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Nr. 36.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
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Seite 7.
zu nagen, die Furcht vor dem mächtigen Nachbar half nach und bald konnte die„Grenz⸗
wacht“ sich nur noch mühsam über Wasser halten.
Brandt war zu hellsichtig, um die Vergeblichkeit seines Kampfes zu verkennen, und da es ihm widerstrebte, unter den jetzigen Verhältnissen von seiner Frau Geld anzunehmen, so sah er sich wieder in seine erste Flüchtlingszeit zurückversetzt, wo er an manchem Morgen nicht gewußt hatte, wovon er die Bedürfnisse des Tages decken würde. Nach den guten Jahren, die er gehabt, kam ihm dies doppelt sauer an, um so mehr, als auch der Knabe unter dieser unsicheren und unregelmäßigen Existenz leiden mußte. Um ihn
vor Entbehrung zu schützen, verkaufte Brandt
ein gutes Stück seines Haushaltes nach dem anderen, bezog eine kleine Junggesellenwohnung, schaffte die Wärterin ab und besorgte das Kind selber. Die„Grenzwacht“ hatte aufgehört, zu erscheinen.
In dieser Zeit— es war im Sommer des Jahres 1861— erhielt er eines Tages eine ge⸗ heimnisvolle Einladung nach einem zwischen Vevey und Lausanne gelegenen Landhause. Das Schreiben war mit einem ihm völlig fremden Namen unter⸗ zeichnet und besagte nur so viel, daß es sich um ein Anerbieten von Bedeutung handele. Brandt war aufs höchste gespannt und entschlossen, hin⸗ zugehen. Er schickte den Knaben durch eine sichere Person nach La Clochette und bestieg das Dampfschiff, welches täglich den See in seiner ganzen Länge durchmaß. War er in Erwartung irgend eines Glückes, das ihm in den Schoß fallen würde, gegangen, so kehrte er in einer wahren Teufelslaune zurück. Selbst den Knaben ließ er nicht sofort holen, sondern schrieb eine Zeile, daß man ihn einstweilen behalten möge, bis er weiter von sich hören ließe. In den drei nächsten Tagen nach seiner Heimkehr rang Brandt öffenbar mit einem Entschlusse. Stundenlang saß er auf einer der Bänke der Rousseauinsel und starrte auf die glitzernde blaue Fläche des Sees. Dann lief er wieder wie ein Besessener die Boulevards auf sund ab, die Leute umrennend und keinen seiner Bekannten sehend. Aber allmählich legte sich der innere Sturm. Von den zwei Mächten, die sich in ihm bekämpft, hatte eine den Sieg errungen. Er schrieb und empfing mehrere Briefe und schickte nach Charles. Dann begann er mit fieberhafter Thätigkeit seine Angelegenheiten zu ordnen, die Junggesellenwirtschaft aufzulösen und Abschiedsbesuche zu machen. Er kehrte nach Preußen zurück, welches der Tod Friedrich Wilhelms IV. den Flüchtlingen wieder geöffnet hatte. Auch seiner Frau sagte er persönlich Lebewohl, nicht weil er das Bedürfnis fühlte, sie noch einmal zu sehen, sondern weil er sie zu überreden hoffte, daß sie ihm Emmy auf einige Zeit nach Deutschland mitgäbe. Bis Charles sich eingelebt haben würde, sagte er. Frau Anais hatte innige Freundschaft mit einer französischen Philosophin geschlossen, die in der Schweiz öffentliche Vorträge hielt und die sie auf ihren Fahrten zu begleiten wünschte. Brandts Vorschlag kam ihr daher nicht ungelegen, und da auch Emmy Verlangen zeigte, mit dem Brüderchen zu gehen, so willigte sie ein.
Was Brandt ihr über die Verhältnisse mit teilte, unter denen er ins Vaterland zurückkehrte, war derart, daß sie hoffen durfte, die Kinder einst glänzend versorgt zu sehen. Er hatte die
Chefredaktion einer Zeitung übernommen, die
über fürstliche Mittel verfügte. „Des ehelichen Bandes ledig und beide Kinder mit sich führend, betrat er angesichts einer glän⸗
zenden Zukunft den vaterländischen Boden.
(Fortsetzung folgt.)
Aker i. Aus der Geschichte. Künstlicher Kriegsruhm. Die beiden römischen Kaiser Caligula und Domitian machten sich beide gleich lächerlich durch Triumphfeiern solcher Siege wegen, die in Wahrheit nie er⸗ fochten worden waren. Dem Caligula fiel es plötzlich ein, daß doch eigentlich auch der Lorbeer⸗ kranz des Siegers ihm gut stehen müßte. Des—
halb zog er 39 n. Chr. mit gewaltiger Heeres⸗
macht an den Rhein, kehrte aber sehr bald wieder um, nahm jedoch etliche Gallier(keltische Ein⸗ geborene des heutigen Frankreich) mit, die in seinem Triumph zuge kriegsgefangene Germanen vorstellen mußten. Ebenso kaufte Domitian in Gallien Sklaven auf, die er nach germanischer Art frisieren und kostümieren und sie im prahlen⸗ den Triumphzuge des Jahres 83 n. Chr. die Rolle von kriegsgefangenen Germanen spielen ließ. Ganz Rom, das diese kaiserlichen Schwindel⸗ stückchen sehr wohl kannte, hielt sich den Bauch vor Lachen. Die göttliche Weltordnung.
