Ausgabe 
9.4.1899
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 15.

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unterhaltungs⸗CTeil.

N Der Zukunft Krone. Von Klara Müller

Dem Mann der Arbeit und ob er schwingt

Die Axt in der nervigen Rechten,

Und ob er das Gold aus der Erde ringt,

Aus des Bergwerks dämmernden Schächten,

Ob er lehrt und schafft und die Feder hält

Und den Meißel führt, ihm gehört die Welt, Ihm gehört der Zukunft Krone!

Wir haben gebeugt in Fron und Joch Den trutzigen Nacken lange, Und heimlich glühte das Herz uns doch Bei des Hammers ehernem Klauge. Der Schweiß, der nieder die Stirn uns rann, Er adelt uns alle, Weib und Mann, Und giebt uns der Zukunft Krone.

Wir wollen kein feiges, kein halbes Geschlecht,

Kein tröstendes Wort, uns zum Hohne:

Wir wollen für jeden sein heiliges Recht,

Für jeglichen Arbeit, die lohne

Und Freude, wo brennend die Thräne jetzt fällt,

Und Frieden der ganzen, der seuszenden Welt Und dem Volke der Zukunft Krone!

* AusMit roten Kressen.(Verlag von Baumert und Ronge, Großenhain.)

vom Stamm gerissen.

14 Roman von E. Langer. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.)

Oettinger wäre spät in der Nacht sehr ver⸗ stört nach demBlauen Engel zurückgekehrt, den er zu Pferde gegen Abend verlassen, und hätte, indem er seine Rechnung berichtigt, sich bei Röpke, dem Wirt, nach dem Bürgermeister⸗ amt erkundigt, als plötzlich zwei Gendarmen er⸗ schienen wären, die ihn verhaftet und ins Poli⸗ zeigefängnis abgeführt hätten. Dies stimmte genau mit der Wahrheit überein.

Heute früh vor den Bürgermeister geführt, welcher der Wichtigkeit der Sache sogar seine Feiertagsruhe geopfert, hatte Oettinger die Er⸗ klärung abgegeben, daß er in der Selbstver⸗ teidigung von seiner Waffe Gebrauch gemacht und in der Absicht nach Neukirch zurückgekehrt sei, den Fall selbst zur Anzeige zu bringen. Das würdige Stadtoberhaupt nahm diese Er⸗ klärung indessen mit sichtlichem Unglauben auf und kündigte Oettinger an, daß er ihn sofort nach dem nächsten Bezirksgericht transportieren lassen müßte. Und so war denn Oettinger noch vor Anfang der Kirche, damit den gottesfürch⸗ tigen Einwohnern das erbauliche Schauspiel nicht verloren ging, wie ein gemeiner Verbrecher mit gefesselten Händen auf einem Leiterwagen und in Begleitung eines Gendarmen durch die ver⸗ blüffte Menge zur Stadt hingefahren. Einige Schreier und Pfeifer wurden von Leuten, die Oettinger reden gehört hatten und respektvoll den Hut vor ihm zogen, zur Ruhe verwiesen.

Als nun der Arzt und Valeska vor dem

Gasthause hielten, sammelte sich schnell ein Haufen

Neugieriger um den Wagen, denn an dem Doktor sah man, woher sie kamen, und das Gerücht munkelte auch etwas von einer Dame, welche hinter der Affaire stecke. Das mußte diese auf alle Fälle sein. Jeder wollte sie sehen, und das Gedränge um den Wagen ward so stark, daß der Doktor mit einem Heiligenkreuzdonnerwetter den in der Thür erscheinenden Wirt aufforderte, Raum zu schaffen.

Herr Röpke hatte die Dame schon öfter in Begleitung der Fräulein von Kries gesehen und bahnte ihr dienstfertig mit gehörigen Püffen nach rechts und links den Weg ins Haus.

Als Valeska die mit Wein⸗ und Bierdünsten rfüllte und überheizte Gaststube betrat, wäre sie

beinahe in Ohnmacht gesunken, aber sie besaß

b gewaltige Selbstbeherrschung. über.

Können Sie der Dame eine anständige Stube geben? fragte der Arzt, der hinter ihr eingetreten war.

