Ausgabe 
8.10.1899
 
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Nr. 41.

Gießen, Sonntag, den 8. Oktober 1899.

6. Jahrg.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

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Mitteldeutsche

ntags⸗Zeitung.

Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.

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Eifern mit Unverstand.

* Die sogenannten frommen Sonntagsblätter verdanken ihre weite Verbreitung vor allen Dingen der Unterstützung seitens der Geistlichkeit. Allerdings hat es auch von jeher einsichtige Pastoren gegeben, die sich gegen die Art und Weise, in der diese angeblich christlichen Blätter in Politik machen, ausgesprochen haben.

Neuerdings hat wieder ein Geistlicher im Hess.⸗Nass. Volksboten denfrommen Blättern in's Gewissen geredet, zwar in milder Form, aber doch deutlich genug. Hören wir den Herrn Pastor:

Sollen die christlichen Sonntagsblätter in Politik machen? Diese Frage drängt sich unwillkürlich auf, wenn man sieht, wie die Sonntagsblätter dadurch, daß sie auf politischem Gebiet Partei ergreifen, nicht nur bei der bekämpften Partei keinen Eingang finden, sondern auch das Christentum selbst in Mißkredit bringen und dadurch auf das schwerste schädigen. In letzer Zeit ist es wieder mehrfach vorgekommen, daß Erbauungsblätter, wie derNachbar oder der Sonntagsbote den Schein erweckt haben, als müsse ein jeder brave Christ auf Seiten der Regierung stehen und für dieZuchthausvorlage eintreten. Das Christentum will die Menschen opferwillig und pflichttreu machen; aber es verleiht nicht ohne weiteres politische Einsicht.(1!) Das Christentum schärft dem Menschen das Gewissen und macht ihn hilf⸗ bereit; aber es giebt keine fertigen Rezepte. Wenn mit⸗ hin zwei Parteien sich gegenüberstehen, so unterscheiden sie sich keineswegs immer wie gut und bös; der gute Wille, das Volkswohl zu fördern, kann anf beiden Seiten vorhanden sein, nur in der Wahl und der Be⸗ urteilung der Mittel gehen die Ansichten auseinander. Den Lesern der Sonntagsblätter die doch in erster Linie christliche Erbauung suchen, auch eine bestimmtepoliti sche Meinung aufdrängen wollen, ist an sich schon un⸗ klug und verkehrt; aber die eigene politische Parteimeinung als die allein christliche vertheidigen und darum die gegner ische Meinung als Aus⸗ fluß eines Mangels an christlicher Gefinnung hinstellen, ist zwar recht bequem, aber doch in hohem Grade un⸗ überlegt und voreilig, ja geradezu dem Geist des Ehristentums zuwider. Das Christentum hat es nur mit großen prinzipiellen Gesichtspunkten zu thun; ob aber eineZuchthausvorlage notwendig ist, darüber gieb es keine Auskunft. Was würde man dazu sagen, wenn einer aus den Urkunden der Offenbarung den Satz ableiten wollte, jeder der seinen Gegner im Duell tödtet, müsse mit dem Tode bestraft werden? So bequem macht es der liebe Gott mit den Menschen nicht. Die Menschen müssen vor allem auch ihre Vernunft zu Rate ziehen. Drum kann man den sämmtlichen Erbau⸗ ungsblättern nur den dringenden Rath geben, das Christen⸗ tum nicht zu sehr in den Streit der Parteien hinein⸗ zuziehen und mit einzelnen Tagesfragen zu verquicken und nicht so zu thun, als ob eine bestimmte einzelne Forderung, wie dieZuchthaus vorlage oder dieKanol⸗ vorlage im Namen des Christentums aufgestellt werden müßte. Das wäreeifern mit Un verstand.

