Ausgabe 
26.2.1899
 
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Nr. 9. Gießen, Sonntag, den 26. Februar 1899. 6. Jahrg.

Redaktion: 2 Redaktionsschluß: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. 5 0

Sonntags⸗Zeitung.

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in Stadt und Land, um ihre vollständige poli⸗ tische Entrechtung und Entmündigung handelt. Wie den ländlichen Arbeitern die Frei⸗ zügigkeit, so soll den städtischen Arbeitern das Koalitionsrecht genommen werden;

verhöhnt fühlt. Da heißt es Selbstüber⸗ windung üben und nicht aus der Rolle fallen.

Unsere Feinde würden nicht so wüten und toben, wenn es nicht gerade die bisher geübte und erprobte Besonnenheit der deutschen Arbeiter⸗

. den Monat März kostet man geht offenbar darauf aus, die Arbeits⸗ klasse wäre welche seinerzeit die mörderischen e 25 Pfennige. einstellungen unmöglich zu machen. Das Pläne Bismarcks zu Schanden gema t hat.

Bei dem Briefträger bestellt und durch wird man so wenig fertig bringen, wie seinerzeit Und so werden auch in dieser Epoche alle An⸗ tet.: 8 5 9 liefert kostet die M die mächtige Protzenschaft Englands. schläge der Reaktion vereitelt werden, wenn die 1 5 diesen frei ins Haus geliefert kostet dieM. Eines müssen wir bei den Reaktionären an⸗ Arbeiterklasse geschlossen und zielbewußt, aber

S.⸗Ztg. für März nur 30 Pfennige.

Wer dieM. S.⸗Ztg. noch nicht gelesen hat, mache jetzt einen Versuch.

Unsere Parteifreunde mögen sich Mühe geben, neue Abonnenten zu werben. Der heutige Sonntag eignet sich sehr gut zur Vornahme einer Hausagitation. .

Die Reaktion.

Die reaktionäre Hochflut schwillt gewaltig an. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht seitens der Konservativen und ihrer Anhängsel die wildesten Drohungen gegen die Arbeiterklasse ausgestoßen werden. Bald will man den ländlichen Arbeitern die Freizügigkeit nehmen, diejungen Bengels unter verschärfte Aufsicht stellen, den Kontrakt⸗ bruch bestrafen und die Prügelstrafe dazu ein⸗ führen, bald will man den Organisationen der städtischen Arbeiter an den Kragen gehen. Die jüngsten Debatten im preußischen Abgeordneten⸗ hause haben den Beweis geliefert, daß den Reaktionären die Gewerkschaften eigentlich noch verhaßter sind, als die Sozialdemokratie, eine Thatsache, die uns nicht unbekannt war. Mit wahrer Wut wurde die Gewerkschaft der Maurer als eine solche denunziert, welcheArbeitswillige von der Arbeit abhalte, und es wurde die Orga⸗ nisation dieser Branche alseine Gefahr für den Staat bezeichnet. Die Freisinnigen leisteten nur schwachen Widerstand und sie entdeckten jetzt, daß die Konservativen keineFreunde der Ar⸗ beiter seien. Diese Entdeckung kommt etwas spät. Die Arbeiter selbst haben sich durch die demagogischen Kunststücke der Konservativen nie verführen lassen. Sie werden lachen ob des neu erfundenen Rührstückchens, das ein kon ser⸗ vativer Abgeordneter erzählte, wonach sich ein Maurer bei eben diesem Abgeordneten weinend über denTerrorismus der Maurerorganisation beklagt haben soll. Wer mag wohl glauben, daß die Maurer Leute, die ihre Organisationen vernichten wollen, aufsuchen, um sich bei ihnen auszuweinen! Es müßte denn ein weinender Streikbrecher gewesen sein.

Man hielt den Konservativen vor, sie wollten mit ihrem ewigen Geschrei über den angeblichen Terrorismus der Arbeiter Gruseln erregen. Das wollen sie, aber sie wollen auch noch mehr. Schon hat ein Reaktionär den Minister auf⸗ gefordert, er möge erwägen, ob man nicht das Streikpostenstehen aufgrund der Gewerbe⸗ ordnung verbieten könne. Das ist ein Signal.

Man kann deutlich sehen, daß es sich um einen großen Vorstoß gegen die Arbeiterklasse

erkennen sie haben das abgeschmackte Gaukel⸗ spiel, das sie bisher betrieben, aufgegeben, sie geberden sich nicht mehr alsArbeiterfreunde, welche die Arbeiter vor demTerrorismus der Sozialdemokratie schützen wollen. Es wird die nackte Unterdrückungspolitik gegen die Arbeiterorganisationen gepredigt und das hat den Vorteil, daß die Arbeiter wissen, wie sie daran sind und mit wem sie es zu thun haben.

Auch über die sonstigen wohlwollenden Ge⸗ sinnungen der Herren Konservativen hat niemand in Zweifel bleiben können. Man hat über den Schießerlaß des Herrn von der Recke dis⸗ kutiert und es sind dabei sehr verschiedene Aus⸗ legungen geäußert worden. Die Konservativen aber sprachen sich für die größteSchneidig⸗ keit aus; sie sind dafür, daß bei Aufläufen gleich scharf dreingehauen und ge schossen wird.

