Ausgabe 
7.5.1899
 
Einzelbild herunterladen

en)

eu)

n

Nr. 19.

Gießen, Sonntag, den 7. Mai 1899.

5. Jahrg.

Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse.

Mitteldeutsche

tags⸗

kit

Redaktiousschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.

Abonuementspreis:

Bestelluugen

Ju serate

DieMitteldeutsche Sonntags-Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in derM. S.⸗Ztg weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt

Austräger frei ius Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition tn Gießen, Sonnenstraße 25, die[Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Direkt durch] Druckerei, Schloßg. 13, sow'e jede Postanstalt und 4mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.) 33 ¼% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg.

die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.

Unterm Zuchthauskurs.

Zur Zerschmetterung der Arbeiter⸗Organi⸗ sationen wird ein Bund derMöbelfabrikanten und Tischler⸗Innungen Deutschlands geplant. Ein günstiger Aprilwind hat das köstliche Schriftstück, das unter dem Siegel der aller⸗ tiefsten Verschwiegenheit diesen menschenfreund⸗ lichen Plan in alle Winde hinausposaunt, auf den Redaktionstisch unseres Nürnberger Partei⸗ blattes geweht. Der saubere Plan paßt so trefflich in die Zeit des Zuchthauskurses hinein, er trägt so deutlich den Stempel des unver⸗ frorensten Stümmlingstumes an der Stirn, daß wir ihn in der Haupsache zum Abdruck bringen wollen:

Aufruf an die Herren Möbelfabrikanten und die Tischler⸗Innungen Deutschlands.

Ist eine Vereinigung der Möbelfabrikanten und Tischlermeister möglich und für dieselben von Vorteil?

Der fortwährende Druck, welchen die organisierte Arbeiterschaft auf den Arbeitgeber ausübt, um ihren immer größer werdenden und teilweise frivolen Forderungen Geltung zu verschaffen, indem sie über einzelne Betriebe direkte Sperre verhängt, hat in den Kreisen der Arbeitgeber zu einer Erörterung der Mittel und Wege geführt, die eingeschlagen werden könnten, um den sich immer ungesunder gestaltenden Verhältnissen wirksam entg, genzutreten.

Die Forderungen der Arbeiter haben nachgerade eine derartige Höhe erreicht, daß die Bewilligung derselben eine schwere Schädigung der deut⸗ schen Industrie bedeutet.

Ungesund sind die Verhältnisse hauptsächlich des⸗ halb, weil hinter der Arbeiterschaft die Führer der Sozialdemokratie stehen, welche in erster Linie Nutzen aus der Kraftprobe der Arbeiter für ihre Sonderbestrebungen zu ziehen suchen, die sich gegen das Kapital und die Gesellschaftsordnung Achte:

Ist es unter solchen Verhältnissen nicht Pflicht der Fabrikanten und Meister, ihrerseits eben⸗ falls eine Vereinigung zu bilden, die in der Lage ist, den Kraftproben der Arbeiterschaft wirksam ent⸗ gegenzutreten?

Es ist dies um so mehr Pflicht eines jeden, weil bei anderen Industriezweigen derartige Schutz⸗ verbände längst bestehen und wie die Erfahrung lehrt, zu vollstem Nutzen ihrer Mitglieder arbeiten.

In Fabrikantenkreisen wird beabsichtigt, sobald eine genügende Anzahl Firmen ihren Beitritt auf grund nachstehender Bedingungen in Aussicht gestellt hat, an einem im Mittelpunkte Deutschlands gelegenen Orte zu geeigneter Zeit einen Kongreß deutscher Möbelfabrikanten einzuberufen, worüber einem jeden vom Sekretariat rechtzeitig Mitteilung zugeht.

Auf diesem Kongreß soll über die Grundzüge be⸗ raten werden, unter welchen eine Vereinigung zum Schutze gegen die Organisation der Arbeiterschaft ge⸗ bildet werden kann.

Angesichts der großen, die vitalsten Interessen jedes Arbeitgebers berührenden Wichtigkeit des Gegen⸗ standes ist die Beitrittserklärung, sowie das Erscheinen jedes Fabrikanten und Meisters oder eines Deputierten der verschiedenen Tischlerinnungen dringend erwünscht.

