Ausgabe 
12.3.1899
 
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6. Jahrg.

RNedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.

Nr. 11.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Gießen, Sonntag, den 12. März 1899.

Mitteldeutsche

Sountags⸗Zeitung.

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Zur Agrarfrage. Ill. Brauchen wir ein Agrarprogramm?

Diese Frage stellt Kautsky im ersten Kapitel des zweiten Abschnitts seines Werkes. Im ersten Abschnitt hatte er dargelegt, daß die Industrie bestimmend für die gesamte Gesellschaft werde, und daß die Landwirtschaft relativ immer mehr an Bedeutung verliere. Die wachsende Macht der Industrie bedeutet aber auch wachsende Macht des Proletariats. Im Jahre 1848 betrug die landwirtschaftliche Bevölkerung un⸗ gefähr drei Vierteile der Gesamtbevölkerung, 1882 noch über zwei Fünftel, heute nur mehr etwas über ein Drittel. Von 1882 bis 1895 nahm zwar die Zahl der landwirt⸗ schaftlichen Betriebe um 281 973, die wirtschaft⸗ lich bebaute Fläche um 648 969 Hektare zu, allein die Landbau treibende Bevölkerung

und trachten nach möglichst hohem Gewinn aus

dem Verkauf ihrer Produkte.

Anders der Kleinbauer. Er fristet, wie J. Heinrich in derNeuen Zeit(Nr. 15, 1894/95) darlegte in einem Aufsatz überdie Lage der hessischen Kleinbauern im Regierungsbezirk Kassel, vielfach das denkbar schlechteste Dasein, seine Nahrung ist geradezu elend zu nennen. Nicht selten arbeitet er bei größeren Besitzern, um Bargeld in die Hand zu bekommen, zu seinem eigenen Schaden, denn er muß sein Feld zur Unzeit bestellen und veernten. Allein er muß mit dem teilweisen Verkauf seiner Arbeitskraft rechnen. Im Winter arbeitet er nicht selten im Wald, nachdem er vorher seine Wirtschaft besorgt, Futter geschnitten und gedroschen hat. Im Frühjahr beginnt die Zeit des Hungerns: er muß borgen. Nach der Ernte hat er das Er⸗ borgte zurückzugeben, Steuern, Zinsen u. s. w. zu zahlen, sodaß nichts übrig bleibt, als die

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ß würden im gegenwärtigen Staat, der eine Herr⸗ schaftsinstitution ist, dazu benutzt, die Getreidepreise auf einer gewissen Höhe zu er⸗ halten, den Kapitalisten ihre Zinsen zu garan⸗ tieren und den Grundbesitzern eine Herabsetzung des Zinsfußes zu bringen, alles auf Kosten der Steuerzahler.

Aber wenn staatssozialistische Mittel zu ver⸗ werfen sind, sollte dann vielleicht die Gemeinde⸗ wirtschaft in der Landwirtschaft den Hebel bilden, mit deren Hilfe man heute schon die stockende Eatwickelung in der Landwirtschaft beschleunigen und in die Richtung zum Sozialismus drängen könnte? Ist nicht der Dorfkommunismus eine uralte Einrichtung, die dem Bauern näher steht, als dem Städter? Das Gemeindeeigentum an Grund und Boden in der Markgenossenschaft entsprang den Bedürfnissen einer Betriebsweise, die heute völlig veraltet ist. Sie neu zu beleben und auszudehnen, wäre sinnlos, wollte man

5 ing um 724 148 Köpfe zurück. Verliert somit 1 ien, 0 für die gesamte Gela die 1 Aussicht auf neue Not. Bei seinem Geldmangel nicht auch gleichzeitig zur alten Betriebsweise det an Bedeutung, so wäre nach Kautsky nichts ver⸗[kann er nur wenig und schlecht kaufen. Die zurücktehren. Heute wird die Neuschaffung von * kehrter, als der Schluß daraus, daß die Sozial⸗ Wohnung ist ärmlich und dürftig ausgestattet. Gemeingütern gefordert im Interesse der Groß⸗ demokratie den landwirtschaftlichen Verhältnissen] Der Bauer, welcher in solch trostloser Lage sein grundbesitzer, um dadurch die ländlichen Arbeiter keine weitere Beachtung zu schenken brauche, Dasein verbringt, wird im Laufe der Zeit zu dauernd an die Scholle zu fesseln. Sie soll als dt weil wir uns zusehends den englischen Zuständen uns stoßen. Das haben ja auch in unserer Herrschaftsmittel zur Unterjochun; der Land⸗ nähern, wo nur noch 10 Prozent der Bevölkerung] Gegend die letzten Reichstagswahlen bewiesen. bevölkerung dienen, aber nicht zur Schaffung in der Landwirtschaft thätig sind. Anders der Bauer, wenn er noch hofft, auf einen eines eee, zum Sczialismus. und⸗ Es ist aber für das Proletariat nicht gleichgiltig, grünen Zweig zu kommen, durch Ersparnisse es 1 dürfen wir Sozialisten aber nicht die Hand ob die Lebensmittelpreise hoch oder niedrig sind, dahin zu bringen, daß er durch Ankauf von ieten. in A t i ö noch weniger, ob die Lebenshaltung der Land⸗ Grund und Boden selbständiger Bauer wird. Ist nun ein Agrarprogramm mit den be⸗ 1 bevölkerung auf tiefer Stufe sich befindet, und Diese Hoffnung nähren in ihm die bürgerlichen sprochenen Maßnahmen aus den vorgetragenen 1) ͤ- ädti ri ückbleibt. kommt, soziale u. s. w. Sollen wir das gleiche thun? U. 4 7 e ad wenn nicht, wie können wir ihn aus seiner und der Landbevölkerung zu bieten? Darüber

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daß die Landwirtschaft, je mehr sie an öko⸗ nomischer Bedeutung verliert, um so mehr an politischer Bedeutung gewinnt. Das Privat⸗ eigentum an Grund und Boden ist durch die kapitalistische Produktionsweise tiefer, als das an den Produktionsmitteln erschüttert worden. Und

elenden Lage befreien, ihm der Vorteile der Zivilisation teilhaftig machen?

