10 050 000 Mk.

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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 45.

sie mit den extremsten Gegnern jeder Sozialpolitik nicht nur in einer Ideenver⸗ brüderung leben, die in jedem Klassenstaat un⸗ umgänglich ist, sondern, daß sie sich sogar sachlich von den Scharfmachern be⸗ zahlen lassen, um eifriger und nachhaltiger die Agitation für einen Gesetzentwurf zu be⸗ reiben, der dem arbeitenden Volk jede Be⸗ wegungsmöglichkeit rauben sollte. f

Wir arbeiten ja nur für Sie! rief Herr Bötticher einst den Schlotbaronen zu. Die Arbeiterklasse wußte längst, daß dies schon immer geschah. Bötticher wird aber von Posadowsky und seinem Direktor Woedtke weit übertroffen. Diese arbeiten nicht nur für die Scharfmacher aller Nuancen, sie gehen diese auch um Geld an, um die Arbeit lohnender, ergiebiger und nutzbringender zu gestalten. Wir werden nicht verfehlen, diese Dinge noch in weitere Beleuchtung zu rücken.

Politische Bundschau. Gießen, 1. November.

Kosten für das Drecknest Kiautschou.

Der Etat für Kiautschou ist dem Bundesrath zugegangen. Er balanzirt in Ein⸗ nahmen und Ausgaben mit 11 050 000 Mk. gegen 9 993 250 Mk. im laufenden Etatsjahr. Der Reichszuschuß für das neue Etatsjahr soll gegen 9 780000 Mk. im laufenden Etatsjahr betragen. Im neuen Etats⸗ jahr belaufen sich die fortdauernden Ausgaben auf 4 383 399 Mk., die einmaligen auf 6 575 000 Mk., 91 601 Mk. sind als Reservefonds ange⸗ setzt. Zur näheren Begründung der einmaligen Ausgaben wird eine Denkschrift über die Ent⸗ wicklung Kiautschous im Jahre 1900 vorbereitet, die dem Reichstag im Januar nächsten Jahres zugehen soll. Im Extraordinarium sind ange⸗ setzt zu Hafen⸗ und Tiefbauten, einschließlich Landerwerb, 3 385000 Mk. zu Hochbauten 1 590 000 Mk., zur Betheiligung an der Be⸗ schaffung von Wohn⸗ und Arbeiterhäusern 200 000 Mk. Zur Begründung der letzteren Forderung wird bemerkt: Behufs Abhilfe der Wohnungsnoth betheiligt sich der Fiskus des Schutzgebiets an der Beschafsung von Wohn⸗ und Arbeiterhäusern(für Europäer und Chinesen) seitens eines zuverlässigen Unter⸗ nehmers.

Zur Abhilfe der Wohnungsnoth in den größeren Städten Deutschlands, die in dieser Zeit o entsetzlich zu Tage tritt, hat man kein Geld.

Küchenzettel für die Landarbeiter.

Vor einiger Zeit veröffentlichte Herr von Gerlach in derWelt am Montag einen Küchenzettel der preußischen An⸗ siedelungskommission, welcher die Be⸗ köstigung der von der Kommission beschäftigten Landarbeiterregelt. Nach diesem samosen Reglement wir führten vor wenigen Wochen das Wesentlichste daraus an soll der Land- arbeiter täglich ganze 100 Gramm Fleisch be⸗ kommen. DieWelt am Montag hat, um ihren Lesern eine Vorstellung von der Ueppigkeit eines solchen ostelbischen Landarbeitermahls zu geben, in genau 100 Gramm wiegendes Stück gutes Hamutelfleisch abkochen lassen und es dann graphisch dargestellt. Das Stück Fleisch hat einen Inhalt von etwa 31 Kubikcentimeter, es ist noch kleiner als eine schwedische Streichholz schachtel die 41 Kubikcentimeter faßt. Es hat also Breite 3,6 Ctm., Länge 5 Ctm., Höhe 1,7 Ctm.

Die Fleischration soll aber nicht etwa jeden Tag, sondern nur drei- bis viermal in der Woche gewährt werden. Einer Kritik bedarf eine solche Arbeiterfürsorge nicht mehr, sie ist unter aller Kritik. Die ministerielleBerliner Correspon⸗

denz machte den Versuch, die Sache so darzu⸗ stellen, als wenn dieser Küchenzettel nicht sür die Praxis gelte, sondern nur ein ungefährer Anhalt für die Beköstigung der Landarbeiter sei. Dem steht aber entgegen, daß der Präsident der

Ansiedlungskommission in seiner Verfügung vom!