Gewiß, Herr Doktor. Es ist eben eine frei geworden, die beste. Aber die möchte ich doch lieber der Dame nicht geben.

Warum nicht?

Weil der vermaledeite Sozialdemokrat, der doch heut Nacht das Verbrechen begangen hat, darin logiert hat. a

Was faseln Sie da begann der Arzt, aber Valeska fiel ihm ins Wort.

Wo ist der Herr, der dort logiert hat? fragte sie in gebieterischem Tone.

Festgenommen und heut Morgen nach M. transportiert.

Wie? nicht mehr hier nicht in Neukirch? sie trat einen Schritt auf Röpke zu und es war, als ob ihre Augen aus den Höhlen springen wollten.

Röpke wich schüchtern zurück.

Reden Sie, Röpke, befahl Doktor Zöllner. Wie ist das gekommen?

Ich weiß nichts, Herr Doktor, als daß der Herr, gleich als er nach Hause kam, verhaftet wurde und daß er vom Bürgermeisteramt aus auf einem Leiterwagen, von einem Gendarmen begleitet und er umspannte abwechselnd sein rechtes und linkes Handgelenk mit einem be⸗ deutungsvollen Blick gegen den Arzt er wagte nicht weiter zu reden.

Was, was? fragte Valeska, welche die Pantomime bemerkt hatte, von höchstem Entsetzen ergriffen.Soll das heißen, daß man ihn ge⸗ fesselt hat? Mann, reden Sie!

Ja, ja leider, gnädiges Fräulein.

Valeska schwankte; Totenblässe bedeckte ihr Gesicht, die Augen schlossen sich. Schon hatte der Arzt sie im Arm und befahl Wasser und ein Glas Portwein. Sie erholte sich, noch ehe beides gebracht war.

Gefesselt, war ihr erstes Wort, das schmerz⸗ lich klagend über ihre Lippen kam und dem ein krampfhaftes, tränenloses Schluchzen folgte.

Doktor Zöllner hatte lange kein so inniges Mitleid empfunden, wie mit diesem, ihm vor wenigen Stunden noch fremden Mädchen. Er zwang ihr etwas Wein auf und tröstete sie, wie er es in dieser Situation vermochte.

Es würde sich aufklären, Oettingers Unschuld an den Tag kommen. Man hätte vorschnell gehandelt, aus Parteileidenschaft. Der Bürger⸗ meister wäre ein verbissener Konservativer. Hätte schon die Versammlungen mit scheelen Augen angesehen und wäre jetzt erklärlicherweise ganz außer sich geraten.

Valeska starrte mit großen Augen vor sich hin.

Das Zimmer hier brauche ich jetzt nicht mehr, fuhr sie plötzlich auf.Wo ist der Wirt? ich muß sofort einen Wagen haben

Herr Röpke hatte sich im Hintergrunde ge⸗ halten und trat nun wieder vor.

Einen Wagen, heut am zweiten Feiertag, das wird schwer halten, wandte er ein.

Es wird nur mehr kosten, sagte Valeska rasch,darauf kommt es nicht an. Nur schnell. Oder geht eine Post dorthin?

Ja wohl, meine Dame, aber erst Nachmittag.

fDas kann mir nichts nützen, ich muß gleich ort.

Also, Röpke, sehen Sie zu, daß innerhalb einer halben Stunde ein Wagen vor der Thür steht, sagte der Arzt in entschiedenem Tone. Nur nicht viel Redensarten. Die Dame ist die Braut von Herrn Oettinger, der keineswegs ein Verbrecher ist; sie hat die Beweise, und muß zu ihm. Machen Sie rasch.

Valeska sah den Arzt dankbar an, der sein Taschenbuch hervorzog, ein Blatt herausriß und zu schreiben begann.

Ich will Ihnen nur ein Paar Zeilen an einen mir bekannten Rechtsanwalt mitgeben, sagte er.Sind Sie genügend mit Geld ver⸗ sehen? fragte er nach einer Weile, wie bei⸗ läufig.

Es ging vor⸗

Fürs Erste, ja; nachher werde ich das

Nötige verdienen.

