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Nr. 50.
Gießen, Sonntag, den 10. Dezember 1899.
6. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
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Mitteldeutsche
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„Freie Nebe“.
he. Von der Einführung von Lohnbüchern
für minderjährige Arbeiter im Gegenwartsstaat zur freien Liebe im Zukunftsstaat ist eine weite Strecke, weiter noch, als von dem sozial⸗ politischen Erlaß Wilhelms J. zu seiner Er⸗ füllung; aber mit einem Saltomortale, den ihnen kein Zirkuskünstler so leicht nachmacht, benutzten die bürgerlichen Reichstagsredner die Opposition unserer Fraktion gegen jene— die Lohnbücher— als Sprungbrett, um sich in kühnem Bogen zu dieser— der„freien Liebe“ — und zu einer kleinen Zukunftsstaats⸗ debatte hinüberzuschwingen, worin die„freie Liebe“ die Hauptrolle spielte. War es das Bedürfnis, sich nach der Hin⸗ richtung der Zuchthausvorlage wieder als Männer von gut bürgerlicher Gesinnung bei den Scharfmachern zu rehabilitieren, was die Heyl und Hitze und Oriola und Tags zu⸗ vor auch Rösicke bewog, mit den Sozialdemo⸗— kraten anzubinden— oder entlud sich darin der Aerger über den Koalitionsrechtsantrag unserer Fraktion?
Die Debatte hat wieder einmal gezeigt, wie sehr wir Sozialdemokraten manchmal die Kenntnis und das Verständnis des So⸗ zialismus seitens der bürgerlichen Intelligenz überschätzen. Diese vornehmsten Repräsen⸗ kanten der politischen Bildung sind über diese im Mittelpunkt der Zeitbewegung stehende und so heiß umstrittene Idee noch immer so unwissend und konfus wie irgend ein Bierbank-Philister. Was wolle dann eigentlich de Sozioldemo⸗ krote“, fragte den Schreiber dieses neulich ein solcher, während er den Schoppen zum Munde führte, und die Frage fiel uns alsbald ein, als wir im Reichstagsbericht den an die Sozial⸗ demokraten 7 7 0 Satz des Grafen Oriola lasen:„Vielleicht geben Sie einmal einen Leit⸗ faden heraus über das, was Sie wollen“, worauf ihm Singer als beste Antwort ein 5 unseres Parteiprogramms über⸗
.
Es verlohnte sich kaum, auf die schnurrigen Abschweifungen in die Gefilde des Zukunfts⸗ staates zurückzukommen, wenn nicht die gegne⸗ rische Presse das Scharmützel in ihrer„wahr⸗ heitsliebenden“ Art fruktifizierte.„Bebel in Verlegenheit“ lautet die Spitzmarke eines Leit⸗ artikels eines großen nationalliberalen Blattes, und die„Kölnische“ versichert, Bebel habe schlecht abgeschnitten; was genau so wahr wie die in derselben Debatte gefallene Behauptung, der Marxismus sei tot, mausetot. Und da wundern sich die Leutchen, wenn sie im Kampfe gegen uns so kläglich abgeführt werden, wie Falstaffsche Rekruten, nicht wie ehrenvoll unterliegende Kämpfer. Wie kann es anders sein, wenn man sich selber über den Gegner belügt!
Die Ueberreichung des Programms war die richtige Antwort auch in Bezug auf die„freie Liebe“. Für die Bestrebungen unserer Partei ist allein maßgebend, was im Pro⸗ gramm steht. Von der freien Liebe steht darin kein Wort. Was immer in sozialisti⸗ schen Schriften über sie, wie über anderes im
„Zukunftsstaat“ ausgeführt wird, gehört nicht
zu den Zielen, auf die unsere Bewegung ge— richtet ist, sondern ist lediglich als Konsequenz
der sozialistischen Produktionsweise gemeint, und zwar nach der persönlichen Auffassung der betreffenden Autoren, die für die Partei keinerlei Verbindlichkeit hat. Sehr korrekt hat darum Bebel alles, was aus seinem Buch über die„freie Liebe“ herausgelesen und gegen unsere Partei ausgespielt wird, als seine Privat⸗ meinung erklärt, die der Partei nicht an die Rockschöße gehängt werden darf.
Gleichwohl aber hat unsere Partei keinerlei Ursache, das Bebelsche Buch zu verleugnen, und noch viel weniger hat die bürgerliche Ge⸗ sellschaft Ursache, sich darüber moralisch auf⸗ zuregen; im Gegenteil thäte sie klüger, einer Erörterung dieses Themas, die eines ihrer häßlichsten Gebrechen bloßlegt, aus dem Wege zu gehen.