26. März ausdrücklich sagt:Ich verlange, daß meine Verfügung strikt durchgeführt wird. Die Erfahrung hat gelehrt, daß es sehr wohl möglich ist, für den Durchschnittspreis von 40 Pfennig täglich, welchen der Küchenzettel vor sieht, einen erwachsenen Arbeiter gut und aus⸗ reichend zu beköstigen.

Präsident der Ansiedlungskommission ist ein Dr. von Wittenburg; die Stelle ist mit 10 000 Mark jährlichem Gehalt dotiert. Man sollte diesen Mann einmal vier Wochen lang von Amtswegen zwingen, selber nach dem Küchenzettel zu speisen, den er für die Landarbeiter als gut und ausreichend bezeichnet. Er wär von seiner Theorie sicher für immer kuriert.

Daß die Landarbeiter bei solcherEr⸗ nährung den paradisischen Gefilden Ostelbiens in Schaaren entfliehen, kann man ihnen doch wirklich nicht verübeln. Aehnliche Behandlung der Landarbeiter findet man aber auch im Westen. Und daher die Leutenoth.

Zur Kohlennoth

geht der Frankfurter Zeitung folgende inter⸗ essante Mittheilung zu: Während es die Koh- len⸗Produzenten und Syndikate bisher a b⸗ lehnten, Offerten zu machen, kommen sie in der letzten Zeit ganz von selbst mit An⸗ erbietungen und beantworten Anfragen wegen Kohlenlieferungen mit wendender Post. Auch in den Preisen werden verglichen mit den Preisen für das laufende halbe Jahr recht erhebliche Konzessionen für Lieferungen per nächstes Jahr ge⸗ macht. So erfahren wir, daß eine auswärtige große Eisenbahngesellschaft für das Jahr 1901. ihren Bedarf an Ruhr-Kohlen bei dem Rh. Westfälischen Kohlensyndikat direkt ca. 8 Frs. billiger decken konnte, als ihr dies für das zweite Semester 1900 möglich war. Auch für Briquettes ist ein bedeutender Preis⸗ abschlag erfolgt, für Ruhrbriquettes von 7 Frs. und für belgische von etwa 56 Frs. verglichen mit Preisen im zweiten Halbjahr 1900. Es ist allerdings zu berücksichtigen, daß es sich um das Ausland handelt, während Preisherabsetzungen im Inlande angeblich noch nicht erfolgt sind. Im Inlande, so bemerkt das Blatt zu der Meldung, wird immer noch über mangelndes Entgegenkommen der Kohlenlieferanten geklagt. Wenn die Marktlage es diesen aber ermöglicht, sich wieder im Auslande um Aufträge zu be⸗ werben, so ist im Interesse der heimischen In⸗ dustrie und der übrigen Kohenverbraucher zu erwarten, daß auch diesen die Erleich⸗ terung der Marktlage zu Gute kommt.

Wie aus Hamburg berichtet wird, tref fen dort kolossale Mengen englische Steinkoh⸗ len ein, sodaß die Kohlenschiffe wegen Ueber⸗ füllung der Entladeplätze tagelang mit dem Löschen warten mußten. Trotzdem hält die Preissteigerung an, Grubenbarone und Groß⸗ händler diktiren vermittels ihrer Organisation dem kleinen Abnehmer unerhörte Preise und beuten ihn in unverschämter Weise aus.

Schweinburgischer Waschzettel.

Um die Aufmerksamkeit von der 12 000 Mark⸗Geschichte abzulenken, macht jetzt ein Lobgesang auf die Opferwilligkeit des Unternehmerthums die Runde. Das Fabrikat Schweinburgs sucht uns klar zu machen, vieviel die Regierung schon für die Arbeiter gethan habe und we ungerecht es sei zu sagen, daß die Regierung nur für die Industriellen arbeite.

Die Regierung hat beißt es da,unter Be⸗

seiigung recht harten Widerstandes die Arseiterver⸗ sicherungsgesetze durgesezt und zwar stets gegen die angeblich die Interessen der Arbeiter wahrnehmende Sozialdemokratie. Beim Invaliditätsversicherunzs⸗ gesetze, das sich schon jetzt als eines der segensreichsten Arbeiterfürsorgegesetze herausstellt, gelang es selbst dem Fürsten Bismarck durch persönliches Eingreifen in die Verhandlungen nur eine kleine Mehrheit im Reichstage zu erzielen. Heute hat die Regierung durch diese Thätigkeit erreicht, daß im Deutschen Reiche täglich etwa 1 Million Mark an kranke, vorübergehend und dauernd invalide Arbeiter, sowie an die Hinterbliebenen von Verunglückten gezahlt werden. Den größten Thel der Kosten dieser Fürsorge tragen die Arbeitgeber, und darunter vornehmlich die Industriellen. Daß die

