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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 1.
Seite 6. * 2 e 2
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Unterhaltungs⸗Teil. —̃ Ä— Du kennst es.
Von Jo seph Hannich.*
wenn Dich nie ein Leid betroffen, Wenn Du nie in trüben Stunden erben Kummer hast empfunden, Ach, dann kennst Du nicht das offen Jener Menschen, die da dulden
Ohne eigenes Verschulden.
Ja, dann weist Du nicht, das Wehe, Weißt nicht, wie so allgewaltig,
.
Schmerzensreich und vielgestaltig, In der Tief und in der Höhe Menschenelend zum Erbarmen Um sich greift mit weiten Armen.
Wirst Du aber mitgezählet
Su dem großen, armen Haufen, Mußt Du täglich selbst Dich raufen, Müd' gehetzt und abgequälet,
Um den Bissen Brod, den kleinen, Für Dich selber und die Deinen,
Alsdann kennst Du sie, die Thränen, Hennst das Mühen, kennst das Plagen, Hennst die Lehre vom Entsagen; Kennst auch das gewalt' ge Sehnen Nach dem Kommenden, dem Neuen, Das soll uns von Vot befreien.
Wie ich tot war.
Humoreske von Albert Roderich, Hamburg.
Die nachfolgende Geschichte hat mir mein Freund Christoph Wimpelmann, der unter dem Pseudonym Heribert Orioso bekannte Roman⸗ schriftsteller, erzählt. Daß die Geschichte wahr ist, hat er mir bei dem Wohlergehen eines einer entfernten Verwandten geschworen, von em er eine Erbschaft von beinahe 800 Mark zu erwarten hat. Zweifel an der Wahrhaftig⸗ keit seiner Erzählung wären also geradezu be⸗ leidigend. Ich will seine Mitteilungen möglichst wortgetreu wiedergeben. Also:
„Vor acht Tagen ging ich zu meinem Ver⸗ leger, um ihn zu bitten, mir einen Vorschuß auf die zweite Auflage meines neuesten Romans „Uebelriechende Blumen“ zu gewähren. Der Mann ward noch gröber, als er es schon ge— wöhnlich war. Ob ich denn just endlich voll⸗ ständig verrückt geworden sei? Noch keine hun⸗ dert Exemplare wären verkauft. Darauf drohte ich ihm mit Verhungern meinerseits.
„Schön,“ sagte er,„seien Sie so freundlich. Dann gehen ihre Bücher vielleicht besser. Ueb⸗ rigens, Sie bringen mich auf eine Idee. Ster⸗ ben Sie doch wirklich mal— ich meine natür⸗ lich interimistisch— verstehen Sie?—“
„Ach,“ entgegnete ich,„das ist ja ein ganz alter Witz. Ich habe neulich erst von einem Maler gelesen, der sich hat tot sagen lassen, um seine Bilder im Preise zu steigern.“
„Ja,“ sagte mein Verleger,„Sie müssen
dann auf eine ganz originelle und sensationelle
Weise sterben, dann zieht es noch. Gehen Sie mal nach Hause und brüten Sie was aus.“
Ich ging nach Hause, brütete etwas aus und teilte es sofort meinem Verleger mit.
„Na, sagte er,„die Sache ist so dumm, daß das Publikum es wohl glauben wird. Ich will mal 50 Mark dran wagen. Nun reisen Sie also möglichst weit weg nach so'n kleinem Nest und setzen sich da ganz ruhig und still hin. Die Geschichte von Ihrem jammervollen Tod werd ich schon in die Zeitungen lanzieren. Hier haben Sie 50 Mark Reisespesen und Vor⸗ schuß und nu los!“
Ich aß mich erst mal ordentlich satt für 90 Pfennig, kaufte mir einen wunderschönen ganz hellen Sommer⸗Anzug für 19 Mark und fuhr vierter Klasse nach Grevenhausen. Dieser Ort
* Aus H. Bartel's„Nordböhmischen Klängen“. Verlag von Albin Langer, Chemnitz.
liegt einsam und versteckt und hat im Winter 800 Einwohner, zur Zeit der Sommerfrische aber 850 bis 855. Ich gab mich im Gasthause „Zum Willkomm“ in Pension(3 Mark pro Tag, aber ohne Getränke) und schrieb mich ins Fremdenbuch ein als Christoph Wimpelmann, „Rentier“. Das hatte ich immer schon gern mal sein wollen.
