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Gießen, Sonntag, den 4. November 1900.
7. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse.
Mitteldeutsche
Atags⸗Zeitung.
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Wem nützt der Brotwucher?
Nach den offiziösen Mittheilungen der Re⸗ gierunge presse unterliegt es keinem Zweifel mehr, daß der in aller Heimlichkeit ausgearbeitete neue Tarifgesetzentwurf den Doppeltarif enthält, d. h. denjenigen Staaten gegenüber, mit denen kein Handels vertrag zu stande kommt, gilt der Höchst⸗ oder Maximalsatz des Tarifs, denjenigen gegen— über, mit denen ein Handelsvertrag abgeschlossen wird, kann die Regierung bis zum niedrigsten Satz, dem Minimaltarif, heruntergehen. Welche Maximal- und Minima ssätze vorgesehen sind, ist nun freilich nicht bekannt. Wohl aber wissen wir, welche Sätze von verschiedenen Interessen— gruppen gefordert werden.
Der für die breiten Massen des deutschen Volkes allerwichtigste Posten des Tarifs ist zweifellos Getreide, und zwar in erster Linie das Brotkorn Roggen und Weizen. Der Roggen⸗ und Weizen zoll betrug 1880 1 Mk., 1885 3 Mk. 1887 5 Mk. und seit 1892 wieder 3,50 Mk. Jetzt fordern die Agrarier einen Moximalsatz von 10 Mk. Durch welchen Zoll der Insandspreis bestimmt wird, hängt ganz von dem Ausgang der Handelsvertragsverhand— lungen ab.
Die deutsche Ernte an Brotkorn beträgt im Durchschnitt 10 Millionen Tonnen jährlich, da der Verbrauch des deutschen Volkes aber über 11 Millionen Tonnen beträgt, so ist Deutsch⸗ laud auf die Einfuhr von mindestens einer Million Tonnen angewiesen. Hat Deutschland nun Handelsverträge nur mit solchen Ländern, die wenig oder gar kein Brotkorn ausführen, so ist es auf die Einfuhr aus den andern Ländern, für welche der Maximaltarif gilt, angewiesen, und der Inlandspreis des Brotkorns wird nicht durch die Minimal- sondern durch die Maxi⸗ malzollsätze bestimmt. Wir haben daher bei der Untersuchung, in welcher Höhe das deutsche Volk belastet wird, beide Sätze heran⸗ zuziehen.
Nach statistischen Feststellungen beträgt der jährliche Verbrauch an Roggen und Weizen rund 180 kg. Bei einem Zollsatz von 7.50 Mk. pro 100 kg würde die Belastung pro Person 13.50 Mk., bei einem Zollsatz von 10 Mk. 18 Mk. betragen. Das macht für eine fünf⸗ köpfige Familie mindestens 67,50 Mk., höch stens 90 Mk. jährlich. Der orts⸗ übliche Lohn in unserer Gegend beträgt durch⸗ schnittlich höchstens 15 Mk. pro Woche. Der Kornzoll, wie ihn die Agrarier wollen, würde demnach vier bis sechs Wochenlöhne verschlingen, oder den 9. bis 13. Theil des Einkommens einer Familie.
Das Gesammteinkommen der Getreideprodu⸗ zenten würde sich dagegen um 7501000 Mill. Mark erhöhen. Der Raubzug auf die Taschen des Volkes würde den Räubern eine runde Milliarde einbringen.
Wer sind nun die Räuber? 1
Die Agrarier behaupten, die hohen Kornzölle seien nothwendig im Interesse der Lan d wirth⸗
n 5 Schen wir, was es mit dieser Behauptung auf sich hat und führen wir uns zu diesem Zwecke einige Zahlen vor Augen. Möchten
die Kleinbauern, Kleinhandwerker und Arbeiter dieselben eingehend studiren!
Bei der letzten Zählung am 14. Juni 1895 wurden 8,292,692 in der Landwirthschaft erwerbsthätige Personen ermittelt. Daß von diesen Personen die 96,173 Angestellten und die 5,627,794 Arbeiter für unsere Zwecke von vornherein ausgeschieden werden müssen, ist klar; sie haben eben kein Brotgetreide zu ver⸗ kaufen. Aber auch unter den rund 2¼ Mill. selbständig in der Landwirthschaft thätigen Per⸗ sonen ist noch eine Sche dung vorzunehmen.
Um die Personen, welche von höheren Ge⸗ treidezöllen einen nennenswerthen Vortheil haben, zu ermitteln, geht man am besten von der An⸗ zahl der landwirihschaftlichen Betriebe aus. Solcher Betriebe waren 1895 im ganzen etwas über 5½ Millionen vorhanden. Von diesen scheiden die 3½¼ Millionen Parzellenbetriebe mit Flächen bis zu 2 Hektar ohne weiteres aus, denn derartige Flächen sind nicht ausreichend, eine Familie mit Agrarprodukten zu versorgen, noch viel weniger kommen sie natürlich für den Getreideverkauf in Betracht. Auch bei der Größe von 2 bis 5 Hektar wird das für den Verkauf produzirte Getreide, wenn es überhaupt dazu kommt, in der Regel von so minimaler Menge sein, daß man auch diese rund 1 Mill. Betriebe umfassende Größenklasse außer Betracht lassen kann. Es blieben somit 998,804 Be⸗ triebe von 5 bis 20 Hektar, 281,767 Betriebe mit 20 bis 100 Hektar und 25,061 Betriebe über 100 Hektar, d. h. in runder Zahl 1,300,000 Betriebe übrig.
