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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 23.

Anterhaltungsteil.

Wappenspruch.

Wer heucheln kann und schmeicheln, Nicht fragt, warum und wie, Den werden Alle streicheln Ob seiner Bonhomie.

Wer aber wahr und offen (Sie sagen: unverschämt), Der wird vom Bann getroffen, Geüchtet und verfehmt.

Das scheue Schweifgewedel, Mir ist es eitel Luft. Den Edlen nenn ich edel, Den Schlechten nenn ich Schuft.

Kommt an! Ich steh und habe Ans Schwert die Hand gepreßt Und halte bis zum Grabe Am Freiheitsbanner fest.

St. v. d. March.

In Fesseln.

3] Novelle von Elise Schweichel.

Das ist ein falscher Schluß, sagte Johanna ruhig, während sie dem Bruder den Ueberrock anziehen half und ihm Hut und Steck reichte. Wann sollte ich wohl ein Buch vornehmen, und was würde aus uns werden, wenn ich's thäte? N

Sie hatte es kaum gesagt, so bereute sie es auch. Julius' Gesicht verzerrte sich krampfhaft, und den Arm der Schwester, den er schon er griffen, loslassend, und sich fest auf seinen Stock stützend, keuchte er:Das soll wohl heißen, daß ich ein Tagedieb bin, daß ich nicht genug ver diene

Aber, bester Julius, ich bitte Dich, welche Anwandlung! suchte Johanna ihn zu begütigen. Kannst Du etwa an meiner Statt kochen und flicken? Nun siehst Du, wie ungerecht Du bist und wie unnütz Du Dich aufregst. Komm, komm, die Abendröte verglüht und die Luft wird kalt. Ich habe Dir auch noch etwas zu erzählen.

Julius folgte willig wie ein Kind, als die Schwester jetzt seinen Arm unter den ihrigen nahm und ihn hinausführte.

Als sie aus ihrer Wohnung in den Haus⸗ flur traten, huschte ein weibliches Wesen vor ihnen her, das sich leicht wie ein Vogel auf die Brüstung des offenen Flurfensters schwang und, dessen Kreuz umfassend, sich rücklings weit hinaus⸗ bog, so daß Kopf und Brust dem Blick ent⸗ schwanden.

Im Nu war Johanna an dem Fenster, die Waghalsige umfassend und zurückziehend, die, aus vollem Halse lachend, sich Johannas Armen willig überließ. Als Julius, ebenfalls ersch reckt, heran- kam, stand sie, immer noch lachend, bereits auf ihren Füßen.

Es war das feltsamste Persönchen, welches man sehen konnte. Sie mochte etwa siebzehn⸗ jährig sein und sah auf den ersten Blick wie ein verkleideter Knabe aus. Dazu hatte sie was Fremdartiges. Worin dies lag, darüber konnte man sich nicht sogleich Rechenschaft geben. In seinen Einzelheiten betrachtet, war das runde, von der Farbe der Gesundheit strahlende Gesicht nit dem kecken Näschen und dem schwellenden, purpurroten Munde, der nur zum Lachen schien, end dabei zwei Reihen der zierlichsten Zähnchen enthüllte, ein durchaus deutsches. Das Fremd⸗ artige mußte, wie Johanna meinte, in den Augen liegen, die vom tiessten, glänzenden Schwarz, wie Feuerfliegen hin⸗ und herhuschten, während ihr mandelförmiger Schnitt ihnen etwas Müdes sast Schläfriges gab. Das Haar trug die Kleine kurz geschnitten und in dicken natürlichen Locken wirr um den Kopf hängend, was den Eindruck des Knabenhasten noch verstärkte. In⸗ dessen wieder sprachen diesem die schon völlig ent⸗ wickelten weiblichen Formen der kleinen Gestalt, und als das Mädchen jetzt vor den Geschwistern

stehend, mit den zierlichen braunen Fingerchen an dem Ledergürtel nestelte, der die Blousentaille ihres erdbeerroten Kattunkleides zusammenhielt, da schaute ihr der koketie Schalk aus allen Poren.

