Ausgabe 
2.9.1900
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

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gebildeten Fonds, der, Bismarck zur Verfügung gestellt, von diesem dazu benutzt wurde, diejenigen

Zeitungen finanziell zu unterstützen, welche für

die preußische Raubpolitik eintraten, richtiger gesagt, eintreten mußten. Bismarck selbst nannte in seiner Rede vom 29. Januar 1869 diese käuflichen Zeitungsschreiber Reptilien(Kriech⸗ tiere), worauf die BezeichnungReptilienfonds allgemein ward. Mit der Entlassung Bismarcks wurde auch der Reptilienfonds beseitigt; Caprivi

wollte nicht mit solchen verwerflichen Mitteln

arbeiten. Den Reptilien fonds sind wir nun los, aber die Reptilien sind geblieben. Jetzt züchtet sie der Zentralverband der In⸗ dustriellen, die Schlot⸗ und Kohlenbarone, Fabrikanten, Börsianer und Grundstücksspeku⸗ lanten. Für ihre Interessen arbeitet besonders der edle Mähre Schwein burg, der dafür ein riesiges Jahresgehalt bezieht. SeineReichs⸗

korrespondenz, in der er die Ausbeuterinteressen

verteidigen, die Arbeiterbewegung und die sozial⸗ demokratische Partei verdächtigen und beschimpfen und für Umsturz⸗ und Zuchthausgesetze Propa⸗ ganda machen muß, wird an zahlreiche kleine Provinzblätter, wie beispielsweiseWetzlarer An⸗ zeiger,Oberhessische Zeitung ꝛc. versandt, von denen die Schimpfartikel mit Vergnügen abgedruckt werden. Dafür bringt das Unternehmertum große Opfer. Für den Preßfonds des Zentral⸗ verbands wird jahraus jahrein der Bettelsack geschwungen. Einen solchen Bettelbrief stellte ein Industrieller demVorwärts zur Ver⸗ fügung. Aus diesemvertraulichen Schreiben, das von dem Vorsitzenden Haßler und dem be⸗ kannten Generalsekretär Bueck unterzeichnet ist, wollen wir unseren Lesern einiges vorführen, um sie von dieser Mache zu unterrichten. Es heißt da:

Hiermit erneuern wir die Bitte an unsere geehrten Mitglieder, einen freiwilligen Beitrag zu dem Preßfonds zu leisten, der bekanntlich getrennt von den, aus den ordentlichen Beiträgen der Mitglieder gebildeten Mitteln des Zentralverbands verwaltet und hauptsächlich zur Herausgabe derNeuen Reichskorrespondenz verwendet wird. DieseKorrespondenz wird kostenfrei an 465 Zeitungen versandt; dabei sind namentlich kleinere lokale Blätter ins Auge gefaßt, deren Herausgeber mit möglichst geringem Redaktionsauswand arbeiten müssen, denen daher dieKorrespondenz außer⸗ ordentlich willkommen ist. Diese lokalen Blätter, welche meistens in den Wirtshäusern ausliegen, dringen mehr in das Volk als die großen Zeitungen und dienen daher ganz besonders dem mit der Korrespondenz verfolgten Zwecke. Mit Rücksicht auf diesen Umstand haben wir bereits seit mehreren Jahren in derKorrespondenz, neben der Bertretung der allgemeinen wirtschaftlichen Interessen der Industrie, energisch den Kampf gegen die Umsturzparteien geführt; es sind wöchentlich ein bis zwei Artikel besonders gegen die Bestrebungen der Sozialdemokratie geschrieben worden. Gerade diese Artikel, welche sehr fleißig abgedruckt werden, haben derKorrespondenz neue Freunde erworben, sodaß sich die von Zeitungsverlegern ausgehenden Gesuche um Zu sendung derselben wieder gemehrt haben.

Daß die Fälschung der öffentlichen Meinung in dieser Weise betrieben wird, war ja schon bekannt, der Brief stellt nur einen neuen akten⸗ mäßigen Belag dafür dar.

Für die Arbeiter ergiebt sich aber hieraus wieder die dringende Verpflichtung, für die Ver⸗ breitung ihrer Presse zu wirken und die er⸗ bärmlichen Wische, welche die Arbeiterbewegung verleumden und beschimpfen, aus ihren Woh nungen fernzuhalten.

Schon wieder neue Mordwaffen.

Wie unser Leipziger Pacteiorgan berichtet, soll wieder ein neues Gewehrmodell ein⸗ geführt werden. Ueber 100 000 Stück davon wären schon fertiggestellt, die Werkstätten von Erfurt lieferten täglich 100 Stück. Auch einen neuen Infanteriesäbel benötige man, ebenso seien die Militärwerkstätten seit langer Zeit mit der Herstellung eines neuen Kavallerie-Karabiners beschäftigt. In aller Stille, ohne den Reichstag zu befragen, arbeite man mit großem Eifer an einer thatsächlichen Neubewaffnung des Heeres. Michel, halte die Taschen zu!

Offiziers⸗Pensionierungen.