Außer mir wohnten noch ungefähr 29 Per⸗ sonen im„Willkomm“, und es war da sehr gemütlich und nett. Die ersten Tage saß ich zuerst mit an der Table d'hote. Mir zur Rechten saß eine junge Dame von ungefähr 30 Jahren. Sie hatte einen sehr großen Mund, aber es waren nur wenig Zähne darin. Sie ließ immer ihre Serviette hinfallen, die ich dann wieder aufhob. Beim fünften male fragte ich die junge Dame, ob es nicht richtiger wäre, wenn ich mich unter den Tisch setzte. Darauf stieß mich die zu meiner Linken sitzende Mutter der jungen Dame, Frau Müller, mit dem Ell⸗ bogen in die Seite und sagte zornig:„Herr, kompromittieren Sie meine Tochter nicht!“
Mir gegenüber saß ein sehr bunt gekleideter Herr mit einem wunderschönen Friseurladen⸗ schaufenstergesicht, der unaufhörlich von sich und seinen Reisen erzählte. Er sagte, er hätte bis jetzt 41000 Mark verreist, aber da set der Aufent⸗ halt in Grevenhausen nicht mit gerechnet. Beim Dessert zog er ein Zeitungsblatt aus der Tasche und las nach einer kleinen Einleitung das Folgende laut vor:
Entsetzlicher Tod aus Edelmut.
Es geht uns die Trauerkunde zu, daß der berühmte Schriftsteller Heribert Orioso in einer Weise ums Leben gekommen ist, die seine zahl⸗ reichen Verehrer mit Grausen, aber auch mit Bewunderung erfüllen wird. Der große Roman⸗ cier befand sich auf einer kleinen Eisenbahnstation, deren Namen wir im Interesse der sofort ein⸗ geleiteten Untersuchung noch verschweigen wollen. Der berühmte Dichter spazierte in der bereits hereingebrochenen Dunkelheit des Abends auf dem Bahndamm, eine Zigarre rauchend und seinen Gedanken nachhängend. Da brauste aus der nächsten Biegung ein Schnellzug heran. Ein namenloser Schrecken überfiel Orioso. Er sah, daß der Zug das unrichtige Geleise befuhr und in wenigen Augenblicken die menschengefüllten
Wagen zermalmen würde, die, zur Abfahrt be⸗
reit, im Bahnhof standen. Da sprang der edle Mann mitten auf den Damm, mit wenigen hastigen Zügen blies er das Feuer seine Zigarre hell an und schwang sie dann mit der Rechten im Kreise durch die Luft, so daß sie von Ferne wie ein sich schnell drehender Feuerring aussah. Der Führer des Schnellzuges bemerkte das Signal, bremste mit aller Kraft, und wenige Meter vor den menschengefüllten Wagen brachte er den Zug zum Stehen. Der gefeierte Schrift⸗ steller aber, der edle Menschenfreund, der Retter aus Todesnot, lag zermalmt, tot, gräß⸗ lich verstümmelt zwischen den Schienen des Bahndammes.———
Nachdem Herr Schnodde— so hieß der buntgekleidete Mann— seine Vorlesung beendet, gingen Ausrufe des Entsetzens, des Mitleids und des Schreckens durch die Gesellschaft.
„Ach, meine Damen und Herren,“ sagte Herr Schnodde mit von Thränen erstickter Stimme, „Das ist doch zu schrecklich! Und die arme Familie des edlen, erhabenen Menschen! Ich kenne sie; eine kranke Frau und sechs Kinder und keinen Happen zum Essen! Da muß was geschehen!“
Herr Schnodde nahm einen Teller vom Tisch, sein Portemonnaie aus der Tasche und warf mit lautem Geklapper ein Zwanzigmark⸗ stück auf den Teller.
„So, meine Damen und Herren, das gebe ich für die unglückliche Familie des großen Dichters, der sein kostbares Leben im Dienste der Menschheit geopfert hat. Nun will ich mal
sehen, was Sie geben, meine Damen und Herren.“
Damit gab er den Teller seinem Nachbarn und der warf zehn Mark hinein. Und so ging der Teller von Hand zu Hand und kam natür⸗ lich auch zu mir. Es ist gewiß erklärlich, daß ich ein wenig zögerte.
