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Nr. 37.
Gießen, Sonntag, den 10. September 1899.
5. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse.
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Mitteldeutsche
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Zur Lage der Kleinbauern.
ely. In cinem Vortrage über die Lage der Landwirtschaft am Ausgang des 18. Jahr⸗ hunderts— also jetzt vor 100 Jahren— hat Professor Dr. Brentano in München auch die Lage der Bauern geschildert und ist zu dem Schlusse gekommen, daß sie in der soge— nannten guten alten Zeit recht elend daran gewesen sind. Was sie hauptsächlich be⸗ drückte, war in erster Linie die Unterthänig⸗ keit unter einen Gerichtsherrn, der die Bauern zu Frohndiensten verpflichtete. Sie mußen Stift und Gilt bezahlen und waren in der Ver— fügungsfreihest über das Bauerngut beschränkt. Der Bauer trug ferner die Hauptsteuerlast und war nicht in der Lage, ein Grundstück von seinem Baue nhof zu veräußern, jede Teilung des Hofes unter die Kinder des Bauern war untersagt, alles mußte in festen Händen bleiben. Die Folge war, daß ein Bauernproletariat ent⸗ stand und das ganze Land von Bettlern schwärmte. Vierundeinhalb Prozent der er— wachsenen männlichen Bevölkerung gehörten damals zu den Bettlern. Infolge der Ge— bundenheit wurden die Höfe bald viel zu groß, um mit dem vorhandenen Kapital und den Arbeitskräften bewirtschaftet zu werden. Die Folge davon waren wieder Verschuldungen. Aber auch der Zehnt drückte die Lage der Bauern. Alle Grundstücke unterlagen ihm; dabei war der Zehnt nicht eine Abgabe vom Reinertrag, sondern vom Ro hertrag, eine Abgabe, die ohne Rücksicht auf die Produktions⸗ kosten erhoben wurde. Hierzu kam noch der Arbeitermangel: Knecht und Magd wanderten damals gerade so wie heute nach der Stadt, und die, die zu Hause blieben, ließen viel zu wünschen übrig. Andere Mißstände waren die zahlreichen Fesertage und die große Unbildung der Bauern; es fehlte jeder Unterricht, sie konnten weder lesen noch schreiben. Wenn man die Kae Lage der Bauern, vornehmlich aber des Kleinbauernstandes, mit der Situation vor hundert Jahren vergleicht, so mag es ja in manchen Beziehungen besser geworden sein. Der Bauer kann heute lesen und schreiben. Er braucht weder Zehnt noch Stift und Gilt zu bezahlen, auch trägt er nicht mehr die Haupt⸗ steuerlast. Meist ist er in der Lage, seinen Be⸗ sitz zu veräußern wie er will und in welchen Teilen er will.
Aber alle diese Fortschritte haben doch dem Klein bauernstande keine Besserung gebracht. Anstelle des Grundherrn ist für ihn heutzutage der Gläubiger getreten. Die Schul dknechtschaft, die heute auf dem Kleinbauern lastet, ist vielleicht noch drückender als die Unterthänigkeit unter den Gerichtsherru. Im Landesökonomiekollegium erklärte vor einiger Zeit Professor Sehring⸗Berlin, die Landwirt⸗ 9 5 sei in einem solchen Grade verschuldet, aß zwei Drittel der Grundbesitzer, d. h. der sicherste Teil der alten preußischen Laudwirt⸗ schaft, in 16 Jahren hypothekarisch überschuldet sein würden, wenn es so wie bisher weiter ginge. Dann werde der Grund und Boden nicht mehr den Landwirten, sondern den en Geldleuten gehören. In der theinprovinz kauften die letzteren den Grund⸗ besitz immer mehr aus, daher seien dort viele
Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die find
Landwirte bereits zu Fabrikarbeitern herab— gesunken. Die großen Geldleute seien schon Herren der Lage. Inwieweit die Behauptungen Sehrings zutreffen, das zeigt ein Blick auf die Verschuldung der Landwirtschaft, namentlich der Kleinbetriebe, in der Rheinprovinz. Dort ist amtlich festgestellt, daß die kleinsten Be⸗ sitzungen die verschuldetsten sind.
Die Kleinbauern sind heutzutage zum über— wiegenden Teil nichts anderes als Arbeiter im Dienste ihrer Gläubiger. Sie haben von ihrem Grundstück, das sie bebauen, nur knappe Vergütung für die Arbeit, die sie jahraus jahrein leisten. Was sich für die Rheinprovinz ergiebt, das ist auch für die ländliche Bevöl— kerung des Großherzogtums Baden festgestellt, in welchem Lande sowohl in den achtziger wie in den neunziger Jahren Erhebungen über die Verschuldung der ländlichen Bevölkerung ange— stellt worden sind. Beide Male hat sich er— geben, daß in den rein landwirtschaftlichen Be— trieben die unterste Besitz- bezw. Einkommens⸗ gruppe relativ am höchsten verschuldet ist. Und wie im Rheinland und Baden, so auch in Hessen.
Wenn es danach feststeht, daß gerade die Kleinbauern heutzutage in einen drückenden Schuldknechtschaft sich befinden, so daß sie nichts anderes sind als Tagelöhner im Dienste des Kapitals, so dürfte es auch nicht mehr allzu lange dauern, bis den Kleinbauern klar wird, daß ihre Wirtschaftsinteressen wesentlich andere sind, als diejenigen des, großen Besitzes, daß ihre soziale Selbständigkeit nur scheinbar existiert, daß ein wirtschaftliches und politisches Zusammengehen mit den Agrariern ihnen nichts nützen kann, so wenig wie dem Hand- werk ein Zusammengehen mit der Großindustrie.
