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Nr. 6.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 3.
staatsrechtliche Stellung, die ihm sowohl von der Verfassung des Deutschen Reiches als auch noch mehr als König von Preußen und noch mehr vielleicht durch seine große Indi⸗ vidualität zukommt, immer wahrgenommen. Mit dem Gelöbnnis, der edlen Thätig⸗ keit des Kaisers nachzueifern und einem dreifachen Hoch schloß v. Ballestrem.
Bekanntlich hat der Zentrumsmann im Reichstag seine Meinung dahin geäußert, daß Reden des Kaisers, wenn sie im Reichsanzeiger veröffentlicht werden, im Reichstag auch be⸗ sprochen werden dürften. Das hat hier und da verschnupft. Es kann olso wohl angenommen werden, daß die Ausführungen des Herrn v. Ballestrem zu Kaisers Geburtstag sowohl eine Entschuldigung, wie auch eine Be⸗ gründung seines Standpunktes in Bezug auf Kaiserreden sein sollten. Wahrscheinlicher aber noch erscheint uns, daß der Präsident des Reichstags mit seinen Schlußsätzen andeuten wollte, daß die ausschlaggebende Partei, das Zentrum, demnächst umfallen und die Flotten vorlage annehmen wird.
Vom unentwegten Freisinn.
Eugen Richters tapfere Mannen sollen in der Flottenfrage auch schon am Umfallen sein. Der„Frankf. Zeitung“ wird geschrieben:
„Man hat angesehene Männer der Industrie⸗ und Handelswelt, nicht nur aus den Reihen der freistnnigen Vereinigung, sondern auch nichtparlamentarische Männer, die sich zur freisinnigen Volkspartei bekennen, für die Flottendermehrung gewonnen. Man wird ihren Namen bald unter Aufrufen begegnen. Sie bleiben ihrer alten Partei treu, aber sie glauben, nach ihrer Kenntnis wirtschastlicher Weltpolikik, im Interesse des Anteils Deutschlands am Welthandel die Vergrößerung der Flotte fordern zu sollen.“
Eugen Richter bemerkt in der„Freis. Ztg.“ kleinlaut dazu:
„Einzelne Herren, welche nichts weniger als begeistert für den neuen Flottenplan sind, sollen durch den Hinweis gewonnen sein, daß ihre Konkurrenten bereits der Kund⸗ gebung sich angeschlossen hätten.“
Den biederen„Unentwegten“ geht das Ge— schäft über ihre politische Ueberzeugunz. Das Wasser der Weltpolitik schwemmt den letzten Rest des Freisinus fort— daran ist nichts mehr zu ändern; denn die Börse liebt natürlich den neuen Milliardensegen, den das Volk den Marinelieferanten opfern soll.
Kulturbettel.
In Bahnhofshallen und an sonstigen öffent⸗ lichen Orten steht man gegenwärtig Sammel⸗ büchsen, die„einen Pfennig“ für die Er⸗ richtung von Lungenheilstätten erbitten. So bettelt man sich pfennigweise milde Gaben für einen der wichtigsten Kulturzwecke zu⸗ sammen, während man von Reichswegen Mil⸗ liarden für sinnlose Zerstörungsmittel vergeuden will.— Wir empfehlen mit dem Vorwärts das umgekehrte Verfahren, fordere man von der öffentlichen Mildthätigkeit„einen Pfennig“ für die Flotte.
Aus ländisches.
England. Unter den wirklichen Menschen⸗ freunden in Großbritannien erregt es die größte Entrüstung, daß von der englischen Presse, die für den Kriegsfonds Millionen gesammelt hat, bisher nicht die Initiative zu einer öffent⸗ lichen Sammlung für die Hungernden in Indien ergriffen wurde, trotzdem die Hungers⸗ not diesmal ausgedehnter als je zuvor ist. Die Zahl der Hungernden und auf öffentliche Unter⸗ stützung angewiesenen Judier beläuft sich laut offizieller Liste auf 2750 000. a
Die deutschen Weltmachtspolitiker sollten einmal gründlich die gegenwärtige Lage Eng⸗ lands a bren Vielleicht kämen sie dann wieder halbwegs zur Besinnung.
China. Der Kaiser Kwangsu hat auf Befehl seiner Mutter abgedankt und den Thron an einen neunjährigen Buben abgetreten. Kwangsu galt als fortschrittlich gesinnt, das
paßte der Kaiserin⸗Mutter nicht, die nun wieder das Szepter führt. Man vermutet, daß Ruß- land die Hand im Spiele hat, um England neue Schwierigkeiten zu bereiten.
Der Krieg in Südafrika.