Eventuell wird um gefl. Mitteilung gebeten, ob Sie der Sache im Prinzip zustimmen und sich den in der Versammlung gefaßten Beschlüssen anschließen werden.

Nachdem dann die vorläufige Tagesordnung angegeben ist, heißt es weiter:

Möglich erscheint die Bildung einer Vereinigung unter folgenden Grundbedingungen:

Die Fabrikanten und Meister verpflichten sich durch Hinterlegung eines Sichtwechsels, dessen Höhe

sich je nach der Zahl der im Betriebe beschäftigten Arbeiter zwischen 300 bis 1500 Mark bewegt, zur Innehaltung der folgenden Bestimmungen:

Bricht im Betriebe eines Verbandsmitgliedes ein vom Zaune gebrochener(11!) Streik aus, resp. wird von seiten der Arbeiter eine Sperre über den Betrieb eines Mitgliedes verhängt, so habeu die Vertrauens⸗ männer der betr. Provinz resp. deren Stellvertreter nach erhaltener Anzeige in eine Prüfung der Ver⸗ hältnisse an Ort und Stelle einzutreten und nach Möglichkeit eine gütliche Beilegung herbeizuführen.

Ist dies nicht zu erreichen und gelangen die Ver⸗ trauensmänner zu der Ueberzeugung, daß ein Eintreten des Verbandes im Interesse aller Mitglieder notwendig erscheint, so haben die Vertrauensmänner die Pflicht, sich sofort mit dem Stuttgarter Zentralverband der Arbeiter in Verbindung zu setzen. Sie haben dem Verbande Mitteilung zu machen, daß, wenn die Sache nicht innerhalb einer gewissen Frist längstens aber nach acht Tagen vom Ausbruch des Streiks oder der Verhängung der Sperre an gerechnet geregelt ist, sämtliche Fabrikanten, welche dem Verbande angehören, solidarisch ihren vollständigen Betrieb so lange einstellen, bis die Arbeit in dem be⸗ treffenden Betrieb wieder aufgenommen ist. An⸗ genommen, es beteiligten sich vorläufig nur 200 Fabrikanten mit durchschnittlich je 50 Ar⸗ beitern an dem Verband, so wird, falls bei einem Mitglied Streik ausgebrochen ist, welcher nicht bei⸗ gelegt werden kann, durch das solidarische Vorgehen der Verbandsmitglieder eine Arbeiterzahl von 10 000 Mann außer Thätigkeit gesetzt.

Die Zentralverbandskasse hätte dann, wenn auch nur 1,50 Mk. von ihr pro Mann und Tag vergütet werden, täglich nicht weniger als 15 000 Mk. sogenannte Streikgelder zu zahlen.

Es liegt für jeden Arbeitgeber auf der Hand, daß die Kasse des Zentralverbandes nicht lange diese Opfer bringen kann und schon bald gesprengt sein dürfte.

Eine einmalige derartige solidarische und mit der nötigen Energie durchgeführte Stellungnahme der Arbeitgeber dürfte weiteren Kraftproben und frivolen Ansprüchen der Arbeiter wohl eine Grenze setzen.

Es soll, wie ausdrücklich betont wird, die Ver⸗ einigung keineswegs zu dem Zwecke geschaffen werden, um einen Druck auf die Arbeiterschaft auszuüben oder den Sonderinteressen des einen oder anderen Fabrikanten zu dienen.

Grundsatz soll sein, daß Einer für Alle und Alle für Einen einstehen, um unberechtigten und ohne schwere Schädigung der natürlichen Interessen nicht erfüllbaren Forderungen der Arbeiter den nötigen Widerstand zu leisten.

Als solche unberechtigte Forderungen wären bei⸗ spielsweise zu erwähnen: 1. Garantie des Wochen⸗ lohnes bei Akkordarbeiten, 2. acht⸗ oder neunstündige Arbeitszeit, durch welche der Arbeiterbedarf um 10 bis 15 Prozent steigt und weitere Lohnerhöhungen erzwungen werden, 3. die Zulassung von Arbeiter⸗ kommissionen zur Prüfung von Streitigkeiten im Be⸗ triebe, wodurch der Arbeitgeber nicht mehr Herr im eigenen Hause sein würde, 4. frivole und übermäßige Lohnerhöhungs⸗Forderungen u. a. m.

