92
0. 9
(0
e. de.
— = . 2 —
N
Hülfs mitteln:
Nr. 21.
Gießen, Sonntag, den 21. Mai 1899.
6. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse.
——
Sonnt
Mitteldeutsche
s ⸗Ze
Redaktions schluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr
8
itung.
Abonnementspreis:
Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt dur die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.
Pfingsten.
„Sie sind voll süßen Weines!“ höhnten die sskeptisch⸗zungläubigen Sadduzäer zu Jerusalem wor tausendachthundert und einigen sechszig Jahren, als die armen Fischer aus Galiläa von dem Reiche des Friedens und der Eintracht zu predigen begannen, welches sie erstrebten, und sie dünkten sich dabei wunder wie auf⸗ geklärt.„Sie sind voll süßen Weines!“ spöttel⸗ ten die fettig⸗frommen Pharisüer mit gleisnerisch⸗ mildem Augenaufschlag, als sie die heilige Begeisterung sahen und die flammende Beredt⸗ e. der bis dahin unbeachteten Proletarier hörten.
Aber der Hohn und Spott verging ihnen,
als sie die machtvolle Ausbreitung der neuen Heilslehre merkten. Und nicht nur die palä⸗ stinischen Juden, sondern auch die herrschende römische Staatsgewalt zogen alsbald andere Saiten gegen die unermüdlichen Agitatsren des aufstrebenden Christentums auf.
Mit blutigem Haß und ingrimmigem Eifer wurden die unbequemen Neuerer verfolgt. Mit der ganzen Macht der damals im Zenith seines Weltglanzes stehenden Staatsautorität zog das stolze Römerreich gegen das Häuflein der un⸗ erschrockenen Agitatoren zu Felde, die weder Kerker noch Tod an den endlichen Sieg ihrer guten Sache irre machen konnte.
Und was geschah?
Selbst der weltbezwingende Kaiser Konstantin auf dem stolzen Thron der römischen Cäsaren mußte endlich mit der bitter gehaßten und blutig verfolgten neuen Lehre sich aussöhnen und er selber trat aus Gründen der Staats⸗ klugheit zum Christentum über.
Andere Zeiten— andere Sitten.
Das Christentum hat heute den Zenith seiner Ausbreitung längst überschritten und alle Mittel von Staat und Kirche sind nicht mehr imstande, der immer weiter um sich greifenden Entfremdung der Geister von dem mit zelo⸗ tischem Eifer verteidigten Buchstabenglauben wirkungsvoll zu steuern. Mag der Staat noch so viele und noch so prächtige Kirchen bauen, mögen glaubenseifrige Priester noch so unver⸗ drossen alle Register ihrer Beredtsamkeit spielen lassen— eine neue Kulturbewegung heischt mit gebieterischer Gewalt Einlaß in die Herzen der Menschheit.
Die Sozialdemokratie schickt sich an, ihr geschichtliches Erbe anzutreten!
Und auch hier sehen wir dieselben Vorgänge sich in wenig veränderter Form wiederholen, wie im alten Römerreiche. Zuerst wurden die Bekenner des Sozialismus als überspannte Tröpfe von der herrschenden Klasse verlacht und verspottet und dann kam der Haß. Freilich: im neunzehnten Jahrhundert hängt man niemand mehr ans Kreuz und stellt auch keinen auf den Scheiterhaufen. Am aller⸗ wenigsten wirft man im neunzehnten Jahrhundert die freimütigen Bekenner der Heilslehre des Sozialismus in öffentlicher Arena den halb⸗ bverhungerten wilden Bestien zum Fraße vor. Beileibe nicht!.
Das neunzehnte Jahrhundert nennt sich mit Stolz das Jahrhundert der Humanität und es wehrt sich krampfhaft gegen die siegreich an⸗ stürmende Sozial demokratie mit„humanen“ ein Ausnahmegesetz jagte in
Kraft der starke Baum des
Bestellun gen
Juserate
Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der„M. S.⸗Ztg“ weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig.] Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. ch] Druckerei, Schloßg. 13, sowie jede Postanstalt und] 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung
Bei mindeste ns
jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.) 33¼8% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt.
