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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 49.

leitung unsers Leipziger Parteiorgans entwickelt Zum großen Gaudium der bürgerlichen Presse, der natürlich jede Streitigkeit in unsern Reihen Behagen verursacht, hat eine Buchdrucker ⸗Ver⸗ sammlung in Leipzig den Str eik in der Druckerei der Volkszeitung proklamirt. So erbittert wird der Kampf schon geführt, daß die Buchdrucker den Boykott über das Blatt verhängt haben und ihre Kollegen auffordern, das Blatt nicht zu abonniren, beziehungsweise das Abonnement aufzu geben! Die Ursache des Konfliktes, der nun, nachdem schon jahrelang ein gespanntes Verhältniß zwischen den Buch⸗ druckern und der Leipziger Volkszeitung bestand, zum Ausbruch kam, ist kurz folgende. Vor einiger Zeit sind im Leipziger Geschäft, wie in so mancher anderen Druckerei Setzmaschinen angeschafft worden. Dadurch wurden Leute überflüssig und es mußten Entlassungen statt⸗ finden. Nun arbeiteten dort etwa 30 Mitglieder des Verbandes der Buchdrucker und 17 der Gewerkschaft, der infolge der bekannten Streitigkeiten im Verband s. Zt. neugegründeten Buckdrucker ⸗Organisation. Zuerst entließ die Geschäftsleitung der V. Ztg. zwei Mitglieder der Letzteren, worauf zwei Verbandsmitglieder folgten. Als Entlassungsgrund sei diesen, die nicht die Jüngsten, d. h. die zuletzt im Ge⸗ schäft Eingetretenen waren, mit angegeben worden, daß sie keine Thätigkeit in der Partei entfalteten. Dagegen wendeten sich die Buchdrucker und verlangen, daß die nothwendigen Entlassungen nachAnciennität erfolgen, also zuerst die entlassen werden sollen, die zuletzt eingetreten sind. Ueber diesen Grundsatz läßt sich gewiß streiten, es sind sehr wohl Fälle möglich, in denen seine Anwendung eine Härte, Ungerechtigkeit, sogar Unmenschlichkeit bedeuten würde. Und will man einem Parteiunter⸗ nehmen verübeln, daß es Arbeiter berücksichtigt, die wegen ihrer Thätigkeit als Parteigenossen von bürgerlichen Geschäften gemaß⸗ regelt worden? Trotzdem sind wir der ren daß bei einigem Entgegenkommen von

eiden Seiten der Konflikt auf gütlichem Wege leicht gelöst werden kann un) hoffen wir, daß dies baldigst geschieht.

Wie schon bemerkt, giebt dieser häusliche Streit, der zum Theil auch mit in den Differenzen der Buchdrucker untereinander wurzelt, der bürgerlichen Presse Stoff zu Angriffen auf die Sozialdemokratie und zu höhnischen Ausfällen übersozialistische Theorie und Praxis; sie redet von Stumm schen Praktiken und so weiter. Das ist natürlich Blödsinn, denn zwischen Maß⸗ regelungen organisirter Arbeiter seitens kapitalist⸗ ischer Unternehmer und dem Vorgehen der Ge⸗ schäftsleitung derL. V.⸗Ztg. ist ein ganz gewaltiger Unterschied. Mit besonderem Ver⸗ gnügen fällt die nationalsozialeHess. Landes⸗ zeitung über den Bissen her. Ehe dieHess. Landesztg. die Sozialdemokratie verlästert, sollte sie lieber erst einmal in ihrer eigenen Partei Ordnung schaffen. Mindestens sollte sie ihre Agitatoren. die für Organisation und Freiheit der Arbeiter reden, darüber belehren, daß man dann nicht bei Lohnkämpfen die Sache der Streikbrecher führen darf, wie es ihr Parteigenosse, Werk⸗ meister Bärrn, in Frankfurt gelegentlich des dortigen Schreinerstreiks gethan hat! Der⸗ selbe nationalsoziale Agitator machte sogar früher einem seiner Werkmeister⸗Kollegen Vorhalte, weil er einen bekannten Sozialdemokraten als Arbeiter eingestellt hatte. Wende sich also die Marburgerin mit ihren Schulmeistereien an die ihr gewiß be⸗ kannte Adresse!

Von Nah und Fern.

Gießener Angelegenheiten.

Im Sozialdemokr. Wahl verein sprach am Samstag in gut besuchter Versamm⸗ lung Gen. Vetters über die Entwickelung un⸗ serer Partei in den letzten 25 Jahren. An der Hand der Auer'schen SchriftVon Gotha bis Wyden schilderte er die Kämpfe und Verfolg⸗ ungen, die die deutsche sozialistische Arbeiter⸗

