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Nr. 23. bringen.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 5.
Aber sie begnügten sich nicht bloß mit diesem groben Unfug, sondern sie verübten auch schwere Verbrechen. Einen Buchbinder schlugen sie ohne allen Grund, daß er die Flucht ergreifen mußte. Als morgens gegen 3 Uhr ein Trupp Frankfurter Herren mit einigen Damen die Schneise zwischen Oberschweinsstiege und Schieß⸗ stände passierte, fielen die rohen Gesellen über die Gesellschaft her und mißhandelten sie so, daß sie ebeafalls die Flucht ergreifen mußte. Einem der Herren rissen sie seine Braut vom Arme weg, schleppten sie in das Gebüsch, wo sie von acht der Burschen vergewaltigt wurde. Um das Mädchen am Schreien zu hindern, hielt ener nach dem andern ihr den Mund zu. Nach verübter Schandthat nahmen die Buben ihrem Opfer noch das Portemonnaie und die Ringe. Die Ueberfallenen verständigten hierauf den Niederräder Gendarm dem es dann gelang, den ersten der Sittlichkeitsverbrecher noch im Walde zu verhaften. Im Laufe des Tages wurden noch die acht Hauptverbrecher, am andern Tage noch einige ihrer Complizen verhaftet und nach Frankfurt in das Untersuchungsgefängnis gebracht, wo sich jetzt im Ganzen elf dieser ge- meinen Burschen befinden. Sie sind sämmtlich aus Niederrad und sollen Söhne achtbarer Eltern sein. Eine exemplarische Bestrafung steht ihnen bevor. Zum Mord in Konitz.
Die Aufsehen erregende Mordaffaire bekommt
jetzt auf einmal ein anderes Aussehen. Nach
einem Privattelegramm der„Volksztg.“ wurden
in Konitz der Fleischermeister Hoffmann und Tochter wegen dringenden Verdachts der Thäter⸗ schaft verhaftet. Der ermordete Winter soll an⸗
geblich mit der Tochter geschlechtlich verkehrt
haben und vom Vater dabei überrascht worden
sein. Hoffmann soll Winter erschlagen und die
Leiche beseitigt haben. Die Tochter bestreitet alles. Hiermit würde in einem gewissen Zu⸗ sammenhang stehen, daß die Untersuchung der Leichenteile des Ermordeten Anhaltspunkte er⸗ geben haben sollen, die auf Letzteren in sittlicher Beziehung gerade nicht das beste Licht werfen würden. Hoffmann wurde jedoch wieder aus der Haft entlassen, obwohl seine Unschuld nicht klar erwiesen war. Ebenso seine Tochter. Ein fideler Pilgerzug.
Ein slovakisches Bauernmädchen in Ungarisch⸗ Hradisch hatte einen 24 jährigen Burschen auf Anerkennung der Vaterschaft ihres Kindes und Bezahlung von Alimenten verklagt. In der Klage giebt das Mädchen an, der Beklagte habe, als die Pilger, die zur Firmung nach Kremsier ge⸗ kommen waren, im Brauhaussaal übernachteten, das Kind gezeugt. Der Beklagte leuguete nicht, neben dem Mädchen gelegen zu haben, wie ja bei dieser Pilgerfahrt Männlein und Weiblein nebeneinander übernachteten. Er habe sich auch, gleich anderen Pilgern, mit seiner Nachbarin verschiedene derbe Scherze erlaubt, der Vater des Kindes sei aber nicht er, sondern ein anderer
Bauernbursche, der der andere Schlafnachbar des
Mädchens war. Die Klägerin mußte dies auch wirklich als möglich zugeben. Die Folge war, daß die Klage zurückgewiesen wurde, und die Klägerin wird sich nun unter den andern Pilgern den richtigen aussuchen müssen.
Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain.