Um im Falle der Notwendigkeit einheitlich handeln zu können, erscheint es zweckmäßig, daß die Verbands⸗ mitglieder möglichst gleichlautende Arbeitsordnungen in ihrem Betriebe einführen.

Hierfür zu wirken und nach dieser Richtung mit praktischen Vorschlägen zur Hand zu gehen, soll eben⸗ falls Aufgabe des Verbandes sein 15

Deutlicher und krasser als in diesem Zirkular ist der Stummsche Geist der Arbeiterunter⸗ drückung kaum jemals offenbart worden. In dieser Zeit des Zuchthauskurses, während alle Welt mit gespanntester Aufmerksamkeit der

Bei mindestens

Zuchthausvorlage oder, wie sie offiziell heißt:

der Regierungsvorlage zumSchutze der Arbeits⸗ willigen gegen den Terrorismus streikender Ar⸗ beiter entgegensieht, vereinigen sich die Unter⸗ nehmer zu einem Attentate gegen die ärmlichen Rechte der Arbeiter. Ohne im mindesten von des sozialpolitischen Gedankens Blässe oder von der üblichen Bescheidenheit angekränkelt zu sein, wollen sie, um den Profit zu sichern, die mühe⸗ volle und segensreiche Kulturarbeit der Arbeiter brutal vernichten. Es giebt keine berechtigten Arbeiterforderungen in den Augen dieser Kapi⸗ talisten, es giebt nur einnatürliches Inter⸗ esse, das des Unternehmers.

Wenn die Arbeiter bei der Akkord⸗Mord⸗ arbeit den gewöhnlichen, oft jämmerlich niedrigen Wochenlohn garantiert wissen wollen, so ist das einfrivoles Verlangen, aber die Unternehmer dürfen, so meinen es die Herren, die gesetzlichen Rechte der Arbeiter mit Füßen treten und ver⸗ nichten das istberechtigte Vertretung natür⸗ licher Interessen! Der Unternehmer sollHerr im Hause sein, so lautet die Phrase, mit der sie ihre Paschagelüste bemänteln, er allein oder seine Klassengenossen und Geschäftskollegen sollen Streitigkeitenuntersuchen und regeln, er allein urteilt darüber, wasfrivole und übermäßige Lohnerhöhungs⸗Forderungen sind. ö

Die Zulassung von Arbeiterkommissionen zur Prüfung von Streitigkeiten ist eine an⸗ berechtigte Forderung. Einer nur ist der Herr im Lande, und das ist der Unternehmer.

Unberechtigte Forderungen sind solche, die Arbeiter stellen. Natürliche Interessen sind jene, die der Unternehmer zu haben geruht! Zweierlei Recht, zweierlei Menschen, zweierlei Vernunft, zweierlei Sittlich⸗ keit wer schürt den Klassenkampf?

Aber das terroristische Meisterstück ist doch der saubere Plan, bei einem Konflikt den Deutschen Holzarbeiter⸗Verband in die Luft zu sprengen. Bei einem Konflikt? Man wird lesen dürfen: durch einen Konflikt, den man leicht schaffen kann. Ganz lüstern wird das Attentat ausgeklügelt, den biederen Meistern da draußen wird zahlenmäßig bewiesen, wie leicht die Vergewaltigung der Organisation ist. Was ist denn dabei? Nur 10000 Arbeiter dürfen auf ein paar Wochen dem Hunger überliefert werden, dann verblutet der Verband an den Unterstützungen. Nur 10 000 Fa⸗ milien dem Elend überantwortet, der Verzweiflung! Niederträchtiger ist wohl selten mit Menschenglück gewuchert und ge⸗ schachert worden. Aber diesesNur Zehn⸗ tausend wird den Unternehmern noch gellend in die Ohren tönen, die da meinen, durch die Qualen des Hungers die aufstrebende Arbeiter⸗ schaft ins Sklavenjoch zurücktreiben zu können. Es wird den Stümmlingen noch Kopfschmerzen machen dieses Dokument Stummschen Geistes!

Politische Rundschau.

Gießen, den 5. Mai.

Das Maifest der Arbeit.

Die Feier des 1. Mai ist im In- und Aus⸗ lande in imposanter Weise begangen worden. Alle Nachrichten lauten übereinstimmend dahin, daß die Zahl der Teilnehmer nie so groß war,