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Nr. 45.
Gießen, Sonntag, den 5. November 1899.
5. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
Sonnt
Mitteldeutsche
Igs⸗Zeitung.
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An die Urne!
* Am Mittwoch dieser Woche findet im Landkreis Gießen Landtagswahl statt. Für sechs lange Jahre soll ein Vertreter ge⸗ wählt werden.
Wer soll das sein?
Soll es Herr Hirschel sein, der in Offenbach ansässige ehemalige Architekt, der bekannte anti⸗ semitische Arbeiterfeind?
Oder soll es unser Klassengenosse Ph. Scheidemann in Gießen sein, der die vielen Leiden und wenigen Freuden des Arbeiters von Kindheit auf selbst gründlich kennen ge⸗ lernt hat?
Die Wahl kann keinem Wahlberechtigten in diesem Falle schwer werden. Jeder sogenannte Manschettenbauer muß für Hirschel stimmen, denn der vertritt seine Interessen. Herr Hirschel ist für künstliche Verteue⸗ rung des Brodes und des Fleisches. Das liegt doch gewiß im Interesse der großen Grundbesitzer und Viehzüchter. Herr Hirschel will auch den Manschettenbauern billige Arbeiter verschaffen. Er ist gegen die bil⸗ ligen Arbeiterfahrkarten um des⸗ willen, weil nach einer Erhöhung der Fahr⸗ preise die Arbeiter mehr auf dem Lande bleiben und für die großen Landwirte ar⸗ beiten sollen, recht billig natürlich. Liegt das etwa nicht im Interesse der Manschetten⸗ bauern? Gewiß! Also wären die Großen in der Landwirtschaft recht dumm, wenn sie ihre Stimme den Wahlmännern des Herrn Hirschel nicht geben würden.
Wie aber steht es denn mit den kleinen Bauern und ganz besonders mit den Arbei⸗ tern? Ja, die wären Esel, wenn sie für Hirschel stimmen würden, denn gerade aus ihren Fellen wollen ja die Antisemiten Riemen schneiden für die Großen. Bedarf das noch eines besonderen Nachweises? Gewiß nicht. Unsere Leser wissen, und jeder wahlberechtigte Mann sollte es wissen, wie unsagbar jämmer⸗ lich sich die Antisemiten überall gezeigt haben, wenn es sich um das Wohl der arbeiten⸗ den Bevölkerung gehandelt hat.
Aber besser als das erbärmliche Ver⸗ halten der Antisemiten bei Beratung der Zucht⸗ haus vorlage, besser als der Kampf gegen die billigen Arbeiter⸗Eisenbahnbillets, besser als das Eintreten der Autisemiten für die Kanitz'schen Brodwucherpläne, besser als durch das ganze lange Sündenregister der Anti⸗ semiten wird deren Arbeiterfeindlichkeit klar gekennzeichnet durch das eine ebenso deut⸗ liche wie gemeine Wort
Schlammbeißer!
Herr Hirschel hat dies Wort in seinem Blatt den Arbeitern an den Kopf geschleudert. Herr Hirschel ist es gewesen, der ehrlichen Arbeitern die Bezeichnung Schlammbeißer beigelegt hat, als sich unsere Genossen im Land⸗ tag abmühten, für die Arbeiter Vorteile zu erringen.
Doch wozu viele Worte! Die Situation ist so klar wie nie zuvor.
Dort der Feind des Arbeiters, der Architekt Hirschel, in dessen Augen die Arbeiter Schlammbeißer sind.
Hier unser Candidat Ph. Scheidemann, ein echter Sohn des Volkes, der schon ein halbes Menschenalter in den Reihen der Arbeiter⸗ partei kämpft.
Nun entscheidet!
Wollt Ihr die nächsten sechs Jahre im hessischen Landtag Euere Interessen und Rechte von einem Antisemiten mit Füßen treten lassen, dann verhelft dem Architekten Hirschel zum Siege.
Wollt Ihr aber, daß im Landtag Euere Interessen einer der Euren wahrnehmen soll, daß einer, dem Ihr seit langen Jahren das größte Vertrauen entgegengebracht habt, in Darmstadt für Euch das Wort führt und für Euch zu erreichen sucht, was zu erreichen möglich ist, dann geht am Mittwoch, den 8. November Mann für Mann an die Urne und wählt diejenigen Wahlmänner, von denen Ihr wißt, daß sie bei der Abgeordneten⸗ wahl Eurem Kandidaten Ph. Scheidemann ihre Stimme geben werden.
Ihr könnt siegen, wenn Ihr siegen wollt
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Ein sozialdemokratischer Pfarrer.