Die Betriebe von 5—20 Hektar kommen für die Getreideproduktion nur zum geringen Theile in Betracht. Zunächst scheiden diejenigen, welche näher der unteren Grenze als der oberen liegen, volländig aus. Ebenso scheiden diejenigen Be⸗ triebe, die in der Nähe der Städte und in den Industriebezirken liegen, aus, weil sie keinen Körnerbau haben, sondern Milch, Fleisch und Gemüse produziren. Zu den Milch-, Fleisch⸗ und Gemüseproduzenten gehören ferner zahlreiche ebenso belegene Betriebe der Größen⸗ klasse von 20— 100 Hektar. Wir müssen daher von der Größenklasse 5—20 Hektar mindestens die Hälfte, von der Größenklasse 20— 100 Hktr. mindestens ein Viertel streichen. Cs würden demnach verbleiben(rund)
500 000 Betriebe von 5— 20 Hetkar
200 O00%„ ie e
25 000 1 e e in Summa also höchstens 725000 Betriebe. Von diesen würden aber auch noch die halbe Million Betriebe von 5—20 Hektar gar leicht bei niedrigen Getreidepreisen, hervorgerufen durch die Aufhebung der Getreidezölle, den Ausfall durch den Uebergang zur Milch⸗, Fleisch⸗ und Gemüsepro⸗ duktion nicht nur decken, sondern sich bei dem intensiveren Betrieb noch besser stehen.
Es bleiben also nur 2 25,0 00 Betriebe übrig, deren Besitzer ein lebhaftes Interesse an hohen Getreidezöllen haben. 225,000 Personen, denen zu Liebe ein Volk von 60 Millionen Menschen durch Brottheuerungszölle ausgewuchert werden soll. der deutschen Arbeiter sollen um 4 bis
6 Wochenlöhne gebracht werden, da⸗ mit 225,000 wohlsituirte Agrarier aus der Noth dieser Armen eine Milliarde in die Taschen stecken können. Wir glauben, diese Gegenüberstellung genügt, um die himmelschreiende Ungerechtigkeit der geplanten Brotwucherpolitik zu zeigen.
Die Zuchthausliebesgabe.
Seit Veröffentlichung des Bueck'schen Briefes, durch welche sich unser Leipziger Partejorgan den Dank aller ehrlichen Leute verdient hat, steht die für die Regierung so blamable und beschämende 12000 Mark⸗-Affaire im Vordergrunde der öffentlichen Diskussion. Während die anständigeren bürgerlichen Preß⸗ organe sofortige Klarstellung von der Regie⸗ rung verlangten, war die Scharfmacher⸗ und Agrariecpresse ganz konsternirt und stammelte etwas von„liberal-freihändlerischer Intrigue“, angezettelt, um den Schützer der Brotwucher⸗ Interessen, Posadowsky, der den 10 Mark-⸗Zoll durchdrücken sollte, zu beseitigen. Wieder andere erklärten die Veröffentlichung der Leipziger Volkszeitung für Mystifikation, für Fälschung. Sie erwies sich aber als richtig. Ja, es wurde in einer Erklärung in der amtlichen Berliner Korrespondenz noch mehr zugegeben, als bis- her bekannt war. Die amtliche Erklärung be⸗ sagt im Wesentlichen, daß im Jahre 1899, um die öffentliche Meinung über die Noth⸗ wendigkeit des Zuchthausgesetzes„aufzuklären“, die berühmte„Denkschrift“ und die Reden der Regierungsvertreter zur Begründung der Vor⸗ lage gedruckt und den Provinzblättern beigelegt wurden. Und zur Bestreitung der Druckkosten habe der Direktor im Reichs⸗ amt des Innern, v. Woedtke sich beim Scharfmacherverbande 12000 Mk. erbettelt. Darüber stehen sogar noch Belege zur Ver⸗ fügung, sagt die Erklärung naiv; die Regierung will also ihre politische Unsauberkeit dokumen⸗ tarisch belegen! Unser Leipziger Parteiorgan blieb aber die Antwort nicht schuldig, sondern stellte sofort fest, daß das von ihm angegebene Datum(3. Aug. 1898) unfehlbar stimme. Wird also von amtlicher Seite noch ein Fall zugestanden, dann muß eben die Schnorrerei mehrfach vorgetommen sein.— Im Widerspruch mit der Regierungserklärung behauptet Herr Bueck, der erst jetzt, 8 Tage nach den erhobenen Angriffen, Worte findet, der Vorgang habe sich im August 99 ereignet, während derselbe in der amtlichen Bekanntgabe in den Juni desselben Jahres verlegt wird. Diese Dinge bedürfen noch genauerer Feststellung. Thatsache bleibt aber, daß ein deutsches Rei ch s⸗ ministerium, daß das Reichsamt des Innern mit Wissen seines Chefs Posadowsky von einer wirthschaftlich-politischen Parteigruppe Geldunterstützung verlangt und er⸗ halten hat!
Die Regierung, soweit wenigstens die Macher der„Sozialpolitik“ in Betracht kommen, ist entlarvt. Den Männern, die mit Emphase von sich zu behaupten pflegten, sie ständen
Die Millionen über den Parteien, sie sorgten nur für das Wohl der Allgemeinheit, ist nachgewiesen, daß
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