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Pfarrer bestreitet jede Schuld.
Nr. 36.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
höfer aus Dillenburg wegen Körperverletzung
zu verantworten. Der Hergang ist kurz folgender:
Der Pfarrer, welcher früher in Gemünden a. d. Werra thätig war, hatte auch die Konfir— manden zu unterrichten. Der Pfarrer beklagte
sich vor Gericht darüber, daß die Jungens sich
während des Unterrichts schlecht betragen hätten; u. a. wäre der Schüler Schnellbecker der Haupt⸗ übelthäter gewesen. Der Pfarter soll den Schüler Schnellbecker mißhandelt und dieser in⸗ folge der Mißhandlung gestorben sein. Der Erwähnenswert ist noch, daß der Pfarrer den Lehrer beschul⸗ digte, die Kinder gegen ihn aufgehetzt zu haben, was aber von dem Lehrer entschieden bestritten wird; doch giebt der Lehrer zu, daß er sich mit dem Pfarrer nicht gut hätte vertragen können. Das Resultat war, daß der Pfarrer zu 100 Mark Geldstrafe oder 10 Tage Gefängnis ver⸗ urteilt wurde, mit der Begründung, daß der Pfarrer das Züchtigungsrecht überschritten habe. Jedenfalls wäre es wünschenswert gewesen, wenn in diese heikle Affaire etwas mehr Licht ge— bracht worden wäre, so z. B. ob der Tod des Schülers durch die Mißhandlungen, welche der Pfarrer ihm zugefügt hat, herbeigeführt worden ist.
Zusammenkunft der Genossen am Sonntag, den 2. September, nachmittags von 4 Uhr ab in Bücking's Garten. Dortselbst Preiskegeln. Der Vertrauensmann.
Kleine Mitteilungen.
* Gewerkschaftshaus in Mainz. Vor einigen Wochen beschlossen die Vereinigten Gewerkschaften, einen Fonds zu sammeln zur Errichtung eines eigenen Gewerkschaftshauses. Nunmehr hat die Angelegenheit greifbare Gestalt angenommen, indem einer aus dem Gewerkschafts⸗ kartell hervorgegangenen Kommission von ver⸗ schiedenen Gewerkschaften und der sozialdemokr. Partei Summen im Gesamtbetrage von 562 Mk. überwiesen wurden.
* Blattern in Offenbach. Eine ältere Frau erkrankte vorige Woche in Offenbach unter blatternverdächtigen Umständen. In das dortige Krankenhaus verbracht, starb sie und in der That wurden Blattern als Todesursache festgestellt.
** Weilburg. Der Kriegerverband des Oberlahnkreises faßte den vernünftigen Beschluß, von einer Sedanfeier Abstand zu nehmen. Es ist wirklich auch die höchste Zeit, daß der Rummel endlich einmal eingestellt wird.— Kpr. Unter dem Verdacht, an dem Tode des am 22. Juli aus der Lahn geländeten Berg⸗ manns Oberding schuld zu sein, sind laut„Weil⸗ burger Tageblatt“ drei junge Leute von hier verhaftet worden.
* Eine Bahnkatastrophe. Ein von Singen kommender Schnellzug entgleiste am Mittwoch Nachmittag bei Hegne, einer Station vor Konstanz. Wie bis jetzt festgestellt ist, sind drei Personen tot und 14 verletzt.
* Tod durch Elektrizität. In Gildehaus bei Bingen wurden 2 Personen, ein Weber und der Buchhalter Emil Hermes im Augenblick als sie das elektrische Licht einschalten wollten, von eleitrischen Schlägen getötet. Die Ursache des Unglücks ist noch nicht festge⸗ stellt, kann aber doch wohl nur in dem mangel— haften Funktionieren der Sicherungen liegen.
* Von der Pest. In Glasgow(England) sind wieder mehrere Fälle von Erkrankungen an der Bubonen⸗Pest vorgekommen; doch sollen die Symptome„gutartig“ sein.
* Auch du Brutus? Der Pfarrer Vol⸗ poni in Rom wurde wegen Verherr⸗ lichung des Königsmordes zu acht Monaten Zuchthaus verurteilt.
Arbeiterbewegung.
Der Streik der Lederarbeiter in Mainz. Am Montag haben von 550 Ausständigen unr sieben die Arbeit wieder auf⸗ genommen. Es wurde beschlossen, unbedingt an den Forderungen festzuhalten. Am Donnerstag, 30. August hat ein Einigungsversuch
zwischen dem Oberbürgermeister Gaßner und der Lohnkommission stattgefunden. Ueber die Einigungsvorschläge wird eine Ver⸗ sammlung der Streikenden beschließen.