Die Engländer haben kürzlich einen„großen Sieg“ errungen— wenigstens ihren Telegram⸗ men zufolge. Sie hatten nach dem gefahrvollen Ueberschreiten des Tugela⸗Flusses den Spion⸗ kopp, angeblich ein Hauptstützpunkt des Feindes, erobert und die Buren in die Flucht geschlagen. In London herrschte großer Jubel. Zwei Tage später kam der hinkende Bote nach: Die Eng⸗ länder hatten den Spionkopp(ein Berg) wieder preisgeben und schleunigst über den Fluß zurück- ziehen müssen.
Die Buren sollen bei diesem Kampf am Tugela 53 Tote und 120 Verwundete gehabt haben. Den Verlust der Engländer giebt ein Telegraphenbureau wie folgt an: Tot 139, verwundet 392, vermißt 59, gefangen 4. Die Engländer haben sicherlich größere Verluste gehabt; von anderer Seite wird die Zahl der Toten auf 3000 angegeben.
— Von England geht dieser Tage eine neue Kavallerie⸗Brigade nach Südafrika.
— Aus Transvaal wird gemeldet: Unter den frisch eingeführten englischen Pferden und Maultieren sind schwere Seuchen aus⸗ gebrochen. In De Aar wurden letzte Woche importierte Kriegspferde zum Preise von 5— 20 Schillingen(1 Schilling= 1,02 Mark) das Stück verkauft, um die kranken Tiere nur über⸗ haupt los zu werden. Ebenso wütet unter den Schafen der Nordkolonie, besonders in der Um⸗ gegend von Nauwpoort, eine schwere Seuche, die sogenannte Brandseuche.
— Die Buren haben einen schweren Ver⸗ lust erlitten. Infolge einer Explosion ist ihre Munitionsfabrik in Johannesburg in die Luft geflogen. Zur Herstellung wirksamer Kanonen⸗
eschosse steht ihnen jetzt nur noch eine kleine abrik in Pretoria zur Verfügung.
Schandthaten englischer Soldaten.
Die„Kreuzztg.“ erhält folgende Zuschrift aus Rustenburg vom 10. Dezember 1899:
An die Redaktion der„Kreuzztg.“, Berlin.
Hier bei dem Landdrost des Bezirks Rusten⸗ burg liegen die eidlichen Aussagen der Frauen und Mädchen, die die Engländer durch die Kaffern hatten fangen lassen. Dieselben er⸗ klären, daß sie durch Kaffern gehaleen und von den Engländern vergewaltigt wurden.
Erheben Sie doch im Namen der Menschheit und der Zivilisation Ihre Stimme gegen solche Gewaltthaten. Die armen Geschöpfe sind gegen⸗ wärtig im Spital.
Frhr. v. Dalwig, kgl. preußischer Rittmeister a. D., gegenwärtig Kapitän u. Batterie⸗Chef in der Buren⸗Armee.
Diese Nachricht bestätigt sich leider. Das Verhalten der englischen Schandbuben kann nicht hart genug verurteilt werden. Aber wir erlauben uns, daran zu erinnern, daß man „gebildeten Deutschen“, die sich die größten Greuelthaten in Afrika zu Schulden kommen ließen, mildernde Umstände von wegen dem „Tropenkoller“ zubilligte. Wir billigen mil⸗ dernde Umstände weder diesen noch jenen zu. Wir verurteilen diese feigen Lüstlinge genau so hart, wie jene großen Bestien, die um des Ruhmes oder des Profits willen je die Kriegs⸗ surie entfesselten.
Aus dem Reichstag.
Lex Heinze.
Seit 1890 müht sich die Gesetzgebung an dem un⸗ geheuerlichen Versuche ab, die deutsche Sittlichkeit mit Hilfe von Zuchthaus und Gefängnis zu heben. Diesmal soll das hohe Werk gelingen, an dem die Heuchelei der bürgerlichen Klassen so deutlich zum Aus⸗ druck kommt. Gleichzeitig aber zeigt sich auch in diesen Verhandlungen, daß die bürgerliche Gesellschaft unfähig ist, die Prostitution auszurotten. Die verständigsten Redner aus den bürgerlichen Parteien bezeichneten in den letzten Sitzungen die Prostitution als notwendiges Uebel, an dem mit allerhand Bestimmungen herumge—
doltert werde, die am Wesen der Sache selbst nichts ändern, sondern nur bestimmte Erscheinungsformen unterdrücken.— Den Standpunkt unserer Partei ver⸗ traten die Genossen Bebel und Heine.
Aus dem Reiche Podbielskis.
Am Dienstag wurde die Beratung des Post⸗ etats beim Kapitel Gehalt des Staat ssekretärs(30 000 Mark) fortgesetzt.
