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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
meist mit der Gegner⸗
Fd und begriffen haben, daß die Sozial⸗
17— aus. Dann sehen sie ein, emokratie recht hat.
„Gauner“ auf der Landagitation. Katholische Blätter teilen den Satz aus Kautskys neuem Buch über die Agrarfrage mit: „Die Sozialdemokratie kann den Bauern nicht den Schutz des bäuerlichen Eigentums gewähren, das gerade die Hauptursache der Verelendung der Bauern ist“. Aber statt„Verelendung“ sagen die Blätter„Verblendung“, wodurch der Sinn des Satzes völlig gefälscht wird. Ob hier ein bloßer Druckfehler vorliegt oder eine „Gauncrei“, möge unentschieden bleiben. Für absichtsvolle Fälschung spricht der wei⸗ tere Wortlaut der katholischen Auslassung. Bei der letzten Wahl, behauptet dieselbe, hätten die Agitatoren der Sozialdemokratie die Landwirte dadurch zu ködern gesucht, daß sie die Grund⸗ lehre betreffs Kollektivismus einfach auf den Kopf stellen und vorspiegeln wollten, auch im „Zukunftsstaat“ könne ausnahmsweise den Land⸗ wirten das Privateigentum an ihrem Grund und Boden belassen werden, Schutzzölle könnten Platz reifen u. s. w.„Es ist eine Gaunerei, welche de Sozialdemokratie mit ihrer Agitation be⸗ treibt.“— Nun ist es nicht nur eine Gaunerei, sondern auch eine Dummheit, welche die bigotten Vlätter des Katholizismus mit diesen Ausführungen produzieren. Unsere Agitatoren haben weder Schutzzölle noch Erhaltung des Privateigentums an Grund und Boden ver⸗ sprochen. Wohl aber haben sie erklärt, daß von einer zwangsweisen Enteignung des Kleinbauerntums keine Rede sein könne, daß vielmehr mit Sicherheit anzunehmen sei, die Kleinbauern, sobald sie die blühende Entwickelung der genossenschaftlichen Großbetriebe der Landwirtschaft vor Augen sehen, würden aus freiem Willen auf ihren Zwerg⸗ betrieb verzichten. Diesen selben Gedanken führt gerade auch Kautsky in seinem neuen Buche aus. Nein— die„Gauner“ stecken anderswo. Gauner sind jene Agstatoren, die den Klein⸗ bauern vorgaukeln, es solle ihnen durch allerlei kleine Maßregeln des heutigen kapitalistisch⸗ militärischen Staates das kleine Eigentum immer eeinträglicher gemacht, das Leben verbessert werden. Gauner sind jene Leute, die dem kleinen Land⸗ mann Hilfe versprechen und dem Großgrundbesitzer allerlei Entgegenkommen erweisen. Gauner sind Parteipolitiker, die sich Bauernfreunde nennen und durch Bewilligung von Militär⸗ und Marinevorlagen und Militärgesetzen
den Bauer unter immer wachsender Steuerlast verschütten!
Jardejeist als Kulturfaktor. In der„Deutschen Kolonial⸗Zeitung“ wird aus Swakopmund in Deutschsüdwestafrika gellagt, daß die Deutschen unter einander sich nur zu sehr von einander entfernt halten. Die erste Klasse verkehrt nur unter sich und in ihrem Kegelklub; die kleineren Angestellten bilden die zweite Klasse, die Handwerker die dritte. Nur der Kriegerverein war bisher international, doch ziehen sich jetzt auch hier die höheren Chargen zurück. Also bewahrt das reichs⸗ preußische Chinesentum seine ganze Hold⸗ seligkeit auch in„unsern“ Kolonien. Aeh— äh!
Vom Magdeburger Kriegsschauplatz.
m. Der heißeste Boden für die sozialdemo⸗
kratische Agitation ist zweifellos das vielum⸗ strittene Magdeburg. Allein unsere Genossen an der„Volksstimme“ mußten im Jahre 1898 über sich ergehen lassen: 65 richterliche und kommissarische Vernehmungen; vor dem Schöffen⸗ gericht standen 6 Genossen zusammen 14 mal, vor der Strafkammer 6 Genossen 34 mal, das Reichs⸗ gericht wurde in 14 Fällen angerufen, 2 mal mit Erfolg, vor dem Kammergericht fand 1 Termin statt. Ergebnis 15 Freisprechungen, 34 Verur⸗ teilungen. Und zu all diesen Verfolgungen und Verurteilungen kommen noch die Maßnahmen gegen die Buchhandlung der Volksstimme, die syste⸗ matisch betriebene Vertreibung des Volksstimme aus öffentlichen Lokalen, die Einschüchterung der
Inserenten, kommt endlich die große Anzahl Prozesse gegen außerhalb der Volksstimme stehende Per⸗ sonen, soweit sie politisch und gewerkschaftlich thätig waren. Ueber die Wirkung dieser Ver⸗ folgungen schreibt die„Volksstimme“:
Die Sozialdemokratie Magdeburgs hat Schlag um Schlag Siege erfochten, hat im ersten An⸗ sturm den Wahlkreis erobert, ist um zwei Per⸗ sonen verstärkt in das Stadthaus eingezogen. Die Wahlen zu dem Gewerbegericht sind der Sozialdemokratie überlassen, wie sie überhaupt sich zu einem achtunggebietenden Faktor aufge⸗ schwungen hat. Die Buchhandlung floriert, die Presse hat sich mächtig entfaltet und ausgedehnt. Die Organisationen des klassenbewußten Prole⸗ tariats sind gekräftigt, tausende und abertausende Mark sind zur Unterstützung unserer Brüder und Schwestern aufgebracht worden— am Schlusse des alten Jahres steht die Sozialdemokratie kräftiger da als zu Anfang dieses Jahres.
