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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 27.
Patrigrnussn, Trum!
Denkt an die Verbreitung
Eurer presse! Im politischen und wirtschaftlichen Befreiungs⸗ kampfe der unterdrückten Klassen ist die Presse mächtigste Waffe! In keinem Arbeiterheim darf die Mitteldeutsche gonntags- Ztg. fehlen! Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Ztg. erscheint wöchentlich einmal und kostet frei ins Haus ge⸗ bracht monatlich nur 25 Pfennige. Durch die Post bezogen kostet die Zeitung 90 Pfennige und unter Kreuzba.id durch die Expedition eine Mark vierteljährlich.. Unsere Postabonnenten ersuchen wir um rechtzeitige Erneuerung des Abonnements, damit in der Zustellung keine Verzögerung eintritt.— Wir machen noch besonders darauf aufmerksam, daß jetzt alle Briefträger Zeitungsbestellungen entgegennehmen, man also nicht gezwungen ist, sich deswegen nach dem Postamte zu bemühen. Alle Auskunst wegen Bezug der Zeitung erteilt unsere Expedition, Sonnenstr. 25 in Gießen. Man verlange Probenummern! FP!!! ̃]Ü—dI1dmn———TT
Von Nah und Fern.
Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns dle Ger willkommen
Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkeit
bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.
Beschäftigung schulpflichtiger Kinder.
Von der Bürgermeisterei Gießen wird amtlich bekannt gemacht, daß schulpflichtige Kinder in der Zeit von 8 Uhr abends bis 8 Uhr vormittags mit gewerblichen Arbeiten außerhalb der elterlichen Wohnung nicht beschäf⸗ tigt, oder zum Austragen von Backwaaren, Milch, Zeitungen ꝛc. verwendet werden dürfen. Zu⸗ widerhandelnde verfallen in eine Geldstrafe bis zu 30 Mk. oder entsprechende Haft. Wir können dieser zum Schutze der Kinder nothwendigen Maßregel nur zustimmen.
„Neutrale“ oder„politische“ Gewerkschaften.
Diesen Gegenstand erörterte der Gießener Wahlverein in seiner Versammlung am 23. Juni. Der Referent Vetters bemerkte zunächst, daß die Diskussion dieser Frage hauptsächlich durch einen Vortrag Bebels, den dieser kürzlich in Berlin gehalten, angeregt worden sei. Bebel vertrat dort die Ansicht, daß sich die Arbeiter wie es die Unternehmer auch thun, ohne Rücksicht auf ihre politischen und sonstigen Ueberzeugungen zusammenschließen müßten, jede Partei politik aus den Gewerkschaften entfernen und nur Ar⸗ beiter politik treiben, politisch sich„neutral“ verhalten sollen. Aehnlich haben sich früher schon noch andere Genossen ausgesprochen; im Parteibericht zum letzten Parteitag finden wir eine Aeußerung in ähnlichem Sinne und in seinem Schlußwort in der Bernstein⸗Debatte in Hannover sprach sich Bebel schon dort dahin aus, daß die Politik aus den Gewerkschafen her⸗ ausmüsse. Der in den letzten Jahren stattge⸗ sundene Aufschwung der Gewerkschaften, wie auch vielleicht die Gründung christlicher Ar⸗ beiterorganisat onen möge dazu beigetragen haben, daß jetzt die Forderung neutraler Gewerkschaften mehr und stärker als früher erhoben wird. Was kann man unter„neutralen“ Gewerkschaften verstehen? Bisher und namentlich in den letzten Jahren haben die Gewerkschaften stets gewisse Neutralität beobachtet und nicht blos weil in Preußen das Verbindungsverbot politischer Vereine bestand, sondern weil man jedem nichtsozialdemokratischen Arbeiter den Beitritt in die Organisation ermöglichen, einen Zusammenschluß aller Arbeiter zur Erreichung besserer Lohn⸗ und Arbeitsbedingungen herbei⸗ führen wollte. Thatsächlich könnte auch jeder Arbeiter sich in unseren Gewerkschaften an dem Kampfe um Besserung seiner Lage beteiligen,
ohne an seiner abweichenden politischen Ueber⸗ zeugung Schaden zu nehmen. Kein Mensch ver⸗ lange bei Eintritt in die Organisation ein ge⸗ wisses politisches Glaubensbekenntnis
Wenn aber die„Neutralität“ Ausschluß alles dessen, was mit den Arbeiterbestrebungen entschieden zusammenhängt, von der Erörterung in den gewerkschaftlichen Versammlungen bedeuten solle, wenn die Geweckschaften nicht über Ar⸗ beiterschutzgesetzgebung, Frauen- und Kinder⸗ arbeit, Gewerbe⸗Inspektion ꝛc, also Gegenstände, die man als politische bezeichnen kann, sprechen und dazu Stellung nehmen sollten, dann müsse man sich entschieden gegen diese Art„Neutra⸗ lität“ wenden. Die der Sozialdemokratie feind⸗ liche Stellung, die in letzter Zeit das Organ des Buchdrucker⸗Verbandes einnehme, sei ent⸗ schieden zu verwerfen und schädige auch die Ge⸗ werkschaft. Es liege für die Gewerkschaften keine Veranlassung vor, ihre bisherige Taktik zu ändern, mit der sie erfreuliche Fortschritte gemacht hätten. — In der Debatte verteidigten die Buchdrucker Krieger, Andreas und andere die Haltung des Buchdruckerorgans, während Gen. Krumm sich eben alls für Beibehaltung der bisherigen Taktik in der Gewerkschaftsbewegung aussprach. Eine Resolution wurde nicht beschlossen.
