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Seite 6.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 17.
Stemmen und Wehren dagegen, sie mußte mit, sie konnte nicht in den Hafen zurück, aus dem sie gefahren, andere neue Ufer lagen vor ihr, die zu gewinnen waren. Wie süß ruhte es sich daher in der stillen Bucht, in die ein mitleidiger Windstoß sie für den Augenblick getrieben!
Als Frau Braun Valeska eine gute Nacht wünschte, reichte ihr diese die Hand und zog sie an ihr Bett, und die Frau, die einmal eine Tochter besessen, sie aber früh verloren und nie ein so schönes junges weibliches Wesen in der Nähe betrachtet hatte, konnte sich nicht satt sehen an den feinen Händen, dem vollen zarten Arm und Busen, dem schmalen, unter dem Halbdunkel des Betthimmels fast kindlichen Köpfchen mit den prächtigen, ausdrucksvollen Augen. Ach, sie hatte gar keinen Begriff ge⸗ habt, welchen Liebreiz ein schönes junges Weib besäße, und sie konnte sich nicht enthalten, die Hände und das Haar der neuen Hausgenossin liebkosend zu streicheln.
Ihren Bräutigam hatte Valeska nur einmal nach vielen Bemühungen ihres Rechtsanwalts sehen dürfen und natürlich in Gegenwart eines Beamten. Es war ein trauriges Wiedersehen. Oettinger bewohnte jetzt allerdings eine an⸗ ständige Zelle, nachdem er eine Zeit lang mit mehreren Vagabonden ein und denselben Raum hatte teilen müssen, und auch über die Behand⸗ lung seitens der Gefängnisbeamten konnte er nicht klagen. Sie bewiesen ihm sogar einen gewissen Respekt. Daß er bessere Kost erhielt, dafür hatte Valeska sofort Sorge getragen, indem sie durch Herrn Ehrlich das nötige Geld einzahlen ließ. Allein für Oettinger waren das alles unerhebliche Dinge. Wenn auf einen, so paßte auf ihn das Wort Goethes in seinem Nachruf an Schiller: s
„Und hinter ihm, im wesenlosen Scheine, Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.“
Er konnte leben wie ein Anachoret, ohne daß er es fühlte, trotzdem er keineswegs für die feineren materiellen Genüsse unempfäng lich war. Sein Reich war aber der Gedanke, und dieser idealen Richtung entsprach der Stoizis⸗ mus, mit dem er alle äußeren Leiden ertrug. Selbst die Fahrt mit den gefesselten Hän den hatte seinen Gleichmut nicht erschüttert. Er hatte sich ganz ruhig mit dem Gendarm und dem Knecht, der sie fuhr, über solche Dinge unterhalten, die den Leuten am nächsten lageu. Dabei waren sie natürlich aufs soziale Gebiet gekommen, und da hatten ihm die Leute ihre Leiden anvertraut, über deren allgemeine Ursache er sie belehrte. Als sie in M. ankamen, waren seine Gefährten ihm so zugethan, daß sie ihm am liebsten zur Flucht ee hätten. Es war ihnen schrecklich, ihn abliefern zu müssen. Nie war dem Gen darm sein Schergenanit so schwer gefallen und mit unterdrückten Thränen sagte er Lebewohl..
Im Gefängnis nahm man ihm zwar die Ketten ab, aber die Gemeinschaft mit den Vagabonden, die er drei Tage lang auszustehen hatte, war eine viel größere Prüfung für ihn. In seinen Mantel gehüllt, saß er die ganze Zeit auf seiner Pritsche, das Gesicht in den Händen vergraben. Nach dem ersten Verhör wußte er, was ihm bevorstand— eine lange Untersuchungshaft und schließliche Verurteilung, ob Kries mit dem Leben davon kam oder nicht. Er hatte offenkundige Gegner zu Richtern, die die Gelegenheit benutzen würden, einen von der bestgehaßten Partei ihre Macht fühlen zu lassen. Die eigene Zelle und ein Zettel von Valeska, den er durch Vermittelung ihres Rechtsanwalts erhielt und aus dem er ihre Anwesenheit in M. erfuhr, richteten unseren Philosophen jedoch gleich wieder auf, und Valeska fand ihn bei ihrer ersten Begegnung so ruhig und gefaßt, daß sie zur Bewunderung hingerissen wurde.
