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Nr. 23.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 7.
Nachdem Johanna Auskunft gegeben, wollte das Gespräch nicht recht von der Stelle. Das Abenddunkel hatte sich herabgesenkt, nur am westlichen Horizont teilte das leichte graue Ge— wölk einen citronengelber Streifen, gegen den die flache Landschaft fast schwarz erschien. Das Quacken der Frösche auf den sumpfigen Wiesen klang in der Abendstille wie Glockengeläute. Zahllose Lichter punktierten die dunklen Häuser⸗ massen der vor ihnen aufragenden Stadt. Vor der ersten Wohnstädte derselben, Herrn Bartels Grundstück, dem neuen Heim der Geschwister, nahm Anton, der die letzte Strecke in Gedanken versunken zurückgelegt hatte, einen kurzen, hastigen Abschied.
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Johanna verbrachte eine schlaflose Nacht. Die unerwartete Begegnung mit Anton hatte ihr gan— Sie wußte längst, daß sie ihn liebte. Wieviel Anteil an dieser Liebe die Dankbarkeit hatte für Antons großmütiges Benehmen der Familie desjenigen Mannes gegen⸗ über, durch den sein Vater ruiniert und seine eigenen stolzen Zukunftspläne zerstört worden waren— wer mag es sagen? Indessen hatte sein offenes, ehrliches, energisches Wesen von jeher verwandte Saiten in ihrer Brust berührt; sie hatte stets das unbedingteste Vertrauen in ihn gesetzt und bei der Schwäche und Haltlosigkeit ihrer Umgebung dieses Vertrauen als etwas Süßes, Wohlthuendes empfunden. Als er plötzlich aller Mittel beraubt, trotz seiner tüchtigen Vorbildung ein einfacher Arbeiter hatte werden müssen und sich ohne Klage darin geschickt hatte, war der vom Jüngling zum Mann heranreifende Jugend⸗ freund immer höher in ihrer Achtung gestiegen und die Schuld ihres unglücklichen Vaters gegen ihn um so tiefer von ihr empfunden worden. Alles das hatte das Gefühl gezeitigt, welches
jetzt ihre ganze Seele ausfüllte und das sie wie ein köstliches Gut still in sich verschloß. (Fortsetzung folgt.)
Sprüche zur Lebensweisheit. Bei diesem ewigen Rüsten Wird's so bald mit uns steh'n: Ein Theil des Volks wird fechten, Der and're fechteu geh'n! 1 Glaßbrenner. Nur vorwärts frisch und frei den Blick, Darfst ihn nicht trübe senken: Dir ward beschieden Dein Geschick, Doch selber kannst Du's lenken. 1 W. Hasenclever. Die meisten tragen die Vaterlandsliebe wie ihren Rock— aus feinem, gutem Stoffe, aber haltbar erst dadurch, daß er mit einem ordinären Gewebe gefüttert ist, nämlich mit dem Hasse oder
der Geringschätzung gegen die Frem e. Münch.
Gemeinnüghiges.
Um den Branntwein schnell alt zu machen, setzt man auf je ein Liter jungen Branntwein 5—6 Tropfen Salmiakgeist zu und schüttelt stark um. In wenigen Tagen wird der Branntwein seine Härte verlieren und gerade so gut, wie abgelagertes Produkt sein. Dieser Zusatz ist der Gesundheit durchaus nicht nachteilig.
— Vorsicht! Die Zeit des Keimens der alten Kartoffeln ist wieder gekommen. Wer mit derartigen Kartoffeln jetzt zu thun hat, achte sorgfältig darauf, daß sich an den Händen keinerlei Verletzung, sie sei auch noch so un⸗ bedeutend, befindet, da sich dadurch das in den
Keimen befindliche Nachtschattengift der sonst so nützlichen Knollenfrucht auf den menschlichen Körper übertragen und zu schweren Krank- heiten, ja, zum Tode führen kann.
Humoristisches.
Versehen. In der Kirche des Zellengefängnisses zu Haftburg ift der Prediger eben zu Ende und nun soll der Gesang beginnen. Durch einen Irrtum ist der „Gemeinde“ aber eine unrichtige Seite im Gesangbuch angegeben worden, und so ertönt es im Chor der Anstaltsgenossen:
„Bis hierher hat uns Gott gebracht In seiner großen Güte.“ *
Arbeiterschutz.„Sagen Sie mal, werden wir nicht um das große Transmissionsrad drüben eine Sicherheits- vorrichtung machen lassen müssen?“—„Ach, das ist wohl nicht nötig, Herr Direktor,— die Leute sind ja alle schon in der Krankenkasse.“
Neu eingelaufene Schriften.
Besprechung wichtigerer Erscheinungen behalten wir uns vor.
Für Gewerkschaften und politische Vereine besonders angebracht erscheint der im Verlage der Buch⸗ handlung Vorwärts erschienene Führer durch das In⸗ validenversicherungsgesetz(Preis 25 Pfg.), der das Gesetz nach der Materie, nicht nach der Reihenfolge der Paragraphen behandelt. In 5 Hauptfragen, durch zahl- reiche Untertitel übersichtlich geordnet, wird der ganze Inhalt des Gesetz erklärt: J. Wer ist versichert? II. Wo ist man versichert? III. Wie erreicht man den Versicherung-Auspruch? IV. Worin besteht der durch die Versicherung erworbene Anspruch? V. Wie wird der Versicherungs⸗-Anspruch geldend gemacht? Je mehr die Versicherung⸗Gefetze praktische Bedeutung er⸗ halten und je umfangreicher sie werden, umsomehr werden für die Arbeiter solche Führer durch das Gesetz notwendig. Der Verlag teilt uns mit, daß Vereine und Gewerkschaften, die ihren Mitgliedern von Ver⸗ eins wegen diese Broschüre zugängig machen, besonders billige Berechnung erhalten.— Zu beziehen in Gie ßen bei H. Schneider Sonnenstr. 25.
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