Regierung daran mitgewirkt hat, den Indust riellen diese Lasten aufzuburden, ist natürlich geschehen, weil sie lediglich für die letzteren arbeitet! Die Regierung hat sodann in den neunziger Jahren, nachdem die achtziger Jahre mit der Thätigkeit auf dem Gebiete der Arbeiterversicherung ausgefüllt waren, den Ar⸗ beiterschutz in Deuischhand ausgebildet. Die Gewerbe⸗ ordnungsnovelle vom Jahre 1891 bildet hier den Ausgangspunkt für die neue Thätigkeit, nachdem auch schon früher für einzelne Arbeiterkategorien in den Fabriken in dieser Hinsicht, allerdings in geringerem Maße, gesorgt war. Es ist die Sonntagsruhe ein⸗ geführt, es sind die schulpflichtigen Kinder aus der Fabritthätigkeit verbannt, es ist dir Maximalarbeitstag für Frauen eingeführt. und so geht es noch eine Weile fort! Daß diesen Waschzettel die Amtsblätter ver⸗ öffentlichen, zeigt schon wieder zur Genüge, wie sehr die Regierung für die Industriellen arbeitet. Der Schwindel, daß das Unternehmerthum die Kosten der Versicherungsgesetze trüge, ist schon tausendmal widerlegt worden. Hat sich etwa dir Profitrate der Unternehmer seit Einführung dieser Gesetze verringert? Im Gegentheil. Auch den Theil der Beiträge, den die Arbeit- geber nur sehr widerwillig! bezahlen, müssen doch die Arbeiter erst verdienen! Der Einführung eines Maximal-⸗Arbeitstages (elf Stunden!) für Frauen sowie des Verbots der Fabrikarbeit schulpflichtiger Kinder braucht sich doch wahrhaftig eine Regierung nicht zu rühmen.Damit ist doch nur erst ein kleiner Theil ihrer Pflicht erfüllt, die sie im Staatsinteresse wahrzunehmen hat und selbst dazu mußte sie erst von der Sozialdemokratie gedrängt werden. Stimmte letztere gegen die

früheren Versicherungsgesetze, so hatte sie allen

Grund dazu, weil jene eben noch nicht den ge⸗ ringfügigsten Anforderungen entsprachen. So wird jeder Einsichtige die von den Reptilien⸗ blätteru aufgestellten Behauptungen als völlig haltlos erkennen. Daß derWetzlarer Anzeiger diese Unwahrheiten nachdrucken muß, wundert uns nicht, bedenklicher ist es schon, wenn auch dieDarmstädter Zeitung die sich immer etwas vornehmer undobjektwer gab, jenem Wasch⸗ zettel Aufnahme gewährt. Für einen Redakteur, der auf Geheiß des Landraths und dem Wunsche des einflußreichen Fabrikantenthums entsprechend solches Zeug verzapft, muß das doch ein trau⸗ riges Handwerk sein! Arbeiter, werdet Mucker!

Diesenwohlgemeinten Rath gab Frhr. v. Mirbach, der Oberhofmeister der Kaiserin, den Arbeitern in einer Rede, die er am vorigen Sonntag bei einer kirchlichen Einweihungsfeier in Potsdam hielt. Der gute Mann, der wohl sonst sein leidliches Auskommen haben wird und also nicht zustreiken braucht, sagte nach einem Bericht:

Es sei dringend nöthig, daß man lerne Gott fürchten, die Brüder i haben und den König ehren. Nament⸗ lich für die Arbeiterwelt sei dies be⸗ sonders nöthig. Die dämonischen und guten Gewalten im Volksleben spitzen sich immer mehr zu und auch nach Potsdam wären, namentlich von Berlin aus, die Wellenschläge des Umsturzes getragen worden Selbe der Bau der Liebeswerke habe vielfach unter den fortgesetzten Streiks gelitten. Da wäce es denn Zeit, daß den Arbeitern die Augen ge⸗ öffnet würden, daß dieser revolutionäre Weg nicht zu ihrem Glücke, sondern sie in das Verderben führen würde.

Freiherr v. Mirbach hat also dieBrüder lieb, die nicht streiken. Wie denkt er denn über dieBrüder, die Unternehmer, die durch jämmerliche Bezahlung die Arbeiter am Bau der Liebeswerke zum Streik zwingen? Zählen diese zu den dämonischen oder guten Gewalten? Wir werfen sie zu den ersteren und freuen uns im übrigen, daß Frhr. von Mirbach nix to seggen hat.

Kohlenbarone und Arbeiterschutz.

Wegen fortgesetzter Uebertretung der Vor⸗ schriften betreffend die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter wurden vier Mitglieder des Grubenvor⸗ standes der ZecheUnser Fritz zu je 75 Mk., die Aufseher zu je 10 Mk. Strafe verurtheilt. Der Staatsanwalt beantragte 500 Mk. für

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