Unseren tapferen Magdeburger Genossen ein Bravo! Den Reaktionären und Schreiern nach Ausnahmegesetzen sollten die Wirkungen des ord⸗ nungsparteilichen Kampfes gegen die Sozialdemo⸗ kratie in Magdeburg zu denken geben.— Aber freilich, die und denken! Wie reimt sich das
zusammen? Zur Fleischnot.
Eine Denkschrift über die Fleischnot hat der Hamburger Senat an den Reichskanzler gerichtet. Die Denkschrift konstatiert eine immense Schädi⸗ gung der Volksernährung durch das Verbot der Schweineeinfuhr, sowie ein enormes Steigen des Kleinhandelpreises für Schweinefleisch, der von 136 Pfg. im Jahre 1896 auf 160 Pfg. pro Kilo hinaufging, also um 24 Pfg., das sind 17,65 Prozent. Die Marktpreise für Schweine weisen eine noch stärkere Steigerung auf, nämlich um 25 Prozent. Die Schlächter waren nicht imstande, die Preise derart zu steigern, wie die Marktpreise stiegen.
Giebt es einen sozialpolitischen Aufschwung?
Die neueste Nummer der von Pfarrer Nau⸗ mann herausgegebenen„Hilfe“ schreibt zu dieser Frage:
„Es scheint, als sei wieder etwas mehr Stimmung für Sozialreform. Der Tiefpunkt ist vielleicht überwunden, vielleicht— wir sind dessen noch nicht sicher. Durch das allseitig anerkannte Aufsteigen des Centrums zur „Regierungs⸗Parkei“ ist wenigstens wieder die Möglichkeit einer gesetzgeberischen Sozialreform geschaffen, falls die Regierung in Ernste eine solche erstrebe“.
Die Illusionssähigkeit der Herren National⸗ sozialen scheint unverwüstlich zu sein. Trotzdem sie soeben mit ihren Hoffnungen auf das soziale Königtum der Hohenzollern so jämmerlich Schiff⸗ bruch gelitten haben, laufen sie bereits wieder neuen Trugbildern nach. Es gehört in der That ein großes Maß Vertrauen und Illusionsfähig⸗ keit dazu, um vom Zentrum eine ernsthafte Sozialreform zu erwarten. Eine Partei, die sich ihre Gegnerschaft gegen den Militarismus mit fetten Posten und Stellen abkaufen läßt, wird keinen Augenblick zögern, auch ihre sozialreform⸗ atorischen Ideale zu verschachern. Daß sich die Regierung bei diesem Schachergeschäft gegen das Zentrum nicht knauserig zeigt, lehrt folgende Meldung, die soeben durch die Presse geht:
„Schon seit längerer Zeit werden vor⸗ wiegend Katholiken in die Ministerien gebracht. Einzelne Ministerien, so namentlich das der öffentlichen Arbeiten, sind fast ganz katholisch. Hier war lange Zeit der Personaldezernent ein Katholik, und auch Dr. Micke ist ein solcher. Letzterer ist bekanntlich aus dem Staatsdienst geschieden. In den letzten zehn Tagen wurden denn auch nur katholische Assessoren als Ar⸗ beiter in das Ministerium berufen, die damit die Anwartschaft auf spätere Ernennung zu vortragenden Räten erlangten.“
Wie man sieht, ist das Zentrum nicht um⸗ sonst militärfromm geworden. Auf das Zentrum ist in keiner Beziehung mehr Verlaß. Aber die nationalsozialen Schwarmgeister lieben es, ihre
Hoffnungen immer auf das Unverläßlichste zu
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sezen. Daher wohl auch ihre Vorliebe fir 5 das Wasser, das bekanntlich auch keine Ballen 25 0 hat. Wir fürchten, daß der Pastorenpartei noch 90 manches zu Wasser wird..„ bun Sprachreinigung im Heere. 1
Eine kaiserliche Verordnung vom 1. Januar den di d. J. bestimmt über die Verdeutschung ralstt einzelner Fremdausdrücke im Heere Folgendes: u.