Deutschland mehr als ein volles Jahrzehnt die kühnen Vertreter der neuen Weltanschauung wie die Tiere des Waldes von Ort zu Ort, von Land zu Land. Endlose Kerkerstrafen treffen seit Jahrzehnten jeden, der es nicht ver⸗ steht, seine Kritik mit der Auslegung der Straf⸗ gesetze in Uebereinstimmung zu bringen.
Wieviel ungemessenes Elend, wieviel bittere Thränen— wieviel Eheglück und Familien⸗ frieden sah unser„humanes“ Jahrhundert nicht bereits dem schweren Dienste des Völkerglückes geweiht!
Auch all' diese bittere Saat ist Märtyrer⸗ samen und aus ihm sproßt mit unaufhaltsamer internationalen Sozialismus, in dessen Schatten schon heute Millionen geplagter Menschenkinder der besseren Zulunft jauchzend entgegenharren.
Sie alle, die zu der roten Fahne des siegen⸗ den Sozialismus schwören, sie feiern das Pfingst⸗ fest heute in anderem Sinne, als es die Buch⸗ stabengläubigen thun. Ihnen sind es Stunden der Ruhe von harter Frohn, Stunden heiteren Lebens⸗ und Naturgenusses nach Wochen bitterer Knechtschaft im Dienste des Kapitalismus, aber auch Stunden stiller Einkehr und Sammlung zu weiterer unermüdlicher und unerschrockener Aufklärungsarbeit in dem heiligen Dienste der sozialistischen Idee.
Und mögen heute auch noch die Schergen des Klassenstaates triumphieren: wir wissen es alle, daß der Tag kommt, an welchem auf der letzten Frohnveste des Kapitalismus das leuch⸗ tende Banner der völkerbefreienden Sozialdemo⸗ kratie stegreich im Winde flattert.
Dann feiern wir das Welt⸗Pfingstfest der Erfüllung und dann wird auch das Leben eitel Freude sein und die Arbeit eine Lust.
In dieser frohen Zuversicht:„Fröhliche Pfingsten!“
r
Politische Rundschau.
Gießen, den 19. Mai.
Vom neuen Klebegesetz.
Nur eine der wichtigsten Bestimmungen der Novelle betr. das Juvaliditäts⸗ und Altersver— sicherungs⸗Gesetz wollen wir hier zum Abdruck bringen, damit sich unsere Leser eine bessere Vorstellung machen können von der unverant⸗ wortlichen Haltung des Reichstags, dessen Mehr— heit sich bereit erklärte, das ganz ungenügend vorbereitete Gesetz auf— Wunsch der Regierung so schnell als möglich durchzupeitschen.(Siehe unter: Reichstag.)
