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Nr. 23.
Gießen, Sonntag, den 3. Juni 1900. 7. Jahrg. Redaktion: Redaktionsschluß Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.
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as Pfingstfest kam in voller Pracht,
Die Glocken klangen hell und klar,
Da hab' ich darüber nachgedacht, Wie's wohl am ersten Pfingstfest war.
So war's. Die Nacht der Reaktion Lag auf Judäas Gauen schwer. Ermordet war der Meister schon, Zerstreut der Jünger kleines Heer. Ermordet war der Meister,— ja, Durch einen feilen Richterspruch.
Ob niemand seine Schuld auch sah, Er brachte Licht, das war genung.
An Gründen fehlt's dem Wolfe nicht, Lechzt nach des Lammes Blute er, Man log mit erustem Angesicht: „Den Staat zerstört die neue Lehr', Der will der Juden König sein!
Den Aufruhr trägt er in das Land! Wir müssen ihn dem Tode weihn, Bevor entfacht der Weltenbrand.“
Und Jesus fprach:„Nicht im Gefecht, Nur durch die Wahrheit, durch die Lieb'
Wollt' ich befreien dies Geschlecht“, Doch taub das Ohr der Henker blieb. Die Wahrheit— uubequemes Ding!
Die Menscheulieb'— gefährlich Wort!
Pfingsten.
Das Volk die Lehre froh empfing, Darum vollzogen ward der Mord. Es ward' des Volkes heil'ges Recht Ertränkt in seines Führers Blut, Nun blähte sich der Lauzenknecht, Nun jubelte die Pfaffenbrut,
Nun ward sie frech, die Reaktion, Nun trat sie schamlos an den Tag, Und die erschreckten Jünger floh'n
Ju ein verborgenes Gemach.
Das Volk da draußen dumpf und still, Die Führer wie das Wild gehetzt— Wer ist es, der nicht meinen will,
Tot sei die neue Lehre jetzt?
Und war sie tot, als dies geschah? Erlag sie all dem Leid und Weh? Ein Mensch verschied auf Golgatha, Aus scinem Grab stieg die Idee! Sie spottete der Reaktion,
Unsichtbar schritt sie durch das Land, Ermutigend die Jünger schon
In ihrem heimlichen Verband.
Und immer heller ward die Glut, Und immer weiter ward es kund, Und immer größer ward der Mut, Und immer fester ward der Bund—
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Bis flammende Begeisterung
Das ahnungsvolle Schweigen brach, Und Worte der Verkündigung
Zu allen Völkern zündend sprach.
Da hielt kein Schwert die Massen auf, Kein Priesterfluch trieb sie vom Ort. Es scharte sich das Volk zu Hauf, Und lauschte der Apostel Wort.
Die Lehre, unverfälscht und rein,
Das Evangelium der Zeit,
Sie drang in alle Herzen ein,
Sich Kämpfer werbend für den Streit.
So kam es trotz der Reaktion,
Die auf Judäas Gauen lag,
Der Geist des Fortschritts sprach ihr Hohn,— Das war am ersten Pfingstfesttag.
Noch manche Marterwoche ging
Am Volk dahin seit jener Zeit, Und manchmal noch am Kreuze hing Die Uuschuld und die Ehrlichkeit. Doch die Erfahrung immer blieb: Ein Morgen folgt nach jeder Nacht, Und jedem Ostern, bang und trüb, Folgt eines Pfingstens lichte Pracht.
Max Kegel.
— 22 1 Zum Pfingstfeste.
Wiederum, wie seit nahezu 2000 Jahren, wird heute in allen Kirchen das Fest der Aus- gießung des heiligen Geistes über die Apostel gefeiert; auf allen Kanzeln wird dem Volke wiederum verkündet, daß dieser„christ⸗ liche“ Geist die Welt veredelt, die Sünde blesiegt, Friede, Eintracht und Nächsten⸗ liebe— im Gegensatz zu„heidnischem Wesen“ — erzeugt und gefestigt habe.