Gegenwärtig macht eine Notiz die Runde durch die Zeitungen, die geeignet wäre, die Ar- beiter einigermaßen zum Nachdenken anzuregen. Es wird darin die Schlafzimmereinrich⸗ tung beschrieben, welcher der amerikanische Milliardär Stephan Marchand einer Lon⸗ doner Firma in Auftrag gegeben hat und dem staunenden Leser folgendes vorgeführt:
„Das ungeheure Gemach, 76 Fuß lang und 22 Fuß breit, hat eine elliptische Form. Die Wände sind mit kostbar geschnitzten Paneelen im Stil Ludwigs XV. ausgestattet, der Hintergrund ist von weißem Email, die Schnitzereien und das Gesims sind vergoldet. Die Paneele und die Schnitzereien sind der Form des Zimmers kunst⸗ voll angepaßt. Für diese Dekorationen der Wände und des Gesims wurden allein 256,000 Mark ausgegeben. Die Wände innerhalb der Paneele sind mit purpur⸗ und goldenen genuesischem Sammet bekleidet, der von feiner Farbe, außerge⸗ wöhnlicher Qualität und ganz eigenartigem Muster ist. Es mußte von einer Firma in Lyon eigens zu diesem Zweck gewebt werden und kost⸗te die Elle 155 Mark. Da 28 Paneele in dem Schlaf— zimmer sind, so kosten diese Vorhänge allein im Ganzen etwa 43,400 Mark. Die Decke ist kunstvoll geschnitzt und von hervorragenden Pariser Künstlern dekorirt; sie kostet 77,400 Mark. Die Portièren, Draperien, die von demselben Stoff wie die Paneelvorhänge sind, kosten 36,800 Mark, ohne die Fenstervorhänge, die aus feinstem Brüsseler Tüll und mit Seide durchwirkt sind. Sie kosten allein noch 27,000 Mark. Der Tep⸗ pich, ein schöner, handgewirkter, purpurfarbiger Axminster, mußte besonders gefärbt werden und kostete 69,000 Mark. Das Meisterstück aber des ganzen Schlafzimmers ist das Bett und die Möbel. Das Bett kostete beinahe 760,000 Mark! Es ist von Ebenholz, mit wunderbaren Schnitzereien von echtem Elfenbein und mit Goldfiligran. Zu dem in Paris an⸗ gefertigten Bett brauchten die geschicktesten Kunst⸗ handwerker 2 Jahre. Ein einziger breiter Elfenbeinstreifen des Gestelles hatte ein so schwieriges und mühsames Muster, daß 4 Schnitzer 1½ Jahr nur mit diesem Theil des Bettes zu thun hatten. Die Verzierung am Kopfende des Bettes war so groß, daß ein Stück Elfenbein von der erforderlichen Größe nicht zu bekommen war. Die Firma wollte die Schnitzereien kleiner machen, aber der reiche Besteller ging nicht da⸗ rauf ein. Nach sieben Monaten fand man schließlich einen großen Zahn in Uyanyembe in Afrika, der einschließlich der Fracht 80,000 Mark kostete. Der Purpurdamast zu dem Bett wurde besonders hergestellt und kostete 98 Mark die Elle. Das Bettgestell selbst Mark; die gleiche Summe wurde für den Kleider⸗ schrank bezahlt. Dazu kommen noch die kleineren Möbelstücke, der Toilettetisch für 248,000 Mark, der Waschständer für 154,000 Mark, der Nacht- tisch für 57,400 Mark. Die Stühle bestehen aus geschnitztem Elfenbein mit Ebenholz und Goldeinlagen und kosten 29,000 Mark. Nach diesen Zahlen scheinen Summen, wie 14,600 Mark für einen großen Drehspiegel, 24,600 Mark für ein Kaminsims mit Spiegel, 9800 Mark für jede der vier Thüren, 4560 Mark für jedes Thürsims und 14,200 Mark für die Wasch⸗ toilettegarnitur unbedeutend.“ Mit solcher Ver⸗ schwendung, die ähnlich, wenn auch nicht in diesem Umfange in allen Ländern, auch in Deutschland getrieben wird, vergleiche man die Lage der Arbeiter! Von den Wohnungen der Landarbeitec in Ostelbien ist bekannt, daß die meistens Schweineställen gleichen; über die
kostete 581,600
Schlafstätten der Ziegeleiarbeiter und Arbeite⸗ rinnen sagt der Bericht des Gießener Gewerbe⸗ inspektors: In einer Feldziegelei bei Friedberg mußten drei Mädchen im Alter von 15—19 Jahren in einem Raume von 2.75 Meter Länge und 2,15 Meter Breite schlafen, das einzige Fenster war ganze 60 Centimeter hoch und 40 Centimeter breit! Auf die finsteren, dumpfigen, dabei doch teuren Wohnungen der Arbeiter in den Großstädten braucht nur hingewiesen zu werden. Man sieht, das alles ist ein hübscher Vergleich mit dem Schlafzimmer des Herrn Marchand! Aber„Arme und Reiche muß es geben!“ sagen unsere Ordnungsleute und Pfaffen. Womit sich denn auch viele Arbeiter zufrieden geben und auf ein besseres Jenseits hoffen.