Die Aussperrung der Hamburger Werftarbeiter dauert noch fort. Die Werftbesitzer suchen auf alle mögliche Art und Weise Leute für ihre Werften heranzuziehen, ohne Rücksicht auf die Qualität. Alles ist jedoch vergebens. Die Haltung der Ausge— sperrten und Streikenden ist musterhaft.
Eisenbahnerstreik in England in Sicht. Dort wollen alle Eisenbahn-An⸗ gestellten die Arbeit einstellen. Die Veranlassung hierzu bietet ein Lohnstreit, der zwischen der Verwaltung der Great Eastern Rail— way und deren Angestellten begonnen hat. Die Letzteren wollen höhere Bezüge, und ihre Ver— waltung hat ihnen Antwort für Anfang Sep— tember zugesagt. Inzwischen hat sich aber die Gesellschaft mit den anderen großen Bahngesell— schaften in Verbindung gesetzt, um, falls der Streik ausbrechen sollte, von diesen Unterstütz— ung zu erlangen. Diese Unterstützung wurde der Great Eastern von den Verwaltungen der anderen großen Eisenbahnlinien garantirt. Die Garantie dürfte aber hinfällig werden, weil nun— mehr die Angestellten der die Garantie ver— sprechenden Gesellschaften sich zusammengethan und erklärt haben, gleichfalls streiken zu wollen, wenn ihre Verwaltungen der Great Eastern bei— springen. Es kämen eine halbe Million Ange— stellte in Betracht.
Partei-Hachrichten.
Zur Landes konferenz. Den Delegierten bringen wir zur Kenntnis, daß die Isenburger Genossen ein Empfangs Komitee organisiert haben, dessen Mitglieder an der Brust rote Schleifen tragen, und sowohl an
der Station der Main-Neckarbahn als auch der Waldbahn die Delegierten in Empfang nehmen werden.
Quittung. Für die Familie des erkrankten Genossen M. in B. gingen bei uns ein: Wahlv. Gießen 10.— Mart, E. K. 3.—, A. B. 1.50, Peter B. 2.—, Whn. 0.50, Bk. 0.30,-s. 1.—, B. 0.50. Summa 18.80 Mk. Weitere Gaben nimmt gern entgegen
Redaktion der M. S.⸗Ztg.
Zu dem Begräbnis Liebknechts wurde der Genosse Orbig als Vertreter der Genossen des ganzen Wahlkreises, nicht blos derjenigen Gießens delegirt, wie irrthümlich angegeben wurde.
Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 1. September:
Gießen. Sozialdem. Wahlverein abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Tagesordnung: Der Parteitag in Mainz, insbefondere das neue Organi⸗ sationsstatut.
Dienstag, 4. September:
Gießen. Gewerkschaftskartell. Sitzung abends 9 Uhr bei Orbig.
Sonntag, 9. September:
Friedberg. Gewerkschaftsfest von nachmittags 4 Uhr ab in Steinhäußers Garten.
DDr Für die Verbreitung
der Parteipresse zu wirken,
ist die erste und hauptsächlichste Pflicht der Parteigenossen! Dieser Pflicht müssen die Genossen mehr als bisher nachkommen!
Arbeiter! Bedenkt, wenn Ihr gegen die ökonomische Ausbeutung und politische Unter— drückung überhaupt ankämpfen wollt, müßt Ihr vor allem für Stärkung der besten Waffe in diesem Kampfe, für Eure Presse sorgen! Gerade jetzt wird wiederum bekannt, welche riesigen Mittel die industriellen Beute⸗ politiker zur Verfügung stellen, um durch ihre Preßkosaken die öffentliche Meinung zu ver⸗ fälschen, unsere Partei und die gesamte Ar⸗ beiterbewegung zu verleumden und zu be⸗ schimpfen. Die Antwort der Arbeiter muß darauf sein: Aus dem Hause mit der reaktionären Sudelpresse! Abonniert die Parteipresse, die Mitteld. Sonntags⸗ Zeitung, die seit Jahren die Arbeiterinteressen energisch und nachhaltig verficht!
Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet nur 25 Pfennig pro Monat.
Wegen Abonnement wende man sich an die Spediteure oder an unsere Expedition.
Seite 5. Aus dem Bericht des Partei-Vorstandes au den XI. Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Fortsetzung.)