Aber, mein liebes Kind, was soll das be deuten? Wie leicht hätten Sie hinunterstürzen können! sagte Johanna in freundlich verweisendem Tone.Sie haben uns sehr erschreckt. b

Das wollte ich ja eben! rief das zierliche Geschöpf mit koboldartigem Lachen und klatschte in die Hände.

Sie wollten das! Es ist nicht hübsch, Leute absichtlich zu erschrecken.

Ich that es ja nur, um Ihre Bekantschaft zu machen, schmollte das Mädchen.Ich wün schte es mir so sehr und wußte nicht, wie ich es anders anstellen sollte. Ich wollte so gern mal einen Schriftsteller in der Nähe sehen, setzte sie hinzu, indem sie blitzschnell nach Julius und dann auf die Spitzen ihrer mit ziemlich ver⸗ tragenen Schuhen bekleideten Füßchen schaute.

Julius wurde mehr und mehr interessiert.

Warum kamen Sie denn nicht geradewegs zu uns, mein kleines Fräulein? fragte er.Ihr Besuch hätte uns großes Vergnügen gemacht.

Ach lieber gar! Ich hätte mich doch nicht getraut. 5

Welche Thorheit! Meinen Sie denn, ein Schriststeller verschlinge schöne Mädchen? Darf man nach Ihrem Namen fragen, und ob Sie eine Mitbewohnerin dieses Hauses sind?

Mein Gott ja, wir wohnen hier oben, und ich heiße Suschen Cham nein, ich schäme mich, es zu sagen. Es ist zu dumm, einen solchen Namen zu haben Dabei stampfte sie ärgerlich mit dem Fuße und setzte den rosigen Mund schmollend auf.

Die Geschwister sahen sich verwundert und belustigt an.

Nur Mut, sagte Johanna.Für seinen Namen kann man nichts. Also sie heißen Sus⸗

en 2 5Champagner! tönte es von den schon wieder lachenden Lippen, und es war, als ob man den Pfropfen knallen und das perlende Naß in die Luft sprühen hörte.

Champagner? Wirklich, Champagner? Ein toller Name, rief Julius.Ganz wie für Sie geschaffen.

Finden Sie? fragte Suschen mit einem koketten Seitenblick.Nun, dann gefällt er mir auch. Aber wissen Sie, eigentlich ift es gar kein Name. Sie haben meinen Großvater nur so zum Spott genannt, weil er von einem Fran⸗ zosen stammt,, der damals, Sie wissen schon, in der großen Schlacht dabei war.

Ha, ha, lachte Julius, eine interessante Herkunft! Da ähneln Sie wohl Ihrem Urgroß⸗ vater? Ein Atavismus in der schönsten Form.

Nun, Fräulein Suschen, wir sprechen uns bald wieder, machte Johanaa der Unterhaltung ein Ende.Laß uns gehen, Julius; wir haben uns schon zu lange aufgehalten.

Bruder und Schwester boten ihrer neuen Bekanntschaft zum Abschiede die Hand, in die sie kräftig einschlug, und stiegen die Treppe hinab.

Famoses, kleines Geschöpf! sagte Julius, als sie im Freien waren.Wer sie nur eigent⸗ lich ist?

Mir fällt jetzt ein, daß ich den drolligen Namen Champagner schon im Hause gehört habe, äußerte Johanna.Ich glaube, die Wäscherin auf dem Hofe heißt so; dann wird das Mädchen wohl zu dieser gehören.

Diese Verwandtschaft ist nun weniger in⸗ teressant, meinte Julius etwas ernüchtert. Aber gleichvielHans, wir müssen das reizende kleine Ding zu uns einladen. Solch einen lachen⸗ den Kobold können wir in unserer melancholischen Häuslichkeit brauchen.

Ach, die ist nicht blöde, die kommt auch ohne Einladung. Das war doch nur Redens⸗ art, wenn sie sagte, sie traute sich nicht.

Französisches Blut und dazu, Suschen Champagner! Köstlich, köstlich! Das ist eine Romanfigur, wie man sie nur abzuschreiben braucht; die muß ich studieren.

Er konnte seine Gedanken von der Begegnung

mit dem pikanten Kinde nicht losreißen, bis 9

Johanna ihnen eine andere Richtung gab.