Sprüche zur Lebensweisheit.
Gesetzwidrige Menschen lernen keine Achtung vor dem Gesetz, wenn es von Beamten gehand⸗ habt wird, deren Stellung offenkundig die Be⸗
lohnung ihrer politischen Niederträchtigkeit ist.
Grattau. *
Heute können wir noch im Leben erfahren, wie der schrecklichste der Schrecken ein einfluß⸗ reicher Dummkopf ist, dessen Geist allen vor⸗ sichtigen, einer genauen Beobachtung der Wirk⸗ lichkeit entspringenden Erwägungen und Ab⸗ wägungen unzugänglich, sein einmal gefaßtes Ziel mit blinder und einseitiger Energie verfolgt, unbekümmert um die Hemmnisse und um den Schaden, den er anrichtet Vierkandt.
*
Den Eroberern sind die Menschen Schach⸗ figuren und eine verwüstete Provinz ein Kohlen⸗ meiler. Mit wenigen Ausnahmen sind die großen Helden die Schandflecken des Menschen⸗
geschlechts. 1
Ein Glück für die Despoten, daß die eine Hälfte der Menschheit nicht denkt und die andere nicht fühlt. Seume.
*
Das Wesen des Reichtums beruht in seiner Herrschaft über die Menschen. Ruskin.
Humoristisches.
Eine gekräukte Leberwurst. Heer Rentamts⸗ offiziant a. D. Brandl in Greding in Bayern veröffent⸗ lichte im Hilpoltsteiner Wochenblatt vom 4. d. M. fol⸗ gendes„Eingesandt“:„Oeffentliche Erklärung: Seit Juni 1898 befindet sich der Unterzeichnete wegen Er⸗ krankung außer Dienst. Während meiner 17jährigen Thätigkeit als Oberschreiber und Offiziant war ich bei meinen Amtsangehörigen geliebt und geachtet. Wenn ich nun hierfür meinen Dank ausspreche, so muß ich gleichzeitig Klage darüber führen, daß man mich größten⸗ teils als Herr Brandl unter Hinweglassung des Titels Offiziant anspricht. Nachdem man gegenwärtig in einem Zeitalter lebt, wo jeder Kuhhict tituliert wird, glaubt auch der Unterzeichnete sich berechtigt, seinen Titel als Rentamtsoffiziant aufrechtzuhalten, und werde ich daher künftig gegen jeden, der mich absichtlich nicht als Offiziant tituliert, Strafantrag wegen Beleidigung stellen. Greding, im Juli 1900. Karl Brandl, Rentamtsoffiziant a. D.“
*
Gedanken. Merkwücrdig; derjenige, der sich auf die Kunst des Lebens am allerwenigsten versteht, wird „Lebemann“ genannt„Postill.“
Neu eingelaufene Schriften.
Besprechung wichtigerer Erscheinungen behalten wir uns vor.
-s. Wir empfehlen unseren Genossen angelegentlichst, sich das bei Dietz in Stutigart erscheinende Lieferungs⸗ werk: Gesundheitsschutz in Staat, Gemeinde und Familie anzuschaffen. Soeben ist das 5 und 6. Heft erschienen; aus dem Inhalt heben wir hervor:
Unsere kleinsten Feinde.— Der Boden und seine Verunreinigung.— Das Wasser.— Die Zusammensetzung der Luft. An Farventafeln sind den Heften beigegeven: Tale III Pflanzenkeaukheiten und Tafel IV Süß wasseralgen.
Das Werk ist in 25 Heften à 20 Pfg. komplett.
„Ju freien Stunden“, Illustrierte Romanbiblio⸗ thek für das arbeitende Volk in Wochenheften à 10 Pfg. Lieferung 32 und 33 sind soeben erschienen und enthalten die Fortsetzung des prächtigen, kulturhistorischen Romans „Der Sohn des Rebellen“ von Viktor Hugo(nach seinem „Lachenden Mann“). Ferner die feuillerontstischen Skizzen „Königin und Dichterin“,„Das Kirchlein im Walde“, „Dies und Jenes“ und„Witz und Scherz“.
Jeder Kolporteur, jeder Buchhändler(auch die Post zum Vierteljahrspreis von 1,20 Mt, Postzeitungskatalog Nr. 3777) nimmt Bestellungen auf diese 10 Pfg.-Hefte au.