Zwischen Großen und Kleinen giebts keine Interessen-Gemeinschaft. Wenn die Großen in der Landwirtschaft von den gleichen Interessen aller Bauern sprechen, so versuchen sie mit solchen Behauptungen die Kleinen für ihre Zwecke zu ködern, um sie später über den Löffel barbieren zu können. Wer hat den großen Grundbesitzern, die in den deutschen Parlamenten die erste Geige spielen, zu ihren Mandaten verholfen? Die Kleinen! und zwar deshalb, weil sie den Versprechungen und falschen Vorspiegelungen der Großen Glauben ge— schenkt haben.
Aber was haben denn die Großen in den Landtagen und im Reichstag je für die Kleinen gethan? Nichts! Für sich selbst haben sie gesorgt.
Gerade die viel verdächtigte Sozial demo⸗ kratie ist es überall gewesen, die die Interessen der Kleinen wahrgeuommen hat. Und deshalb auch die Wut der Großen. Sie wissen, daß ihr unheilvoller Einfluß in demselben Maaße schwinden muß, wie die Sozialdemokratie an Einfluß gewinnt. Die Zahl derjenigen Klein⸗ bauern, die die Lügen, Verdächtigungen und Verleumdungen glauben, die über die Sozial— demokratie verbreitet werden, wird immer kleiner. Mehr und mehr sieht auch die Landbevölkerung ein, daß die Sozialdemokratie die einzige wirkliche Volkspartei ist. Die Behaup⸗ tungen, die Sozialdemokratie wollte die„Religion abschaffen“,„teilen“ und was ähnlicher Unsinn
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mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt aufgestellt, weil sie den gerechten Forderungen der Sozialdemokratie keine sachlichen Gründe entgegensetzen können. Sie lügen und lügen, um vor der Sozialdemokratie graulich zu machen. Lange zieht dieses Mittel nicht mehr, weil selbst die Dümmsten den Schwindel der National- liberalen, Antisemiten, Manschettenbauern— Bündler und sonstiger Quacksalber erkennen und die einzig richtige Lehre daraus ziehen, indem sie selbst Sozialdemokrat werden und sozialdemokratisch wählen.
Politische Rundschau.
Gießen, den 8. September.
Die Aussperrung der Landräte.
Was das zweifelhafte Deutsch des Erlasses, den wir in voriger Nummer unter Letzten Nach- richten kurz erwähnten, noch im Dunklen ließ, ist durch eine Extra-Ausgabe der ministeriellen „Berliner Korrespondenz“ klar gestellt: die be— amteten Kanalgegner im preußischeu Ab— geordnetenhause sind doch gemaßregelt worden: 20 Landräte und zwei Regierungspräsidenten. Alle auf Wartegeld! Diese Maßregel der preußi⸗ schen Regierung ist kleinlich und unseres Er— achtens verfassungswidrig. Wenn es auch bedauerlich ist, daß die Kanalvorlage, ein wirk— liches Kulturwerk, zu Fall gebracht wurde, so war es doch das gute Recht auch der beamteten Abgeordneten, nach ihrer Ueberzeugung zu stimmen. Der Vorfall zeigt wieder recht deut⸗ lich, wie verkehrt es ist, von der Regierung abhängige Beamte zu Abgeordneten zu wählen.
Nach den Landräten die Minister.
Der Staatsanzeiger macht bekannt, das der Ninister Dr. Bosse gemäß seinem An— suchen vom seinem Amte entbunden und der Oberpräsident Studt zum Staatsminister und Kultusminister ernannt worden ist, so— wie daß der Minister Freiherr v. d. Recke gemäß seinem Ansuchen von seinem Amte entbunden und der Regierungspräsident Frei— herr v. Rheinbaben zum Staatsminister und Minister des Innern ernannt worden ist.
Warum sind gerade diese beiden preisgegeben worden, die doch an der Kanalangelegenheit unbe⸗ teiligt waren? Das Rätsel scheint unlöslich, ist aber sehr einfach. Bosse und Recke haben den Zorn der Junker da purch erregt, daß sie Vollstrecker der Maßtegelungspolitik waren, die dienstwilligen Exekutoren der Regierung- Drohungen. Bosse hatte den Prof. Irmer, in unterwürfigem Uebereifer, entlassen, und Herr v. d. Recke hatte den famosen Tagesbesehl an die beamteten Abgeordneten verfügt, für den Kanal zu stimmen; auch die Ruhestands-Ver— setzungen der Landräte und Regierungspräsidenten dürften seine Unterschrift tragen. Das hatte beide Minister bei der herrschenden Sippe schon gesellschaftlich unmöglich gemacht. Sie wurden in aller Form boykottiert, sie hatten keine ministerielle Existenzfähigteit mehr; es ist ja erinnerlich, daß die konservative Fraktion be— schlossen hatte, keinen Gesetzentwurfedes Reckeschen Ressorts zur Erledigung kommen zu lassen. Das Ziel der Angriffe der liberalen Presse war Herr Miquel— und Miquel erfreut sich
ist, werden lediglich deshalb von den Gegnern
noch immer der Ministerherrlichkeit. Die