Schön sagte unsere Genossin Lily Braun in einer Berliner Volksversammlung am 26. September 1896:
„Die Sozialdemokratie predigt die„freie Liebe“, sagt man. Gtebt es ein schöneres Wort als dieses, wenn wir es als den Gegen- satz zu der erkauften, erzwungenen Liebe verstehen? Wie kostbare indische Seide sich bis zur Unkenntlichkeit verändert, wenn sie wieder und wieder durch den Staub der Bühne gezerrt, von hundert schmutzigen Hän⸗ den betastet wird, so werden schöne Worte ihres eigentlichen Begriffes beraubt, wenn sie von unreinen Lippen gebraucht und in den Kot der Gasse geworfen werden. Die freie Liebe, wie sie unsere Gegner ver⸗ stehen, regiert gerade in der Gegen⸗ wart. Der Mann hat die Freiheit, ohne seine bürgerliche Ehre zu schädigen, seiner „Liebe“, d. h. seinen Gelüsten zu folgen. Er kann unschuldige Mädchen verführen, er kann als ehrsamer Gatte und Familienvater außer dem Hause für wenig Geld„Liebe“ finden, so viel er will. Wenn wir von freier Liebe sprechen, so verstehen wir darunter nicht die Freiheit des Ausbeuters gegenüber dem Aus⸗ gebeuteten, die Freiheit des Besitzenden, sich nicht nur die Arbeitskraft, sondern auch den Leib der Besitzlosen anzueignen, wir wollen vielmehr damit sagen, daß den Männern und Frauen die wirtschaftliche Mög⸗ lichkeit geschaffen werden soll, einander nur aus Liebe zu wählen, frei von jeder materiellen Rücksicht. Nur dann kann von einer wahrhaft sitt⸗ lichen Ehe die Rede sein, in deren reiner Atmosphäre die Kinder moralisch gesund auf— wachsen.“
„Nichts ist auf Erden fürwahr so wünschenswert
und erfreulich, Als wenn Mann und Weib in herzlicher Liebe 5 vereint sind“,
heißt es bei Homer. Aber die materiellen Interessen haben, im kapitalistischen Zeit⸗ alter mehr als je, einen Keil getrieben zwischen Ehe und Liebe, haben beide sozusagen von Tisch und Bett getrennt, haben die Ehe ohne Liebe geschaffen, die heute fast die Regel ist, haben das süße, zarte Band zur lästigen Fessel gemacht. Woher denn sonst die bitteren und höhuischen Aeußerungen so vieler bürgerlicher Denker, Dichter und Prosaisten über die Ehe?„Es ist betrübt, man könnte drüber weinen, Ein Zeichen uns'rer Lasterhaftigkeit, Daß Eh' und
Liebe selten sich vereinen, Da ein Gestirn doch beiden Dasein leiht“, singt z. B. Lord Byron, der auch spottend fragt:„Ob wohl Petrarc' als Lauras Mann Sonette, so glühende, jemals gedichtet hätte?“— Ein bürgerlicher Dichter(Grabbe) ist es auch, der schrieb: „Heirat! Ha, das ist der Wiater, der wohl mit der Kraft des Eises die bewegte Welle des Baches anfesselt, doch sie auch erstarren macht. Das Mädchen, das ich lieb', umarme, das Geld hat, heirate ich!“ schließt er mit un⸗ verschleiertem Cynismus.— Und ein bürger⸗ licher Schriftsteller neuesten Datums(Ernst v. Wolzogen) läßt in seiner köstlichen Erzählung „Das dritte Geschlecht“ eine seiner Heldinnen sagen:„Es ist möglich, daß am Ende unserer gegenwärtigen Dinge mit vielen Vorurteilen auch der heilige Ehestand als Unkraut mit ausgerauft und ius Feuer geworfen wird. Und ich weiß nicht, ob das ein so großes Unglück sein würde, denn für die Männer ist er nun einmal eine unnatürliche Einrichtung und für die Frauen auch nur in ganz seltenen Fällen ein Glück.“
Der Zwiespalt von Mein und Dein hat Liebe und Ehe geschieden, der Sozialismus wird sie wieder vereinen— das ist die freie Liebe, die Bebel meint.
Ein neuer Dreibund?
Gab die Reise des deutschen Kaisers der bürgerlichen Presse schon Stoff zu allerlei Mut⸗ maßungen über die Stellung Deutschlands zu England, so ist dieses noch mehr der Fall be⸗ züglich einer Rede des englischen Kolonial⸗ ministers Chamberlain. In der That klingt die Rede dieses Herrn höchst befremdlich. Chamberlein führte ungefähr folgendes aus:
England könne nicht dauernd auf dem
europäischen Festland isoliert bleiben. Die natürlichste Alliance sei mit dem großen deutschen Reich. Eine Gegnerschaft der Interessen sei sowohl für die Gegenwart wie für die Vergangenheit nicht vorhanden. Die Vereinigung Deutschlands mit England würde mehr wie jede andere der Welt den Frieden sichern. Dieselben Gefühle einer engen Stammes verwandschaft, die zu dem engen Sympathieverhältnis zwischen Amerika und England geführt hätten, könnten auch zu einem gleichen Verhältnis zwischen Amerika, Eaglan) und Deutschland führen. Ein neuer Dreibund zwischen der ger⸗ manischen Rasse und den zwei großen Zweigen der angelsächsischen Rasse(Engländer und Amerikaner) würde einen mächtigen Einfluß auf den Frieden der Welt ausüben können. Es handelt sich um keine Alliance, die auf dem Papier niedergelegt sei, wohl aber sei ein diesbezügliches Einverständnis im Geist der Staatsmänner der betreffenden Länder vorhanden.
Es scheint, als habe der englische Kolonial⸗ minister von seinem neuen Freunde Deutschland zunächst die Kunst erlernt, die Welt durch wundersame Plötzlichkeiten zu überraschen. Ueber⸗ raschend im höchsten Maße ist seine Rede, selbst wenn sie in Ton und Farbe weit über die üblichen Grenzen diplomatischer Vorsicht hin⸗ ausgeht und die Dinge in übermäßiger Größe
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