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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 36.
Neben der Bethätigung internationaler Soli⸗ darität, und neben der Führung des Klassen⸗ kampfes wendet die Arbeiterklasse mit stets steigendem Interesse auch ihre Aufmerksamkeit der Wahrung der Interessen des Einzelnen zu. Diese Aufgabe ist den Arbeitersekretariaten zugesallen, deren Zahl inklusive des am 1. Oktober in Hamburg zu eröffnenden auf 21 gestiegen ist. Bereits geht von dem Münchener Sekretariat die Anregung aus, in Berlin ein Zentralorgan der Sekretariate zu schaffen, dem hauptsächlich die Wahrnehmung der Termine vor dem Reichs⸗ versicherungsamt obliegen soll. Auch die in Hannover geforderte zentrale Auskunftsstelle für sozialdemokratische Gemeindevertreter, Kranken⸗ kassen⸗ und Innungsvorstände ꝛc. soll in Funktion treten, sobald die Personenfrage in befriedigender Weise gelöst ist.
Mit dem 11. Dezember v. J. ist das in den meisten deutschen Bundes staaten Geltung gehabte Verbot des Inverbindungtretens politischer Vereine aufgehoben. Am 6. Dezember stand ein diesbezüglicher Initiativ⸗ antrag der Parteien zur dritten Lesung auf der Tagesordnung des Reichstags. Der Reichskanzler nahm die Gelegenheit wahr, namens der ver⸗ bündeten Regierungen die Erklärung abzugeben, die Regierungen würden einem Gesetz zustimmen, das die Beseitigung des Verbindungsverbotes ausspricht.
Zahlreiche Anfragen aus den Parteikreisen bei dem Parteivorstand, was nun zu thun sei, ob eine Aenderung der Organisation zweckmäßig oder beabsichtigt sei, sührten zu einem regen Meinungsaustausch zwischen dem Parteivorstand und den Genossen. Im Parteivorstand war man sich einig darüber, daß die besiehende Or⸗ ganisation der Partei sich bei den Genossen so eingelebt, befestigt und bewährt habe, daß es gar nicht eile, etwaige formale Aenderungen der Organisation vor dem ordentlichen! Parteitag vorzunehmen. Die Fraltion, die sich cbenfalls eingehend mit der Angelegenheit beschäftigte, war gleicher Meinung mit dem Parteivorstand. Die Fraktion setzte eine Kommission, bestehend aus den Genossen Auer, Bebel, Dreesbach, Geyer, Singer und Stadthagen ein mit der Aufgabe, das Organisationsstatut einer Revision zu unter⸗ ziehen und der Fraktion eine Vorlage zur Be⸗ schlußfassung zu unterbreiten. Die von der Kommission ausgearbeitete, von der Fraktion durchberatene und angenommene Vorlage wird dem Parteitag zur endgültigen Entscheidung unterbreitet.
Anterhaltungsteil.
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Licht vom Morgen. Sei gesegnet, Licht vom Morgen! Froh erwacht zu Dir die Welt, Wenn Du kommst zum Kampf gerüstet, Schön und siegreich, wie ein Held.
Neu in Deines Glanzes Fülle Wird das Leben offenbar, Und in Finsternis verschwindet, Was aus Nacht geboren war.
Heil'ges Licht, dem Geist entprungen, Geh uns auf in solcher Pracht; Stürze, was Dich nicht kann schauen Nieder in die finst're Nacht!
Laß die Augen immer heller Baden sich in Deinem Schein, Laß in aller Menschen Seele Bald Dein Reich vollendet sein!
Dunkle Mächte.
21 Roman von Elise Langer.
Brandt hatte nichts zu versäumen; er nahm die Einladung an.
