— 2 2 7
geetenbiue 5
Gießen
55
— Uhrmacher,
eeuenbäue
.
Nr. 36.
Gießen, Sonntag, den 2. September 1900.
7. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
˖
Mitteldeuts che
eit!
1 1 9
Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. ..
Abonnements pre is:
Bestellungen
FJuserate
Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unseref nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5gespalt.
Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig.] Erpedition in Gießen, Son Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch[ Druckerei, Neuenweg 28, jede die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4312 a.) 33¼8% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% ä Rabatt.
Die deutschen Gewerkschaften im Jahre 1899.
I.
In der Nr. 33 des„Korrespondenzblattes“ veröffentlicht die Generalkommission die Statistik für 1899, welche in einer großen Anzahl Tabellen über Stärke, Einnahmen und Ausgaben, Leistungen der Gewerkschaften Auskunft giebt.
Es bestanden Ende 1899 in Deutschland 55 auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung stehende Zentralverbände, während 1898: 57 solcher Organisationen vorhanden waren. Die Verbände der Goldarbeiter und der Holzarbeiter (Hülfsarbeiter) haben sich im Jahre 1899 dem Metallarbesterverband resp. dem Holzarbeiter— verband angeschlossen, wodurch die Verringerung der Zahl der Organisationen eingetreten ist. Der Verband der Eisenbahner veröffentlicht mit Rück— sicht auf die Gefahr, welche seinen Mitgliedern dadurch entstehen könnte, keine Abrechnungen und giebt die Zahl seiner Mitglieder nicht bekannt. Die Eisenbahnverwaltungen sind eifrigst bemüht, die Verbands mitglieder zu maßregeln und will der Verbandsvorstand nicht den Verwaltungen Hinweise geben, wo sie solche Mitglieder zu suchen haben. Aus den gleichen Gründen ist der Verband der Eisenbahner auch in der Ge⸗ werkschaftsstatistik nicht aufgeführt. Auch ein charakteristisches Zeichen dafür, wie in Deutsch⸗ land staatliche Verwaltungen die Rechte der Arbeiter achten.
Die 55 Zentralorganisationen zählten ins⸗ gesamt 580473 Mitglieder, worunter 19 280 weibliche sich befinden. Gegenüber dem Jahre 1898 ist eine Zunahme von 89 100 Mit⸗ gliedern— 18,13 Prozent zu verzeichnen.
Einschließlich der Mitglieder der Lokal⸗ vereine betrug die Zahl der gewerkschaftlich organi⸗ sierten Arbeiter:
1895: 269 956 Mitglieder, darunter 6 697 weibliche
1896: 335088„ 5 15265„ 1897: 417162„„ ee 8: 511242„***VVVf 1899: 596419„ e
Seit 1894 ist ein ständiges Anwachsen der Gewerkschafts mitglieder vorhanden und von 1895 bis 1899 nahmen die Gewerkschaften an Mit⸗ gliederzahl um 325 551 oder 126,82 Prozent zu. Es ist dies eine Zunahme, die wohl durch die anhaltend günstige Konjunktur veranlaßt ist, jedoch sicher auch dadurch herbeigeführt wurde, daß die Arbeiterschaft Deutschlands in immer größerem Umfange die Notwendigkeit gewerk⸗ schaftlicher Organisation anerkennt.
Die Zahl der Mitglieder ist in den einzelnen der 55 Zentralorganisationen sehr verschieden hoch. An erster Stelle stehen die Metallarbeiter mit 85013; dann folgen Maurer 74534; Holz⸗ arbeiter 62 570; Textilarbeiter 37617; Berg⸗ arbeiter 33 000; Buchdrucker 26 344; Zimmerer 23 719; Fabrikarbeiter 22 592; Tabakarbeiter 18 401; Schuhmacher 16 922; Schneider 12173; Bauarbeiter 11149; Steinarbeiter 10 000; Maler 9440; Former 8817; Handelshülfsarbeiter 8730; Brauer 8681; Porzellanarbeiter 8660; Hafen⸗ arbeiter 8587; Buchbinder 7631; Töpfer 5765; Lederarbeiter 5369; Böttcher 4920; und dann folgen die übrigen Berufe mit geringeren Zahlen
bis herunter zu 300 Mitgliedern, welche die Organisation der Gärtner verzeichnet.