Eine beachtenswerte Versammlung fand Mitte der vorigen Woche in 1 0 85 in Württemberg statt. Nachdem unser Genosse Tauscher über den Parteitag in Hannover re⸗ ferirt hatte, nahm der Pfarrer Blumhart von Bad Boll das Wort und führte unter anderem aus:
Man wundere sich mit Unrecht, daß er sich zum Sozialismus bekenne. Er sei Anhänger Christi, Christus aber war Sozialist. (Beifall.) Zwölf Proletarier hat er zu seinen Aposteln gemacht. Wer meint, er(Redner) ver⸗ lasse Gott, wenn er auch Proletarier sein und sich zu den Proletarien halten möchte, der sei im Irrthum. Im Evangelium gelte nicht Knecht noch Freier, sondern nur der Mensch. So komme er zum Sozialismus. Die Arbeiter sind dazu gedrängt worden durch die Not des Lebens. Er, Blumhart, kenne die Elenden und Unglücklichen, deren so viele schon ihre Not klagten, denen er auch seine Kraft widmete. Auf dem seelsorgerlichen Weg, wie er sich gewöhnlich für den Pfarrer gestaltet, sei es nicht möglich, den Menschen wirklich zu helfen. Es geht nun aber so, wie es jetzt ist, nicht weiter fort. Er, Redner, dem es ja gut gehe und dem sein Lebensunterhalt von selbst zufalle, fühle sich be⸗ drückt, wenn er das Elend und die Not auf dem Lande sehe. Gegen die Stellung der Sozialdemokratie zur Religion könne er durch⸗ aus nichts einwenden. Religion ist Privat⸗ sache, d. h. Sache des Einzelner, in die ihm Niemand einzusprechen hat. Der So⸗ zialismus ruht auf dem Gesellschaftstrieb der Menschheit überhaupt. Also ist natürlicherweise jeder Mensch Sozialist. Wir bedürfen einander. Deswegen hat es zu allen Zeiten eine Gesell⸗ schaftsordnung gegeben. Diese ist bis jetzt immer derart gewesen, daß die Massen unterdrückt wurden, ob sie sich dabei wohl befanden oder nicht. Man hat dabei Menschenglück geopfert. Aber wir wollen keine Menschenopfer bringen; wir leben in
jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.) 33¼% und bei
mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt einer neuen Zeit und die alte Zeit ist vergangen. Auch Christus verkündet eine neue Zeit! Er ist es, der sagt: diese Welt muß zerschlagen werden, die Christenheit hat es nur vergessen.
Wer Besitzender oder Kapitalist ist, mag ängstlich sein und glauben, mit dem Sozialis⸗ mus werde es nicht gehen, aber es wird gehen. Den sozialistischen Gedanken hat die moderne Welt hervorgebracht und„wir wollen helfen, daß dieser Gedanke groß wird.“ Unter den Arbeitenden sind gerade diesozialistisch Gesinnten die O rdnungsmänner. Das sozialistische Streben ist ein Kampf gegen den falschen Egoismus. Die politischen Fragen müssen sich unter die soziale Entwicklung beugen. Das hat die Menschheit seit der französischen Revolution erfahren. Heute hält man es z. B. für ganz selbstverständlich, mit Parlamenten zu regieren,, woran man früher nicht gedacht hätte. Mit solchen Anschauungen kann man natürlich ein Zuchthausgesetz nicht lieb haben, kann es nicht begreifen, daß die Einen im Zucht⸗ haus sich herumtreiben, die Anderen— frei⸗ gesprochen werden.(Anhaltender Beifall.) Man habe ihm vorgeworfen, er habe Fabrikanten au⸗ gegriffen. Das tönne ihm gar nicht in den Sinn kommen. Ein Fabrikant sei ebenso ein Erzeugnis seiner Zeit wie wir Alle. Aber er sage: Wer viel hat, gebe Jedem seinen Lohn. Wenn der Kapitalist seinen möglichst großen Profit aus seinem Kapital will, so möge er auch den Arbeiter den größtmöglichen Nutzen aus seinem Kapital, nämlich seiner Muskelkraft, seiner Arbeitskraft, ziehen lassen. Ich werde zu Euch stehen als Einer, der das Klassenbewußtsein stärken will, damit eine Besserung komme. Wir müssen das Ziel der sozialdemokratischen Gesell⸗ schaft im Auge haben. Das ist Recht vor Gott und den Menschen. Reichlicher, anhaltender Beifall folgte den Worten des Pfarrers.
Die Antisemiten und sonstige Hintertreppen⸗ politiker sind betrübt, wie die Lohgerber, denen die Felle fortgeschwommen sind. Bisher haben sie so schön— allerdings gegen ihre eigene Ueberzeu gung— auf die„gottvergessenen“ So ialdemokraten losgedonnert und damit Leuten, die nichts lesen, graulich gemacht. Nun aber kommen immer mehr Geistliche in unsere Reihen und damit wird es für unsere Gegner immer schwieriger, mit den alten Lügen zu hausieren. Denn das glaubt doch den Lügenpetern kein Mensch, daß ehrliche, ihr Christentum ernst nehmende Geistliche zu uns kommen, sich der Sozialdemokratie anschließen würden, wenn letz⸗ tere wirklich die Familien⸗, Ehe⸗ und Religions⸗ störerin wäre, als die sie Antisemiten und son⸗ stige unehrliche Politiker anschwärzen.
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Ehrensache
eines jeden Arbeiters im Kreis Gießen⸗Laud ist es, am Mittwoch, den 8. November zur Wahl zu gehen und seine Stimme für die Wahlmänner der Arbeiterpartei ab zugeben. Der Sieg unseres Kandidaten Ph. Scheidema sicher, wenn alle Arbeiter ihre Schuldic 2.——... ̃ ͤ...