(Wir kommen auf diesen Gegenstand noch ausführlicher zurück. Red.)
Die Unternehmer⸗Patrioten.
Bekanntlich streiken die Maurer in Gießen, weil die Unternehmer einen Mindestlohn von 35 Pfennig pro Stunde für leistungsfähige Maurer nicht zugestehen wollen; daß die For⸗ derung der Maurer eine unbescheidene wäre, oder die Unternehmer diesen Lohnsatz nicht be⸗ zahlen könnten, wird niemand behaupten wollen. Letztere erklärten ja früher sogar selbst, daß sie die gefordecten Lohnsätze zahlen könnten, sie wollten aber nicht, weil die Arbeiter gekündigt hätten. Wir haben schon einmal an dieser Stelle unfere Meinung dahin ausgesprochen, daß von Seiten der Arbeiter durchaus korrekt verfahren wurde, und daß es lediglich Schuld der Unternehmer ist, daß es zum Streik kam. Und wenn der Streik, durch welchen zweifellos die Gießener Geschäftsleute nicht unbedeutend, geschädigt werden, nicht beigelegt ist, so liegt dies wiederum an den Bauunternehmern. Den einheimischen Arbeitern lehnten die Herren eine ganz geringfügige Lohnzulage ab, Aus⸗ ländern aber, von denen die hiesige Geschäfts⸗ welt absolut keinen Nutzen hat, machen sie weit über die Forderungen der hiesigen Arbeiter hin⸗ aufgehende Zugeftändnisse. Uns lag folgender Vertrag vor:
„Zwischen M. Abermann, Baugeschäft Gießen und Herrn Ferro wurde heute Nach⸗ stehendes vereinbart: Herr Ferro verpflichtet sich, Dienstag, den 19. Juni, mit mindestens 10 Gesellen und den nöthigen Handlangern an den Friedhofshochbauten in Arbeit zu treten und zwar für die ersten 14 Tage für Tagelohnpreise, wobei bezahlt werden
für eine Gesellenstunde 45 Pfg.,
für eine Handlangerstunde 35 Pfg. Gießen, den 16. Juni 1900.
Der General⸗Unternehmer Die Akkordanten
M. Abermann. Chr. Ferro
H. Bernasconi. Also den minder leistungs fähigen Italienern— um solche handelt es sich hier— bewilligen die Herren Bauunternehmer, über deren Patriotismus natürlich kein Zweifel besteht, 45 Pfennig Stundenlohn, während sie den deut⸗ schen Arbeitern 38—40 Pfennig nicht bezahlen wollen. Die Beilegung des Streiks wird also nur durch den bösen Willen und den Herrendünkel der Unternehmer verhindert. Auf diese Sachlage muß hingewiesen werden, da es immer noch Leute giebt, welche bei jeder Lohnbewegung von„Anmaßung“,„Frivolität“ ꝛc. der Arbeiter reden. Der oben abgedruckte Vertrag zeigt, auf welcher Seite jene Eigen⸗ schaften zu finden sind.