Hören wir Kautsky weiter. Was die Sozialdemokratie den Proletariern verweigern muß, darf sie den Bauern auch nicht gewähren:

in den nächsten Artikeln. Elenchus.

Politische Bundschau.

* Gießen, den 10. März.

75 da die Landbevölkerung die Masse derstaats⸗[den Schutz ihrer Berufsstel lung. Arbeiter⸗ 5 rz. erhaltenden Parteien stellt, so nehmen sich ihrer] schutz bedeutet Schutz der Arbeits⸗ und Lebens⸗ Zum Dresdener Zuchthausurteil. diese Parteien ganz besonders an. kraft der Arbeiter; Bauernschutz, wie er ver⸗ ImVorwärts wirft ein praktischer * Die großen Veränderungen in den landwirt⸗ standen wird, bedeutet nicht Schutz der bäuer⸗ Arzt die Frage auf, ob die Verletzungen des a a Verhältnissen während der letzten] lichen Persönlichkeit, sondern des bäuerlichen] Bauunternehmers Klemm wirklich so schwere ahrzehnte legten auch der Sozialdemokratie[Eigentums. Dieses ist aber gerade die Haupt⸗ waren, daß sie die Bejahung der Schuldfragen die Pflicht zu deren eingehenderem Studium ursache der Verelendung des Bauern.Der nachversuchtem Totschlag rechtfertigten. Er 5 und die Erörterung der Frage nahe, in welcher[ Bauernschutz ist nicht Schutz gegen die Verelen⸗Tzieht dies stark in Zweifel und schreibt u. a.: Weise sie hier agitatorisch einzugreifen habe.] dung des Bauern, er ist Schutz der Fesseln, die... Wenn sich bezüglich der schwersten Die verschiedensten Vorschläge tauchten auf, in⸗Jden Bauern an sein Elend ketten. Bauernschutz Verletzung des Klemm(angeblich ein Schädel⸗ sonderheit forderte man ein Agrarprogramm mit bedeutet aber auch Schutz und Förderung des bruch) ein diagnostischer Irrtum des Arztes 5 Maßnahmen für den Bauernschutz. bäuerlichen Warenabsatzes. Je mehr er Lebens⸗ bestätigte, so bleiben als Verletzungen des lter Mit dem WortBauer wird eine Klasse] mittel verkauft, um so weniger konsumiert er. Klemm nur noch zahlreiche Blutbeulen übrig,

bezeichnet, die in ihrer sozialen Lage große Unterschiede aufweist. Der Großbauer, wozu man im allgemeinen schon die Besitzer von 20 bis 100 Hektaren Land zählen kann, fühlt sich in seinen Interessen, auch in der Ausbeutung der Lohnarbeiter(Knechte, Mägde, Tagelöhner) eins mit den Besitzern der Großbetriebe. Auch der mittlere Bauer, soweit er mit fremder Hilfe für den Markt produziert hierzu werden die Be⸗ 1 von 5 bis 20 Hektar gerechnet hat mit em Proletariat keine gemeinsamen Interessen. Die Arbeiter sind Konsumenten und haben daher ein Interesse an niedrigen Lebensmittelpreisen, die mittleren und Großbauern sind Produzenten

Siehe Nr. 8 der Mitteld. 1 S.⸗Ztg.

(S. 320). Milch, Eier, Fleisch, werden dann durch Kartoffeln, Schnaps und Kaffeebrühe ersetzt. Die Hebung seiner Lage erkauft er durch Ver⸗ kümmerung als Mensch.

Ein Agrarprogramm ließe sich aber auch in der Weise auslegen, daß es Mittel und Wege angeben soll, die landwirtschaftliche Entwickelung zu beschleunigen, Maßnahmen zur Hebung der Bauernschaft, um ihr den Uebergang zu sozia⸗ listischer Produktion zu erleichtern. Man hat da an die Verstaatlichung des Grunds und Bodens, der Hypotheken und des Getreidehandels gedacht. Aber seitdem die Getreidepreise sinken, seitdem die Grundrente zurückgeht, die Hypotheken⸗ zinsen dagegen steigen, würden diese Maßnahmen die große Masse des Volkes schädigen. Sie

wie sie z. B. bereits entstehen, wenn ein Lehrer mit einem Rohrstock kräftig den Schüler ver⸗ prügelt, und dann würde kein Geschwo⸗ rener die Frage des versuchten Totschlags bejaht und kein Richter an die Verfügung einer derartigen Strafe gedacht haben können. Denn während bei einem Schädelbruch noch vom ärztlichen Sachverständigen die Schädel⸗ verletzung als eine das Leben bedrohende be⸗ zeichnet werden würde, müßte die Frage beim bloßen Bestehen von Blutbeulen und Fehlen jeder inneren Verletzung auf das entschiedenste verneint werden. Der Arzt hält einen Schädelbruch für aus⸗ geschlossen, er verlangt noch eine nachträg⸗

liche Untersuchung Klemms für erforderlich.