„Mein Herr,“ sagte ich zu meinem Gegen⸗ über,„wäre es nicht möglich, daß Sie sich in der Person des Hern Orioso irren? Ich glaube bestimmt und aus guter Quelle zu wissen, daß dieser Schriftsteller Junggeselle ist und niemals Frau und Kinder besessen hat.“
Da warf mir Herr Schnodde einen ver⸗ nichtenden Blick zu.„Mein Herr,“ sagte er, „Ihre gute Quelle kann mir leid thun. Ich kenne den Herrn Orioso und seine Familie per⸗ sönlich und habe die unglückliche Frau und die armen Kinder einigemale beinahe vom Hunger⸗ tode errettet. Herr Orioso war ja gewiß ein edler und erhabener Mensch, aber Sie wissen ja, wie die Dichter sind— die Hunderttausende, die er mit seinen Büchern verdient, hat er mit guten Freunden und schlechten Weibern ver⸗ praßt und seine arme Familie hat er in Not und Elend sitzen lassen.“
Da ward ich aber denn doch etwas ärgerlich und sagte:„Wenn der Herr Orioso so ein Lump gewesen ist, dann geb ich auch kein Geld für ihn her.“
„Zwingen können wir Sie dazu natürlich nicht,“ entgegnete so von oben herab Herr Schnodde,„aber ich meine, es ist nicht fein und nicht nobel, wenn man die arme Familie da⸗ runter leiden lassen will, daß der Mann ein Lump war.“
„Nein, fein und nobel ist es nicht,“ sagte einer vom anderen Ende des Tisches.
„'ne gute Ausrede!“ rief ein anderer.
„Na, so gut kann ich die Ausrede gerade nicht finden,“ sagte überlegen Herr Schnodde, „wollen Sie nicht wenigstens den Teller weiter⸗ geben, Herr Wimpelmann?“
Weil mich nun alle so geringschätzend und verächtlich ansahen, nahm ich mein dünnes Porte⸗ monnaie heraus und opferte von meiner geringen Barschaft ein Zehnmarkstück für meine mir un⸗ bekannte, unglückliche Witwe mit den elenden sechs Kindern.
Als der Teller an Herrn Schnodde zurück⸗ kam, zählte dieser 125 Mark.„So,“ sagte er,„mit dem Gelde freue ich mich ordentlich. Das schicke ich sofort der armen Frau ein.“
„Wo wohnt sie denn?“ fragte ich.
„In Berlin, Steglitzer⸗Straße.“
„Orioso hat aber in Hannover gewohnt, das weiß ich ganz genau,“ sagte ich.
„Na ja, ganz richtig, er ist ja durchgegangen nach Hannover mit einer Choristin vom Neuen Theater.“ g
„So'n Scheusal!“ sagte Fräulein Müller.
„Ja,“ sagte Frau Müller,„dann schadet ihm auch das nichts, daß er unter die Eisen⸗ bahn gekommen ist, nicht, Herr Wimpelmann?“
Jetzt erhob sich ein junger Mann mit einem etwas runzeligen, aber sonst ganz glatten Gesicht und sagte sehr laut:„Ich heiße Adalbert Belle⸗ vue.“
Dann machte er erst eine kleine Pause, um
die Wirkung dieser Worte nicht abzuschwächen.
Nach seinen Mienen zu urteilen, war er ganz sicher, daß wir nun alle wußteu, wen wir vor uns hatten. Für die etwa in unserer Gesell⸗ schaft anwesenden Ignoranten fügte er noch
inzu: 5„ Erster Held und Charakterdarsteller am Theater in Rothenhall..
Dann äußerte er in einer umfangreichen Rede, daß man seiner Meinung nach für die unglücklichen Hinterbliebenen des„genialen, wenn auch vielleicht etwas mit Dekadenze behafteten“ Dichters ganz entschieden noch mehr thun müsse. Er schlage deswegen vor, eine Wohlthätigkeits⸗ Vorstellung zu arrangieren. Um der guten Sache willen sei er bereit, einen Akt„Don Carlos“, einen Akt„Richard III.“ und einige andere eigene Dichtungen zu rezitieren. Der Vorschlag fand großen Beifall und es meldeten sich gleich vier Damen, die singen wollten, ba⸗ runter auch Fräulein Müller.
Ich äußerte nun die Meinung, es wäre doch eigentlich sehr nett, wenn auch etwas von eri⸗ bert Orioso vorgetragen würde. Ich hatte ganz zufällig ein Novellenbuch von ihm in meinem Koffer. Das fanden denn auch alle sehr nett.(Schluß folgt.)
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