Ausgabe 
12.11.1899
 
Einzelbild herunterladen

e

r rr e e

.

ö ü .

.

Nr. 46.

.

5 1

r

Gießen, Sonntag, den 12. November 1899.

5. Jahrg.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

2

Mitteldeutsche

nntags⸗Zeit

Redaktionsschtuk: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.

Abonnements preis: DieMitteldeutsche Sonntags

Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg.

die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.

Die National-Sozialen und das 1 Proletariat.

gm. Marburg, Okt. 1899.

Die Naumannen haben das Protokoll ihres diesjährigen Vertretertages in Göttingen(1. bis 4. Okt.) soeben erscheinen lassen. In ihrer Gesamtheit haben die ca. 130 Seiten, die das Protokoll umfaßt, für uns Sozialdemokraten nicht so viel Interesse, als daß es sich lohnte, eingehend damit sich zu befassen. Wenn der Geh. Hofrat Prof. Sohm über dieEnt. wickelung des Staatsgedankens in Deutschland eine schön stilisierte Rede hält oder wenn das Haupt der Deutschen Bodenreformer, alias Jünger Henry Georges, Adolf Damaschke, ein Kommunalprogrammsreferat hält, so geht uns das sehr wenig an. Mit demGeh. Hof⸗ rat, der gesagt hat:Die Masse ist dumm, die Masse ist das Un volk, sind wir fertig, und die spezielle Arbeit des Kommunalpro⸗ gramms hat zu wenig politische Bedeutung, als daß darüber weiter viel zu reden wäre. Wohl aber lohnt es sich, die zwei Fragen an der Hand des Protokolls kurz zu beleuchten:

1 Aach Aeußerungen beleuchten dienatio⸗

nale, l

2. welche diesoziale Stellung der Nau⸗

mannen?

Wir werden sehen, daß die Herren auf nationalem Gebiete sich auch nach ihrem dies⸗ jährigen Vertretertag in nichts von anderen Chauvinisten unterscheiden und daß sie aufsozialem Gebiet unsichere Harmonie⸗ duseler sind und bleiben.

15

In seiner Begrüßungsansprache sagte Pfarrer Naumann(S. 24 1 9 55 1

Wir sind national bis auf die Knochen. Jede vaterländische Frage, gleich⸗ viel ob fern oder nah, beschäftigt uns, bewegt uns in gleicher Weise. Die Notwendigkeit des weiteren Ausbaues unserer Flotte hat niemand wärmer verteidigt als Wir.(S. 38.)

Es lebe der Wasserpatriotismus! Herr Naumann Arm in Arm mit Herrn Krupp, dem Besitzer der Germaniawerft in Kiel und der Kanonenfabriken in Essen, läßt sich nicht übertreffen, wenn es gilt, dem auswärtige Märkte suchenden provitgierigen Kapitalistentum maritimen Schutz zuteil werden zu lafssen. Thor, der das einmal bezweifelt hat!Für die deutsche Weltmachtsstellung, so klingt's durch denJahresbericht hindurch, den der Pfarrer gab. Neben dem 1 muß das Deutschtumeine Rolle in der Weltgeschichte spielen.(S. 34.) Jawohl, auch wir müssen uns soweit erniedrigen, gleich dem ehrenwerten John Bull, fremden Grund und Boden soweit er noch vorhanden ist in der Welt zusammenzurauben, wenn es auchetwas zurückgebliebene Strecken Landes sind. (Das.) Kiautschou wird eifrig gelobt.(S. 35.) Von einem Herrn Scheffer wurde ein Antrag eingebracht, für die Erwerbung der KarolinenAnerkennung auszusprechen. Gleich⸗ zeitig will erdie Schlappe von Samoa be⸗ dauern und aufs neue unser Augenmerk auf den Ausbau der deutschen Flotte richten.

0 0 eitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger frei ins Haus g lie monatlich 25 Pfennig.] Expedition in Gießen, Sonnenstraße B, die Direkt durch[ Druckerei, Schloßg. 13, sowie jede Postanstalt und

Bestellungen

jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.)

1 Juserate

finden in derM. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5gespolt Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% ͤ bei 6 mal. Bestellung 33½% und bei

Bei mindestens

mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt.