Gut. Lassen Sie sich nach demSchwarzen Adler fahren. Es ist ein solides, anständiges Hotel, fuhr Doktor Zöllner während des Schreibens fort.So, und nun muß ich Sie leider verlassen. Meine Patienten warten auf mich. Trinken Sie noch einen Schluck Wein, Sie haben heut gewiß noch nichts genossen. Zwingen Sie sich auch, einen Bissen zu essen. Das Schlimmste schaut sich besser an, wenn das Tier im Menschen befriedigt ist. Aha, da sind Sie ja, Röpke. Nun, wie schauts aus?

Wird gleich vorfahren, Herr Doktor, ist eine gute Halbchaise auf Federn.

Na, sehen Sie. Es geht alles in der Welt und es geht oft weit besser als man glaubt, sagte er in ermutigendem Tone, der mehr Valeska als dem Wirt galt.Nun bringen Sie mal noch schnell etwas kalten Braten und Weißbrot. Auch einen Bogen Papier zum Einwickeln, unterwegs schmeckts vielleicht besser. Und hören Sie, Sie sorgen mir dafür, daß die Dame unbelästigt in den Wagen kommt. Ich muß jetzt gehen. Was bekommen Sie?

Er bezahlte die Rechnung und reichte dann Valeska beide Hände zum Abschied. Sie legte die ihrigen mit tränenfeuchtem Blick hinein und konnte nur:Dank, Dank, stammeln.

Auch des Doktors Augen warden feucht.

Hoffen Sie, armes Kind, und erinnern Sie sich, daß Sie an mir einen Freund haben. Er legte die Rechte väterlich auf ihr Haupt, wandte sich kurz und schritt hinaus.

Valeska saß unbeweglich wie ein Steinbild da, bis der Wagen angekündigt wurde.

Dank der Fürsorge des Doktors, ging das Einsteigen glatt von statten. Wohl geborgen in der Wagenecke sitzend, fuhr sie, ohne auf die tiefen Bücklinge des Wirtes zu achten, auf dem⸗ selben Wege von dannen, den der Geliebte vor wenigen Stunden unter so schmählichen Umständen gefahren war.

IX

Ueber drei Wochen schwebte das Leben des

Herrn von Kries in höchster Gefahr. Dann aber trat in seinem Zustand eine günstige Wen⸗ dung ein. Das heftige Wundfieber, in dem ihn die wildesten Phantasien verfolgt hatten, ließ nach, die Heilung der Wunde schien einen nor⸗ malen Verlauf zu nehmen.

Eines Morgens erwachte er mit freiem Kopf. Es war so still um ihn, so feierlich still wie in einer Kirche. Hatte er nur im Traum ein be⸗ ständiges Brausen und Rauschen und Knattern gehört, oder war es nur augenblicklich verstummt? Jemand schlich heran und sah um die Ecke des Schirmes, der sein Bett umstand. Es war Frau von Kries, der seinen ersten ruhigen Schlummer, von dem sie eine wohlthätige Wirkung erwartet, gehütet hatte. Von Zeit zu Zeit sah sie nach, ob er erwacht sei.

Marie! flüsterte der Kranke und machte eine Bewegung, als ob er die Hand ausstrecken wollte.

Hsch, hsch! machte seine Gattin, trat näher und beugte sich vor Freude errötend über ihn. Du erkennst mich?

Ein inniger Blick antwortete ihr, und sie kniete neben dem Bette nieder und weinte selige Tränen auf seine Hand, während die andere auf ihrem Haupte ruhte.

Auch während seines bewußtlosen Zustandes hatte er nur sie um sich haben, höchstens noch Agnes in seiner Nähe dulden wollen, und mit letzterer hatte Frau von Kries sich in die Kranken⸗ pflege geteilt. Fräulein Adele war keine gute Krankenpflegerin. Sie besaß weder Hingebung, noch Langmut, noch Opferfähigkeit, und ihre Liebe zum Bruder entsprang nur geschmeichelter Eitelkeit. Rosa hatte im ganzen den Charakter der Tante, und wiewohl beide beständig aufein⸗ ander stichelten, stimmten ihre Neigungen doch überein. Auch Rosa war nicht zur Samariterin geboren, und alles was sie an Gefühl besaß, verschwendete sie in zärtlichen oder schmollenden Billets an ihrem Bräutigam.

(Fortsetzung folgt.)

Besche Wund Vesche Er sei

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