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Nr. 49.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 3.

Redner wirft dem Abg. Stöcker eine falsche Dar⸗

Rellung der ersten Bebel'schen Rede vor nnd ruft ihm zu: Sie haben entweder während meiner Rede geträumt, oder Sie sird nicht dagewesen! Jede Religion ist ihrem Wesen nach intolerant. weil sie jeden anderen Glauben ausschließt. Der Protestantismus war gerade so intole⸗ rant wie der Katholizismus, vom ersten Augenblick seines Bestehens an; kein intoleranterer Mensch als Luther, Melanchthon, Calvin! Herr Stöcker hat uns wieder Vaterlandslosigteit vorgeworfen. Gegen diesen ewig wiederholten Vorwurf sind wir allmählich abgestumpft. Auch die ersten Christen waren vaterlandslose Gesellen, und auch Ihr Gott ist ein internationaler Gott, nicht ein speziell deutscher Gott. Ich verlange nichts von Ihnen als Gerechtigkeit; urtheilen Sie auf Grund der Thatsachen, nicht Ihrer Leidenschaft! Sie sind eben nicht gewöhnt, die Wahrheit zu hören! Bebel wandte 12 dann gegen das, was Stöcker über die Pariser

ommune und die Erschiezung des Erzbischofs von Paris gesagt hatte und widerlegte es eingehend. Die bürger⸗ ichen Parteien, die sich auch noch als arbeiterfreundlich bezeichnen, vertheuern den Arbeitern die Lebensmittel! Bedcuerlich genug, daß es noch deutsche Arbeiter giebt, die für sie immen. Denen mogen die Gbtter ihre Dummheit verzeihen! Reichskanzler v. Bülow und der Kriegsminister v Goßler suchten die Ausführungen Bek els zu entkraften. Ersterer meinte, die Reden des Kaisers in Wüheshaven wären unter dem Eindruck der Nachricht von der Ermor dung aer Europäer in Peking gehalten worden. Er glaubt auch nicht, daß die Schilderungen der Hunnenbriefe auf Thatsa chen be⸗ ruhen. Aber Herr v. Bülow konnte so wenig wie der Kriegs minister, der nach ihm sprach, den gewaltigen Ein⸗ druck der Bek el'schen Anklagen verwischen. Auf die Frage Bebels, ob der Besehl gegeben worden sei, keinen Pardon zu geben, gab auch v. Goßler keine klare Antwort. Daraufhin erklärte Bebel, daß er aus dem Ausbleiben dieser Antwort schließen müsse, daß ein solcher Befehl gegeben worden sei. Damit schloß die Chinadebatte; die Voralge wurde der Ker mission überwiesen.