bewegung durchfechten mußte, um zu der heut⸗

igen Stärke zu gelangen. Ueberblicke man aber, was trotz der entgegenstehenden ungeheueren Schwierigkeiten von den Arbeitern geleistet wor⸗ den sei, müsse uns das zu weiterer emsiger Ar- beit anspornen und in sicherer Erwartung des endlichen Sieges hoffnungsfreudig in die Zu⸗ kunft blicken lassen! Im Weiteren wurden die Reichstagsverhandlungen über die China⸗ politik, namentlich die Haltung der bürgerlichen Parteien in dieser Frage besprochen. Hierbei be⸗ mängelte Genosse Krumm die Bemerkung der M. S.⸗Ztg. über die Frankfurter Stadtverord⸗ netenwahl, nach seiner Ansicht wären die Frank⸗ furter Genossen durchaus richtig verfahren. Ge⸗ nosse Vetters kann sich mit dem Vorgehen der Frankfurter nicht befreunden.(Siehe den heut⸗ igen Artikel darüber.) Ferner wurde angeregt, erläuternde Vorträge über klassische Theater⸗ stücke, wenn solche in den Volks vorstel⸗ lungen gegeben werden, zu arrangiren. Sollte sich dies nicht in größerer Oeffentlichkeit er⸗ möglichen lassen, müsse wenigstens innerhalb des Vereins das Nöthigste gethan werden. Bei der Aufführung von LessingsNathan der Weise habe sich gezeigt, daß ein großer Theil des Publikums kein Verständniß für die herr⸗ liche Dichtung habe. Genosse Krumm erklärt sich bereit, einen Vortrag über Heinrich Heine zu halten.

Städtischer Kohlen verkauf. Nach einer Bekanntmachung der Bürgermeisteramtes findet die Kohlenabgabe im Hospitalhofe, Sel⸗ tersweg 11, täglich von Morgens 11 Uhr bis Nachmittags 1 Uhr in Mengen von nicht unter einem und nicht über fünf Zentnern an Fa⸗ milien, deren Einkommen nicht über 1500 Mark beträgt, statt. Wer Kohlen beziehen will, muß sich einmalig eine Bescheinigung auf der Bür⸗ germeisterei ausstellen lassen. Vorläufig stehen 2000 Zentner zur Verfügung. Weiterver⸗ kauf ist untersagt. Preis 1,15 und 1,25. Mark.

z. Ortskrankenkasse.(ECingesandt.) Herr Bauunternehmer Winn hatte bekanntlich, als er noch Vorsitzender der Ortskrankenkasse war, in dieser Eigenschaft Werthpapiere ange- kauft, bei deren Wiederverkauf die Kasse einen Verlust von etwa 800 Mark erlitt. Da er bei Ankauf dieser Papiere den Gesammtvorstand nicht befragt hatte, machte der neue Vorstand Herrn Winn für den Schaden verantwortlich und beschloß, von ihm Ersatz zu fordern. Seit Langem aber hört man nichts mehr davon, auch in der letzten Generalversammlung wurde nichts davon erwähnt. Ueber die Ersatzpflicht des Hrn. W. kann man gewiß verschiedener Meinung sein, immerhin sollte über den Stand der Angelegen⸗ heit der Generalversammlung Mittheilung ge- macht werden. 1

Parteigenossen! Der schon längstz erwartete Landkalender ist nun endlich einge⸗ troffen und harrt der Verbreitung. Mögen sith deshalb, um letztere prompt zu erledigen, die Genossen in möglichst großer Zahl zur Ver- fügung stellen! Auch an die Freunde auf dem Lande ergeht die Mahnung, hierbei mitzuwirken und ohne daß die Kalender verschleudert wer⸗ den, für deren weiteste und zweckmäßigste Ver⸗ breitung zu sorgen.

Aus Wetzlar.

* Schöffengericht. Wegen Vornahme einer öffentlichen Kollekte ohne behörd⸗ liche Genehmigung hatte sich Genosse Vetters am Freitag vor dem Schöffengericht in Wetzlar zu verantworten. Dieser Uebertretung soll er sich in einer Versammlung in Gleiberg, die am 23. September stattfand, dadurch schuldig gemacht haben, daß er, nachdem mehrere Ver⸗ sammlungsbesucher beim Verlassen des Lokals Geldstücke zur Deckung der Tageskosten auf den Tisch niederlegten, einen Teller aufstellen ließ. Er erhielt deswegen einen auf 6 Mk. lautenden Strafbefehl, gegen den er Widerspruch erhob. In der Verhandlung führte er aus, diese Teller⸗ sammlung sei keine öffentliche Kollekte im Sinne der angezogenen Verordnung, sie habe sich nur auf einen begrenzten Personenkreis erstreckt, auch sei nicht die geringste Aufforderung zur Bei⸗ tragsleistung ergangen. Das Gericht wies den Einspruch zurück und hielt den Strafbefehl auf⸗ recht. Nach Ansicht des Gerichtes liege eine öffentliche Kollekte vor. Allerdings könne man in diesem Falle über den Begriff der Oeffent⸗ lichkeit verschiedener Meinung sein.Aber Sie können ja von dem Rechtsmittel der Berufung Gebrauch machen, es soll mich freuen, wenn es dann zu ihren Gunsten ausfällt meinte der Herr Vorsitzende. Wir folgen seinem freund⸗ lichen Rathe. b ö

Aus dem Vogelsberg.