Un die Reinheit der Sprache in meinem Auf Heere zu fördern, will ich bei voller Schonung e fil der Ueberlieferungen auf den mir gehaltenen ech Vortrag bestimmen, daß von heute ab nach⸗ chen stehende Fremdausdrücke durch die neben ange⸗ bn führten deutschen Wörter zu ersetzen sind: Offt⸗ pendu zier⸗Aspirant(im aktiven Dienststande): Fahnen⸗ gume junker, Portepee⸗Fähnrich: Fähnrich, Sekonde⸗ ber! Lieutenant: Leutnant, Premier⸗Lieutenant: Oberst⸗ 5 lieutenant, Generalieutenant: Oberstleutnant, di Generalleutnant, Charge: Dienstgrad, Funktion: bh Dienststellung, Avancement: Beförderung, Aneien⸗ 1 netät: Dienstalter.— An Stelle der Bezeich⸗ 12 nung„etatsmäßiger Stabsoffizier“ sind künftig 25 dem Dienstgrade die Worte„beim Stabe“ hin⸗ 15 zuzufügen, so daß es heißt statt z. B.: Oberst⸗ 1 lieutenant oder Major und etatsmäßiger Stabs⸗ 4 offizier im Infanterie⸗ u. s. w. Regiment: Oberst⸗ 1 leutnant oder Major beim Stabe des Infanterie⸗ f u. s. w. Regiments. In derselben Weise sind 0 bei den von der Stellung als Batteriechefs 1 entbundenen ältesten Hauptleuten von Feld⸗ 90 artillerie-Regimentern und den den Pionier⸗ Bataillonen zugeteilten 2. Stabsoffizieren und 50 ältesten Hauptleuten neben dem Dienstgrade künftig 8 die Worte„beim Stabe des...“ hinzufügen.
Das Streben nach Reinheit der Sprache ist it sicher sehr löblich, allein die Seele echter Sprach⸗ 20 reiniger wird von diesen Maßregeln nicht vollauf 90 befriedigt sein können. 8 die
So eine Seele dürstete nach radikaler Reini 5 gung und ihr zu genügen müßte das Wort l Leutnant ganz verschwinden, wir haben ja die 90 sinnigen Ausdrücke: Stellvertreter oder Platz⸗ 40 halter dafür. Also Generallieutenant: Ober⸗ 11 platzhalter. Auch Infanterie-Regiment ist nicht 2 deutsch: Fußvolk⸗Truppenteil wäre ein ebenso 95 schöner wie wohlklingender Ersatz dafür. Für Artillerie: Zielkunstschießtruppe, der jetzige fran⸗ geb zösisierte Premierlieutenant der Feld⸗ Artillerie würde sich somit in einen Erstplatzhalter der 2 Feld⸗Ziel⸗Kunst⸗Schieß⸗Truppe verwandeln. Und 1 so weiter mit Grazie. Natürlich müßten, um n vollkommene Reinigung zu schaffen, auch die 10 Werkzeuge der Kriegstonkunst(Justrumente der u Militärkapellen) verdeutscht werden. Z. B. 0 Hoboe— Hochflöte, Fagot— Tiefknüppel, Violine— Streichholz u. s. w. 5 s 1
Antisemitischer Dalles. sie
Die„Leipziger Volksztg.“ veröffentlicht ein z „streng vertrauliches“ Zirkular des Deutsch⸗ fte sozialen Reformvereins in Leipzig, in kit dem dieser um„milde Gaben für die antise⸗ keit mitische Parteiꝙ⸗Kasse“ bittet. In dem Zirkular hat heißt es:„Unsere Mittel sind knapp geworden. ba Neue Gaben sind daher nötig, um uns zur Fort⸗ de führung unserer Thätigkeit kraftvoll zu erhalten. du In kurzem wird ein durchaus verschwiegener lt und zuverlässiger Vertrauensmann bei Ihnen de vorsprechen und Ihnen über den etwa geleisteten 0 Beitrag eine Bescheinigung ausstellen. Außerdem m steht es in Ihrem Belieben, etwa uns zugedachte bu Geschenke oder Geldspenden anonym. zu 5 senden.“— So pfeift auf dem letzten Loche die die in Sachsen einst so starke Partei. Die Kon⸗ fusion verschwindet und macht Platz, de der sozialen Demokratie. 11
Der Bombenschwindel. 1
Jetzt wird selbst von offiziös bedienten 5 Blättern zugegeben, daß die Nachricht über die f angeblichen Attentatspläne in Alexandrien er⸗. logen waren. Zu den Blättern, die über diese N Schwindel nachrichten fortwährend auf den Laufenden hielten, gehörte auch der„Gießener Anzeiger“. Von der absolut richtigen 1 1 Nachricht, daß in Offen bach schon vor Wochen 16 Sozialdemokraten gewählt wurden, hat das Blatt aber immer noch nichts gebracht. 0 Ein geradezu einfältiges Benehmen.„ 8
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