Pensioniert wurden wiederum in der

deutschen Armee vom 1. Juli15. August d. J.: 2 Generalleutnants, 5 Generalmajore, 4 Oberste, 5 Oberstleutnants, 13 Majore, 22 Hauptleute, 3 Oberleutnant?, 9 Leutnants. In Summa 63 Offiziere. Kosten pro Jahr 221000 Mark.

Die Kosten für den raschen Verbrauch der Offiziere hat bekanntlich das Zolk zu tragen. Der Pensionsfonds wächst unheimlich.

Patriotisches, opferwilliges Unternehmertum.

Ganze 100 000 Mark sind alsLiebesgabe aus der Kasse des Kohlensyndikats zur Unterstützung der Chinatruppen geflossen. Es sind einige Tropfen der Goldquelle, welche durch diePreisfestsetzungen beim Kohlenhandel erschlossen worden sind. Es geht doch nichts über den Patriotismus unserer Kohlenbarone, die inPreistreibereien undLohnkartell⸗ schließen, wie in Herbeiziehung fremder Arbeits⸗ kräfte ihre Stärke ja schon manchmal gezeigt haben.

Durch Geschosse aus der Heimat verstümmelt.

Kapitän Lans vom Kanonenboot Iltis, der bei der Erstürmung der Taku-Forts verwundet und grausig verstümmelt wurde, hat an seine Verwandten Briefe gerichtet, in denen sich fol⸗ gende Worte finden:

17 Volltreffer an Granaten(12 24 Centimeter Ka⸗ liber) haben wir bekommen, von denen die bei weitem grö dere Zahl im Schiffe krepiert ist und hier leider so viele meiner braven Leute getötet oder ver⸗ wundet hat. Und welcher Hohn! Alle feindlichen Geschütze und Geschosse kommen aus uuserer Heimat; es sind alles moderne Schnelllade⸗ kanonen von Krupp.

Die deutschen Kanonenkönige Krupp, Stumm und Konsorten fragen aber nicht danach, ob ihre Landsleute durch die von ihnen gelieferten Geschosse niedergemäht werden. Hauptsache ist ihnen der Profit, ob sie denselben nun in Gestalt deutscher Kronen, chinesischer Taels oder russischer Rubel einsacken, ist ihnen gleichgültig.

Seit 1871 hat, wie aus einer SchriftDie chinesische Armee und die Kriegsflotte mitgeteilt wird, Krupp nicht weniger als 1649 Ge⸗ schütze aller Kaliber an China geliefert. Außerdem sind aus den überflüssig gewordenen Beständen der deutschen Militärverwal⸗ tung 85 970 Stück Handfeuerwaffen an China verkauft worden! Um das Bild vollständig zu machen, muß noch hinzugefügt werden, daß deutsche Instrukteure die chinesischen Truppen nach deutschem Musfter drillten; um Offiziere heranzubilden, wurden mehrere Kriegs⸗ schulen errichtet, bei denen ebenfalls deutsche Offiziere als Lehrer angestellt wurden.

Auch das noch.

Den Triumphator vor der Schlacht, Grafen Waldersee, sollte nach dem Wunsche Wilhelms II. der Schlachtenmaler Kossak begleiten, um europäisch⸗asiatische Schlachtenbilder zu entwerfen. Der Maler hat aber anderer Verpflichtungen wegen abgelehnt. Es geht deswegen ein anderer Maler, Rocholt, zu diesem Zwecke mit. Im Interesse der Meistbeteiligten wünschen wir, der Maler möge in China nur friedliche Motive für seine zukünftigen Gemälde finden. Das deutsche Volk verzichtet auf Hunnenbilder.

Nanmann, der nationalsoziale Hunnenpastor.

Wenn noch etwas gefehlt hätte, die Blamage der Nationalsozialen vollständig zu machen und ihre Politik zu diskreditieren, es wäre durch die Auslassungen ihres Häuptlings, des Pastors Naumann, zur Hunnenrede erreicht worden. Zu der Wendung des Kaisers vom Pardongeben sagte der christliche Pastor, der in jeder Nummer derHilfe fromme Andachten veröffentlicht, unter ander anderem:

Alle Welt ist einig, daß der Kaiser sich an der hehren Idee der Zivilisation vergangen hat, und wenn es nicht der Kaiser wäre, so würde diese Einigkeit noch viel lauter zu Worte kommen. Wir halten diese ganze Zimperlichkeit für falsch. Die Sache liegt doch einfach so, daß unsere asiatischen Truppen gar nicht in der Lage sind, größere Gefangenenbestände aufzunehmen. Was sollen wir machen, wenn es 50 000 Chinesen ein⸗ fällt, sich uns zu ergeben? Dann bewachen und ernähren wir diese gelben Beüder und sind dadurch kampfunfähig! Ein Ex peditionskorps im Barbarenlande kann sich die Last einer Gefangenenver⸗ sorgung, wie wir sie 1870/71 in vorzüglicher Weise übernommen haben, nicht aufdie Schulter legen lassen. 5

In der Frage: Was sollen wir machen ꝛc. liegt schon die Antwort: Einfach totschlagen! Gegen diese Hunnenkultur wandten sich selbst

ö

zu hören.

