3, Gonsenheim 365,2. Die geringste Steuererhöhung hat die Stadt Alzey mit 105,3 pCt. aufzuweisen.
Achtstundentag in Frankreich.
Auf Veranlassung des Ministers Mill e⸗ rand ist in der ganzen Spitzenindustrie des Departements Pas de Calais seit dem 1. September versuchsweise auf drei Monate der Achtstundentag eingeführt. Dortige Spitzenindustrielle sprechen sich über die bis⸗ herigen Wirkungen dieses Versuches sehr günstig aus, so daß es wohl beim Versuch allein nicht bleiben dürfte. Man wird jedenfalls mit großem Interesse die Entwickelung dieser Angelegenheit verfolgen. 5
Internationale Solidarität.
In der Pariser Arbeiterbörse erschien am Sonntag eine 28 Köpfe starke Deputation eng⸗ lischer Trade- Unions, um eine feierliche Kund— gebung gegen die englische chauvinistische Presse zu verlesen, die Frankreich mit England zu ver
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