Ausgabe 
3.9.1899
 
Einzelbild herunterladen

2725

r

2

9. le 5

e

2

5

one.

agel. 1

I

dau altige

haben, abgelehnt.

Nr. 36.

Gießen, Sonntag, den 3. September 1899.

5. Jahrg.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Sonnt

Mitteldeutsche

Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.

ä

Ugs⸗Zeitung.

Abounementspreis:

Bestellungen

Juserate

DieMitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die] finden in derM. S.⸗Ztg weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt

Austräger frei ins Haus

geliefert monatlich 25 Pfennig.] Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg.

Bei mindestens

Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch] Druckerei, Schloßg. 13, sowie jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung

die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.

Auf die Schanzen!

n. Zu denjenigen Kreisen, die an den be vorstehenden Landtagswahlen beteiligt sind, ge hört auch der 5. oberhessische: Gießen-Land. In den letzten 6 Jahren wurde dieser Kreis von dem Antisemiten Baer vertreten, oder besser gesagt: nicht vertreten. Wer hat jemals etwas von Herrn Baer gehört? Wer und was ist Herr Baer? Was hat er je im Landtag für seine Wähler gethan?

Keiner weiß von Nix!

Der Kreis Gießen-Land mit seiner fast aus⸗ schließlich kleinbäuerlichen und Industriearbeiter Bevölkerung war eben 6 Jahre lang un⸗ vertreten im Landtag. Herr Baer ist er⸗ freulicher weise einsichtsvoller, als man erwarten durste; er hat eine abermalige Kandidatur, die ihm die Antisemiten um Köhler angeboten Das ist brav von ihm; er

ist wohl nicht nur zu der Ueberzeugung ge⸗ kommen, daß diesmal die Trauben sehr hoch

hängen, sondern auch, daß er nicht der richtige

Mann für unsern Kreis istzer geht klüglich von selbst.

Weniger einsichtsvoll als Baer ist sein Parteigenosse Hirschel übrigens ein noch ver⸗ dächtigerer Name alsBaer für einen Anti⸗ semiten. Man sollte Herrn Ahlwardt beauf⸗ tragen, einmal Herrn Hirschel auf seine Rassen⸗ reinheit zu untersuchen. Wir vermuten semitisches Blut in den Adern derer von Hirschel.

Herr Hirschel, jetzt Redakteur des von uns wegen seiner jeden Witzes baren wüsten Schimpferei oft beleuchteten Arizona⸗Kickers in Offenbach, hat die Kandidatur für die Anti⸗ semiten, resp. für die neueste Firma derselben: Hessischer Bauernbund angenommen. Er, der glühende Hasser der Arbeiterbewegung, der Schwärmer für den Kanitz'schen Brodwucher⸗ antrag, er, der vom junkerlichen Bund der Landwirte mit einem Anerkennungsschreiben diplomierte einseitigste Interessenvertreter der Manschettenbauern, er hält sich für den ge⸗ eigneten Mann, den Kreis Gießen-Land im hessischen Landtag zu vertreten. Herr Hirschel, das Werkzeug des Abg. Köhler, der den Dienstboten die Vorteile der Gewerbeordnung mißgönnt, der sie unter der strammen Gesinde⸗ ordnungs⸗Fuchtel belassen will, derselbe Herr Hirschel, der in seinem Blatt den wütenden Artikel gegen die billigen Arbeiterbillets auf den Eisenbahnen publizierte, einen Artikel, der dem rückständigsten ostelbischen Junker alle Ehre gemacht hälte, eben dieser selbe Herr hirschel in Offenbach bewirbt sich um das Nandat für Gießen⸗Land! Derselbe Herr hirschel, den die Odenwälder Bauern 1893 hertrauensvoll in den Reichstag schickten, ihm aber 1898 enttäuscht den Laufpaß gaben, tben dieser selbe Rückwärtspolitiker, den sie im Ddenwald nicht gebrauchen konnten, hält sich für den richtigen Mann, den Land⸗Kreis Gießen uvertreten. Und er hat versprochen, mit valler Kraft zu arbeiten, um das Mandat für die antisemitische Partei zu erhulten. Mit den cträften des Herrn Hirschel ist es nun aller⸗ hings nicht weit her. Wir sind überzeugt, daß e von seinenKräften auch nicht allzuviel in der Oeffentlichkeit zur Schau stellen wird. Die h der antisemitischen Versammlung, die ihn zu rem Kandidaten proklamierte, erfolgten Aus⸗ emandersetzungen über die bei der Wahlein⸗