„Auch sie war auf Begehr ihres Rechts, beistandes vernommen worden, da sie indessen Oettinger so nahe stand und nur zu seinen Gunsten aussagen konnte, so behandelte man ihr Zeugnis als von keinem Belang. Alles, hieß es, käme auf die Aussagen des Schwer⸗
verletzten an, dessen Genesung abgewartet werden
müßte. So standen die Sachen gegen Ende April. Valeska hatte gleich nach ihrer Ankunft in M.
nachhause geschrieben und ihren veränderten Aufenthalt, sowie die Ursache desselben ange⸗ geben, zugleich mit dem bestimmten Entschluß, den Ausgang der Sache daselbst abzuwarten. „Der Vater hat mich aus dem Hause geschickt und mich damit mündig gesprochen“, schrieb sie. „Ich habe jetzt mein Leben selbst in die Hand genommen. Ich fordere die Selbstbestimmung als mein gutes Recht.“
Aber diese trotzigen Worte galten dem Vater, der scharf bearbeitet sein wollte.
Für die Mutter hatte sie einen weicheren Ton; da sprach das Herz des liebenden Weibes. das an ein anderes liebendes Herz appellierte.
Herr Stern war anfangs wie ein donnernder Jupiter.„Sie soll zurück. Sie muß zurück“, schrie er, als er nur die ersten Zeilen gelesen hatte. Aber je weiter er las, je stiller wurde er, und endlich brach er in ein lautes Gelächter aus. Seine Frau und Tussy begriffen nicht, was ihn so erheitern konnte, denn sie hatten den Brief schon vorher gelesen und nur höchst Betrübendes darin gefunden. Aber sie waren eben Frauenzimmer, wie Herr Stern sagte, die keine Freude haben konnten an der famosen Szene zwischen Oettinger und Herrn von Kries. Der geohrfeigte Junker machte ihm tausend Spaß und die männliche Haltung Oettingers flößte ihm förmlich Respekt ein. Zudem war die ganze Geschichte ein Stück Romantik, es schmeichelte ihm beinahe, daß Valeska eine Rolle darin gespielt hatte. Er war stolz auf sie, stolz auf Oettinger. Auch war er Menschenkenner genug, um das plötzliche Erscheinen des Guts⸗ herrn in der Inspektorwohnung auf die richtige Ursache zurückzuführen, auf Verliebtheit und Eifersucht, es war ihm also recht geschehen, und alles zusammen stimmte ihn für Valeskas Plan, in M. auszuharren, immer günstiger. Er, von dem sie den größten Widerstand gefürchtet hatte, redete ihr bei der Mutter das Wort.
Diese sah sich jetzt ganz verloren. Sie hatte im Stillen auf den Machtspruch des Vaters gehofft, denn sie wußte, daß all ihre Bitten heimzukehren, Valeska nicht dazu bewegen würden. O, diese unselige Liebe, sie hatte ihr ihr Kind auf immer entrissen!
„Mutter“, sagte Tussy ernst, indem sich ihre Wangen höher färbten,„ich denke, Valeska thut recht. Wenn man einen liebt, muß man in der Not zu ihm stehen. In der Bibel steht: Die Frau soll Vater und Mutter verlassen und dem Manne anhangen.“
„Dummes Kind, das Du bist! Was weißt Du von der Liebe? Und in der Bibel steht gerade das Gegenteil: Der Mann soll Vater und Mutter verlassen, und das ist auch das Richtige. Der braucht die Eltern nicht. Aber ein junges Mädchen und so schön wie unsere Valeska, ganz allein an einem fremden Ort!“ „)Sie ist ja bei der guten Frau Braun, die für sie—“
„Schweig mir!“ rief die Mutter aufgebracht. „Gott im Himmel, auch Du bist gegen mich.
Die erste, beste Frau Braun oder Frau Schwarz
kann also nach Deiner Meinung die Mutter ersetzen? Lohnt es da wohl der Mühe, Kinder zu erziehen?“
Sie brach in ein hysterisches Weinen aus.
Frau Stern hatte den ganzen Winter ge⸗ kränkelt. Die jahrelangen Sorgen und Ent⸗ behrungen, der ewige, offene und heimliche, eheliche Krieg rächten sich an ihrer Gesundheit, deren Zerrüttung der Gram um Valeska voll⸗ endete.
Unter solchen Umständen war es entschuld⸗ bar, daß sie diesem neuen Mißgeschick keinen moralischen Widerstand entgegen zu setzen hatte. Sie ergab sich endlich in Valeskas Willen, allein so, wie sich das welke Blatt der Gewalt des Sturmes überläßt. Die Lebenskraft war gebrochen, der Lebensmut dahin. Tussy, trotz⸗ dem sie die Mutter mit unendlicher Liebe und Geduld pflegte, ahnte noch nichts von deren wahrem Zustand. Sie hatte noch keinen Men⸗ schen hinwelken sehen und hoffte mit dem Ver⸗ trauen der Jugend, daß mit der besseren Jahres⸗ zeit die Mutter auch wieder zu Kräften kommen würde. In ihren Briefen an die Schwester, die sie zugleich im Namen der Mutter schrieb, während diese nur hin und wieder ein paar
dem wir geboren sind.
