Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 6.

0 5 8 S Unterhaltungs⸗Keil. Wahrheit.

Seinem Sohne ins Stammbuch. Von Theodor Storm. Hehle nimmer mit der Wahrheit, Bringt sie Leid, nicht bringt sie Reue, Doch weil Wahrheit eine Perle, Wirf sie auch nicht vor die Säue!

Blüte edelsten Gemütes

Ist die Rücksicht, doch zu Seiten Sind erfrischend wie Gewitter Gold'ne Rücksichtslosigkeiten.

Wo zum Weib du nicht die Tochter Wagen würdest zu begehren,

Nalte dich zu wert, um gastlich

In dem Hause zu verkehren!

Was du immer kannst, zu werden Arbeit scheue nicht und Wachen, Aber hüte deine Seele

Vor dem Karrièremachen.

Wenn der Pöbel aller Sorte Tanzet um die gold'nen Kälber, Nalte fest, du hast im Leben Doch am Ende nur dich selber!

Das Abenteuer der Neufahrsnacht. Novelle von H. Zschokke. (Fortsetzung.)

Was, bürgerliches Pack? rief ein Nagel⸗ schmied, der das zweite spanische Rohr führte. Ihr adligen Müßiggänger, die wir euch mit unsern Steuern und Abgaben füttern müssen, ihr wollt von bürgerlichem Pack sprechen? Eure Liederlichkeit ist an allem Unglück in unsern Haushaltungen schuld. Es blieben nicht halb so viel ehrliche Mädchen sitzen, wenn ihr hättet beten und arbeiten gelernt.

Nun sprangen mehrere junge Offiziere dazu; aber auch Meister und Gesellen sammelten sich. Knaben machten Schneebälle und ließen sie in den dicksten Haufen fliegen, um auch ihre Freude dabei zu haben. Die erste Kugel traf den vornehmen Leutnant auf die Nase. Dieser hielt es für Angriff des bürgerlichen Packs, und zog abermals den Degen. Das Treffen begann.

Der Prinz, welcher nur den Anfang des Wortwechsels gehört hatte, war längst wohl⸗ gemut und lachend in eine andre Straße davon gezogen, unbekümmert um die Folgen seines Gesangs. Er kam an den Palast des Finanz⸗ ministers Bodenlos. Mit diesem Herrn stand er nicht in bestem Vernehmen, wie das schon Philipp erfahren hatte. Julian sah alle Fenster erleuchtet. Die Gemahlin des Ministers hatte große Gesellschaft. Julian, in seiner satirischen Poetenlaune, pflanzte sich dem Palast gegenüber auf und blies kräftig in sein Horn. Einige Herren und Damen öffneten, vielleicht weil sie eben nichts besseres zu thun hatten, 115 Fenster, neugierig, den Nachtwächter zu ören.

Nachtwächter! rief einer von den Herren herab,sing auch ein hübsches Stück zum Neu⸗ jahr. Dieser Zuruf lockte noch mehrere von der Gesellschaft der Frau Ministerin an die Fenster.

Julian, nachdem er gewohntermaßen die Stunde gerufen, sang mit lauter Stimme gar vernehmlich:

Ihr, die ihr seufzt in Schuldennot

Und ohne Witz zum Bankerrott,

Fleht, daß der Herr in dieser Nacht

Euch zum Finanzminister macht,

Der ohne Finanzen läßt das Land,

Weil er sie behält in seiner Hand.

Das ist ja zum Ohnmächtigwerden! rief die Frau Ministerin, die ebenfalls zu einem Fenster getreten war.Wer ist denn der Ne Mensch, der sich dergleichen er⸗ frecht?

Ihro Excellenz! antwortete Julian mit verstellter Stimme, indem er den jüdischen Dialekt annahm,ich wollte Ihnen doch ein kleines Vergnügen machen. Halten zu Gnaden, ich bin nur der Hofjude Abraham Levi; Ihro Excellenz kennen mich doch schon!

Wei mir! schrie eine Stimme oben am Fenster.Ehrvergessener Kerl, wie willst Du sein Abraham Levi? Bin ich nicht selber Abraham Levi? Du bist ein Betrüger!

Ruft die Wache! rief die Frau Ministerin. Last den Menschen festnehmen!