Samsrag kam endlich die Interpellation unserer Ge⸗ nossen wegen der 12000 Mark- Affaire zur Verhandlung. Wie schon mitgetheilt, fragten unsere Genossen den Reichskanzler, welche Maßregeln er gegen den Staats- sekretär unb den Direktor des Reichsamts des Innern wegen des an den Verbond der Judustriellen gerichteten Ersuchens um eine Geldspende zur Betreibung der Agitafion sür die Zuchthaus vorlage ergreifen wobe Mit vornehmer Sachlichkeit begründete Auer die Vorlage und wirkte dadurch um so vernichtender. Dem Eindruck seiner Rede schien sich selbst der Reichskanzler nicht ganz ent⸗ ziehen zu können. Wenigstens war ein ähnliches Urtheil aus seinen Worten herauszulcsen. Auers Rede wurde eine große Abrechnung mit der Regierungspolitik der letzten Jahre, die in sklavischer Abhängigkeit von dem Zentralverband der In dustriellen sich befand und dadurch zur unverhüllten Klassenpolitik wurde. Auer wies darauf⸗ hin, wie es sich bei der Zuchthausvorlage darum handelte, ein Ausnahmegesetz gegen die Arbeiter zu scheffen, dessen ausgesprochener Zweck es war, den Armen, den Enterbten das Koalitionsrecht zunehmen; der Aermsten einzige Waffe stumpf zu machen! Für ein solches Gesetz die Agitation zu betreiben, dazu erscheint der Direktor des Reichs amts des Innern mit dem Klingelbeutel vor der Thüre der Groß⸗ industriellen! Das ist eine sehr traurige Er⸗ scheinung! Die Scharfmacher verstehen es, zu rechter Zeit Geld aus dem Beutel zu thun. Necht um eine persönliche Bestech ung handelt es sich, sondern um Schlimmeres. Nicht ein Einzelner ist gestrauchelt, das wäre menschlich begreiflich wir haben is hier mit Ersche imumgen auf einem weiten Gebieten der Re⸗ giesung, zu thun. Redner stellt den großen Einfluß, den der Zentralverband der Industriellen auf die Regierung besitzt, fest, weist daraufhin, wie stets die Regierungsvertreter auf den Generalversammlungen des Zentralverbandes erscheinen und sich der Scharfmacher⸗ organisation zur Verfügung stellen, wahrend sie nie geit haben, der Versammlung einer Gewerkschaft beizuwohnen und wenn es sich um noch so wichtige Dinge handelt. Selbst die lauen sozial⸗ resormatorischen Beftrebungen des früheren Ministers v. Berlepsch und des Staatssekretärs Rottenburg gingen dem hochnäsigen Zentralverband zu weit, dessen bezahlte Agitatoren die Regierung beschimpften. Um die Ungeheuerlichkeit des Falles zu verschlelern, behauptete man, die Veröffentlichung des Bueck'schen Briefes sei eine freihändlerische Intrig ne. Ein thörichterer Einwand kann gar nicht gemacht werden. Wenn es nur darauf ankäme, die moralische und ethische Grundlage des Reiches zu untergraben, dann könnte es uns ja nur recht sein, wenn so fadenscheinige Vertreter im Ministerium säßen! Das Gegentheil hätten wir thun müssen. Denn Sie(nach rechts) haben als Schutzzölluer das größte Interesse daran, daß auf den Bundesraths bänken Vertreter sizen, die wenig sie den Ansch 15 der Unabhängigfeit haben. Sie müssen dafür sorgen, daß die Bundes rathsbänke nicht du Armen⸗Sünder⸗Bänkchen werden! 0 5

Auer schloß: Alle ehrlichen Leute müssen mit uns einstimmen in den Ruf: Fort mit einem e daß solche Vorgänge zeitigt und ii den Personen, die sich derartiges zu schul 115 kommen ließen! Lebhafter Beisall unserer 5 nossen folgte den Auer'schen Ausführungen.) 13 Reichskanzler erklärte in seiner Antwort., nicht seiner Verantwortung hätte sich dieserMißgriff 55 5 ereignen können. Es sei strenge Anweisung an 175 belr. Ressort ergangen, sich nie wieder in solche 10 einzulassen. Aber der Pferdefuß kam nach. 0 nicht; Nesrasung der Schuldigen denkt der Reichskanzler ni 5 ste bleiben im Amk. Und weshalb? Graf Bilow suchte

sich den Anschein zu geben, als glaube er an das Märchen von der Intrigue, die es auf den Sturz Posadowsky's abgesehen babe. Von den Nednern der

bürgerlichen Parteien erklärte sich nur Munckel von der freisinnigen Voskspartei mit den Aus⸗ führungen Auers einverstanden. Alle anderen

aber, Büsing, v. Levetzow und ganz besonders der freiwillige Regierungsvertreter, der Führer der varbeiterfreundlichen Centrumspa tei, Herr Lieber, suchten das Verhalten des Grafen Posadowsky zu be⸗ schönigen. Letzterer ergriff nicht das Wort, trutzdem er vom Genossen Schön lank direkt provozirt wurde. Als nach den wirkungsvollen Ausführungen Schönlank's der Prösident die Diskussion schloß, da niemand mehr auf der Rednerliste stehe, rief Singer unter großer Heiterkeit des Hauses:Und wo bleibt Po⸗ sadowsky? Und im Chorus schallte es aus den Reihen der Sozialdemokratie zurück:Er schweigt! Graf Posadowsky ader verließgebückt den Saal

