Nr. 22.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 7.
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Tussy war ihrem Kurt, den sie schon geliebt, als sie noch ein halbes Kind gewesen, nicht nur eine treue, hingebende Gattin, sie hatte auch Verständnis für seine Ideen und nahm den lebhaftesten Anteil an seinen Arbeiten. Als die Partei, der er angehörte, später ein größeres Organ in der Schweiz gründete, übernahm Oettinger die Chefredaktion und siedelte mit seiner Frau und zwei prächtigen Buben nach Zürich über.
Die Liebe unseres Paares bewahrte etwas von dem zarten Duft der Weinberge, unter welchen ihr Bund geschlossen worden. Ein An⸗ denken weihte und heiligte ihn. Obgleich keiner je den Namen Valeskas aussprach, in ihren Herzen lebte sie fort, ihr Schutzengel in guten und bösen Tagen.
Aus der Gesellschaft.
Was ein Abendessen kostet. In einer der kleinen, von rotsamtener Portiere einge— schlossenen Nischen nahmen sie ganz allein die obere Hälfte des Tisches ein, dessen Serviette unter dem Schein des Lustres in blendender Weise strahlte. Sie waren zu viert heute: Herr Buchhändler Müller nebst Fräulein Tochter, Herr Fabrikant Meier nebst Frau Gemahlin, und hatten soeben das Souper beendet, das sie an den Donnerstagsabenden nach Schluß des Gewandhauskonzerts stets in einem der besseren Weinrestaurants einzunehmen pflegten. Die Stimmung war äußerst animiert, und während die Damen sich mit dem neuesten Stadtklatsch beschäftigten, waren die Herren stark in eine politische Diskussion verwickelt. „Giebt es nicht, giebt es bei uns nicht,“ schrie jetzt Herr Meier, indem er sein noch halb volles Glas zum sechstenmal mit weißem Chablis füllte.„Keinen Pfennig zahle ich mehr, Herr Müller, keinen Pfennig. Die Leute haben voll— ständig ihr gutes Auskommen, und ihr ganzes Gerede ist nur die Folge dieser vorfluchten sozialdemokratischen Hetzer.“
„Emil!“
„Was?“
„Entschuldige, daß ich Euch unterbreche. Aber wir sind eben wieder einmal bei der Toni ihrem armen Ingenieur, und Fräulein Paul — Paula glaubt mir ebensowenig wie ihre Freundin, daß man unter 6000 Mark heute nicht daran denken kann, zu heiraten und gar eine Familie zu erhalten. Sag' ihr's einmal, was Du darüber denkst, Emil.“
Herr Meier lächelte freundlich überlegen: „Nee, nee, mein liebes Fräulein. 6000 Mark? In unseren Kreisen? Na, aber ein audermal“ und dann wendete er sich wieder Herrn Buch— händler Müller zu, der für die ihm längst be⸗ kannte Naivität seiner Tochter auch nur ein stilles Lächeln übrig hatte.
„Na also, Herr Müller...“
„Aber Emil, wir möchten dann auch bald gehen.“
„Ja, ja, ja.— Also—.“ Er tipple, während er den verlorenen Faden ihrer Unter— haltung sucht, auf die silberne Klingel, um den Kellner zu rufen.
„Ja, sehen Sie, da behauptet diese Bande, daß sie mit einem Wocheulohn, Wochenlohn sage ich, von 21 Mark eine Familie— sagen wir vier Leute— nicht anständig erhalten könnte. Rechnen wir es doch einmal aus. Nehmen wir an, sie brauchen für Miete und anderen Kram— na— 7 Mark die Woche. Dann bleiben noch 14 Mark übrig. Pro Tag zwei Mark. Nu, früh, Vesper u. s. w. 50 Pfg., mittags: eins fünfzig, und da kann man sehr gut essen(schaltete Herr Meier ein). Und abends— also— also Abeudessen 50 Pfg.—“
„Die Herschaften wünschen?“ flüsterte devot der Kellner, der soeben in der Spalte des Vor— hanges erschienen war.