Bei diesen Worten verließen alle Gäste in großer Behendigkeit die Fenster. Aber auch der Prinz blieb nicht stehen, sondern nahm im Doppelschritt seinen Weg durch einige kleine Quergassen.

Ein Schwarm Bediente, begleitet von einigen Finanzsekretären, stürzte aus dem Palaste hervor und jagte umher, den Lästerer zu suchen. Plötz⸗ lich riefen einige laut:Wir haben ihn! Die andern eilten dem Rufe nach. Wirklich hatten sie den Nachtwächter des Reviers gefunden, der in voller Unschuld auf dem Wege seines Berufs dahin trabte. Er ward umringt, übermannt und, wie sehr er stch auch sträubte, wegen seiner sarkastischen Einfälle auf die Hauptwache ge⸗ schleppt. 5.

Der wachthabende Offizier schüttelte ver⸗ wundert den Kopf und sagte:Man hat mir schon einen Nachtwächter zugeführt, der durch Verse, die er auf die Mädchen der Residenz abgerufen, eine fatale Schlägerei zwischen Offi⸗ zieren und Bürgerlichen verursacht hat.

Der neu eingebrachte Gefangene wollte durchaus nichts gestehen und lärmte gewaltig, daß ein Haufe junger Leute, die wahrscheinlich zu viel getrunken haben mochten, ihn in der Ausübung des ihm anvertrauten Amtes gestört hätten. Einer der Finanzsekretäre sagte ihm aber den ganzen Vers vor, der den gerechten Zorn der Frau Ministerin und aller ihrer Gäste erregt hatte. Sämtliche Soldaten brachen in ein erschütterndes Lachen aus. Der ehrliche Nachtwächter aber schwor mit Thränen, ihm sei so etwas nicht in den Sinn gekommen.

Während man noch mit diesem Verhör be⸗ schäftigt war, der Nachtwächter seine Unschuld beteuerte, die jungen Herren für alle Folgen ihres Betragens verantwortlich machte und die Finanzsekretäre in der That schon anfingen, zweifelhaft zu werden, ob sie euch den rechten Mann ergriffen hätten, rief die Schildwache draußen plößlichHeraus!

Die Soldaten eilten hinaus. Die Finanz⸗ sekretäre fuhren fort, den Nachtwächter mit Fragen zu bestürmen. Indem trat der Feld⸗ marschall in die Wachtstube, begleitet vom wachthabenden Hauptmann.

Lassen Sie mir den Kerl da krumm schließen! rief der Feldmarschall, und zeigte mit der Hand hinter sich. Zwei Offiziere traten herein, die einen entwaffneten Nachtwächter bei den Armen führten.

Sind denn die Nachtwächter alle toll ge⸗ worden? rief der wachthabende Hauptmann ganz erstaunt aus.

Ich will dem Bösewicht morgen seine in⸗ famen Verse bezahlen! schrie der Feldmarschall.

Eure Excellenz, versetzte der neugefangene Wächter zitternd und bebend,ich habe, weiß der Himmel, keine Verse gemacht, in meinem ganzen Leben keinen Vers!

Schweig, Schurke! brüllte mit entsetzlicher Stimme der Feldmarschall.Du sollst mir auf die Festung oder an den Galgen! Und widersprichst Du mit einem Muck noch, so haue ich Dich auf der Stelle in Stücke! 8

Der wachthabende Hauptmann bemerkte dem Marschall in aller Ehrerbietung: es müsse eine poetische Krankheit unter den Nachtwächtern in der Stadt ausgebrochen sein; denn er habe nun schon in einer Viertelstunde drei dieser Patrone zu hüten bekommen.

Meine Herren, sagte der Feldmarschall zu den ihn begleitenden Offizieren,da der Kerl schlechterdings nicht eingestehen will, daß er den Vers gesungen habe, so besinnen Sie sich auf das Schmähgedicht, ehe Ste es vergessen!

Schreiben Sie es auf!

ich keine Zeit verlieren, denn ich muß auf den Ball. Wer weiß es noch?

Die Offiziere besannen sich. Einer half dem andern ein. und da kam folgendes heraus:

Den Federbusch auf leerem Kopf,

Im Nacken einen steifen Zopf,

Den Bauch zurück, die Brust heraus, Das macht des Heeres Stärke aus; Man wird bei Tanz und Geigenschall, Bei Kuß und Spiele Feldmarschall!