Das steinerne, von hohen Nußbäumen um⸗ schattete alte Haus empfing ihn mit klösterlicher Kühle, ebenso wie dessen jüngere Bewohnerin,
die er auf der nach dem See hinausgehenden Terrasse in Wasserfarben malend fand. Von dem von der Mutter verheißenen Entzücken über seine Bekanntschaft war bei der Tochter nicht das mindeste zu spüren, auch dann nicht, als sie die Veranlassung seines Besuches erfuhr. Die junge Dame war in allen Stücken das Gegenteil von ihrer Mutter. Sie war eher klein als groß, hatte schwellende Körperformen und ein regel⸗ mäßig geschnittenes Gesicht, dessen Schönheit jedoch durch finstere, zusammenfließende Augen⸗ brauen und einen ziemlich starken Flaum auf der kurzen Oberlippe beeinträchtigt wurde. Dazu hatten die Züge etwas Kaltes, Lebloses, selbst ihr Lächeln glich winterlichem Sonnenschein. Sie war mehrere Jahre Erzieherin in England ge⸗ wesen, dessen abgemessene Umgangsformen sie zu zu ihrem ohnehin steifen Wesen angenommen hatte, sodaß man sie in der ganzen Gegend nur Fräulein Prinzessin hieß. Um so formloser war die Mutter, die mit Brandt bald auf vertrautem Fuße stand. Sie hatte in ihrer Jugend einmal eine hübsche Zeit in Dresden verlobt, und die Erinnerung daran ließ sie jeden Deutschen mit besonderem Wohlwollen betrachten. Bei dem schmackhaften Abendessen, zu welchem sie Brandt zu bleiben einlud, legte sie ihm die besten Bissen auf den Teller und weihte ihn mit der größten Unbefangenheit in alle ihre Familienverhältnisse und Wirtschaftsangelegenheiten ein, wobei sie der Tochter für deren mißbilligende Mienen und Winke gelegentlich einen kleinen Seitenhieb versetzte.
Brandt amüsierte sich köstlich. Er nahm von den Damen erst Abschied, nachdem die letzte Spur eines herrlichen Alpenglühens, das den tiefblauen Spiegel des Sees wie mit einem Rosenkranz umgab, verblaßt war. Frau Bignin, welche sich bei dem Naturschauspiel wie eine Verzückte geberdete, während Fräulein Anais es mit statuenhafter Ruhe verfolgte, lud Brandt lebhaft zur Wiederholung seines Besuches ein.
Brandt hatte nie an eine Heirat gedacht. Die Ehe flößte ihm ein geheimes Grauen ein. Ueberall, wohin er blickte, sah er eheliche Miß— verhältnisse. Auch seine jetzt schon verstorbenen Eltern hatten nicht glücklich zusammen galebt. Er entsann sich aus seiner Kindheit stürmischer häuslicher Auftritte, bei denen er, ohne zu wissen was vorging, für die Mutter Partei genommen hatte, weil sie ihm die Unterdrückte geschienen, denn Kinder sind ebenso großmütig, wie sie grausam sein können. Später war jedes der Eltern s inen eigenen Weg gegangen, aber die Verbitterung auf der einen und der rücksichtslose Egoismus auf der anderen Seite hatten kein häusliches Behagen aufkommen lassen. So war denn Brandt schon als Jüngling die Ehe als eine lästige Fessel erschienen. Für weibliche Reize jedoch keineswegs unempfänglich, hatte er heimliche Verhältnisse unterhalten, die nicht immer zu den reinsten gehörten.
Jetzt zum erstenmale kam ihm der Gedanke an eine dauernde Verbindung. Die Verführung war groß. Er konnte, wenn er Fräulein Bignin heiratete, sich mit einem Schlage in geordnete Verhältnisse bringen. Freilich wurde ihm von der jungen Dame bei seinen wiederholten Be— suchen wenig Aufmunterung zuteil. Aber dies war gerade ein Sporn mehr für ihn, um ihre Gunst zu werben. Er fing an, sich ernstlicher mit ihr zu beschäftigen und auf ihre Liebhabereien einzugehen, deren sie besonders drei besaß: Aqua⸗ rellmalerei, Musik und Philosophie. Ja, Fräulein Auuls Bignin las die Werke aller älteren und ntueren Philosophen, um zu beweisen, daß es nichts gäbe, was der weibliche Geist nicht zu fassen vermöge. Ließ Brandt sich nun herbei, über ihre Lektüre mit ihr zu disputieren, ihre gelehrten Musilstücke anzuhören und ihre mit mittelmäßigem Talent gemalten Bilder zu be⸗ wundern, so glaubte er gewonnen Spiel zu haben. War er erst einmal verheiratet, so wollte er seiner Frau Gemahlin den philosophischen Kitzel schon vertreiben, malen und musizieren mochte sie nach Herzenslust. Er hatte richtig spekuliert. Fräulein Anais gab nach und nach ihre Zurückhaltung auf. Die Teilnahme des schönen, so selbstbewußten Mannes schmeichelte ihr und allmählich mischte sich ein wärmeres
Gefühl ein. der Weinlese im Weinberge sich befanden, tausch⸗ ten sie zwischen dem Traubennaschen den Ver⸗ lobungskuß.
