Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 7.
Michael Kohlhaas.
Historische Erzählung von H. von Kleist. (8. Fortsetzung.)
Der Prinz Christiern von Meißen, über diese Wendung der Dinge, die seines Herrn Ruhm auf die empfindlichste Weise zu beflecken drohete, sehr mißvergnügt, begab sich sogleich zu demselben auf's Schloß; und das Interesse der Ritter, den Kohlhaas wenn es möglich wäre auf den Grund neuer Vergehungen zu stürzen, wohl durchschauend, bat er sich von demselben die Er⸗ laubniß aus unverzüglich ein Verhör über den Roßhändler anstellen zu dürfen. Der Roß⸗ händler, nicht ohne Befremden durch einen Häscher in das Gubernium abgeführt zu werden, erschien, den Heinrich und Leopold, seine beiden kleinen Knaben auf dem Arm; denn Sternbald, der Knecht, war Tags zuvor mit seinen fünf Kindern aus dem Meklenburgischen, wo sie sich aufgehalten hatten, bei ihm angekommen, und Gedanken mancherlei Art, die zu entwicklen zu weitläufig sind, bestimmten ihn, die Jungen, die ihn bei seiner Entfernung unter dem Erguß kindischer Thränen darum baten, aufzuheben, und in das Verhör mitzunehmen. Der Prinz nachdem er die Kinder, die Kohlhaas neben sich niedergesetzt hatte, wohlgefällig betrachtet und auf eine freundliche Weise nach ihrem Alter und
Namen gefragt hatte, eröffnete ihm, was der Nagelschmidt, sein ehemaliger Knecht, sich in den Thälern des Erzgebirges für Freiheiten heraus⸗ nehme; und indem er ihm die sogenannten Mandate desselben überreichte, forderte er ihn auf, dagegen vorzubringen, was er zu seiner Rechtfertigung vorzubringen wüßte. Der Roß⸗ händler, so schwer er auch in der That über diese schändliche und verrätherischen Papiere erschrak, hatte gleichwohl einem so rechtschaffnen Manne als der Prinz war gegenüber, wenig Mühe die Grundlosigkeit der gegen ihn auf die Bahn gebrachten Beschuldigungen befriedigend auseinander zu legen. Nicht nur, daß zufolge seiner Bemerkung er, so wie die Sachen standen, überhaupt noch zur Entscheidung seines, im besten Fortgang begriffenen Rechtsstreits keiner Hülfe von Seiten eines Dritten bedürfte: aus einigen Briefschaften, die er bei sich trug und die er dem Prinzen vorzeigte, ging sogar eine Unwahr⸗ scheinlichkeit ganz eigener Art hervor, daß das Herz des Nagelschmidts gestimmt sein sollte ihm dergleichen Hülfe zu leisten, indem er den Kerl wegen auf dem platten Lande verübter Notzucht und andere Schelmereien kurz vor Auflösung des Haufens in Lützen hatte hängen lassen wollen; dergestalt, daß nur die Erscheinung der kurfürstlichen Amnestie, indem sie das ganze
Verhältniß aufhob, ihn gerettet hatte, und beide Tags darauf als Todfeinde auseinander ge— gangen waren. Kohlhaas, auf seinen von dem Prinzen angenommenen Vorschlag, setzte sich nieder, und erließ ein Sendschreiben an den Nagelschmidt, worin er das Vorgeben desselben, zur Aufrechthaltung der an ihm und seinen Haufen gebrochenen Amnestie aufgestanden zu sein für eine schändliche und ruchlose Erfindung erklärte; ihm sagte, daß er bei seiner Ankunft „ in Dresden weder eingesteckt, noch einer Wacke
übergeben, auch seine Rechtssache ganz so, wie er es wünsche, im Fortgange sei; und ihn wegen der nach Publication der Amnestie im Erzge— birge ausgeübten Mordbrennerein zur Warnung des um ihn versammelten Gesindels der ganzen Rache der Gesetze preis gab. Dabei wurden einige Fragmente der Criminalverhandlung, die der Roßhändler auf dem Schlosse zu Lützen in Bezug auf die oben erwähnten Schändlichkeiten über ihn hatte anstellen lassen, zur Belehrung des Volks über diesen nichtsnutzigen, schon da— mals dem Galgen bestimmten, und wie schon Erwähnt nur durch das Patent, das der Kur— fürst erließ, geretteten Kerl, angehängt.
