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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 23.
den ehemaligen Preisen mit Nutzen arbeiten. Aus dem 3. Band von Marx' Kapital wissen wir, daß die Großproduzenten auf anderem Wege die Verminderung der Profitrate zu decken suchen und wissen, nämlich durch Vermehrung der Produktenmasse; daneben auch durch vermehrte Anwendung der Maschinerie. Lohnerhöhungen der Arbeiter haben also keine Schädigung der Konsumenten zur Folge, geschweige eine Schädigung der großen Masse der Bevölkerung, eine Herab⸗ minderung ihrer Lebenshaltung durch Verteue⸗ rung notwendiger Lebensmittel. Wie kann man damit nur die agrarisch⸗zünftlerische Preis⸗ treiberei von Brot, Fleisch und des übrigen Massenverbrauchs in Parallele setzen wollen? Die höheren Löhne der Proletarier muß das Großkapital tragen, das immer noch enorme Profite einsackt, es sind etliche Tropfen von dem Fett des großen Kapitals. Die Verteuerung der Lebensmittelpreise dagegen durch Zölle, Vieh⸗ und Fleischsperren, Umsatz⸗ und indirekte Steuern, Oktroi, ist gemeinschädlich, belastet die gesamte konsumierende Bevölkerung, entzieht oder beschränkt ihr die notwendigsten Nahrungsmittel und Verbrauchsartikel, respektive zwingt sie zum Konsum geringerer Qualität. Doch weiter. Die Arbeitslöhne der Proletarier haben durchschnittlich einen Tiefstand, der ihnen eine menschen⸗ und kulturwürdige Lebenshaltung nicht ermög⸗ licht, sie ist unter dem normalen Niveau. Weshalb denn sonst müssen so viele Arbeiter⸗ frauen ihr Hauswesen und die Erziehung ihrer Kinder vernachlässigen und in die Fabrik gehen oder sonstige Beschäftigung suchen? Wäre der Arbeiterverdienst zur angemessenen Erhaltung der Familie ausreichend, so könnten die Arbeiter- frauen sich ausschließlich den Pflichten und Auf⸗ gaben der Hausfrau und Mutter widmen. Welch ein ganz anderes Bild bietet dagegen die Lebenshaltung derjenigen Berufsstände, in deren Interesse die Verteuerungspolitik liegt. Von der üppigen Lebenshaltung der Großgrundbesitzer, denen sie vor allem zu statten kommt, ganz abzusehen, so ist auch die Klassenlage des Mittelstandes, auch in seiner unteren Schicht, im allgemeinen immer eine recht leidliche und noch lange keine so knappe, dürstige, als die proletarische, auch wenn er zufolge der wachsenden Bedrängnis durch die Großbetriebe den Riemen enger schnallen muß und der einstige„goldene Boden“ dahin ist. — Die Kleinbauern aber, deren Klassenlage allerdings der proletarischen verzweifelt ähnlich sieht, haben ja gar keinen Nutzen von jener Ver⸗ teuerungspolitik, im Gegenteil, sie werden von ihr ebenso belastet und geschädigt wie die prole⸗ tarischen Massen, wie schon oft nachgewiesen wurde Nur eine Schwindeldemagogie macht ihnen das Gegenteil weis. „Die Lohnforderungen der Arbeiter sind somit gerecht, weil sie bezwecken, die Lebenshaltung der Arbeiterklasse auf die Höhe zu bringen, die allen Gliedern einer zivilisierten Gesellschaft gebührt, vor allem denen, die mit ihrem Fleiß allen Segen schaffen. Die Ver⸗ teuerungspolitik ist eine ausgesprochen rückläufige, der Kulturentwickelung entgegen⸗ gesetzte. Und das in zweifacher Richtung. Einmal so fern sie das Fortschreiten der Industrie und des Verkehrs auf⸗ zuhalten bezweckt und Zollschranken um die Länder errichtet, die den Austausch der Produkte erschweren und die wechselseitigen Be⸗ ziehungen der Völker trüben, sogar leicht ernst⸗ hafte Verwickelungen herbeiführen. Sodann macht sie eine der besten Wirkungen der fortschrittlichen Produktion und des ent⸗ wickelten Verkehrs großenteils illusorisch.
Der moderne internationale Verkehr verschafft uns reichlich Weizen und Korn und zahlreiche andere Bodenprodukte. Was früher, als die Bevölkerung auf die Produkte des Heimat⸗ landes angewiesen war, teuer war, besonders in schlechten Jahren, Produkte, die den unteren Klassen überhaupt unerschwinglich waren, ver⸗ billigt der entwickelte Verkehr. Da
kommen die Zöllner und erklären: Halt, das darf nicht sein, Brot und Fleisch und allerlei andere Dinge dürfen nicht billig, müssen künst⸗ lich verteuert werden, damit die großen Grund—⸗ besitzer höhere Preise erzielen!
