Ausgabe 
7.5.1899
 
Einzelbild herunterladen

Seite 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 19.

Der Hergang der Sache war folgender:

Sobald die Personalverhältnisse Oettingers Bigekege waren, hatte das Direktorium des

ezirksgerichts zu M. einen Bericht über das Geschehnis, dessen Held unser Freund war, an das Königsberger Polizeipräsidium eingereicht und um ein Leumundszeugnis des Inkulpaten ebeten. Oettinger war bei der Polizeibehörde einer Vaterstadt schlecht angeschrieben. Seine Reden in Volksversammlungen, seine Thätigkeit zur Gründung eines Arbeitervercins, dessen Vorsitzender und Leiter er bis zur Stunde war, die Flugblätter, die er teils verfaßt, teils zu verbreiten geholfen hatte, waren der hohen Be⸗ örde ein Dorn im Auge gewesen. Man hatte jedoch nie eine schickliche Veranlassung zum Einschreiten gefunden, so sehr man Oettinger auch auf die Finger sah. Trotz seiner Jugend und seines feurigen Temperaments, das ihn oft genug mit sich fortriß, hatte er jeden Konflikt mit dem Strafgesetz zu vermeiden gewußt.

So kam denn der Vorfall auf dem Gute des Herrn von Kries und Oettingers Inhaftie⸗ rung in M. der Königsberger Polizei sehr ge⸗ legen. Sie ordnete sofort eine Haussuchung bei ihm an und legte Beschlag auf alle seine Papiere und Briefschaften.

So vorsichtig Oettinger stets gewesen, so hatte er es doch darin versehen, daß er, als er sich von Königsberg entfernte, seine Papiere in 1 8 Wohnung zurückgelassen hatte. Es war

er beste Beweis, daß er nicht glaubte, es könne

sich etwas Straffälliges darunter befinden, allein er hatte nicht an die Interpretationskunst eifriger Ankläger gedacht. Briefe, die er empfangen, Entwürfe eines Parteiprogramms, angefangene Artikel für die Zeitung, die bei seiner Rückkehr ins Leben treten sollte, Broschüren, Wahlreden und dergleichen mehr, alles konnte dazu dienen, eine Anklage auf Vorbereitung zum Hochverrat gegen ihn zu erheben.

Er war im sogenannten In quisitionsgebäude, dem städtischen Gefängnis, interniert, die Unter⸗ suchung gegen ihn in vollem Gange.

Kein Wunder, daß Valeskas Kraft allen diesen Stürmen nicht Stand zu halten ver⸗ mochte.

Herr Stern schlich auf den Zehen in das Zimmer, in welchem sie noch immer halb be⸗ wußtlos lag. Er glaubte sehr leise zu sein, allein er gehörte zu den animalisch ungeschickten Menschen, die trotz des besten Willens stets Geräusch verursachen mußten.

Valeska schlug die Augen aut und streckfe ihm matt die Hand entgegen.

Du bist es, Vater! Komm, setze Dich zu uns. Wir müssen jetzt näher zusas menrücken! sagte sie mit einem traurigen Lächeln.

Es war das Gefühl der Vereinsamung, welches Herrn Stern zu den Töchtern getrieben hatte. Nicht, daß er um die Verstorbene tiefe Trauer empfand. Es war sehr lange her, daß sie seinem Herzen nahe gestanden, so lange, daß er sich kaum mehr darauf besinnen konnte. Die Katastrophe selbst hatte ihn zwar erschüttert, allein sobald die unheimlichen Prozeduren des Begräbnisses vorüber waren, hate er seinen Witwerstand sogar als eine Art Befreiung ge⸗ fühlt. Wie despotisch er sich auch der Familie gegenüber geberdete, das geistige Haupt derselben war doch seine Frau gewesen, und gerade weil er dies beständig gefühlt, hatte er sein Haus⸗ herrenrecht bei jeder Gelegenheit gewaltsam geltend zu machen gesucht.

Da war nun seine Valeska wieder:Komm, setze Dich zu uns wir müssen zusammen⸗ rücken! Ja, so lieb hatte die Mutter nie zu ihm geredet, und Tussy, dieses junge, ernste Ding kam ihm auch nie einen Schritt entgegen. Ach, wenn nur Valeska nicht ernstlich krank würde ihr verändertes Aussehen, als er sie auf dem Bahnhof empfing, haue ihn erschreckt genug und ihr heutiger Anfall bei der Rückkehr rom Begräbnis mit namenloser Angst erfüllt. Aber es konnte doch vielleicht vorübergehen und sie sich wieder erholen. Seine optimistische Natur ließ ihn bereits alles im rosigsten Lichte sehen. Ueber das Verhältnis zu Oettinger, dessen abermalige Verhaftung mittlerweile stadt⸗ bekannt war, wollte er sich schon mit seiner Tochter verständigen. Die Sachen stünden ja

auch jetzt ganz anders, redete er sich ein; der Mann wurde offenbar von der Regierung ver⸗ folgt er war ihr also gefährlich, ein Mann von Bedeutung und als solcher seiner Tochter würdig. An ihm, an Herrn Stern, war es nun, zu zeigen, daß er sich gegen die Regierung des Verfolgten annahm, das verlangte seine Ehre als Demokrat und quasi Schwiegervater von ihm. Er sah sich schon eine Rolle in dem Prozesse spielen.