So äußert sich ein Geistlicher über die Muckerblätter. Es ist thatsächlich unglaublich, was in diesen frommen Blättern auf politischem Gebiete geleistet wird. Daß sie die Zuchthaus⸗ vorlage und sonstige Gesetze gutheißen, die die Rechte der Arbeiter verkürzen, daß sie für eine Verkürzung des Wahlrechts der Arbeiter ein⸗ treten, das sind alles noch Kleinigkeiten im Ver⸗ gleich zu dem, was sie an Lügen über die Sozialdemokratie, an Verdrehungen und hane⸗ büchenen Verleumdungen leisten. Und daher

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kommt es auch, daß diese Blätter nicht nur zur Verdummung derjenigen beitragen, die nichts anderes lesen, sondern daß sie auch dort, wo man sich über die Ursachen der erbärmlichen wirtschaftlichen und politischen Zustände unserer Zeit klar geworden ist, viel zur Verbitterung der Leute beitragen. Uns sind verschiedene Pastoren bekannt, die nicht vor leeren Bänken zu predigen brauchten, wenn sie sich weniger oder am besten gar nicht um die Verbreitung muckerischer Sonntagsblätter kümmerten.

Viele Geistliche glauben durch die Verbrei tung der von geschäfts kundigenChristen herausgegebenen Blätter ein besonders gutes Werk zu thun. Sie ahnen nicht, daß sie vielen ihrer Gemeindemitglieder Woche für Woche in's Gesicht schlagen und sich für immer entfremden. Es mag sein, daß ein Pastor mit festem Ein⸗ kommen an alle die Schlechtigkeiten glaubt, die in den Muckerblättern von der Arbeiterbewegung, der Sozialdemokratie, erzählt werden. Die Arbeitsleute, die sich die ganze Woche ab⸗ schinden müssen für kargen Lohn, die da aus eigener Erfahrung wissen, daß es zu den größten Seltenheiten gehört, wenn ein Unternehmer von selbst ein Paar Pfennige dem Stundenlohn zulegt, die glauben die Erzählungen der christ⸗ lich⸗frommen Sonntagsblätter nicht. Sie wissen, daß diehumanen Arbeitgeber, von denen da stets erzählt wird, so selten sind, wie ein wahres Wort über die Sozialdemokratie in einem Antisemitenblatt, aber sie wissen auch, daß die Erzählungen von den streiklustigen und terroristischen Arbeitern, die nichts arbeiten und immer höheren Lohn unter Androhung der schlimmsten Mittel haben wollen, erfunden sind, erfunden sind zu dem Zweck, die Arbeiter bewegung in Mißkredit zu bringen.

Und weil viele Arbeitsleute auf dem Lande sich nicht denken können, daß das was sie wissen, der studierte Herr Pfarrer nicht wissen sollte, so nehmen sie kurzerhand an, daß auch dieser wie das Blatt, das er fördert, im Dienste der Großen steht.

Der Geistliche, dessen Aeußerungen wir oben wiedergaben, hätte seine Worte nicht nur an die Sonntagsblätter richten sollen, sondern auch an seine sämtlichen Amtsbrüder, damit auch diese nicht Christentum und Politik ver⸗ quicken, nicht von der Kanzel herab oder am Grabe in Politik machen. Das ist nämlich auch eifern mit Unverstand.

Hinaus

aus der Arbeiterfamilie mit der gegnerischen Presse, die liebedienerisch vor dem Kapitalismus kaiet und täglich die Arbeiterinteressen mit Füßen tritt. Hinaus mit den Mackerblättern sowohl, als mit der sogenanntenparteilosen Presse, die entweder unter der Larve derParteilosigkeit das Volk nasführt oder die verkörperte Charakterlosigkeit darstellt. Der Arbeiterfamilie die Arbeiterpresse!

Das sollte die Losung aller wirklich zum Denken er⸗ wachten Arbeiter werden, in einer Zeit, da die Reaktion sich bemüht, durch dieZuchthausvorlage das wichtigste Recht der Arbeiter, das Koalitionsrecht, zu vernichten! Die Antwort darauf sei der Znusammenschluß der Ar⸗ beiter in unseren Organisationen und unserer Presse! Vorwärts, Arbeiter, für Eure Presse! Pc c

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Politische Rundschau. Gießen, den 6. Oktober. Rechtsprechung.

