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Mitleldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 6.

und vertagt alle wahrhaften Kulturarbeiten auf den St. Nimmerleinstag.

Mehr Schiffe weniger Brot!

Mehr Schiffe vermehrte Kriegsgefahr!

Davon will das arbeitende Volk, das man unter einem Ausnahmegesetz knebelte, dem man vor wenig Wochen noch das Recht auf's Zuchthaus bescheren wollte, dem man unerträgliche indirekte Steuer⸗ lasten auferlegte, dem man die Gleichberech tigung versagt, nichts wissen. a

Das werkthätige Volk in Dorf und Stadt will

Frieden, Brot und Freiheit!

Feind aller Mordwaffenunkultur, jeglicher Menschenschlächterei und Länderräuberei, steht das arbeitende Volk einig da. Und den flotten⸗ tollen Professoren und ihren nationalsozialen und liberalen Trabanten, denen das Wasser zu Kopfe gestiegen ist, klingt es millionenstimmig entgegen:

Nieder mit der Wasserpolitik!

Fort mit der Flottenvorlage!

Politische Rundschau.

Gießen, 26. Januar.

Das Wettrüsten.

In unserem heutigen Leitartikel haben wir behauptet, daß durch die neue deutsche Flotten⸗ rüstung das Ausland gleichfalls zu weiteren Rüstungen gezwungen wird. Hier der Beweis: In England wird von der Regierung unter Be⸗ zugnahme auf den südafrikanischen Krieg und die Flottenvergrößerung in Deutschland eine beträchtliche Vermehrung der Heeres aus- gaben verlangt. Und in Frankreich legte die Regierung unter Hinweis auf die deut⸗ schen Rüstungen gleichfalls einen neuen Flottenplan vor; die französische Regierung verlangt 177 neue Schiffe, Befestigung und Ausbau in⸗ und ausländischer Häfen.

Somit wäre eigentlich der neueste deutsche Flottenplan schon wieder veraltet, denn er sichert uns keinen Vorsprung vor anderen Ländern. Nehmen wir folgendes Beispiel an: Deutschland verfügt über 100, Frankreich über 200, Rußland über 300, England über 500 Kriegsschiffe. Aendern sich dann die bestehenden Machtverhältnisse auch nur um ein Jota, wenn jetzt, dem Beispiel Deuschlands fold end, alle Lander die Zahl ihrer Schiffe um einen bestimmten Prozentsatz vermehren? wenn Deutschland in Zukunft 200, Frankreich 400, 1 8 600 und England 1000 Kriegsschiffe besitzt

Die Machtverhältnisse bleiben dieselben. Es fragt sich nur, welches Reich infolge der ewigen Rüstungen zu Wasser und zu Lande am ersten bankerott ist.

Vom Friedens⸗Zaren.

Der finnische Landtag wurde am Sonnabend mit Verlesung einer kaiserlichen Thronrede er öffnet. Die Thronrede behandelt verschiedene lokale Verhältnisse des Großfürstentums Finn⸗ land und erklärt sodann:

Auslassungen, welche nicht mit obigen (lokalen) Fragen in Verbindung stehen oder welche Fragen von allgemeinem Reichsinteresse betreffen, dürfen auf dem Landtage nichtzur Verhandlung kommen. Aus⸗ lassungen dieser Art sind auf dem letzten Land⸗ tage zu Worte gekommen und haben in der Bevölkerung ein drückendes und ungegründetes Gefühl der Unruhe erweckt. Eine Wie der holung dieses Vorgangs wird Zweifel her vorrufen, ob die Instution der Stände mit den jetzigen Verhältnissen vereinbar sei. Gott um Segen für Eure Arbeit anflehend, erläre ich hiermit den Landtag für eröffnet.

Nikolai. Das war die offene Androhung der Besei⸗ tigung aller Selbstverwaltungsrechte, die Nikolais Vorfahren den Finnen feierlich zu eschworen hatten. Da die finnische Bevölkerung sic ihre alten Rechte nicht rauben lassen will,

da die Empörung gegen die russischen Gewalt⸗ maßnahmen auch im Landtag zum Ausdruck kam, droht derFriedenszar mit Beseitigung der finnischen Verfassung.