erreicht den Boden desselben. Verwunderung darüber ausdrückte, daß der Körper des
Zeilen hinzufügte, hatte sie der Sache auch keine große Bedeutung beigelegt, vielleicht sie absichtlich als eine geringe Unpäßlichkeit be⸗ handelt, um Valeska Angst und Unruhe zu
ersparen. Valeska war, sobald sie sich häuslich ein⸗
gerichtet hatte, daran gegangen, sich um Schüler⸗
innen za bemühen. Sie mußte ihren Unterhalt
verdienen, den Rechtsanwalt und die Gefängnis⸗
kosten bestreiten und womöglich für einen kleinen
Reservefonds sorgen, den sie Oettinger, wenn er aus der Haft entlassen wurde, einhändigen
konnte. Die Aufgabe, für den Geliebten zu arbeiten, erhob und beseligte sie.
Es gelang ihr über Erwarten schnell, Schülerinnen zu finden. Die Neugierde trug viel dazu bei, denn die Geschichte, in der sie eine Rolle gespielt, hatte angefangen, gewaltigen Lärm zu machen. Der Ruf ihrer Schönheit, Liebenswürdigkeit und ihres musikalischen Ta⸗ lentes verbreitete sich rasch, und das Interesse für ihr Schicksal und ihren Liebesmut umgaben sie für den weiblichen Teil der Bewohner M.“8 bald mit einem romantischen Nimbus. Jedes junge Mädchen wünschte sich einen Geliebten, der es wert wäre, daß man sich für ihn, wie Valeska für den ihrigen opfere, und jedes einigermaßen stimmbegabte wollte wenigstens des Gesangsunterrichtes dieses interessanten Wesens teilhaftig werden. Ihre übrigen Fähig⸗ keiten machten weniger Eindruck auf die Klein⸗ städterinnen. Klavier spielte jede, wie überall in Deutschland, und die Lehrer und Lehrerinnen rissen sich gegenseitig das Brot vom Munde. Französisch und englisch radebrechte auch so ziemlich die ganze weibliche Jugend, aber der Gesang wurde wenig gepflegt. Es mangelte die Gelegenheit. So kam es, daß Valeska einen förmlichen Zulauf hatte und bald keine Schülerinnen mehr annehmen konnte. Da sie kein Klavier besaß, lief sie nun den ganzen Tag bei Wind und Wetter umher, und um allen an sie gerichteten Bitten gerecht werden zu können, mußte sie sich entschließen, noch für den Sonntag eine Chorstunde einzurichten.
(Fortsetzung folgt.)
Sprüche zur Lebensweisheit.
Niemand hat es noch vermocht, seinen Nach⸗ folger zu töten. Das gilt auch von Zuständen und großen Institutionen. Alles was im Geiste und in der Wahrheit als Träger der Zukunft, gelten dürfte, hat noch immer schließlich den Sieg über die Vertheidiger einer zum Hinstechen verurteilten Vergangenheit davon getragen.
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Die thätige Vaterlandsliebe besteht nicht im Schreien darüber, sondern in thätiger Teil⸗ nahme am Wohle und Wehe des Landes, in Jean Paul.
Humoristisches.
Ein Schlaukopf. Ein Irländer übernahm kon⸗ traktlich die Verpflichtung, einen Brunnen zu graben. Als er ca. 25 Fuß gegraben hatte, kam er eines Morgens zur Arbeit und fand, daß der Brunnen eingestürzt und daß das Bohrloch bis zum Rande mlt Erde gefüllt war. Der Irländer schaut sich vorsichtig um, und als er be⸗
merkt, daß niemand in der Nähe, nimmt er seinen Rock und Hut und wirft diese Sachen zwischen die Erdschollen,
verkriecht sich ins nahe Gebüsch und harrt der Dinge, die da kommen sollen Nicht lange währt's und
Passanten entdecken, daß der Brunnen eingestürzt. ist und da sie die Kleider des Iren sehen, vermuten sie, dieser sei verunglückt und liege auf dem Grunde des
Brunnens
Mehrere Stunden harter Arbeit ent⸗ fernen die Erdschollen aus dem Brunnen und man Gerade als man seine
Iren nicht zu finden, näherte sich dieser seinen„Rettern“
und dankte ihnen dafür daß sie ihm die unangenehme Arbeit abgenommen.
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Schnell gefaßt. Schiller denn lauter getrocknete Blumen?“
„Ach, sie sind von meiner ersten und einzigen Jugend⸗ liebe; wir lasen mit einander„Wallenstein“ und pflückten Veilchen dabei!“
„Aber das hier sind ja lauter Schneeglöckchen!“
„So— dann war das die anderel“
SSsesssesess
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„Warum liegen in Deinem
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