Die Stärke der einzelnen Organisationen, sowie der gesamten Gewerkschaften ist jedoch nicht nach der absoluten Zahl der Mitglieder, sondern nach deren Prozentverhältnis zur Zahl der Berufsangehörigen zu beurteilen. Als organi⸗ sationsfähig wird man im allgemeinen die Arbeiter und Arbeiterinnen zu betrachten haben, welche im Alter von 18—60 Jahren stehen. Die Zahl derselben beträgt in den Berufen, welche für die Zentral organisationen in Frage kommen, 4 959 845, wovon 580 473, also nur(11,71) Prozent Mitglieder der Organ sationen sind.
In einzelnen Orgauisationen ist selbstverständ⸗ lich ein weit höherer Prozentsatz der Berufsange— hörigen vereinigt, als der vorstehend genannte Durchschnitts satz, der sich für alle Organisationen ergiebt. Verhältnismäßig am besten sind die Bildhauer organisiert, 68,3 Prozent der in ihrem Berufe Beschäftigten sind Mitglieder ihrer Gewerkschaft. Den zweithöchsten Prozentsatz weisen die Buchdrucker mit 64,28 Prozent auf, dann folgen die Kupfer schmiede mit 45,86; Handschuhmacher 43,73; Glaser 29,75; Stukkateure 28,96; Porzellanarbeiter 27,03; Lithographen und Steindrucker 26,21; Schiffs⸗ zimmerer und Werftarbeiter 25,41; Maurer 24,38; Tapezierer 24,16; Buchbinder 23,14; Stein setzer 22,32; Böttcher 20,49; Töpfer 19,81; Hutmacher 19.76; Tabakarbeiter und Zigarren⸗ sortierer 19,47; Holzarbeiter 18,63; Metall⸗ arbeiter 16,62; Schuhmacher 15,10; Leder⸗ arbeiter 15,04; Former 14,96; Brauer 13.63; Maler 13,54; Fabrikarbeiter 13.07; Textil⸗ arbeiter 6,97; Bergarbeiter 6,89; Schneider 5,50 Prozent usw.
Die Schwierigkeiten, die Arbeiter und Ar⸗ beiterinnen zur Organisation heranzuziehen, sind in den einzelnen Berufen verschieden groß. Es würde zu weit führen, dies des Näheren zu schildern. Es muß bei der Beurteilung der Organisationsfähigkeit der Arbeiter in den ein⸗ zelnen Berufen nicht nur das Arbeiten auf dem platten Lande in Berücksichtigung gezogen werden, sondern auch der Umstand, ob in dem Beruf der Kleinbetrieb in starkem Maße vorhanden ist. Nach den Berechnungen, welche die General⸗ kommission nach den Ergebnissen der Berufes⸗ zählung, unter Berücksichtigung dieser beiden Faktoren, gemacht hat, besteht die größte Schwie⸗ rigkeit bezüglich Organisierung bei den Müllern, Schmieden, Schuhmachern, Textilarbeitern und Schneidern. Dann solgen die Gärtner, Zimmerer, Tabakarbeiter und Maurer. Die günstigsten Verhältnisse nach dieser Richtung hin weisen die Buchdrucker, Lithographen und Stukkateure auf.