Dem gemäß beruhigte der Prinz den Kohl⸗ haas über den Verdacht, den man ihm durch die Un stände notgedrungen in diesem Verhör gabe äußern müssen; versicherte ihn, daß so lange Er in Dresden wäre, die ihm ertheilte Amnestie auf keine Weise gebrochen werde solle, leichte den Knaben noch eimal, indem er sie mit
Obst das auf seinem Tische stand beschenkte,
Der Großkanzler, der gleichwohl die Gefahr, die über dem Roßhändler schwebte, erkannte, that sein Aeußerstes, um die Sache desselben, be⸗ vor sie durch neue Exeignisse verwickelt und verworren würde, zu Ende zu bringen; das aber wünschten und bezweckten die staatsklugen Ritter eben, und statt wie zuvor mit stillschwei⸗ gendem Eingeständniß der Schuld, ihren Wider⸗ stand auf ein bloß gemildertes Rechtserkenntniß einzuschränken, fingen sie jetzt an in Wendungen arglistiger und rabulistischer Art diese Schuld selbst gänzlich zu läugnen. Bald gaben sie vor, daß die Rappen des Kohlhaas in Folge eines bloß eigenmächtigen Verfahrens des Schloßvoigts und Verwalters, von welchem der Junker nichts oder nur Unvollständiges gewußt, auf der Tronkenburg zurückgehalten worden seien; bald versicherten sie, daß die Thiere schon bei ihrer Ankunft daselbst an einem heftigen und gefähr⸗ lichen Husten krank gewesen wären, und beriefen sich deshalb auf Zeugen, die sie herbeizuschaffen sich anheischig machten; und als sie mit diesen Argumenten nach weitläufigen Untersuchungen und Auseinandersetzungen aus dem Felde ge⸗ schlagen waren, brachten sie gar ein kurfürst⸗ liches Edict bei, worin vor einem Zeitraum von zwölf Jahren einer Viehseuche wegen, die Ein⸗ führung der Pferde aus dem Brandenburgischen in's Sächsische in der That verboten worden war; zum sonnenklaren Beleg nicht nur der Befugniß, sondern sogar der Verpflichtung des Junkers, die von dem Kohlhaas über die Grenze gebrachten Pferde anzuhalten.—
Kohlhaas, der inzwischen von dem wackern Amtmann zu Kohlhaasenbrück seine Meierei gegen eine geringe Vergütigung des dabei ge⸗ habten Schadens, käuflich wieder erlangt hatte, wünschte, wie es scheint wegen gerichtlicher Ab— machung dieses Geschäfts, Dresden auf einige Tage zu verlassen, und in diese seine Heimath zu reisen; ein Entschluß, an welchem gleichwohl, wie wir nicht zweifeln, weniger das besagte Ge⸗ schäst so dringend es auch in der That wegen Bestellung der Wintersaat sein mochte, als die Absicht, unter so sonderbaren und bedenklichen Umständen seine Lage zu prüfen, Anteil hatte: zu welchem vielleicht auch noch Gründe anderer Art mitwirkten, die wir jedem, der in seiner Brust Bescheid weiß, zu erraten überlassen wollen. Demnach verfügte er sich unter Zurück— lassung der Wache, die ihm zugeordnet war, zum Großkanzler, und eröffnete ihm, die Briefe des Amtmanns in der Hand: daß er Willens sei, falls man seiner wie es den Anschein habe, bei dem Gericht nicht notwendig bedürfe, die Stadt zu verlassen, und auf einen Zeitraum von acht oder zwölf Tagen, binnen welcher Zeit er wieder zurück zu sein versprach, nach dem Brandenburgischen zu reisen. Der Groß— lanzler, indem er mit einem mißvergnügten und bedenklichen Gesicht zur Erde sah, versetzte: er müsse gestehen, daß seine Anwesenheit gerade jetzt notwendiger sei als jemals, indem das Ge⸗ richt wegen arglistiger und winkelziehender Ein⸗ wendungen der Gegenpart seiner Aussagen und Erörterungen in tausenderlei nicht vorherzu— sehenden Fällen bedürfe; doch da Kohlhaas ihn auf seinen, von dem Rechtsfall wohl unter⸗ richteten Advokaten verwies, und mit beschei— dener Zudringlichkeit, indem er sich auf acht Tage einzuschränken versprach, auf seine Bitte beharrte, so sagte der Großkanzler nach einer Pause kurz, indem er ihn entließ:„er hoffe, daß er sich deshalb Pässe bei dem Prinzen Christiern von Meißen ausbitten würde.“
Kohlhaas, der sich auf das Gesicht des Großkanzlers gar wohl verstand, setzte sich, in seinem Entschluß nur bestärkt, auf der Stelle nieder, und bat ohne irgend einen Grund an⸗ zugeben den Prinzen von Meißen, als Chef des Guberniums, um Pässe auf acht Tage nach Kohlhaasenbrück, und zurück. Auf dieses Schreiben erhielt er eine von dem Schloßhaupt⸗ mann Freitzerrn Siegfried von Wenk unter— zeichnete Gubernial⸗Resolution, des Inhalts: sein Gesuch um Pässe nach Kohlhaasenbrück
werde des Kurfürsten Durchlaucht vorgelegt
die Hand, grüßte den Kohlhaas und entließ ihn.