In diesem versöhnlichen Sinne begann er denn auch jetzt von der Angelegenheit zu sprechen, nicht gerade zur übermäßigen Ueberraschung seiner Töchter, die an einen solchen plötzlichen Umschlag seiner Gesinnungen vollauf gewöhnt waren. Wenn der pedantische Grünschnabel, wie Herr Stern seine jüngste Tochter nannte, es nur erlaubt hätte, er würde den ganzen Abend von nichts anderem gesprochen haben. Tussy aber sah, wie das Gespräch die Schwester aufregte, wie ihre Augen fieberhaft glänzten, auf ihren Wangen sich rote Flecken zeigten, der Mund in trockener Hitze brannte. So drängte sie den Vater zu gehen, der endlich mit dem Versprechen, gleich folgenden Tags um eine Unterredung mit Kurt einzukommen und ihr Nachricht von ihm zu bringen, die hochgradig Erregte verließ, die eine sehr schlechte Nacht verbrachte und am andern Tage das Bett nicht verlassen konnte.

Mittlerweile nahm die Voruntersuchung gegen Oettinger ihren Verlauf. Man schleppte aus allen Ecken und Enden Belastungsmaterial zusammen. Da das bei Oettinger gefundene nicht ausreichte, um die Anklage auf Vor⸗ bereitung zum Hochverrat begründen zu können, so wurden auch bei seinen Freunden und Partei⸗ genossen Haussuchungen gehalten und eine An⸗ zahl Briefe, Zeitungen, Broschüren, Protokolle von Kongressen, die vor drei, vier Jahren statt⸗ gefunden und denen Oettinger gar nicht einmal beigewohnt hatte, mit Beschlag belegt, um als ebensoviel staatsgefährliche corpora delicti zu figurieren, und die Steine zu einem Bau von mächtigen Dimensionen zu liefern. Nur schade, daß sie aus der Luftsteinfabrik stammten, von der in Immermanns Münchhausen zu lesen ist. Oettinger hatte nichts Strafbares begangen. Die Kritik, welche er an bestehenden, der Ver⸗ besserung bedürftigen Zuständen geübt, war sein Recht, das Streben, durch Aufklärung und Be⸗ lehrung der Massen es dahin zu bringen, daß eine solche Besserung möglich werden konnte, kein strafbares Unterfangen. Nur hierin be⸗ bestanden seine sogenannten Vergehen. Der Prozeß machte ungeheures Aufsehen, nicht nur in der Vaterstadt Oettingers, sondern in ganz Deutschland. Der Angeklagte war mit einem Schlage eine berühmte Persönlichkeit geworden, so recht nach dem Herzen des Herrn Stern.

Dieser hatte sein Versprechen wahr gemacht und zu Oettinger zu dringen versucht, allein vergebens. Es wurde ihm nicht gestattet, den Gefangenen zu sehen. Die schriftlichen Nach⸗ richten, welche die Liebenden einander zugehen lassen konnten, wurden natürlich der amtlichen Kontrolle unterworfen, und so konnten sie sich nur gegenseitig Mut zusprechen und gefaßt des Ausganges harren. Daß Valeskas Zustand sich von Tag zu Tag verschlimmerte, erfuhr Oettinger nicht. Weshalb sollte man den schwer Bedrückten noch durch diese traurige Botschaft entmutigen und beunruhigen?

So 1 7 endlich die Schwurgerichtsperiode heran, in der Oettingers Prozeß zur Verhand⸗ lung kommen sollte. Während der achttägigen Gerichtssitzungen, in denen eine Unmasse von Zeugen für und wider vernommen wurden, steigerte sich die Spannung des Publikums, von dem Saal und Gallerien überfüllt waren.