Neben den Gewerkschaftsverbänden giebts in den verschiedensten Berufen noch Vereine und Ver⸗ bände gewerkschastlicher Natur. Es sind Ende 1899 außer den 15 946 Mitgliedern lokaler Vereine noch 86 777 Mitgliedern in den Hirsch⸗ Dunckerschen Gewerkvereinen und in den christ⸗ lichen Gewerkschaften 112 160 Mitglieder vor⸗ handen gewesen. Dazu kommen noch 68 994 Mitglieder in Vereinen, welche keiner dieser
Organisationsgruppen angehören, sodaß im ganzen Ende 1899 in Deutschland 864 350 Arbeiter gewerkschaftlichen Vereinen
und Arbeiterinnen
nenstraße 25, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung
Bei mindestens
N
irgend welcher Art angehörten. Für den ge⸗ werkschaftlichen Kampf kommen neben den Ge⸗ werkschastzverkänden die anderen Organisations⸗ gruppen wenig in Betracht. Die Hirsch⸗-Duncker⸗ schen Gewerkvereine wollen Frieden und Harmonie zwischen Kapital und Arbeit und auch die christ⸗ lichen Gewerkschaften sind auf grund der gleichen Tendenz in den letzten Jahren(hauptsächlich 1898 und 1899) gegründet worden.
Es dürfte übrigens der Zweck, welchen die Gründer der christlichen Gewerkschaften erstreben, nämlich die auf dem Boden der modernen Arbeiter⸗ bewegung stehenden Gewerkschaften zu schwächen, nicht erreicht werden. Wie die Verhandlungen des letzten Kongresses, welchen sie am 3. Juni 1900 abhielten, zeigten, wollen die christlichen Gewerkschaften ernstlich an die Lösung der ge⸗ werkschaftlichen Aufgaben herantreten. Geschieht dies, so ist die Absicht der Gründer dieser Organi⸗ sation verertelt und ein Anschluß an unsere Ge⸗ werkschasten resp. ein gemeinsames Vorgehen eine Frage der Zeit.
Der Fortschritt der deutschen Gewerk⸗ schaftsbewegung beruht auf der Stärkung der gewerkshaftlichen Zentralverbände, weil diese allein mit aller Energie bestrebt sind, den gewerkschaftlichen Kampf zu führen. Sie sind nicht nur doppelt so stark als alle anderen Organisationsgruppen zusammen, sondern sind durch fortgesetzte Verbesserung ihrer Einrichtungen und Srärkung ihrer Finanzen geeignet, die Mit⸗ glieder an der Orgamsation zu halten und den Unternehmern erfolgreich entgegentreten zu können.
Es ist selbstverständlich auch hier noch vieles zu bessern. Besonders muß der Heranziehung der Arbeiterinnen zu den Gewerkschaften größere Aufmerlsamkeit geschenkt werden, weil ohne Anteilnahme derselben in vielen Gewerben ein Lohnkampf kaum noch geführt werden kann. Wenn auch einzelne Organisationen einen nicht unbeträchtlichen Teil der weiblichen Berufsange⸗ hörigen herangezogen haben, so muß doch im allgemeinen die Anteilnahme derselben an den Gewerkschaften als eine sehr mangelhafte bezeichnet werden.
Auch in Bezug auf die Finanzen, die An⸗ sammlung größerer Fonds zur Führung des gewerkschaftlichen Kampfes, werden einzelne Or⸗ ganisationen nach Besserung zu streben bemüht sein müssen, wenn insgesamt auch auf diesem Gebiete die letzten Jahre erfreuliche Fortschritte brachten.
Politische Bundschau. Gießen, 31. August. Die bürgerliche Presse.
Früher hatten es die Herausgeber der reak⸗ tionaren Presse sehr bequem. Sie brauchten keine Angst zu haben, Pleite zu gehen, der Rep⸗ tilienfonds sorgte dafür, daß sie über Wasser blieben, sofern sie nur hübsch brav waren und sich hüteten, etwas in ihren Spalten aufzunehmen, was den Wünschen der preußischen Regierung zuwiderlief. Unsere Leser wissen, was der Rep⸗ tilien⸗ oder Welfenfonds zu bedeuten hatte. Man verstand darunter den aus den Zinsen des 1868 konfiszierten, 48 Mill. Mark betragenden Vermögen des hannoverschen Königs Georg V.