Am Montag kam eine Interpellation des Grafen Oriola über die Milirärpensionsnovelle zur Berathung Es handel sich darum, den Kriegsinvaliden aus dem Jahre 1870 die spärliche Pension zu geben, die ihnen zukommt Jeder Invalide, der seine Bedürftigkeit nachweist, soll 120 Mk. jährlich, oder 10 Mark monat⸗ lich oder 33 ½ Pfg. pro Tag erhalten. Der Reicheschatz⸗ sekretär Frhr. v. Tuielmann erklärte jedoch, daß für diese Session die gewünschte Vorlage noch nicht ver⸗ sprochen werden könne, für die Kriegsinveliden ist eben das Geld nicht so schnell zu haren, wie für das aktive Heer. Mit Reckt wies unser Genosse, der Abgeordnete v. Vollmar, darauf hin, daß wir uns Frankreich gegenüber wegen dieser Schabigkeit, mit der wir unsere Ir validen behandeln, geradezu schämen müßten; bei dem Wohlwollen des Herrn Schatzsekretärs, der noch immer Erwägungen anstellt, können die armen Invaliden verhungern. Dann wurde in die erste Berathung der Seemanns⸗O n dnung eingetreten, die am Dienßag zu Ende geführt wurde. Von nunserer Selte sprachen Schwartz⸗Lübeck und Molkenbuhr zu diesem Gegenstande.

Der Krieg mit China.

Einigkeit der Mächte. Mehr als je hapert es jetzt mit der gerühmten europäischen Einigkeit. Rußland zieht alle seine Truppen bis auf eine Schutzwache in Peking aus Petschili zurück und beginnt auch mit der Räumung den Mandschurei. Der amtliche russische Regierungs- bote drückt die Hoffnung aus, daß alle russt⸗ schen Truppen schon in der ersten Hälfte des nächsten Jahres sich wieder in ihren früheren europäischen Garnisonen befinden werden. Auch dieKöln. Ztg. knüpft an die Meldung von der Zurückziehung der russischen Truppen die Ver- muthung, daß Rußland wie Amerika sich an den weiteren Zwangsmaßregeln gegen China zur Bestrafung der Rädelsführer nicht be theiligen will. Vier Nationen, Japan, Amerika, Rußland und Frankreich sind dafür, daß die Forderung der Todesstraße für die von den Gesandten in Peking als Schuldige bezeichneten Prinzen und Beamten in die Forderung einer geringeren Strafe geändert wird. Japan außerdem die früheren Beschlüsse durch die For- derung einer besonderen Sühne für die Ermordung des japanischen Kanzlers. Auch auf England wird Deutschland bei der Durch führung derunabänderlichen Entscheidung kaum rechnen können. Der Washingtoner Be- richterstatter derMorning Post erfährt, es seien Verhandlungen im Gange zwischen den Vereinigten Staaten und England bezüglich der von China zu fordernden Ent- schädigung. Die seit acht Tagen schwebenden Verhandlungen strebten eine Verständigung in Gestalt gegenseitiger Zusage an, keinem Schritte beizutreten, der geeignet wäre, China bankbrüchig zu machen und dadurch den Zerfall des Reiches herbeizuführen. Ohne bestimmte Bedingungen zu formiren, würde die Verständigung die Umrisse einer gemäßi gen Politik und die Einladung an andere Mächte zum Beitritt enthalten. 1 15

Chinesischer Hof. Auswärtige Blätter verbreiten allerhand Mittheilungen über die schlechte Lage des chinesischen Hofes in Sin- ganfu; die Verpflegung soll sehr mäßig, der Schutz kaum genügend sein, fremdenfeindliche Generäle hätten das Heft in der Hand. Wenn es so ist, so wird die Unsinnigkeit der von den Mächten gestellten Friedensbedingungen noch deutlicher.

Der Krieg in Hüdafrika. Krüger in Europa..

Der Präsident der Buren, Paul K rüger, ist am Donnerstag voriger Woche in Marseille gelandet und zwar unter den begeisterten Kund gebungen der versammelten Menschenmenge, die fortwährend Hochrufe auf ihn und die Buren ausbrachte. Dr. Leyds landete zuerst; ihm folgte Krüger, der entblößten Hauptes die Mit⸗

glieder des Empfangskomitees begrüßte. Die Vorsitzenden des Komitees hielten Ansprachen, in denen sie Krüger willkommen hießen. Krü⸗ ger hielt hierauf eine Rede in holländischer Sprache, welchen tiefen Eindruck hervorgerufen hat. Als der Wagen zum Hotel fuhr, pfiffen etwa 20 Engländer vom Balkon eines anderen Hotels aus. Die entrüstete Menge versuchte in das Hotel einzudringen; die Thore wurden jedoch geschlossen.