-th. Der Wetzlarer Handschuhmacherstreik dauert noch immer fort. Anstatt daß die Herren Arbeitgeber ein paar Pfennige Lohnerhöhung,
die sie ganz gut gewähren können, be⸗ willigen, lassen sie lieber den ganzen Industrie⸗ zweig zu grunde gehen. Fabrikanten durch Inserate junge Leute, die sich „im Zuschneiden von Wildlederhandschuhen aus⸗ biiden wollen“. Wir glauben kaum, daß viel junge Leute hierauf hereinfallen und Streik⸗ brecherdienste leisten werden. Denn die Löhne, die diese jungen Leute erhalten, können nur äußerst niedrige sein. Uebrigens haben selbst⸗ verständlich die Fabrikanten durch Einstellung ungeübter Leute einen weit größeren Nachteil, als wenn sie den geübten streikenden Handschuh⸗ machern eine doppelte und dreifache Lohnerhöhung, als die geforderte, bewilligen. Darauf scheint es ihnen aber gar nicht anzukommen. Die Hauplsache ist eben, daß den Arbeitern die „Macht“ gezeigt wird. Warten wir ab, welchen Erfolg die Herren von ihrer verblendeten Haltung ernten.
Freie Liebe bei den„Ordnungs“ leuten.
Wir teilten in unserer Nr. 24 eine Anfrage des sozialdemokratischen Abgeordneten Müller mit, die derselbe im bayerischen Land⸗ tage an den Mimister richtete, und bei der es sich um die Ausschließung der Oeffentlichkeit bei dem Kuppeleiprozeß Strauß handelte. Ma⸗ dame Julchen Strauß hatte ganz dicht beim Polizeipräsidium in München ein Haus der Freude eingerichtet, in welchem die tollsten Orgien stattfanden und auch Mitglieder der Polizei und noch höhere Personen Gäste waren. Der Mi⸗ nister erwiderte damals auf die Anfrage Müller's, daß er sich eest über die Sache informieren müsse. — Die Kupplerin Strauß bekam ein paar Monate Gefängnis, welche durch die Unter⸗ suchungshaft als verbüßt erachtet wurden. Sie verschwand darauf aus München, nicht ohne vorher ihre„Ersparnisse“ von ca. 200 000 Mk. bei der Bank abzuheben.— Warum aber bei diesem Prozesse, entgegen der in Bayern sonst üblichen Praxis, die Oeffentlichkeit so gänzlich ausgeschlossen wurde, darüber wird in München jetzt viel diskutirt. Thatsache ist jedenfalls, daß eine Reihe sehr vornehmer Persönlichkeiten da⸗ durch einer nicht unbedeutenden Gefahr entgangen sind. Zwei der geladenen Zeugen, ein Baron und ein Kommerzienrat, sollen nämlich die Ab⸗ sicht gehabt haben, für den Fall einer öffent⸗ lichen Verhandlung auch die Namen der hohen Personen bekannt zu geben, die zwar Gäste in dem freien Liebesheim der Madame Strauß waren, die aber trotzdem nicht als Zeugen ge⸗ laden waren. Zu diesen nicht geladenen Zeugen gehörten u. A. ein Minister. ein
Freiherr und Gesandter, ein Bürger⸗
meister, ein Herzog, und neben diesen er⸗ lauchten Herrschaften auch ein schlichter Rechts⸗ anwalt. Alle diese Hüter und Stützen der bürger⸗ lichen Sittlichkeit entgingen der öffentlichen Kennzeichnung, zu der zwei geladene Zeugen in ihrem Zorn entschlossen waren. Nicht minderes Glück hatte ein General, der, als Zeuge ge⸗ laden, kurz vor der Verhandlung militärischen Urlaub erhielt.— Nun, vielleicht kommen die Namen der Ordnungsstützen, die gewiß schon des Oefteren über Sittenlosigkeit und Verderbtheit — in den unteren Volksschichten— zeterten, gelegentlich an Tageslicht. Lex Heinze⸗Spuk.
Ueber eine Sittlichkeits⸗Maßregel in Regens⸗ burg berichten süddeutsche Blätter: 5
„In einer hiesigen Kloster⸗Mädchenschule (Volks schule) wurde den Kindern, von denen in warmen Tagen manche in kurzen, sog. Halb⸗ ärmeln erschienen, dies untersagt und ihnen bedeutet, daß die Aermel ihrer Kleider bis an das Handgelenk zu reichen haben. Auch die sechsjährigen Kinder der untersten Klasse wurden nicht ausgenommen!“
Wie traurig muß es um die Sittlichkeit der⸗ jenigen bestellt sein, die nicht einmal die bloßen
Arme eines Schulkindes sehen können!— Die erbärmliche Heuchelei der heutigen Ge⸗ sellschaft tritt so recht zu Tage, wenn man das
in der vorhergehenden Notiz gekennzeichnete Ver⸗ halten der Münchener Ordnungsstützen mit der Regensburger Verfügung zusammenhält.
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