Bekanntlich hat erst kürzlich Liebermann von Sonnenberg, der abgedankte Antisemitenoberst, von Rußland gesagt, dasselbe diene einer großen Kulturmission! DieseKulturmission be⸗ steht darin, die eignen Landeskinder stramm unter der Knute zu halten, andere Länder zu unter⸗ jochen und zu knechten, wie das Vorgehen in Finnland ja deutlich genug zeigt. Das gefällt eben anscheinend gerade den Antisemiten.

[Döring& Wehlau.

Zu dem vom Bundesrat befohlenen Jahr⸗ hundertwechsel und später zu Kaisers Geburts⸗ tag war von vielen Seiten eine allgemeine Amnestie(Straferlaß) erwartet worden für alle Bestrafungen bis zu 6 Monaten. Wir teilten diese Hoffnungen nicht und haben Recht behalten. Umsomehr dürften folgende Nachrichten inter⸗ essieren:

Köln. Leutnant Döring, der am Pfingst montag den Studenten Klövekorn im Duell tötete und damals zu jähriger Festungs⸗ haft verurteilt wurde, ist vom Kaiser be⸗ gnadigt worden. Döring soll, nachdem er sechs Monate seiner Strafe verbüßt hat, in ein anderes Regiment versetzt werden.

Berlin. Der Gerichts-Assessor Karl Wehlan, Oberleutnant der Reserve, ist dem Amtsgericht in Landsberg a. d. Warthe zur unentgeltlichen Beschäftigung überwiesen.

Wer ist Herr Wehlan? Er war im Jahre 1893 der Mitregent des Kanzlers von Kamerun, Leists, des Weiberpeitschers, der die Frauen der schwarzen Soldaten mit Flußpferdpeitschen vor der Männer Augen züchtigen ließ.

In Wehlans Prozeß vor der Disziplinar⸗ kammer in Potsdam im Januar 1896 wurde festgestellt, daß er während seiner Thätig keit als Reichsbeamter in Kamerun eine große Reihe Grausamkeiten verübt hat. Er hat Kriegsgefangene, Frauen, Greise, Kinder verwundet, halbverschmachtet, zer⸗ schlagen und geschunden mit Kolbenstößen gelandet und in Ketten ins Gefängnis ge bracht. Drei davon starben vor Hunger am Fuße des deutschen Flaggmastes.

Andere Gefangene wurden tagelang in der Gluthitze auf dem Schiffe an die Reelings der⸗ artig festgeschnürt, daß sich in die blutrünstigen, aufgeschwollenen Glieder Wür mer einnisteten.

Als die Gefangenen, die tegelang ohne Nahrung waren, dem Verschmachten nahe waren, wurden sie wie wilde Tiere niedergeschossen.

Das Urteil gegen Wehlan lautete auf schuldig des Dienstvergehens: Er wurde zur Versetzung in ein anderes Amt in gleichem Range, ferner zu 500 Mk. Geldstrafe und Tragung der Kosten verurteilt.

Vier Jahre hat man nichts von Assessor Wehlan gehört. Jetzt wird er Recht sprechen in Deutschland.

Zweierlei Behandlung.

Wenn es Arbeiter gewesen wären, hätten wir mit der blanken Waffe dazwischen gehauen, aber es waren Studenten und deshalb nahmen wir mehr Rücksicht. So ließ sich vor dem Schöffengericht in Halle a. S. nach unserem dortigen Parteiblatt ein Polizeisergeant in einer Strafsache gegen vier Herren aus der besseren Gesellschaft vernehmen. Klarer und deutlicher kann allerdings die Polizeigewalt, wenn der Ausspruch wirklich so fiel, der Ar beiterschaft gegenüber aus dem Munde eines Polizeibeamten nicht gekennzeichnet werden. Aber wehe dem Redakteur, der in der Presse, oder dem Redner, der da in der Versammlung behauptet, die Polizei verfahre parteiisch; er würde sicher dem Staatsanwalt in die Hände fallen und dafür büßen müssen.

Die beiden Tirpitz.

In der Begründung der neuen Flotten⸗ vorlage(von 1900) schildert Herr Tirpitz die Unzulänglichkeit der jetzigen Flotte also!