„Zahlen!“ rief Herr Meier, dessen weinge⸗ rötetes Gesicht von seinem rednerischen Triumph noch mehr erhitzt war.„Also viermal Abend— essen!“
Herr Müller suchte zu protestieren. Aber es half ihm nichts. Diesmal hatte ihn Herr Meier ausdrücklich eingeladen und begann auch
ö N sie sich einmal in den Kopf gesetzt hat, daß es — hr irgendwo nicht mehr gefällt. Dann ist kein ell. Halten mehr. Sie haben es mit Genf erlebt. be Nein, sie geht; nach Interlaken, Ischl, was Ste weiß ich, wohin? Aber ich lasse mich nicht nich länger so herumschleppen, wie ein willenloses an Ding, wie eine Puppe, eine Sklavin“, brach ur Tussys Unwillen rückhaltlos hervor, indem sich leben ihre Wangen mit Purpur färbten.„Da ziehe ünger ich doch das Leben beim Vater und das Unter- den richten an der Schule vor.“ e ihn Beide saßen eine Weile stumm da. Tussy zy drehte wieder an ihrer Rose, Oettinger spielte mit dem Bleistift auf dem Tisch. Endlich hob jeden er den Blick und sah Tussy an. Das feine tine Profil des Mädchens zeichnete sich leicht auf deine, der grünen Laubwand ab, an ihrer dunkeln fern Wimper brach sich ein Sonnenstrahl und machte eine Tauperle, die dort hing, in allen Farben Tuss spielen. Oettinger warf den Stift hin und griff rden. nach ihrer Hand. mlten„Tussy“, sagte er mit bewegter Stimme, gn„wir sind zwei verwaiste, einsame Menschen, ist,— sollte es nicht möglich sein, daß wir zu— nan sammen—— f. f die Er stockte. Sie sah ihn erwartungsvoll an. Nicht„Ein Pensionat gründen?“ fragte Tussy Apen] schüchern. 3 f g dez„Nein, einen häuslichen Herd“, rief er. Wat Tussy, liebe Tussy, erschrecken Sie nicht. Es t ist kein Sakrileg, welches ich mit diesem Wort orgen, begehe. Sie sind mir immer als ein heiliges, hlt, teures Vermächtnis erschienen. Sie stehen so und gut wie allein in der Welt, auch ich stehe allein hatten und uns verbindet die Liebe zu ihr, unserer bor teuren Toten.— O Tussy, habe ich Sie be⸗ erauf⸗ leidigt, soll ich gehen?“ 10 ei Tussy hatte ihm die Hand entzogen und tune das Gesicht bedeckt. Sie schüttelte leise den 1100 Kopf, er zog ihr die Hand vom Gesicht. Einen 9 sch Augenblick sah sie ihm unsicher in die treuen, 9. 80 goldbraunen Augen, dann verbarg sie die ihrigen desen an seiner Schulter. Er drückte ihr Köpfchen 11 fester an sich und küßte ihr Haar. bers T Tussy“, flüsterte er,„können Sie mir etwas baren mehr als schwesterliche Liebe schenken? Ich— ede. ich— liebe Sie von ganzer Seele.“ Lich Er sagte es leise, mit tiefer, bebender sand⸗ Stimme. Da stahl sich ihr Arm um seinen lan Nacken, und stille, ganz stille ward's in der br Laube, nur die Insekten summten in den Wein⸗ 1- blüten. u e ihm J ͤ ͤ(cr ziquet⸗ 1 1 Hat Im Laufe der nächsten Tage erfuhr nuch (denen 98 Adeline, was in der Sonntagsfrühe ge— ssen. chen. 11 i„Nun, Kinder, das habe ich ja kommen ft den sehen“, rief sie,„das konnte ja garnicht anders vreht. sein. Und ich hoffe, Ihr macht bald Hochzeit, erbt damit ich dabei sein und Euch zusammengeben 5 kann. An die Aussteuer gehen wir sofort, die 10 be übernehme ich. Und wißt Ihr was?— Ach, en un das ist ein reizender Gedanke! Ich miete die händen Villa auf ein Jahr und Ihr bleibt hier wohnen. 1 d Nun, was sagen Sie, lieber Oettinger, was zende sagen Sie, Kleine?“ 1 se Wer war glücklicher und dankbarer, als 0 1 unser Brautpaar. Materielle Bedenken standen nuit. der Verbindung nicht entgegen. Oettinger hatte 5 in eine hübsche Einnahme von dem Pensionat, und ichn es stand bei ihm, sie durch Privatstunden 15 zu verdoppeln. Auch seine Schriften trugen Au ihm etwas ein. Im Notfall konnte Tussy h durch Sprachunterricht zum Erwerb beitragen, 0 115 kurz, die Zukunft des Paares schien gesichert. le Herr Stern war anfaugs sehr überrascht, i Em fast piquiert, sand es aber doch natürlich und 00 0 gab bereitwilligst seinen Segen. 1„So kommt man doch wenigstens einmal lei, in die Gegend, wo die Rousseausche Heloise l, spielt“, dachte er. Aber zur Hochzeit reiste er 8 doch nicht hin. Frau Malm war seine Stell⸗ 10 bertreterin und sie entledigte sich dieses Amtes 0 mit großer Würde. Nach der einfachen Feier nahm sie Abschied von dem jungen Eaar, um 109 statt seiner eine Reise anzutreten. Sie begab 0 bin, sich nach dem Salzkammergut. ll 1 1 3
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schon mit der Aufzählung der Speisen, deren
Preise der Kellner sich auf einem Kärtchen zu notieren beeilte.