Die Magdeburger Strafkammer hat den Redakteur derMagdeb. Volksst., unsern Ge⸗ nossen Albert Schmidt, Reichstagsabgeord⸗ neter für Calbe-Aschersleben, wegen Majestäts⸗ beleidigung zu drei Jahren Gefängnis verurteilt und ihn außerdem seines Reichstags⸗ mandats verlustig erklärt. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt.

Der Vorsitzende des Gerichts war derselbe Herr Fromme, unter dessen Vorsitz seiner Zeit der Kollege Schmidts in der Redaktion, Genosse Müller, wegen ganz derselben Notiz, wegen der jetzt Schmidt drei Jahre lebendig begraben wird, zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Beide Urteile sind für unsere Zeit charakteristisch. Die Frage ist jetzt die, ob uberhaupt das Opfer, welches Schmidt brachte, indem er sich selbst als den Schuldigen meldete, um den absolut unschuldigen Müller zu befreien, die Haftentlassung des letzteren zur Folge hat. So selbstverständlich das erscheint, so sehr bezweifeln wir es. Seit Bransewetters Zeiten wundern wir uns über nichts mehr.

Hören wir nun einige bürgerliche Blätter über die Magdeburger Urteile. DieFrankf. Ztg. schreibt:

Drei Jahre Gefängniß wegen Aufnahme einer Fabel, aus der erst durch indirekte Schlüsse eine Majestätsbe⸗ leidigung gefolgert werden kann, ist ein drakonisches Ur⸗ teil, das zu dem Vergehen in keinem Verhältniß steht. Daß außerdem noch das Abgeordnetenmaudat aberkannt wird, erhöht das Befremden über diese Urteilsfällung. Vor allem aber wird das Rechtsbewußtsein auf das Empfindlichste dadurch verletzt, daß das Urteil gegen Redakteur Müller aufrecht erhalten bleibt, trotzdem fest⸗ steht, daß dieser an der Aufnahme des beleidigenden Artikels ganz unbeteiligt war. Er war zu dec fraglichen Zeit inUrlaub, konnte also auf die Zusammenstellung des Blattes nicht einwirken. Und trotzdem hat man ihn zu vier Jahren Gefängniß verurteilt, und seine Revision dagegen blieb erfolglos. Jetzt ist der wirkliche Thäler abgeurteilt worden, nachdem er sich selbst gestellt hatte. Wir meinen, ein Wiederausnahmeverfahren zu Gunsten Müllers ist jetzt unerläßlich, und wenn die Rechtspflege nicht an Autorität empfindlich einbüßen soll, muß dies Wieder⸗ aufnahmeverfahren Erfolg haben. Abg. Schmidt aber, dem sein Reichstagsmandat aberkannt worden ist, wird von seiner Partei zweifellos wieder aufgestellt und ebenso sicher wiedergewählt werden. Dafür hat schon das dem Rechtsempfinden des Volkes nicht verständliche strenge Urteile gesorgt.

Aehnlich äußert sich dieKölu. Volksztg., ein angesehenes Centrumsblatt. Sie kommt zu dem Schluß, daß jetzt, da Schmidt als der wirkliche Thäter abgeurteilt sei,Müllers Haft ein Ende gemacht werden müsse.

DieBerliner Volks⸗Zeitung bemerkt sehr treffend:

Drei Jahre Gefängnis für einen geistig regsamen Menschen was das bedeutet, davon können sich die wenigsten Menschen, auch die wenigsten Richter eine deutliche Vorstellung machen.

DieBerliner Zeitung spricht von der drakonischen Schärfe des Urteils und fügt hinzu: Selbst das Reichsgericht hat an der strasrichter lichen Schärfe der Magdeburger Kammer Kritik geübt

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