Nr. 36. Parteigänger Naumanns. So sagt Professor Paulsen⸗Berlin:

Am wenisten kann ich verstehen, wie ein Blatt, das an seiner Stirn auch die Worte Gottes hilfe und Bruderhilfe trägt, das in jeder Nammer eine evangelische Betrachtung bringt, sich zu solchen Grundsätzen bekennen kann. Sind die Chinesen keine Menschen? Und wenn sie es sind, sind sie dann nicht Brüder und Kinder des einen Vaters, auch sie zum Heil berufen? Mögen sie sich oder mögen einige unter ihnen wie Entartete sich verhalten haben noch sehen wir ja die Dinge, die sich dort zu⸗ getragen haben, nicht klar, sind wir dadurch der Pflicht uüberhoben, wie Menschen und Christen zu handeln?

Schärfer läßt sich einhochverehrter Freund des Hunnenpastors aus München vernehmen: Wenn ich aber jetzt sehe, wie man in Deutschland sich nicht entsetzt von der Parole: Pardon wird nicht gegeben! zurückzieht, wie man die Schatten Attila's her⸗

aufbeschwört und Etzel's Thaten als Muster hinsteg t.

wie man in demselben Atemzug noch von einer Mission zur Ausbreitung des Christentums spricht, den alten Gott, der noch lebe, als Kriegsgenossen einspannt, und gar noch Reichsbeter zur Vernichtung des Feindes auf⸗ ruft, dann verhülle ich mein Haupt und geoe alle Hoff⸗ nung auf, eine Besserung unserer inneren Verhältnisse noch dämmern zu sehen.

Noch mehrere Zuschriften sprechen sich in ähnlicher Weise aus, denen gegenüber Naumann vergebliche Versuche macht, sich herauszuwickeln. Es nützt ihm aber nichts; er hat sich und seiner Partei durch seine thörichte Stellungnahme einen Schlag versetzt, den sie noch lange spüren werden.

Bruder, nimm den Bettelstab, Soldat bist Du gewest.

An diesen Vers Heines wird man erinnert, wenn man die Pensionssätze liest, welche dem tapferen Rachekrieger, dem im hunnischen Kampfe die Glieder verstümmelt wurden, zu⸗ gemessen sind.

Für die Pensionsverhältnisse ist der Grad der Invalidität und der Dienstgrad maßgebend, und zwar werden fünf Klassen unterschieden. Es beträgt die Pension: 1. Klasse: Für Feldwebel 42 Mk., für Sergeanten 36, für Unteroffiziere 33, für Gemeine 30. 2. Klasse: Für Feldwebel 33 Mk., für Sergeanten 27, für Unteroffiziere 24, für Gemeine 21. 3. Klasse: Für Feldwebel 27 Mk., für Sergeanten 21, für Unteroffiziere 18, für Gemeine 15. 4. Klasse: Für Feldwebel 21 Mk, für Sergeanten 15, für Unteroffiziere 12, für Gemeine 9. 5. Klasse: Für Feldwebel 15 Mk., für Sergeanten 12, für Unteroffiziere 9, für Gemeine 6 Mk. monatlich.

Die Pension 1. Klasse wird gewährt den Ganzinvaliden, welche gänzlich erwerbsunfähig geworden sind, und ohne fremde Wartung und Pflege nicht bestehen können. Die Pension 2. Klasse wird gewährt den Ganzinvaliden, welche gänzlich erwerbsunfähig geworden sind, aber ohne fremde Pflege und Wartung bestehen können Die Pension 3. Klasse wird gewährt den Ganzinvaliden, welche größtenteils erwerbs⸗ unfähig sind. Die Pension 4. Klasse wird ge währt den Ganzinvaliden, welche teilweise er⸗ werbsunfähig sind. Die Pension 5. Klasse wird gewährt den Ganzinvaliden, welche zu jedem Militärdienst untauglich geworden sind, sowie den Halbinvaliden, welche zum Feld- und See⸗ dienst untauglich geworden sind.

Wie dasdankbare Vaterland übrigens für seine Kämpfer sorgt, zeigt das Beispiel eines in Steinheim in Württemberg lebenden Veteranen. Dieser kehrte aus dem Kriege von 1870 mit dem eisernen Kreuze dekoriert, aber auch total krank und arbeitsunfähig zurück. Der arme Teufel erhält weiter nichts, als monatlich 12,85 Mark oder täglich 43 Pfennige auf grund der Invalidenversicherung. Damit soll er eine Fa⸗ milie von sechs Personen ernähren! Jetzt wird für ihn in der Oeffentlichkeit gebettelt, wäh⸗ rend doch Milliarden durch die Flottenvermehrung buchstäblich ins Wasser geworfen werden.

Neuer reaktionärer Vorstoß in Sachsen.

Wenn aus Sachsen irgend eine Regierungs⸗ handlung gemeldet wird, kann man sicher sein, von einer neuen rückschrittlichen Maßnahme Jetzt wollen die Sachsen wenn

man vonhellen Sachsen spricht, muß man licht an die sächsischen Regierungsleute denken gesetzlich gegen den Kontraktbruch land⸗ er vorgehen. Die

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