Die Persönlichkeit des Angeklagten rief bei allen Parteien den günstigsten Eindruck hervor. Bestach er die Einen und zumal den weiblichen Teil des Auditoriums, der sich in großer Zahl herbeigedrängt hatte, durch die edle schöne Männlichkeit seiner Erscheinung, so riß er die Andern durch die Offenheit und Kühnheit seiner Sprache und durch die ruhige, von jeder Osten⸗ tation freie Haltung hin. Nur zu Anfang jeder Sitzung irrte sein Blick wie suchend über die Menge, owbei sich eine gewisse Erregtheit in

seinen Mienen kundgab, der etwas wie Nieder⸗ 1 geschlagenheit folgte. gefunden, was er suchte. Nur beim Beginn

der Schlußverhandlung, die naturgemäß den

Kulminationspunkt des Interesses bildete, zuckte, als er die Menge überschaute, ein Freudenstrahl in seinen Augen auf, mit denen er jemand zu grüßen schien. Neben dem grotesken, von Stolz und Siegesgewißheit strahlenden Gesicht des Herrn Stern, der den Verhandlungen jeden Tag von Anfang bis Ende gefolgt war, saß eine tief verschleierte Dame und neben ihr Tussy, deren blasses Gesicht bei Oettingers Gruß tief errötete. Man flüsterte sich im Publikum zu, daß die verschleierte Dame Oettingers Braut, das schöne Fräulein Stern sei, welche eigentlich die Veranlassung zu dem ganzen Prozeß gegeben habe. Es sei irgend eine Eifersucht im Spiele. In einem Duell habe Oettinger seinen Gegner, einen einflußreichen, vornehmen Herrn, schwer verwundet und zur Strafe habe man ihm diesen Prozeß an den Hals gehängt. Das war eine der vielen Versionen, welche im Saale über das unselige Renkontre auf Triberg umliefen, und die zu dem Interesse für das Schicksal des Angeklagten noch den Reiz eines von ihm ruhm⸗ reich bestandenen Abenteuers fügten. Man war überzeugt, kein gedichtetes, sondern ein wirkliches Drama vor sich zu haben, was doch noch ein ganz anderer Nervenkitzel war. (Fortsetzung folgt.)

Aus unserer Sammelmappe.

So verhält sich's mit uns und mit ihnen:

Sie wollen herrschen, wir sollen dienen;

Sie sind die Herren und haben Rechte,

Wir haben Pflichten und sind die Knechte;

Sie wollen genießen und können rasten,

Wir sollen schaffen und mögen fasten;

Sie wollen besitzen, wir sollen erwerben,

Sie wollen leben, wir mögen sterben.

Wir meinen, es müsse sich umgestalten,

Sie wissen es besser: Es bleibt beim Alten! Hoffmann v. Fallersleben. *

Wenn die Geistesbildung und die daraus entstandenen Sitten und Bedürfnisse eines Volkes nicht mehr im Ein⸗ klange sind mit den alten Staatseinrichtungen, so treten sie mit diesen in einen Notkampf, der die Umgestaltung derselben zur Folge hat und eine Revolution genannt wird. Heinrich Heine.

9

Humoristisches.

Der neueste Beckumer. In einer Schöffen⸗ gerichtssitzung in Beckum richtete kürzlich der Vorsitzende bei der Personalfeststellung an einen Geladenen die Frage, ob er selbständig sei.Nein, antwortete der Ge⸗ fragte,meine Frau lebt noch.

*

Schlau. Aufseher:Wem gehören denn die hübschen Kinder, die da auf dem Rasen spielen?

Frau(geschmeichelt):Mir!

Aufseher:So, dann will ich mir mal gleich Ihren Namen notieren... das Betreten des Rasens ist nämlich bei Strafe verboten!

Neu eingelaufene Schrifien.

Besprechung wichtigerer Erscheinung behalten wir uns vor.

Prächtige Maifest⸗ Nummern haben die beiden sozialdemokratischen Witz⸗ und Unterhaltungs⸗ blätter:Süddeutscher Postillon undWahrer Jakob herausgegeben. Der textliche Inhalt beider Blätter ist außerordentlich reichhaltig und die farbigen Bilder sind vorzüglich gelungen. Einzelnummern à 10 Pfg. find in der Buchhandlung, Sonnenstraße 25, zu haben. Abonnements nimmt jede Buchhandlung und jede Postanstalt entgegen. DerSüdd. Postillon er⸗ scheint bei M. Ernst in München, der, Wahre Jakob bei J. H. W. Dietz Nachf. in Stuttgart.

Arbeitsmarkt und Arbeitsnachweis. So⸗ eben ist im Verlag v. J. H. W. Dietz Nachf. in Stuttgart erschienen: Arbeitsmarkt und Arbeitsnachweis Von Richard Calwer. 68 Seiten. Preis broschiert 30 Pfg. Aus dem Inhalt teilen wir mit: Einleitung. Die Publizität des Arbeitsmarkts. Die Neu⸗ tralität des Arbeitsnachweises. Geschichte und Ein⸗ richtung der öffentlichen Arbeitsnachweise. Die ge⸗ werkschastliche Arbeitsvermittlung. Schlußfolgerungen: Arbeitsbörsen. Anhang: Drucksachen des Städtischen Arbeitsamts München. 1. Statut. 2. Geschäftsorduung. Bestellungen nehmen alle Buchhandlungen entgegen.

Er hatte offenbar nicht