Die speziell zum Zwecke der Mittelstands⸗ retterei gesetzlich neuorganisierten Innungen versagen zum Schrecken ihrer Urheber als Boll⸗ werk gegen die sozialdemokratischen Bestrebungen. Vornehmlich sind es die Schuhmacher, denen es gelungen ist, die Leitung der Innungen in drei größeren Städten den Händen sozialdemokratischer Genossen anzuvertrauen. Den Genossen Haug in Freiburg, Baden, und Baerer in Harburg folgend ist als Dritter im Bunde Gen. Brühne in Frankfurt a. M. zum Obermeister der Innung gewählt.
Das Eindringen der Parteigenossen in die verschiedenen kommunalen Verwal⸗ tungskörper ist den Regierungen längst ein Stachel im Fleisch. Sehr unangenehm wurde es von den Aufsichtsbehörden empfunden, daß Sozialdemokraten von ihren bürgerlichen Kollegen für würdig gehalten wurden, in die Schuldepu⸗ tationen bez. Kommissionen gewählt zu werden. In Berlin, Celle, Limmer bei Hannover und in verschiedenen anderen Orten wurde gegen die Wahl der Genossen Einspruch von der Aufsichts⸗ behörde erhoben. In Berlin hatten die bürger⸗ lichen Stadtverordneten zu wenig Rückgrat, den Konflikt mit der Aufsichtsbehörde auszufechten bezw. den Magistrat in die Verlegenheit zu bringen, den Genossen Singer in die Schul⸗ deputation einführen zu müssen. Diese Vorgänge, ergänzt durch das Vorkommnis, daß von dem Konsistorium in Kiel der Grundsatz ausgesprochen wurde,„die Zugehörigkeit zur sozialdemokratischen Partei sei an sich kein Grund, jemand die Fähig⸗ keit eines kirchlichen Amtes abzusprechen“, ver⸗ anlaßten eine allgemeine Verfügung des preußi⸗ schen Unterrichtsministers, in der den Schulauf⸗ sichtsbehörden nachdrücklichst eingeschärft wurde, daß die Gesamtauffassung der Sozialdemokraten sie zu einer Mitwirkung bei der Verwaltung der Schulen preußischen Rechtes absolut ungeeignet mache, und daß aus diesem Grunde keinem So⸗ zialdemokraten die Bestätigung als Mitglied des Schulvorstandes erteilt werden könne. 5
Aus demselben Geist ist die Maßregelung des Genossen Dr. Arons erfolgt. Die Entfernung Dr. Arons als Privatdozent von der Berliner Universität wurde am 23. Februar vollzogen. Während die Fakultät an dem Ge⸗ nossen Arons kein Fehl entdecken konnte, vielmehr seine sozialdemokratische Gesinnung als kein Hindernis für seine Lehrthätigkeit ansah, erklärt das preußische Staatsministerium:„Ein aka⸗ demischer Lehrer, der mit derartigen Gegnern der bestehenden Staats- und Rechtsordnung ge⸗ meinsame Sache macht, zeigt sich des Vertrauens, das sein Beruf erfordert, unwürdig.“
Nach Erwähnung der Kämpfe um Ver⸗ sammlungslokalitäten an verschiedenen Orten, der Elberfelder Stadthallen⸗ Angelegenheit und der Ungültigkeits⸗Er⸗ klärung der Breslauer nee die erfolgte, weil die sozialdemokratischen Wahl⸗ männer Auslagen erstattet erhielten, fährt der Bericht fort:
Glänzende Proben der internationalen Solidarität hat die klassenbewußte deutsche Arbeiterschaft bei der großen Aussperrung der dänischen Arbeiter und dem Ausstand der öster⸗ reichischen Bergarbeiter abgelegt. Für die dänischen Arbeiter, deren Aussperrung nach 15 wöchentlicher Dauer am 4. September v. J. beendigt wurde, und mit einem Sieg der Arbeiter abschloß, wur⸗ den 218 413 Mark aufgebracht. Die österreichi⸗ schen Bergleute erhielten rund 60000 Mark überwiesen. Zieht man danach in Betracht, welche Summen die Holzarbeiter, die Maurer, Zimmerer, die Bergleute und die Textilarbeiter in dem Berichtsjahr bei den zahlreichen und um⸗ fangreichen Lohnkämpfen geleistet haben, so erhält man ein annäherndes Bild von dem Opfermut und der Zähigkeit, womit die deutsche Arbeiter- klasse ihre Kämpfe zu führen versteht.