Im Kriege mit einer erheblich über- legenen Seemacht wird die im Flotten gesetz

(von 1897) vorgesehene Schlachtflotte eine Blockade erschweren, namentlich im ersten Stadium des Kriegs, aber niemals verhindern können. Es wird stets nur eine Frage der Zeit sein, daß sie niedergekämpft oder nach erheblicher Schwächung im eignen Hafen ein⸗ geschlossen ist. Sobald dies der Fall, laßt sich kein Großstgat leichter von jeglichem nennenswerten Seeverkehr sowohl der eignen Schiffe als auch der Schiffe neutraler Mächte abschließen, als Deutschland. Es bedarf dazu nicht der Blockierung langer Küstenstrecken, sondern nur der Blockade der wenigen großen Seehäfen.

Ein Bild des Jammers und des Schreckens!

Aber am 6. Dezember 1897 bei der ersten Beratung des jetzt als völlig unzureichend ge⸗ schilderten Flottengesetzes sagt derselbe Herr Tirpitz:

Wenn wir eine Flotte haben werden, die dieser Stärke entspricht(die Stärke des jetzigen Flottengesetzes), dann schaffen Sie Deutschland eine Seemacht, gegen die offen⸗ siv an unseren Küsten vorzugehen selbst eine Seemacht ersten Rangs sich drei⸗ mal bedenken würde.(Hört, hört!) Sie schaffen eine Flotte, meine Herren, welche ein erhebliches Gewicht zur Sicherung des Friedens in die Wagschale werfen kann... In einigen Jahren wird jedenfalls ein Herr

Tirpitz Nr. 3 uns erzählen, daß auch die neue Flotte, die Tirpitz Nr. 2 jetzt verlangt, nichts taugt und daß wir eine noch neuere Flotte haben müssen. Wie's trefft!

Wer soll's zahlen?

Naive Schwärmer, zu denen auch die Na⸗ tionalsozialen gehören, hatten angeregt, die Kosten für die Weltmachtflotte auf dem Wege einer Reichs⸗Erbschaftssteuer aufzubringen. Na⸗ türlich findet Krupps Blatt den Vorschlag kindisch, wie es überhaupt eineungeheuer⸗ liche Idee sei, die Kosten zur Verteidigung des Vaterlandes auf die Besitzenden abzuwälzen.

In Wahrheit, der Gipfel der Ungerechtig keit, wo doch schon der ganze Profit an der Vaterlandsverteidigung auf die Besitzen den abgewälzt wird. Wie sollen sie da noch die Kosten tragen können. Für einen vernünftigen Menschen kann gar kein Zweifel mehr darüber bestehen, wer die Kosten für die Wasserpolitik aufbringen muß: das arbeitende Volk.

Der Welthandel Deutschlands beträgt rund 10 Milliarden Mark. Die Ein⸗ fuhr betrug 1899 3496 Millionen Mark gegen 5440 Millionen Mark und 4865 in den beiden Vorjahren; die Ausfuhr betrug 4152 Mill. Mark gegen 4011 Millionen und 3786 Mill. Mark. Die Einfuhr stieg 1899 im Verhältnis zu 1898 um 56 Millionen Mark, die Ausfuhr um 141 Millionen Mark. Wenn wir durch die Annahme der neuen Flottenvorlage erst besser in den Stand gesetzt sind, überall herum⸗ krakehlen zu können, wird der Welthandel bald nachlassen.

Dunkel ist der Rede Sinn.

Gelegentlich der Kaisersgeburtstagsfeier im Reichstag hielt der Präsident v. Ballestrem eine Rede, uber die wie folgt berichtet wird:

Der Kaiser benutzt irgend eine Gelegenheit, um sich über die Stellung, die er zu einer Frage einnimmt, öffentlich auszusprechen, er richtet eine geistige Standarte auf, die man von weitem sieht. Meine Herren, nach meiner

Ansicht richtet er sie nicht zu dem Zweck

auf, daß man sich still und stumm dabei vorbeidrücke, sondern er richtet sie auf, damit sie beachtet, erwogen und be⸗ sprochen wird von allen denen, die es an⸗ geht, vor allem von den Vertretern des deutschen Volkes. Der Kaiser hat seine Zeit verstanden, er hat gesagt: Ich lebe in der Zeit der Oeffentlichkeit und Mündlichkeit, uud ich will auch kein sogenannter konstitutio⸗ neller Monarch sein, der da herrscht und nicht regiert. Ich glaube, das würde unserm herrlichen Kaiser nicht zusagen, wenn man ihm diese Rolle zuteilte. Deshalb ist er

überall hervorgetreten und hat die große