Ebenso wirkt die Entwickelung der industriellen Produktion und des Binnenhandels auf die verschiedenen Waren verbilligend. Da kommen aber die zünft⸗ lerischen Mittelstandspolitiker— die Schakale im Gefolge der großen agrarischen Raubtiere— und erklären: Dem muß ein Riegel vorgeschoben werden, solcher Fortschritt darf den Massen keine Verbilligung der Lebensmittel und Gebrauchs⸗ artilel verschaffen. Künstlich muß der zivilisa⸗ torischen Errungenschaft begegnet werden. Die Massen sollen weiter darben und entbehren, auf daß der sogenannte„Mittelstand“ erhalten werde!
Jede Verteuerungspolitik ist reaktionär, erz⸗ reaktionär. Wohingegen alles, was der Hebung der proletarischen Klassenlage dient, eminent fortschrittlich, kulturfördernd wirkt, weil die Pro⸗ duktion um so leistungsfähiger wird, je mehr die physische, intellektuelle und moralische Qualität der Arbeiter sich hebt
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Politische Rundschau.
Gießen, 1. Juni.
Die Lex Heinze oder richtiger gesigt, das, was davon noch übrig geblieben ist, nämlich der„Verständigungsantrag“ Hompesch, wird voraussichtlich von der Regie⸗ rung, die ihre Stellung dem Antrage gegenüber während der Reichstagsverhandlungen mit keinem Worte verraten hatte, angenommen werden. — In diesem langen und hartnäckigen Kampfe gegen Volksverdummung und Muckerei sind also die Licht⸗ und Freiheitsfreunde Sieger geblieben. Auf diesen Erfolg kann die Sozialdemokratie in erster Linie stolz sein, unter deren Führung den Finsterlingen diese empfindliche Nieder- lage beigebracht wurde. Das Zentrum, welches so anmaßend sich gebärdete, es ist von der Sozialdemokratie geschlagen worden. Von einem Teil seiner Presse wird dies auch zugegeben; ein anderer Teil hingegen sucht diesen Ausgang des Kaupfes zu einem Sieg der Pfaffenpartei umzulügen. Lassen wir ihm das Vergnügen! Schließen wir uns aber ganz dem an, was unser Genosse Heine in oer Berliner Ver⸗ sammlung des Goethebundes aussprach, nämlich, daß der Kampf gegen den Heinzegeist und die e ununterbrochen fortgesetzt werden müsse!
Blamierter Heinzemann.
Im Kampfe gegen alles, was„ohne unzüchtig zu sein, das Schamgefühl gröblich verletzt“, hat sich neben seinem Parteigenossen Roeren der Herr Gröber, Zentrumzabg. für Ehingen⸗ Laupheim(Württemberg), besonders hervor⸗ gethan. Derselbe Herr hat aber, wie die„Frkf. Ztg.“ feststellte, im Jahre 1892 den katholischen Pfarrer Fridolin Knittel, welcher mit einer noch nicht vierzehn Jahre alten Schülerin wiederholt unzüchtige Hand⸗ lungen vorgenommen hatte, der gerechten Be⸗ strafung entzogen. Knittel war nämlich nach der Schweiz geflüchtet und das württembergische Ministerium verlangte seine Auslieferung. Da⸗ gegen erhob K. Einspruch, gestützt auf ein Rechts⸗ gutachten des Reichstagsabgeordneten und Landrichters Gröber, welches aus⸗ führte, daß die im Haftbefehl bezeichneten Straf⸗ thaten nicht solche seien, auf die sich der Aus⸗ lieferungsvertrag beziehe. Dadurch war denn auch der Schützling Gröbers gerettet; seine Aus⸗ lieferung wurde verweigert. Ganz richtig sagte die„Frkf. Ztg.“ dazu:
„Derselbe Mann, der jetzt eifrigst Straf⸗ paragraphen gegen diejenigen befürwortet, die durch die Darstellung des Nackten angeblich die Sittlichkeit gefährden, derselbe Mann hat seinen juristischen Scharfsinn angewendet, um einen schamlosen Pfaffen vor der drohenden Auslieferung und der nachfolgenden
Strafe zu retten! Herr Gröber entsetzt sich vor dem Schaufenster, in dem ein Paar unbekleidete Figuren stehen, und will den Schau⸗ steller bestraft wissen, aber dem geistlichen Wüstling, der sich an einem unschul⸗ digen Kind vergreift, dem hat er freundschaftlich geholfen, sich der Verfolgung zu entziehen!“
Und dies that Herr Gröber nicht etwa als Rechtsbeistand, sondern als Richter im Dienste des Staaies, der die Auslieferung verlangte!