Gen. Singer ging dem Postgewaltigen Podbielski scharf zu Leibe. Die rechte Seite des Hauses sehe in Podbielski den starken Mann, der der Sozialdemokratie an die Gurgel springen und sie erdrosseln kann. Einst⸗ weilen ist es dem Herrn Staatssekretär bereits gelungen, den Postunterbeamtenverband zu erdrosseln. Mit den Rechten der betreffenden Beamten, die doch auch Staats- und Reichsbürger sind, ist in der un⸗ geniertesten Weise umgesprungen worden. Herr v. Pod⸗ bielski empfing einige Unterbeamte und eröffnete ihnen, daß er nicht um Haaresbreite von seinen Anordnungen abgehen werde; wer sich dagegen auflehne, werde in einigen Tagen die Antwort haben; wer nicht nach Nimmersatt versetzt sein wolle, möge sich damit abfinden; sein Wunsch müßte den Unterbeamten Be⸗ fehl sein. An einem abschreckenden Beispiel machte der Herr Staatssekretär den Herren klar, wie er sich die Dinge vorstellt. Soweit die Postunterbeamten noch icht soztaldemokratisch wählen, wird diese Art, wie der Staatssekretär denselben ihr Koalttionsrecht geraubt hat, den Rest besorgen. Singer wies ferner darauf hin, wie Unterbeamten die Groschen abgeknöpft werden für die Flottenagitation und wie in Berlin die Unterbeamten direkfnt zur Wahl eines Antisemiten, dem ein Sozial⸗ demokrat gegenüberstand(bei der Stadtverordnetenwahl) abkommandiert und(wie der freisinnige Abg. Müller später noch hinzufügte) im Wahllokal von einem Post⸗ beamten kontrolliert wurden.
Staatssekretär Podbielski beantwortet in erregter Weise die Ausführungen Singers und betont„sein Recht
und seine Pflicht“, die Sozialdemokraten aus der Post⸗
verwaltung fernzuhalten. Demnach bestehe die Auf⸗ lösung des Postunterbeamtenverbandes zu Recht. Eine Beeinflussung bei der Auflösung habe er sich nicht schuldig gemacht, er habe bloß die Berliner Beamten gefragt: habt Ihr den Wunsch, aus Berlin fortzukommen?(Und das nennt der Mann keine Beeinflussung!!)
Abg. Dr. Müller⸗Sagan schließt sich den Aus⸗ führungen Singers in vielen Einzelheiten au. An der Debatte beteiligen sich die Abgg. Bassermaan, Werner, Oertel, Graf Roon und Schmidt⸗Harburg, worauf das Gehalt des Staats ekretärs bewilligt wird.
Bei der Beratung des Etats der Reichs ei sen⸗ bahnen erklärte am Mittwoch Minister Thielen, eine Ermäßigung der Personentarife zum Be⸗ suche der Pariser Weltausstellung sei nicht beabsichtigt. Die Reform der Personentarife gehe auf eine Vereinfachung aus. Ein einheitliches System für das ganze Reich werde sich nicht durchführen lassen. Eine Ermäßigung der Personentarife sei vorläufig nicht zu erwarten.
Selbstverständlich! Kein Pfennig kann für eine Ver⸗ kehrsverbesserung geopfert werden, brauchen wir doch Milliarden für neue Mordwerkzeuge. Das ist viel wichtiger als eine Verbilligung der Eisenbahntarife. Die verkehrte Welt!
Von Rah und Fern.
Mitteilungen aus unserem Leserkreise find jederzeit willkommen. Die Gyre unserer Sache gebietet naturlich strengste Gewissen⸗
haftigteit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.
Von der Undings⸗ Kandidatur.
* Herr Bürgermeister Leun läßt in der Oeffentlichkeit noch nichts von sich hören. Im Stillen arbeitet er um so eifriger für die von ihm selbst als„Unding“ bezeichnete Kandidatur. Sowohl in Klein⸗Linden als auch in Heuchelheim entfaltete er persönlich eine rege Thätigkeit. In der antisemitischen„Volkswacht“ sucht er von den 10 Minuten, die den Wählern in Heuchelheim abgeknapst wurden, noch einige abzuhandeln, sodaß nach seiner Ansicht die Wahlhandlung nur etwa„5—7 Minuten“ zu früh beendet wurde. Die Wähler, die sich in Heuchelheim nicht an der Wahl beteiligten, sind nach Ansicht des Herrn Leun in der Mehr- zahl„Kranke, Alte und Lahme“.—„Un⸗ dinge“, Herr Bürgermeister, nichts als Undinge, genau wie die„dritte Kandidatur“.
Kouflikte in Offenbach.
*Die Verhältnisse in der Offenbacher Stadt⸗ verwaltung gestalten sich immer unleidlicher. Von der Selbstherrlichkeit, mit der der national⸗ liberale Qberbürgermeister zu amtieren beliebt,