Vorigen Sonntag fanden zwei vom Kreis⸗ wahlverein veranstaltete Versammlungen in Bleichenbach und Ortenberg statt. Sie waren ziemlich gut besucht. Mit Aufmerksamkeit verfolgten die Zuhörer die Ausführungen des Genossen Vetters, der über dieWeltpolitik sprach und dabei den ganzen Chinarummel so⸗ wie die Hunnengreuel gehörig geißelte. Er wies zunächst auf den sich immer mehr verschärfenden Gegensatz zwischen der besitzenden Klasse und der großen Masse der minderbemittelten und besitz⸗ losen Bevölkerung hin und zeigte an der Hand vieler Beispiele, wie auf allen Gebieten die be⸗ sitzende Klasse ihre Herrschaft ausübt. So wie durch die Flottenvermehrung die dem Volke durch indirekte Steuern abgenommenen Milliarden den Panzerplattenfabrikanten, den Herren Krupp und Stumm als Millionenprofite in die Tasche fließen, so haben durch die Kolo⸗ nial⸗, China- und Weltmachtspolitik nur einzelne Kapitalisten Vortheile, das Volk aber wird em⸗ pfindlich geschädigt. Letzteres müsse sich deshalb aufraffen, sich mehr um die Politik und die öffentlichen Angelegenheiten bekümmern, damit von den Regierungsleuten nicht blos die Inter⸗ essen der Besitzenden wahrgenommen würden. Wie wenig sämmtliche bürgerliche Parteien die Rechte des Volkes zu wahren wissen, zeige die matte Haltung, die sie gegenüber dem ver⸗ fassungswidrigen Verhalten der Regierung in der Chinafrage einnehme. Nur die Sozial⸗ demokratie tritt, wie sie es stets gethan und thun muß, für die Sache der Minder⸗ bemittelten, Ausgebeuteten und Unterdrückten ein; jeder vernünftige Mensch müsse sich ihr an⸗ schließen, damit endlich Gerechtigkeit und Wahrheit zum Siege gelange, Freiheit und Wohlfahrt für Alle herbeigeführt werde! Mit vielem Beifall wurden die Aus⸗ führungen des Redners aufgenommen. Abends in Ortenberg brachte sogar einer der Zuhörer ein von der ganzen Versammlung begeistert auf⸗ genommenes Hoch auf denReferenten und seines Gleichen aus, das natürlich Genosse Vetters ebenso höflich als bestimmt ablehnte. Es sollte gewiß der Sache gelten! Wir können mit dem Verlaufe der Versammlungen sehr zu⸗ frieden sein. Auch die Landkalender wurden überall gut aufgenommen.

Zur Frankfurter Stadtverordnetenwahl.

Als wir in der letzten Nummer das Vorgehen der Frankfurter Genossen, welche bei der Stadt⸗ verordnetenstichwahl gegen Freisinn und Demo- kraten Stellung nahmen, als verfehlt bezeich⸗ neten, gingen wir von der Annahme aus, daß unsere Genossen sich hierüber mit den Zünft⸗ lern und sonstigen Reaktionären verständigt, sich mit diesen Elementen verbündet hätten, um die Demokraten für ihr unehrliches Verhalten gegen die Sozialdemokratie zu strafen. Diese Auffas⸗ sung lag nahe, denn der Frankfurter Freisinn nebst Demokratie haben seit Jahren unsere Partei in Sachen der Stadtverordnetenwahl in einer Weise behandelt, die die Entrüstung aller ehrlich denkenden Leute hervorrufen muß. Im⸗

mer traten die Herren in ihrer Presse und Ver⸗

sammlungen dafür ein, daß auch die Sozial⸗ demokratie als die stärkste Partei Frankfurts in der Stadtverordnetenversammlung vertreten sein müsse, doch jedesmal, wenn damit Ernst ge⸗ macht werden sollte, wußten sie es zu vereiteln. Wenn auf Grund dieser Erfahrungen unsere Genossen mit allen Mitteln die sie unterdrückende Mehrheit zu brechen suchten, war das begreiflich, trotzdem wird man ein Zusammengehen mit Parteien rechts vom Freisinn auch bei Stich- wahlen aus allgemeinen Gründen nicht billigen können. Aber unsere Genossen erhielten in diesem Falle ohne jede Aufforderung ihrerseits die Unterstützung des rebellisch gewor denen Kleinbürgerthums, das sich aus allen mög lichen Parteien, größtentheils aus verärgerten, mit der Vetternwirthschaft im Stadthause un-

zufriedenen Demokraten und Fortschrittlern zu⸗

sammensetzte. Nun mußten selbstverständlich un⸗ sere Leute diese Kandidaten ebenfalls empfehlen. Von einem sozialdemokratisch⸗zünftlerisch⸗natio⸗ nalliberalen Bündniß, von dem dieFrkf. Ztg. schrieb, ist also gar keine Rede. Mit umso grö⸗ ßerer Freude begrüßen wir deshalb den Eintritt Quarck's in das Frankfurter Stadtparlament, damit ist nun endlich einmal Bresche gelegt und wir hoffen, daß bald weitere unserer Genossen nachfolgen. Wir sind überzeugt, Quarck wird

die Interessen des Proletariats nach jeder Rich⸗

tung hin vertreten.

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