werden, auf dessen höchster Bewilligung, sobald mcd ge, ihm die Pässe zugeschickt werden ürden.“
Auf die Erkundigung Kohlhaasens bei seinem Advokaten, wie es zuginge, daß die Gubernial⸗ Resolution von einem Freiherrn Siegfried von Wenk, und nicht von einem Prinzen Christiern von Meißen, an den er sich gewendet, unterschrieben sei, erhielt er zur Antwort: daß der Prinz vor drei Tagen auf seine Güter ge⸗ reist, und die Gubernialgeschäfte während seiner Abwesenheit dem Schloßhauptmann Freiherrn Siegfried von Wenk, einem Vetter des oben erwähnten Herrn gleichen Namens, übergeben worden wären.
Kohlhaas, dem das Herz unter allen diesen Umständen unruhig zu klopfen anfing, harrte durch mehrere Tage auf die Entscheidung seiner, der Person des Landesherrn mit befremdender Weitläufigkeit vorgelegten Bitte; doch es ver⸗ ging eine Woche, und es verging mehr, ohne daß weder diese Entscheidung einlief, noch auch das Rechtserkenntnis, so bestimmt man es ihm auch verkündigt hatte, bei dem Tribunal Fick ward: dergestalt, daß er am zwölften Tage, fest entschlossen die Gesinnung der Regierung gegen ihn, sie möge sein welche sie wolle, zur Sprache zu bringen, sich niedersetzte, und das Gubernium von neuem in einer dringenden Vorstellung um die erforderten Pässe bat.
(Fortsetzung folgt.)
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Sprüche zur Lebensweisheit. Von Wolfgang Goethe.
Das Beste. Wenn Dir's in Kopf und Herzen schwirrt, Was willst Du bessres haben! Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, Der lafsse sich begraben.
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Stoßseufzer.
Ach, man sparte viel, Seltner wäre verruckt das Ziel, Wär' weniger Dumpfheit, vergebenes Sehnen, Ich könnte viel glücklicher sein— Gäb's nur keinen Wein Und keine Weiberthränen!
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Meine Wahl. Ich liebe mir den heitren Mann Am meisten unter meinen Gästen: Wer sich nicht selbst zum besten haben kann, Der ist gewiß nicht von den Besten. * Breit wie lang. Wer bescheiden ist, muß dulden, Und wer frech ist, der muß leiden; Also wirst du gleich verschulden, Ob du frech seist, ob bescheiden.
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Neu eingelaufene Schriften.
Besprechung wichtigerer Erscheinung behalten wir uns vor.
Stimmen der Freiheit. Das Litterarische Bureau Nürnberg(Verlag für Volks- und Arbeiter⸗ litteratur) hat unter dem Titel„Stimmen der Freiheit“ soeben eine illustrirte Sammlung von Dichtungen der hervorragendsten Arbeiter- und Freiheitsdichter des In⸗ und Auslandes erscheinen lassen. Das Werk wird 50 Lieferungen à 10 Pfg. umfassen. Das uns vorliegende erste Heft macht einen guten Eindruck und dürfte mit Recht allseitig Beachtung finden, wie überhaupt das Unternehmen unserer Arbeiterschaft angelegentlichst zu empfehlen sein dürfte. Mit zwei hervorragenden Dichter⸗ größen präsentirt sich das erste Heft. Neben der seelen⸗ vollen und warm empfindenden Ada Negri lernen wir einige der prächtigsten Zeitgedichte des„Sängers der Re⸗ volution“ Ferdinand Freiligrath kennen. Bild und Biographie der Genannten sind den Dichtungen voran⸗ gestellt. Die nächsten Hefte bringen Porträt, Biographie und Dichtungen von Ludwig Pfau, Wilhelm Hasenclever, Georg Herwegh, Béranger, Johannes Wedde, Robert Prutz, Glaßbrenner, Shelley, Karl Henckell, J. H. Mackay, Dr. Bruno Wille, Robert Seidel, Ernst Preczang, Jakob Audorf, Heinrich Heine, Petöfi und vielen Anderen. Die Hefte sind durch alle Buchhaudlungen und Parteikolporteure zu beziehen.