W. Marburg, 31. Mai.
Partei⸗Versammlung. Eine stark be⸗ suchte Partei⸗Versammlung fand am 26. Mai im Lokale des Herrn Müller statt. Genosse Vetters⸗Gießen hielt einen beifällig aufgenommenen Vortrag:„Zum 25 jährigen Parteijubiläum“, welchem sich eine kurze Diskussion anschloß.— Die Abrechnung des Vertrauensmannes für die Zeit vom 1. November 1899 bis 31. Mai 1900 gestaltet sich folgendermaßen: Einnahme 79, 75 Mk., Ausgabe 48,69 Mk., Bestand 31,07 Mk. Be⸗ mängelt wurde der geringe Verkauf an Partei⸗ marken und wurde der Wunsch ausgedrückt, den regelmäßigen Parteibeitrag um 50 Pfg. halb⸗ ährlich zu erhöhen.— Die Abrechnung der
Kol portagekommission ergiebt für das 1. Quartal 1900 eine Einnahme von 265,70 Mk., Ausgabe 232,32 Mk., Ueberschuß 33,38 Mk. Pflicht der Parteigenossen sei es, unausgesetzt für die Werbung neuer Abonnenten für die„Mitteld. Sonntags⸗Ztg.“ thätig zu sein. Mit der Re⸗ vision der Abrechnungen wurden drei Genossen betraut.— Unter Verschiedenes wurde ein An⸗ trag eingebracht, auf die Tagesordnung der nächsten Versammlung zu setzen:„Gründung eines Wahlvereins“. Nach kurzer Debatte wurde dieser Antrag zurückgezogen und einstimmig der Antrag angenommen,„Unsere Parteiorganisation“ auf die Tagesordnung der nächsten Versammlung zu setzen.— Vom Vertrauensmanne wurde die schwache Betheiligung am Ausflug, welcher am Himmelfahrtstage stattfand, gerügt. Die Disziplin müßte vor allen Dingen in unseren Reihen hoch⸗ gehalten werden. Veranstaltete die Partei etwas, so sollten sich die Genossen auch daran be— theiligen.— Wünschenswerth wäre es, wenn die künftigen Versammlungen ebenso zahlreich besucht würden. Zeit für die Marburger Ge⸗ nossen wird es endlich auch, die Lauheit abzu⸗ streifen und mit zu raten und zu thaten, damit auch wir jederzeit gerüstet und kampfbereit da⸗ stehen.
— Einen Schatz entdeckten vor einigen Tagen einige Spaziergänger im Walde in der Nähe von Dreyers Quelle. Eingegraben in der Erde waren mehrere Flaschen Wein und Kognak, welche aus einem Hause der Ockershäuser Allee stammen sollen.
— Während der Pfingstfeiertage treffen sich die Genossinnen und Genossen am ersten Pfingstfeiertage nachmittags in Wehrda, abends bei Jesberg. Am zweiten Feiertage nachmittags von 4 Uhr ab in Bückings Garten, dortselbst findet ein kleines Preiskegeln statt.
Der Vertrauensmann.
Kleine Mitteilungen.
* Leihgestern. Vom Schlachtfeld der Arbeit. Im Gießener Braunsteinberg⸗ werk verunglückte der Zimmermann Wilhelm Ulm aus Allendorf. Er erlitt einen Beinbruch und mußte sofort nach Gießen in die Klinik verbracht werden.
** Wetzlar. Plötzlicher Tod. Von dem Bahnwärter am Neustädter Bahnübergang wurde am Dienstag Mittag der Kaufmann und Landwirt Heinr. Luy tot in seinem eigenen, führerlos heimkehrenden Wagen gefunden. Luy, der offenbar einem Schlaganfalle erlegen ist, war am Morgen mit seinem Fuhrwerk ausgefahren. Der Verstorbene genoß allgemeine Achtung.
* Marburg. Auf Anregung des Ober⸗ hessischen Lehrerbundes werden an der hiesigen Universität Vorlesungen für Volksschul⸗ lehrer eingerichtet. Bisher haben sich die Professoren Natorp, von Below und Schröder zum Halten derselben bereit erklärt.
** Mainz. Zur Abhaltung des diesjährigen hier stattfindenden sozialdemokratischen Parteitags hat die Stadt Mainz dem Komitee die Stadt⸗ halle vom 16.— 23. September überlassen.
* Pfarrer gesucht! Die katholische Pfarrstelle zu Obererlenbach war mit Meldefrist bis zum 5. Mai zur Besetzung aus⸗ geschrieben. Die Hoffnung, sie werde lebhaft umworben, hat sich nicht erfüllt, denn es fand sich gar kein Liebhaber, weshalb die Kon⸗ kurrenzeröffnung im kirchlichen Amtsblatt vor einigen Tagen erneuert wurde.
* Frommer Betrüger. Der Kassierer der evangelischen Kirchengemeinde zu Kalk a. Rh. ist laut der„Köln. Vztg.“ nach Unterschlagung von 13 000 Mark Kirchengeldern geflüchtet.
Reehtssprechung.
§S Ein Streik grober Unfug. Das Register der groben Unfugsdelikte war zwar schon überaus reichhaltig und mannigfaltig, aber dem Rixdorfer Amtsanwalt Conrad ist es doch ge⸗ lungen, dasselbe um eine Glanznummer zu be⸗ reichern, iudem er den Streik selbst, eine durch das Reichsgesetz völlig legitimierte Handlung,
— als groben Unfug erklärte. Es handelte sich um die Anklage eimes Tischlers wegen Vornahme einer Streiksammlung, wobei der Amtsanwalt ausführte:„Sei ein Streik an und für sich schon ein grober Unfug, so sei es noch viel mehr das Sammeln zu Gunsten eines Streiks. Deshalb seien die Angeklagten zu einer Geldstrafe zu verurteilen. Eine öffentliche Kollekte läge zweifel⸗ los vor. Das Gericht verurteilte einen der An⸗ geklagten zu 10 Mk. Geldstrafe, sprach aber die anderen frei. Der Vorsitzende hob in der Be⸗ gründung des Urteils besonders hervor, daß das Gericht nicht mit dem Amtsanwalt in jeder Streiksammlung groben Unfug sehen könne, es gäbe manche sehr berechtigte Streiks.