Aber die Thätigkeit und das Bestreben der „christlichen“ Nationen steht mit diesem christ⸗ lichen Geiste keineswegs im Einklange. Im Gegenteil, wohin wir blicken, Rüstungen, Verbesserung der Mord⸗ und Zer⸗ störungs werkzeuge, Eroberungen, Länderraub mit abscheulichen Greueln und Grausamkeiten. England raubt wider alles Recht einen ganzen Staat; Deutsch⸗ „pachtet“ in aller Herren Länder;
staat gemessen, der Verachtung aller zivilisierten Menschen anheimfallen. Im Innern ebenfalls Bündnisse zwischen Regierung und Ka⸗ pitalisten zur Unterdrückung und Knechtung der Arbeiter, Zuchthaus vorlagen, kleine Sozialistengesetze, beständiger Kampf gegen das Koalitionsrecht der ar⸗ beitenden Klasse— so präsentieren sich uns die auf„dem Boden des Christen⸗ tums stehenden“ Gewalthaber und ihr kapi⸗ talistischer Anhang.
Wo aber sehen wir in diesen Wirren die Kirche ihre Aufgabe erfüllen? Wo sind die
Geistlichen, die der völkerverhetzenden
und vernichtenden Thätigkeit des Kapitals mit den„Waffen des Christentums“ gegenübertreten? Von rühmlichen Ausnahmen abgesehen, steht die Kirche und ihre Vertreter vollständig auf Seite des„unchristlichen“ Ausbeutertums. Von Frieden reden sie morgens in der Kirche und nachmittags halten sie mit demselben Pathos Vorträge über Flotten⸗ vermehrung und Kolonialpolitik. Was von dieser Seite an Verhimmelung und Verherrlichung aller Kriegs⸗ un) Ge⸗ waltpolitik geleistet wird, ist nicht auf⸗ zuzählen. Noch widerlicher ist die Liebedienerei und Streberei gegenüber den Großen der Erde, auf der andern Seite gepaart mit Schimpfen und Verdächtigungen gegen alle diejenigen, die den Mißbrauch der Religion für alle Unterdrückungs⸗ und Knebe⸗ lungsversuche bekämpfen. Nicht der Geist des milden, gütigen Nazareners be⸗ seelt das moderne Christentum, nein, die heidnischen Götter Mars und Merkur, der Kriegs⸗ und der Handelsgott, sind das Symbol der Kirche.
An uns aber, den Trägern des wirklichen christlichen Geistes, der Nächstenliebe ist es, fort und fort den Kampf gegen den „unheiligen“, mammonistischen Geist der Staatskirche zu führen. Wir dürfen nicht erlahmen, immer und immer wieder auf⸗ merksam zu machen auf die jedem Fortschritt, jeder Emanzipation der Arbeiter feindlich gesinnte Kirche. Will die Kirche einseitig nur der Büttel des Kapitalismus sein, nun wohlan, dann wird die Sozialdemokratie in ihrem großen Befreiungskampfe— auch gegen die Kirche— doch kämpfen, daß einstens ein
Pfingsten kommt, an welchem alle Menschen von einem wirklichen„heiligen Geist“ erfüllt werden. Dies wird der Geist der Nächstenliebe, der Freiheit, der Gleichheit, der Brüder— lichkeit sein. Helfen wir alle, daß dieses Pfingsten bald erreicht werde.
Arbeitslohnerhöhung und Lebensmittelverteuerung.
Korn⸗ und Fleischwucherer, Zöllner und Zünftler suchen ihre reaktionäre Wirtschafts⸗ politik mit der Devise„Alles muß ver⸗ teuert sein“ durch den Hinweis auf die Kämpfe der Arbeiter um Lohnerhöhungen zu rechtfertigen. Mit den gleichen Gründen und demselben Recht wie die Arbeiter bessere Löhne, verlangen wir höhere Lebensmittelpreise, sagen sie. Die antisemitischen und sonstigen„Mittel⸗ standsretter“ können angeblich nicht verstehen, warum wir für die Hebung der Lage der Ar⸗ beiter eintreten, während wir der Land wirtschaft u. s. w. keine höheren Preise zugestehen wollten. Wir wollen ihrem Verständnis zu Hilfe kommen, indem wir zeigen, daß dieser Vergleich durchaus hinfällig ist. 5
Lohnerhöhungen der Arbeiter be⸗ wirken nicht einen Aufschlag der Produkte, son⸗ dern nur eine Verminderung des hohen Kapital⸗ profits. Denn wenn auch die Produzenten die Neigung hätten oder haben, die Steigerung der Produktionskosten durch höhere Löhne auf die Preise der Produkte zu schlagen, so wird das durch die Konkurrenz bald wieder vereitelt. Da nämlich der Kapitalprofit immer noch er⸗ klecklich ist, so können andere Betriebe auch zu
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