Frau Bignin hieß Brandt mit aufrichtiger Freude als Schwiegersohn willkommen, und als praltische und keineswegs kleinlich gesinnte Frau ging sie bereitwillig auf dessen Pläne für die Zukunft ein. Brandt gedachte nämlich nicht unthätig von dem Gelde seiner Frau zu leben, sondern mit Hilfe dieses Geldes eine größere deutsche Zeitung in Genf zu gründen, die gegen den Napoleonismus Front machen und gewisser⸗ maßen eine Grenzwacht bilden sollte. Er hatte den Kampf der Parteien in der Heimat beständig verfolgt und aus der Ferne einen großen Blick für die europäische Politik im allgemeinen ge⸗ wonnen. Er besaß eine scharfe journalistische Feder und talentvolle Gesinnungsgenossen, die, gleich ihm, von der reaktionären Woge in die Schweiz verschlagen, bereit waren, sein Unter⸗ nehmen zu unterstützen. Es bedurfte keiner großen Ueberredungskunst von seiner Seite, um die beiden Frauen für seinen Plan zu gewinnen, und Frau Bignin gab die dazu nötigen Mittel um so lieber her, als sie wünschte, ihren Schwieger⸗ sohn eine bedeutende soziale Stellung einnehmen zu sehen. An demselben Tage, an welchem die erste Nummer der„Grenzwacht“ erschien, fand die Trauung des jungen Paares in dem benach- barten Städtchen Nyon statt.
So hatte den Doktor Brandt sein Schäfchen glücklich ins Trockene gebracht. Er besaß eine behaglich eingerichtete Häuslichkeit, eine reizende Frau und eine seinen Neigungen und Fähig⸗ keiten entsprechende Thätigkeit, welche nicht ohne den gehofften Erfolg blieb. Das Blatt wirkte wie ein Gärungsstoff auf das Genser Partei⸗ leben und eroberte sich rasch einen großen Leser⸗ kreis. Indessen zeigte es sich bald, daß die verschiedenen Charaktere der beiden Gatten keine eheliche Harmonie aufkommen ließen. Statt sich zu verringern, erweiterte sich die Kluft, welche zwischen ihnen bestand, im engen Zusammenleben. immer mehr. Brandt liebte zuhause ein lörper⸗ liches wie geistiges Negligee, Frau Anais hielt dagegen auf ein gewisses Zeremoniell und fühlte sich beständig durch ihren Gatten verletzt, der es. nicht lassen konnte, über ihre wissenschaftlichen⸗ Beschäftigungen seine spöttischen Bemerkungen zu machen. Anais Muttec mischte sich als kluge Frau nicht in die Zwistigkeiten des jungen Paares, die sie mit einem gewissen stillen In⸗ grimm ignorierte. Als die Kinder geboren. wurden, schien sie sich nur um diese zu kümmern, und doch war sie es, die durch das Ansehen, welches sie bei Tochter und Schwiegersohn genoß, die Gatten zusammenhielt. Denn als ein plötz⸗ licher Tod sie dahinraffte, kam es zu einem. völligen Bruch zwischen ihnen.
Da keines von beiden daran dachte, je wieder eine Ehe einzugehen, so kamen sie überein, sich gütlich zu trennen. Das Mädchen verblieb er Mutter, die sich nach La Clochette zurückzog, während Brandt den Knaben behielt. Doch sollten die Kinder nicht als Fremde aufwachsen, sondern einander, so oft es sich thun ließ, zu⸗ geführt werden. Die einzige Gemeinschaft zwi⸗ schen den Eltern war die Liebe zu ihren Kindern, und fast übertraf Brandt hierin noch seine Gattin. Seltsamer Widerspruch der Menschennatur! Dieser sonst so egoistische, rücksichtslose Mann war der zärtlichste, sorgsamste Vater, der dem kleinen Charles die Mutter, soweit es möglich war, ersetzte. Sobald er seine Tagesgeschäfte beendet hatte, eilte er zu dem Kinde, das sich in der Odhut einer zuverlässigen Wärterin befand, und es war rührend, mit welcher Geduld und Hen⸗ gebung er auf die Launen und Einfälle des Kleinen einging. Als das Schwesterchen heran⸗ wuchs, waren die Besuche beim Vater und die Gegenbessiche des Bruders deren größte Freude.
Inzwischen begann der Aufschwung, den das Blatt genommen, ins Stocken zu geraten. Es verstimmte in den Tuilerien höchlich, daß Na⸗ poleon die Maske abgerissen und gezeigt wurde, wie sich hinter dem sozialen Kaisertum nichts als der krasseste Despotismus verberge. Fran⸗ zösisches Gold begann an den Wurzeln des
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