Willst Du leugnen, Schurke? fuhr der Feldmarschall den erschrockenen Nachtwächter mit erneuter Wut an.Willst Du leugnen, daß Du es gesungen hast, als ich aus der Thür meines Hauses trat?

Mag es gesungen haben, wer will, ich weiß nichts davon! antwortete der Nacht⸗ wächter.

Warum liefst Du denn davon, als Du mich dortreten sahst? fragte der Feldmarschall weiter.

Ich bin nicht gelaufen!

Was? riefen die beiden Offiziere;Du nicht gelaufen? Warst Du nicht außer Atem, als wir Dich am Markt hier endlich einholten?

Ja, ich war vor Schrecken außer mir, daß, mich die Herren so gewaltthätig über fielen. Es liegt mir jetzt noch in allen Gliedern.

Schließen Sie den hartnäckigen Hund krumm! rief der Marschall dem Wachthabenden zu.Er hat bis morgen Zeit genug, sich zu besinnen. Mit diesen eilte der Marschall hinweg.

Der Lärm auf den Gassen und die Spott⸗ gedichte der Nachtwächter hatten die ganze Polizei in Bewegung gesetzt. In derselben Viertelstunde wurden noch zwei andere Nacht⸗ wächter, freilich nicht die rechten, ergriffen und zur Hauptwache geführt. Der eine sollte auf den Minister der auswärtigen Angelegenheiten ein schmähliches Lied gesungen haben, des In⸗ halts: der Minister wäre nirgends auswärtiger, als in seinem Departement. Der andre war beschuldigt, vor dem bischöflichen Palast gesun⸗ gen zu haben: es fehle den Kirchenlichtern nicht an Talg, aber sie verbreiteten im Lande mehr Qualm und Rauch, als Helligkeit.

Der Prinz, der durch seinen Mutwillen allen Nachtwächtern der Residenz so schlimm mitgespielt hatte, entschlüpfte überall glücklich, und ward ebendarum von Gasse zu Gasse kecker. Die Sache machte Aufsehen. Man hatte sogar dem Poltzeiminister, der beim Könige am Spieltische saß, von der poetischen Insurrektion der ehemals so friedlichen Nacht⸗ wächter berichtet, und zum Beweise einen der Spottverse schriftlich überbracht. Der König hörte den Vers an, der gegen die schlechte Polizei selbst gerichtet war, die ihre Spürnase in alle Familiengeheimnisse der Stadt stecke, und doch im eignen Hause nichts rieche, daher ihr wohl eine Prise zu gönnen sei. Der König lachte laut auf, und befahl, ihm einen der nachtwächterlichen Poeten einzufangen und herzubringen. Er stand vom Spieltische auf, denn er sah, der Polizeiminister hatte die gute Laune verloren.

Im Tanzsaale neben dem Speisezimmer hatte Philipp, der gefürstete Nachtwächter, so⸗ eben von seiner Taschenuhr vernommen, daß es Zeit sei, sich zum Stelldichein bei der Gre⸗ gorienkirche einzufinden. Er selbst war froh, seinen Purpurtalar und Federhut an den Stellvertreter zurückzugeben, denn ihm ward unter der vornehmen Maske nicht gar wohl zu Mute. b

Als er eben die Thür suchte, um sich davon zu schleichen, kam ihm ein Neger nach und zischelte ihm zu:Königliche Hoheit, Herzog Hermann sucht Sie allenthalben Phllipp schüttelte ärgerlich den Kopf und ging hinaus; der Neger ihm nach. Als sie beide in das Vorzimmer traten, flüsterte der Neger:Bei Gott, da kommt der Herzog! und mit den Worten machte sich der Schwarze wieder eil⸗ fertig in den Saal zurück.(Forts. folgt.)

Morgen wollen wir ihn schon zum Geständnis bringen. Jetzt will

Der Wachthabende schrieb,

, bu blieben ein Ge zu kom den gelt Abend 0 schlank! nun gel der Jar komme, Freilich, die Och wir dre nahmen langen. geht 300 Tage fu weiden machen solches! Farm freude darf di kann e langen. Da sicherhe machte ausspa geld n. stellten ste ste! aber de immer mäßig die Ruf gut sch Schütze auch w Ko und if gestolh wunde dem 0 Herkun komme