„Einmal Lende.“
„Eine Mark.“
„Zweimal Seezunge.“
„Eins fünfzig. Drei Mark.“
„Ein Rebhuhn.— Macht?“
„Einen Augenblick.— Macht sechs Mark fünfzig.“
„Und nun: ein Chablis, zwei Volnay.“
„Zehn— fünf, zwei, drei, eins, sechs— sechzehn Mark fünfzig, wenn ich bitten darf—.“
„Hier.— Na, hat's Euch geschmeckt?“
„Hm— ja, danke sehr.“
„Na— dann wollen wir—.“
Kodak in der Opz. Vztg.
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Gemeinnüßiges.
Gegen Heiserkeit ist der Gebrauch des kalten Wassers innerlich und äußerlich sehr zu empfehlen. Der Patient trinkt des Morgens während des Ankleidens ein Glas frischen klaren Wassers, aber nicht auf einmal; auch muß den ganzen Tag hindurch fortwährend eine kleine Quantität frischen Wassers getrunken werden. Des Abends vor dem Schlafengehen nimmt der Kranke eine Serviette, taucht sie in kaltes Wasser, drückt dieselbl aus, faltet sie zusammen wie ein Hals⸗ tuch und legt sie sich um den Hals; eine trockene Serviete wird ebenfalls zusammengefaltet, über die erste gelegt und befestigt. Alsdann lege sich der Patient ins Bett und decke sich recht warm zu, um eine neue Erkältung zu verhüten. Diese Kaltwasserkur, etwa 8 Tage fortgesetzt, wird das Uebel sicherlich beseitigen.
Aus unserer Bammelmappe.
Die Gesellschaft der Gewalthaber glaubt wirklich an die ewige Dauer ihrer Gewalt, wenn auch die Annalen der Welthistorie und das feurige Menetekel der Tagesblätter und sogar die laute Volksstimme auf der Straße ihre Warnungen aussprechen.
Heinrich Heine. *
Die berühmtesten Namen der Welt sind Würger des Menschengeschlechts, gekrönte oder noch Kronen ringende Henker gewesen. Nicht Humanität, sondern Leidenschaften haben sich der Erde bemächtigt und ihre Völker wie wilde Tiere zusammen- und gegeneinander getrieben.
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Kehre den Satz, der Mensch sei ein Tier, der eines Herrn bedürfe, um: der Mensch, der einen Herrn nötig hat, ist ein Tier; sobald er Mensch wird, hat er keinen eigentlichen Herrn mehr nötig. Die Natur hat unserem Geschlecht keinen Herrn bezeichnet. Im Begriff des Menschen liegt der Begriff eines ihm nötigen Despoten, der auch Mensch sei, nicht.
Johann Gottfried Herder.
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Humoristisches.
Uhland und der Dorfpfarrer. Auf einer Sonntagsstreiferei durch sein geliebtes heimisches Württem⸗ berg kam der bekannte Dichter Ludwig Uhland zu einer Dorfkirche und trat ein. Der korpulente Seelenhirt trug seinen Kirchgenossen gerade mit mächtiger Stimme eine sehr gehaltlose Predigt vor. Uhland hörte eine Weile zu, ging dann hinaus und schrieb an die Kirchenthür mit festem Stifte folgenden originellen Spruch:
„Gar mächtig ist des guten Pfarrers Zunge; Die Brust ist stark, der Geist ist schwach— Nimm, Herr, ihm etwas von der Lunge Und hilf dafür dem Geiste nach.“
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Ganz derselben Meinung. Lieutenant: Veilchenthal, warum soll der Soldat nicht mit der Putzjacke über die Straße geh'n?— Veilchenthal: Recht haben Se, Herr Lieutenant: Warum soll er nich?!
(Jugend.)
DD
Neu eingelaufene Schriften. Besprechung wichtigerer Erscheinung behalten wir uns vor. Die Neue Zeit. Revue des geistigen und öffent⸗
lichen Lebens. Stuttgart. Verlag von J. H. W. Dietz Nachf. Heft 34.— Die„Neue Zeit“ erscheint wöchent⸗ lich einmal und ist durch alle Buchhandlungen zum Preise von 3.25 Mk. pro Quartal zu beziehen. Das einzelne Heft kostet 25 Pfg.— Die„Neue Zeit“ ist eine der besten Wochenschriften und für jeden, der sich über politische und litterarische Zeit- und Streitfragen auf dem laufenden halten will, unentbehrlich.