(S. 49.) Hierbei dämmert ein Schim⸗ mer, mehr aber doch nicht, richtigeren Urteils bei Herrn von Gerlach. Dieser meinte zur 1728 des Erwerbs der Karolinen:Ob wir hier ein gutes Geschäft gemacht haben oder nicht, bleibt dahingestellt. Anderseits sagte dieser offenherzigere Herr:Ich glaube, daß Eugen Richter Recht hat, wenn er von den Schäden einiger Kolonien in Afrika für Deutschland spricht. Es giebt dort Kolo⸗ nien, die ein schweres Gewicht am Körper unseres Volkes sein können. Es handelt sich nicht darum, ob wir, sondern was wir für einen Fleck Erde im Auslande haben. Und weiter:Nun komme ich zur Aufforderung zum weiteren Ausbau der Flotte. Es wäre furchtbar gefährlich und würde ungemein gegen uns ausgenutzt werden (ahal), wenn es hieße, sie sind noch flotten⸗ freundlicher als der Flottenverein, noch marinefreundlicher als der Kaiser, kaiserlicher als der Kaiser. Wenn wir auch als Marine⸗ pastoren u. s. w. getadelt werden, so schadet das nichts(na, nal). Wir wollen den weiteren Ausbau der Flotte, wir sind aber gesetzlich auf mehrere Jahre festgelegt und brauchen noch lange nicht in den Ton des Flottenvereins 5 verfallen. Wir dürfen unserem Volke nicht den Magen mit allzuviel Flottenplänen verberben, sonst könnte eine Reaktion auf Flotten⸗ freundlichkeit eintreten.(S. 50.) Man braucht diese Ausführungen nicht zu über⸗ schätzen, sie enthalten noch genug thörichten Marinismus, aber doch etwas weniger Chau⸗ vinismus, als andere. Aber wie ergeht es ihnen? Prof. Gregory⸗Leipzig, heißt es weiter, tritt aufs wärmste für den weiteren Ausbau unserer Flotte ein. Die Karolinen⸗ inseln seien wert, daß wir uns ihrer freuen. Unser Volk muß dazu erzogen werden, den Wert einer starken Flotte zu begreifen. Lebhafter Beifall belohnt diesen ebenso kriege⸗ rischen wie optimistischen Theologieprofessor, ein Zeichen, daß die Mehrzahl der Herren Natio⸗ nalsozialen diesen Chauvinismus und diese Hoffnung auf Marineerziehungsresultate teilt. Und der Herr Schriftsteller Krauß⸗Mar⸗ burg ist gar der anmutigen Meinung, Gerlach habe zu sehr Rücksicht auf die Sozial⸗ demokratie genommen. Das läßt ja tief blicken. Allerdings wird die deutsche Sozialdemokratie, wie bisher, mit ebenso lebhaftem Eifer wie bestem Erfolge dafür Sorge tragen, das arbeitende Volk zu belehren, daß die vom Gelde aller deutschen Steuerzahler, unter denen die deutschen Arbeiter die Mehrzahl bilden, erbaute Flotte zu nichts anderem dient, als die Ausbeutungsinteressen unserer Kapitalisten auf dem weiten Erdenrund zu beschirmen. Dazu bei⸗ zutragen wird sich aber nach wie vor das deutsche arbeitende Volk bestens bedanken.

Der Raum gestattet uns nicht, noch weitere Zeugnisse für den nationalen Chauvinismus der Naumannen aus dem Protokoll zu sammeln und zu beleuchten; die angeführten aber werden genügen, um zu begreifen, daß Herr Naumann und die Seinen sich in diesem Punkte in nichts von den andernnationalen Parteien unter⸗ scheiden, im Gegenteil sie stellenweise über⸗

treffen. Das Proletariat läßt aber mit solchen Tönen sich durchaus nicht umgarnen, es erkennt die Hilfstruppe der Ausbeuter auch wenn sie verkappt und oft sich selber nicht bewußt auftreten, wie die Naumannen. (Ein zweiter Artikel folgt in nächster Nummer.)

Politische Rundschau.

Gießen, 12. November.

Sozialdemokratische Wahlsiege.

Unsere Berliner Genossen haben bei der Stadtverordnetenwahl einen glänzenden Er⸗ folg erzielt. Sie behaupteten ihre fünf bis⸗ herigen Mandate, entrissen den Liberalen zwei und errangen fünf neue Mandate in den neugebildeten Wahlbezirken; außerdem stehen sie noch in einem Bezirke in Stichwahl mit Konservativen und Antisemiten, in zwei Bezirken mit Liberalen. Bravo!

Bei den badischen Landtagswahlen eroberten unsere Genossen zwei neue Mandate und zwar das Pforzheimer und das Durlacher. Die sozialdemokratische Landtagsfraktion in Baden ist jetzt 7 Mann stark. Die neuen Ab⸗ geordneten sind Chemiker Opifizius und Redak⸗ teur Fendrich.

Bei der Reichstagsstichwahl im Wahl⸗ kreise Eßlingen(Württemberg) wurde unser Genosse Schlegel mit 10591 Stimmen ge⸗ wählt. v. Geß(nat.⸗lib.) erhielt 9040 Stim⸗ men. Dieser Kreis ist damit zum erstenmale in unsere Hände gefallen. Schlegel ist der 58. Sozialdemokrat im Reichstag.

Sozialdemokratische Geistliche.

Der Uebertritt des Pfarrers Blumhardt zur Sozialdemokratie verschafft der konservativen Kreuz⸗Zeitung, Organ des weiland edlen von Hammerstein, Beklemmungen. Sie fürchtet, in den noch religiös gesinnten Kreisen des Volkes könnte bei solchen Geschehnissen das Vorurtheil gegen die Sozialdemokratie schwinden, das unsere reaktionären Ver⸗ leumder mit so vieler Mühe verbreiten. Das Blatt meint:

Blumhardt ist ein hervorragender Typus der vorzugsweise subjektiven Auffassung des Christentums, wie sie gerade in Württemberg von jeher besonders zahlreiche Vertreter findet. Von der Landeskirche hat er sich deshalb schon lange getrennt und dafür einen zahlreichen Kreis persönlicher Anhänger um sich versammelt, die sich aus allen Ländern der Welt rekrutieren und einen sehr regen Briefwechsel mit ihm unterhalten. An der Lauterkeit seiner Ab⸗ sichten und seines Wandels hat nie Je⸗ mand gezweifelt; dies Zeugnis kann ihm auch heute, wo er sich ansdrücklich zur Sozialdemokratie bekennt, nicht verweigert werden; denn gerade in dieser über⸗ idealen, trotz eines starken Verkehrs weltent⸗ fremdeten Auffassung der Dinge und Menschen ist die eigentliche Wurzel seines Schrittes zu suchen: er sieht in der Sozialdemokratie nicht die Partei des Hasses und der Zerstörung, sondern nur die der Kleinen und Schwachen, die es sich zur Aufgabe macht, eine neue und bessere Weltordnung zu schaffen. Nur in diesem Sinne ist sein Uebertritt zu verstehen.