Ob dem Amtsanwalt wohl der§ 152 der Gewerbeordung überhaupt bekannt war?
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Be ssiseher Landtag.
Zweite Kammer.
In der Sitzung vom 29. Mai wird zunächst eine Adresse an den Großherzog angenommen und dann in die eigentliche Tagesordnung eingetreten.
Der folgende Gegenstand, die Wahl des Abg. Leun in Gießen⸗Land giebt dem Abg. Cramer Ver⸗ anlassung, seine prinzipielle Stellung nochmals klar zu stellen und zu bemerken, daß Abg. Pennrich den gleichen Standpunkt einnehme.
Abg. Da vid, dem das Material zur Verfügung steht, bestreitet, daß das vorliegende Material zu einer Ungiltigkeitserklärung nicht ausreichend sei.
Abg. Schmeel(natl.) sucht mit juristischer Rabulistik die vom Abg. Cramer und Abg. David in Zweifel ge⸗ zogene Glaubwürdig'eit nachzuweisen. Wenn auch seine Argumente schwach sind, der Majorität genügen sie, um die Wahl für giltig zu erklären.
Die Abgg. Weidner und Wolf, sewie Graf Oriola erklären sich für die Giltigkeit, während Abg. Ulrich mit großer Schärfe für die Ungiltigkeit spricht.
Abg. Schlenger(Ztr.) ist entgegen seinem Frak⸗ tionsgenossen Pennrich für die Giltigkeit.
Abg. Weidner zieht sich einen Ordnungsruf zu, weil er den Abg. Ulrich der Unwahrheit bezichtigt, ein Schicksal, das auch der Abg. Ulrich mit ihm teilte.
Abg. Seelinger ist für die Giltigkeit.
Nach weiteren Bemerkungen der Abgg. Graf Oriol a und Ulrich empfiehlt der Berichterstatter Backes die Giltigkeit, die auch gegen 8 Stimmen ausgesprochen wurde.
Die Regierungsforderung von 50000 Mark als Bei- trag für Errichtung von Lungenheilanstalten wird nach längerer Debatte, an welcher sich die Abgg. Ulrich, Reinhardt, Molthan, Graf Oriola, sowie der Staats⸗ minister befürwortend beteiligen, angenommen.
Im weiteren Verlaufe der Sitzung werden eine Reihe von Forderungen für Um- und Erweiterungsbauten von Staatsgebäuden, u. a. für die Kliniken in Gießen und die Blindenanstalt in Friedberg genehmigt.
Die Abänderung des Gesetzes vom 7. Juli 1896, die Entschädigung für an Milz⸗ und Rauschbrand gefallener Tiere betreffend, ist, wie es scheint, nach dem Wunsche der Landwirte geschehen, und wird die Vorlage nach un⸗ wesentlicher Debatte nach den Ausschaßanträgen gut⸗ geheißen, dabei wird gleichzeitig der Betrag von 8700 Mark an Mehrforderung für Entschädigung von ge⸗ fallenen Vieh bewilligt.
Als Beitrag zur Errichtung einer Lungenheilanstalt für Frauen fordert die Regierung 50000 Mark, der Ausschuß ist für Bewilligung.
Abg. Schröder ist mit vielem„wenn“ und„aber“ gegen die Bewilligung.
Abg. Ulrich erklärt im Namen seiner Freunde, daß sie, trotzdem die Anregung zu der zu errichtenden Anstalt von der Großherzogin und nicht, wie sie wünschten, vom Staate ausgegangen sei, für eine derartige Bewilligung eintreten würden, selbst wenn der Betrag die doppelte Höhe erreichen sollte.
Staatsminister Rothe wünscht, daß die Forderung bewilligt wird und bemerkt, die Regierung hätte beabsich⸗ tigt, statt 50 000 Mk. selbst 100.000 Mk. zu gewähren.
Die Forderung wird einstimmig genehmigt.
Pafrtei⸗Hachrichten.
Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 2. Juni: Metallarbeiter abends 9 Uhr bei Orbig. Wieseck. Versammlung des Verbandes der gewerbl. Hilfsarbeiter abends 9 Uhr bei Gastwirt Hch. Keller. Heuchelheim. Arb.⸗Bild.⸗Verein abends 9 Uhr bei L. Th. Mandler. Sonntag, 3. Juni: Alsfeld. Wahlverein nachm. 2½ Uhr Mitglieder⸗ versammlung bei Gastwirt Pfeffer. Tagesordnung: 1. Aufnahme und Einzahlung; 2. Vortrag; 3. Ver⸗ schiedenes.
Dienstag, 5. Juni: Gießen. Kartellsitzung abends ¼9 Uhr bel Orbig.
Krieg in Südafrika. Der Kommandant Krause von Johannisburg übergab die Stadt an Lord Roberts. Auch von den Forts um Pretoria sind alle Truppen zu— rückgezogen. Präsident Krüger soll gefangen sein.
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