Pensionierte Offiziere.
Seit dem 1. April wurden in der deutschen Armee pensioniert: 2 Generallieutenants, 5 Ge⸗ neralleutnants, 5 Generalmajors, 16 Oberste, 2 Oberstleutnants, 31 Majore, 49 Hauptleute, 6 Oberleutnants, 7 Leutnants. In Summa 118 Offiziere. Kosten pro Jahr zirka 425 000 Mark. Ferner wurden ohne Pension ver⸗ abschiedet 1 preußischer Oberleutnant und 1 preußischer Leutnant. Ausgeschieden sind 2 preußische Oberleutnants, 11 preußische und 2 sächsische Leutnants. Der Gesamtabgang an Offizieren beträgt somit in den letzten Wochen 135. Und das Volk zahlt die Kosten.
„Hungerlöhne“.
Von den 394 Personen, die im Königreich Sachsen ein steuerpflichtiges Jahreseinkommen von über 100 000 Mark haben, entfallen nicht weniger als 120 auf die Stadt Leipzig; einer befindet sich darunter mit 495000 Mark Jahreseinkommen; 7 weitere Personen haben über 300 000 Mark jährlich zu verzehren; 13 haben zwischen 200 000 bis 300 000 Mk. während sich 62 Personen mit jährlich 100 000 bis 200 000 Mk. begnügen müssen. Dann kommen die„ganz Armen“, von denen 208 Personen nur 50 000 bis 100 000 Mk. Jahres⸗ einnahme verzeichnen konnten. Das Gesamt⸗ einkommen dieser 294 reichsten Steuerzahler Leipzigs bezifferte sich auf 31191429 Mk. Diese Leute sind mit der„göttlichen Weltord⸗ nung“ ganz zufrieden und verurteilen die Be⸗ gehrlichkeit und Genußsucht der Arbeiter, wenn letztere sich bemühen, ihren kärglichen Lohn um einige Pfennige zu steigern. Mit diesen horrenden Einkommen vergleiche man die Weberlöhne, wie sie in einer Textilarbeiterversammlung in Memmingen(Bayern) festgestellt wurden. Darnach verdiente ein Weber in zehn Tagen, 2,20 Mk., ein anderer in zehn Tagen 3 Mk., ein dritter 5,70 Mk., also täglich nur wenige Pfennige! Dort Ueberfluß bei Nichtsthun, hier bitteres Elend bei fleißiger Arbeit— und das wird uns als„göttliche Weltordnung“ von Pfaffen aller Sorten vorgestellt.
Feinde der Krankenkassen.
Schon in Nr. 14 der„M. S.⸗Ztg.“ wiesen wir in einem Artikel unter dieser Ueberschrift auf die Verdächtigungen hin, welche gegen die Verwaltungen der Ortskrankenkassen, namentlich gegen solche, bei denen unsere Ge⸗ nossen beteiligt sind, von gegnerischer Seite vor⸗ gebracht werden und deren Zweck darauf hinaus⸗ läuft, den Einfluß der Arbeiter auf die Kassen⸗ verwaltung zu brechen. Dieser edle Zweck tritt denn auch in der Aeußerung eines hohen preu⸗ ßischen Beamten über die kommende Gesetzes⸗ vorlage unverhüllt hervor. Im preußischen Ver⸗ waltungsblatt schreibt derselbe nämlich:
„Bei der Regelung des Aerztewesens dürfte in weitgehendster Weise den Wünschen der Aerzte Rechnung getragen werden, zumal durch die vorgeschlagene andere Organisation der Kassen die Verhältnisse eine andere Gestalt annehmen. Diese neue Organisation soll fol⸗ gende sein: Für den Bezirk einer Gemeinde wird nur eine Ortskrankenkasse errichtet, der alle im Bezirke der Kasse beschäftigten ver⸗ sicherungspflichtigen Personen angehören müssen. Die Betriebs⸗, Innungs⸗ und Bau⸗Kranken⸗ kassen sind daneben gestattet. Arbeitgeber und Arbeitnehmer zahlen die Beiträge zu gleichen Teilen und haben in der Generalversammlung das gleiche Stimmrecht. Die Verwaltung der Ortskrankenkasse wird an die
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