Nach§ 20 und 96 des Inv.⸗ u. Alt.⸗Vers.⸗ G. bestanden bisher 4 Lohnklassen mit einem durchschnittlichen Beitrag von 22 Pfg. pro Woche und Mitglied. Nach den Kommissionsbeschlüssen giebt es künftig 5 Klassen mit einem durch⸗ schnittlichen Beitrag von 24,8 Pfg. oder durch⸗ schnittlich 258 Pfg. mehr pro Woche und Mitglied, wie bisher. Nehmen wir das Jahr nur mit 36 Arbeitswochen an, so macht dies pro Jahr und Mitglied 1 Mk. an Beitrag oder bei 15 Millionen Versicherten im ganzen Reiche eine Mehreinnahme von 15 Millionen Mark. Davon bezahlen 7¼ Millionen die Arbeiter und 7 Millionen die Arbeitgeber. Da nun heute schon mehr als 500 Millionen
Jersten
Reservefond im Besitze der Invaliditäts⸗ und Altersversicherung sind, deren Zinsen allein 15 Millionen Mark jährlich betragen, so ist doch kaum ein Grund vorhanden, diese enorme Ein⸗ nahmen nochmals auf Kosten des Volkes um 15 Millionen zu vergrößern. Angeblich ist diese neue Lohnklasse mit 36 Pfg. Beitrag geschaffen für besser gelohnte Arbeiter, welche 1150 Mk. und mehr pro Jahr verdienen. Bisher hatte der Versicherte mit einem Jahresver dienst von 850 bis 1200 Mk. pro Woche 30 Pfg. zu zahlen. In 8 22 des Gesetzes ist in Bezug auf den Jahresverdienst auf die Krankenkassen verwiesen, welche als Maßstab dienen sollen. Das Kranken⸗ versicherungsgesetz enthält aber in§ 20 gerade die Bestimmung, daß der Verdienst von über 4 Mk. täglich oder 1200 Mk. jährlich außer Ansatz bleibt, d. h. nicht berücksichtigt werden darf. Es giebt also künftig eine neue Klasse (Y für einen Verdienst von 1151 bis 1200 Mark, die künftig mehr zahlt, aber nicht mehr erhält, ja sogar weniger.
Und ein solch stümperhaft ausgearbeiteter Entwurf soll Hals über Kopf Gesetz werden. Anstatt Verbesserungen schließlich noch ganz be⸗ deutende Verschlechterungen! Millionen über Millionen werden zum Reservefonds ge— schlagen, die zur Erhöhung der Leistungen für invalide und altersschwache Arbeiter verwendet werden sollten. Und dann giebt's noch kapita⸗ listische Lobredner, die von Sozialreform schwafeln und mit heuchlerischem Augenverdrehen den Sozialdemokraten vorwerfen, daß sie gegen diese sogenannten sozialpolitischen Gesetze ge⸗ stimmt haben.
Auf neue Marinevorlagen richtet sich nach dem„Vorw.“ die Kruppsche Germaniawerft in Kiel ein. Sie soll durch weitere Grundstücksankäufe in dem Maße ver⸗ größert werden, daß mindestens 7000 Arbeiter, etwa die dreifache Zahl der gegenwärtig dort Arbeitenden, beschäftigt werden können.— Da⸗ her also in dem neuen Kruppschen Organ, den„Berl. Neuest. Nachr.“, das fortgesetzte
Drängen auf Beschleunigung der Ausführung
des Flottengesetzes! Je mehr den deutschen Steuerzahlern aus den Taschen herausgemiquelt wird für kulturwidrige Zwecke, um so besser blüht der Weizen der Kanonenkönige und Schiffs- bauern. Michel, wache auf!
Ein Kulturwerk abgelehnt.
Der geplante Mittellandkan l(eine Wasser⸗ straße Rhein⸗Ems⸗Weser⸗Elbe) ist im preußischen Dreiklassenhaus von den Agrariern zu Fall ge⸗ bracht. Mit 17 gegen 11 Stimmen sind die Paragraphen der Vorlage abgelehnt. Für Kulturwerke ist diese sogenannte Volksver⸗ tretung nicht zu haben.
Sozialdemokratie und Arbeiterschutz.
Die Absage der sozialdemokratischen Reichs— tagsfraktion an die Sozialreformer um Berlepsch hat wieder eine ganze Anzahl bürgerliche Federn in Bewegung gesetzt.„Seht Ihr,“ tönt es jubelnd aus dem Blätterwalde,„da habt Ihr wieder den Beweis, daß die Sozialdemokraten nichts vom Arbeiterschutz wissen wollen!“ Thörichte und vergeßliche Menschen! Vor 15 Jahren schon brachte die sozialdemokratische Fraktion einen vollständig ausgearbeit ten Ar— beiterschutzgesetzentwurf ein, und vor 10 Jahren