Nachmittags empfing Krüger den Maire von Marseille, den Sozialdemokraten Flaissieres, der ihm die theilnehmenden Gefühle der Stadt⸗ bevölkerung für die Buren und ihr Unglück aus⸗ sprach und den Wunsch daran knüpfte, daß die Transvaalfrage eine gerechte Lösung finden möge. Präsident Krüger dankte ihm und be- merkte, er vertraue auf Gott und sein gutes Recht. Auch in den Städten, die Krüger auf dem Wege nach Paris berührte, wurde er be⸗ geistert empfangen. Samstag kam er in Paris an und Hunderttausende empfingen ihn mit großem Jubel. Er wurde dort von dem Ein führer des diplomatischen Korps, Crozier, im Na⸗ men des Präsidenten der Republik begrüßt, ebenso vom Präsidenten des Gemeinderathes. Der Wagen Krügers wurde von Kürassiren es⸗ kortirt. Am Sonntag wurde Krüger vom Prä⸗ sidenten Loubet empfangen, Abends erwiderte Loubet den Besuch.

** d.

Noch immer finden lebhafte Kämpfe in Transvaal und dem Oranjefreistaat statt. Von zwei sehr ernsten Gefechten, die bei Barberton und Edinburg stattfanden, wird berichtet, daß sie nicht als eine Nieder- lage der Buren bezeichnet werden können. Das heißt wohl auf Deutsch, daß die Engländer sehr schlecht abgeschnitten haben.

Weiter wird gemeldet: Am Montag machten die Buren gleichzeitig einen Angriff auf die Stationen Balmoral und Wilgeriver. Das Ge⸗ fecht bei Balmoral dauerte 6 Stunden. Der

latz wurde von vier Kompagnien vertheidigt.

ie Buren besetzten in der Dunkelheit die ehe⸗ maligen Schanzen und stellten einen 14⸗Pfün⸗ der auf einer Kopje auf. Das Feuer des Ge⸗ schützes zerstörte das Hotel und beschädigte die Station. Die Garnison brachte eine Haubitze ins Feuer und beschoß die Buren glücklich. Beide Theile hatten schwere Verluste. Die Buren nah⸗ men 2 Offiziere und 30 Mann gefangen, ließen sie aber wieder frei, als sie sich zurückzogen. Bei Wilgeriver leistete die englische Garnison den Buren ebenfalls energischen Widerstand, so daß die Buren sich nach großen Verlusten zu⸗ rückzogen. Ueber die Verluste der Engländer wird in diesem Falle gar nichts gesagt.

Von englischer Seite will man nun auch in Südafrika recht hunnenmäßig vorgehen. Daran hat's zwar bisher dort sowieso nicht ge fehlt, es sei aber jetzt der Befehl gegeben, daß alle Kriegskorrespondenten Trans⸗ vaal verlassen müssen. Es muß eine nette Kriegsführung sein, die die Zeitungkorrespon⸗ denten fürchtet!

Arbeiterbewegung.

Die Zahl der Gewerkschaftskar⸗ telle im deutschen Reiche betrug am 1. Oktober 1900 320. Die Zunahme seit dem 1. April 1900 beträgt 13, während 5 Kartelle wegen Mangels jeglicher Adressen gestrichen werden mußten. Die bisherige Statistik der Gewerkschaftskartelle zeigt eine ununter⸗ brochene Vorwärtsentwichlung und aus den Berichten derselben ist auch zugleich eine festere Gestaltung und Ausbreitung des örtlichen Einflusses erkennbar. Die Zahl der Kartelle betrug im Februar 1894 103. Im Verlaufe der aufsteigenden Wirthschaftsepoche 1895-1900 hat sich also die Zahl der Kar⸗ telle verdreifacht und in noch höherem Verhältniß dürfte die Zahl der Gewerkschafts⸗ mitglieder, die sie umfassen, gewachsen sein.

Die Maurer in Halle streiken schon seit einigen Wochen. Die Zahl der Ausständigen beträgt über 600.

Differenzen der Buchdrucker mit der Leipziger Volkszeitung. Ein bedauerlicher Streit hat sich zwischen dem Buchdrucker Verbande und der Geschäfts

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