Das kann man von den Reaktionären nicht anders erwarten, allein es kann niemand ent⸗ gehen, daß deren Auftreten so provokatorisch ist wie noch niemals. Man will offenbar nicht nur dem Spießbürgertum gruselig machen, man will auch die Arbeiter reizen. Man weiß, daß es den Arbeiter erbittern muß, wenn man fortwährend den Unternehmer als Opfer des angeblichen Terrorismus der Arbeiter hinstellt, während thatsächlich zur Zeit der Terroris⸗ mus der Unternehmer mit seinen schwarzen Listen und seinen Aussperrungsorganisationen förmliche Orgien feiert. Die geheime Hoffnung der Reaktionäre geht eben immer noch dahin, die deutschen Arbeiter würden sich solchergestalt zu Unbesonnenheiten drängen lassen, und an einer gesetzlichen Besserung ihrer Lage verzweifelnd, zum Barrikadenbau, zur bewaffneten Erhebung schreiten. Ja, dann wäre der heißersehnte Mo⸗ ment gekommen, wo die Reaktion aus dem Vollen schöpfen könnte!

Wir glauben nicht, daß diese Hoffnung der Reaktionäre sich jemals erfüllen wird. Die deutschen Arbeiter sind im allgemeinen besonnen und kühl überlegend, und sie haben in lang⸗ jährigem Klassenkampf die Macht ihres Zu⸗ sammenhaltens kennen gelernt. Sie sind nicht so thöricht, alles, was sie errungen und geschaffen, leichtsinnig aufs Spiel zu setzen, und sie wissen, daß sie beinahe wehrlos abgeschlachtet werden, wenn sie die Gelegenheit geben, die kleinkalibrigen Gewehre und die Schnellfeuer⸗ geschütze gegen sie anzuwenden.

Trotz alledem kann nicht genug gewarnt werden, denn das Temperament ist denn doch auch verschieden und Diesem und Jenem mag das Blut kochen, wenn er nicht nur den Terro⸗ rismus der herrschenden Klassen am eigenen Leibe verspüren muß, sondern sich auch von übermütigen Protzen und Junkern beschimpft und

unzugänglich für alle Provokationen, sich dem Ansturm der vereinigten Reaktionäre entgegen stellt. Sie bildet in dieser Position eine Macht, die von niemand überwältigt werden kann. Das gesamte Staatsleben wird naturgemäß von einer solchen Macht beeinflußt und die jeweils herr⸗ schenden Systeme werden ihr gegenüber zu rasch vorübergehenden Erscheinungen, in deren Flucht sie der einzig ruhende Pol bleibt.

Wollte man das Toben und Wüten der Reaktionäre ernst nehmen, dann könnte man glauben, wir ständen dicht vor dem Ausbruch eines Bürgerkrieges, und man werde demnächst die Gewehrsalven des Straßenkampfes vernehmen. Aber je ruhiger und besonnener sich die Arbeiter⸗ klasse verhält, um so überflüssiger und lächerlicher muß der ganze Lärm bei allen erscheinen, die die Fähigkeit selbständigen Denkens noch nicht ganz verloren haben.

Die Reaktionäre spannen den Bogen zu straff, und das wird die ungeheure Mehrheit des deut⸗ schen Volkes in kurzer Frist zu ihren enschiedensten Gegnern machen. Denn die Zeiten sind denn doch vorüber, in denen man einem ganzen großen Volke zumuten konnte, sich ohne weiteres um ein halbes oder gar ein ganzes Jahrhundert zurückdrängen zu lassen, um nur einer kleinen Minderheit veraltete Privilegien(Vorrechte) zu gewähren.

Die Konservativen können wohl momentan einigen Ellenbogenraum gewinnen, aber auch nur momentan. Sie haben die ganze Zeitentwicke⸗ lung gegen sich, welche der konservativen Welt⸗ ordnung eine Stütze nach der anderen entzieht und das Veraltete und Ueberlebte beseitigt.

Jede Dampfmaschine arbeitet an dem Unter⸗ gange der Reste der feudalen Welt, und so wird die Beseitigung dieser Reste weit gründlicher besorgt, als es im Jahre 1848 das deutsche Bürgertum vermocht hat.

Darum mögen die Herren noch so sehr toben, die Arbeiter werden sich weder provozieren noch einschüchtern lassen und der Geist der Zeit geht seinen Gang.

Politische Bundschau. Gießen, den 24. Febrnar.

Berlin ist gerettet.

Die Bauerlaubnis für die neue Ein⸗ friedigung des Friedhofes der März⸗ gefallen ist von dem Berliner Polizeipräsi⸗ denten von Windheim verweigert worden. Das ist das Neueste vom Berliner Gemeinde⸗ kriegsschauplatze. Das Schreiben des Herrn von Windheim datiert vom 15. Februar, lautet so:

Auf das durch den Stadtbaurat Hoffmann

am 24. Mai v. J. eingereichte Gesuch um Er⸗