Ich sagte dir schon, begann sie,daß ich dir noch etwas zu erzählen hätte. Eine gute Nachricht.

Nun? fragte Julius zerstreut.

Es schickte heute eine Baronesse Rappenbach zu mir in die Schule und ließ mich fragen, ob ich eine größere Stickerei, die aber Eile hätte, übernehmen wollte. Ich habe natürlich ange⸗ nommen.

Natürlich.

Morgen bin ich zu der Baronesse bestellt.

Fordere nur einen gehörigen Preis; sei nicht zu bescheiden, wie früher.

Ein Schritt, welcher auf der einsamen Land⸗ straße hinter ihnen herkam, machte die Geschwister aufhorchen.

Johannas Herz stand still; sie hatte ihn so⸗ gleich erkannt, und auch Julius schien auf der richtigen Spur, denn er schielte seine Schwester verstohlen an, um in ihren Mienen die Be⸗ stätigung seiner keineswegs freudigen Vermutung zu lesen.

Guten Abend, Kinder! sagte jetzt eine klangvolle Männerstimme dicht hinter ihnen. Macht Ihr noch so spät die Landstraße unsicher?

Anton Eberhard, denn er war es, streckte jedem eine Hand entgegen, indem er vollends gegen die Beiden herankam.

Mir scheint vielmehr, daß du sie unsicher machst. Du übersällst ja die Leute.

Aus diesen scherzhaft sein sollenden Worten llang deutlich Julius' üble Laune heraus. Anton überhörte sie geflssentlich und begann, an Jo⸗ hannas Seite weiter schreitend, sogleich zu er zählen, warum er die Geschwister in der neuen Wohnung noch nicht besucht hatte. Er wäre mehr als gewöhnlich beschäftigt, verdiene aber auch ein schönes Stück Geld. Rechte Freude hätte er aber nicht darag, wenn er die Misere seiner weniger glücklichen Kameraden in Betracht zöge.

Ja, wie kannst du dich aber auch mit denen vergleichen? fiel Julius ach selzuckend ein.Es ift doch ganz natürlich, daß der unwissende, rohe Arbeiter, der nur bestimmte mechanische Hand⸗ griffe verrichtet, nicht wie ein gebildeter, intelli⸗ genter Arbeiter bezahlt werden kann.

So sollte er wenigstens relativ so gut bezahlt werden, erwiederte Anton.Mit den mecha⸗ nischen Handgriffen, von denen du so gering⸗ schätzig sprichst, verausgabt der Mann seine Kör⸗ perkraft, und was er dafür erhält, reicht nicht hin, sie ihm wieder zu ersetzen.

Um Gotteswillen, rief Julius,bleibe mir nur mit deinen sozialistischen Tiraden vom Leibe. Du weißt, die sind mir ein Greuel. Es giebt nichts Nüchternes, Poesieloseres, als Eure Magen⸗ frage. Du kannft nicht verlangen, daß ich mich dafür begeistere.

Und doch wäre es eines Schriftstellers der Gegenwart nicht unwürdig, der wichtigsten Frage der Zeit seine Teilnahme zuzuwenden. Mich dünkt, er vor allem hätte die Aufgabe sich damit zu beschäftigen und sie von ihren idealen Ge⸗ sichtsppunkten denn sie hat entschieden auch solche poetisch darzustellen.

Ideale ideale Gesichtspunkte! höhnte Julius.

Anton beachtete es nicht.

Bift du mit Deiner neuen Arbeit schon weit vorgerückt? fragte er nach einer Weile.

Julius antwortete nicht gleich.

Nein, nicht weit, sagte er dann mürrisch.

Unsereins kann nicht nach der Elle produzieren; eine Geistesarbeit läßt sich nicht wie Maschinen zwingen.

Johanna warf Anton einen bittenden Blick zu, so daß dieser das Thema fallen ließ.

Wir müssen umkehren, sagte sie.Es wird für dich zu weit, Julius, und Anton wird doch noch unsere Wohnung sehen wollen.

Heut nicht mehr, versetzte dieser.Ich komme in den nächsten Tagen heraus. Aber nun müssen Sie mir noch etwas von sich erzählen, Fräulein Johanna.

sehr fleißig?

Was machen Sie? Immer

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