zuschlagende Taktik wurden in dem Blatt des Herrn Hirschel in Offenbach fein säuberlich verschwiegen. Wahrscheinlich in der richtigen Voraussetzung, daß über die bei den Antisemiten gebräuchlichen unübertrefflich schäbigen Mittel ohnehin kein Mensch im Zweifel ist.

Wer eri nerte sich nicht, wie bei der letzten Reichstagswahl die Antisemiten noch kurz vor Thoresschluß mit Flugblättern heranrückten, welche alle die Verleumdungen und Lügen, die schon wochenlang vorher in unserer ge samten Parteipresse als solche gekennzeichnet waren, noch einmal auskramten!

Auf weit Schlimmeres müssen wir bei der Landtagswahl gefaßt sein. Das indirekte Wahlsystem erleichtert den Antisemiten die Anwendung schäbiger Agitations⸗ mittel. Es gilt deshalb schon jetzt, die Wähler im Gießener Landkreis zur Vorsicht zu ermahnen.

Die Parteiverhältnisse im 5. Kreise liegen derart, daß bei direkten Wahlen das Mandat dem sozialdemokratischen Kanditen absolut sicher wäre. Denn es wurden bei den letzten Reichstagswahlen in den 20 Gemarkungen, die den Wahlkreis bilden, für die sozialdemo⸗ kratische Partei rund 400 Stimmen mehr abgegeben, wie für die gegnerischen Par⸗ teien zusammen. Jede gegnerische Kan⸗ didatur wäre also aussichtslos bei direkter Wahl. Auf das indirekte Wahlverfahren und die dadurch erleichterte Anwendunganti⸗ semitischer Wahlkniffe setzen deshalb die um Köhler und Hirschel ihre Hoffnungen.

Diese antisemitischen Hoffnungen zu Schan⸗ den zu machen und den Kreis Gießen-Land für die Sozialdemokratie zu erobern, das ist die ehrenvolle Aufgabe der arbei⸗ tenden Bevölkerung im 5. Kreis.

Wir lassen hier eine Tabelle folgen, die jedem Wähler ein klares Bild von den Partei⸗ verhältnissen im Kreis Gießen⸗Land giebt.

5 Abgegebene Stimmen bei der 2 Wahlbezirke Weicgtagzwahl 1898. 8 des auptwahl Stichwahl S

5. oberhessischen f Landtags⸗ 8 EE 23 2 3 8 Wahlkreises. 3 Gießen⸗Land. 8 8 88 3 E 322 S 8

S S2 8

Allendorf a. Lahn. 27 42 69] 27 780 300 1 Alten⸗Buseck. 22 22 1710 11 1772 Annerod. 0 37 43 8 56 16 1 Daubringen 34 8 42 69] 380 74/1 Garbenteich 5 12 35 47] 510( 580 5601 Großen⸗Buseck 42 49 91 1100 84 1243 Großen⸗Linden 43 82 125 95 120 102, 3 i 23 10 33 42 29 400 1 Heuchelheim 67 21 88 268] 73 281 3 Klein⸗Linden 26 40 69 880 95/ 87 2 Langgöns 25208 2330 12 284 9 2 Leihgestern. 878 86] 84 105 114 2 Lollar. 81 45/126 132 111 130,2 Mainzlar., Oppen rod. 4 20 300 6] 430 30 1 Rödgen und Trohe. 22 12 34] 94] 46] 95s 1 Ruttershausen⸗Kirchbg. 6 38 44] 17] 54 180 1 Staufenbg. m. Friedelh 9 12 21 35 39 391 Watzenborn⸗Steinberg 17 83 106 1688 99 174] 3 Wieseck. 65 1 66 339] 31 3620 5 20 Wahlbezirfe 548 900/14 78f1827153 60103437

jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.) 33¼% und bei

mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt

Diese Tabelle zeigt untrüglich, in welchen Wahlbezirken wir stark und in welchen 05 noch schwach sind.

Die Genossen in den erstgenannten Orten dürfen sich nicht in Sicherheit wiegen und die Genossen in den noch schwach sozialdemo⸗ kratischen Orten müssen ihre ganze Kraft ein⸗ setzen, um immer neue Anhänger zu werben, auf daß auch ihre Wahlbezirke ehrenvoll im bevorstehenden Wahlkampf bestehen.

Auf die Gleichgültigkeit, auf die Wahlfaulheit der Arbeiter bauen die Antisemiten ihre Hoffnung. Die Arbeiter, die in Gießen schaffen, werden nicht zur Wahl heimfahren, weil sie unter Um⸗ ständen einen halben Tagelohn einbüßen müssen so kalkulieren die Antisemiten. Darauf bauen sie ihre Hoffnungen. Die Arbeiter werden den Beweis erbringen, daß sich die Junker⸗ trabanten verrechnet haben. Der Arbeiter bringt für seine Ueberzeugung gern ein Opfer. Um sein Wahlrecht ausüben zu können, um einem seiner Gesinnungsgeuossen zum Siege zu ver⸗ helfen, scheut er nicht davor zurück, auch einmal einen viertel oder einen halben Tag zu opfern.

In wenigen Wochen müssen die Wahl⸗ männerwahlen stattfinden. Sorgt dafür, ihr Arbeiter in Schacht und Feld, in den Fabriken und Werkstätten, daß sie uns den Sieg bringen. Zwei Männer stehen sich diesmal bei der Wahl gegenüber, die euch eine Entscheidung leichter denn je machen. Auf der einen Seite der Ver⸗ treter der Manschettenbauern, der ehemalige Architekt Otto Hirschel in Offenbach, den keiner von euch kennt, von dem nur allgemein be⸗ kannt ist, daß ihn die Odenwälder heimgeschickt haben, daß er in seinem Blatt sowohl, wie auch in Versammlungen, die Sozialdemokratie auf das schmachvollste verunglimpfte, kurz: ein wütender Arbeiterfeind und auf der anderen Seite steht unser Genosse Philipp Scheidemann in Gießen.

Wer ist unter euch, der ihn nicht kennt? Kein Dorf des Landtagswahlkreises, in dem euer Kandidat Scheidemann nicht zu euch ge sprochen hätte! Kein Dorf im Kreis, aus dem nicht schon Leute bei ihm sich Rat geholt hätten! Mitten im Wahlkreis wohnend, jedes Dorf kennend, von fast allen Wahlberechtigten mindestens von den Volksversammlungen her persönlich gekannt, hat er seit Jahren schon vielen Hunderten mit Rat und That zur Seite gestanden.

Zu wem geht der Arbeiter, wenn er in gewerbliche Streitigkeiten verwickelt wird? Zu wem gehen die städtischen und ländlichen Dienstbeten, Knechte und Mägde, wenn sie in Konflikte mit ihrenHerr⸗ schaften kommen? Wo holen sich all die vielen Bedauernswerten, denen die Berufs⸗ genossenschaften wegen Unfallangelegen⸗ heiten die unglaublichsten Scherereien machen, Rat? Wo sucht ihr Aufklärung, wenn es sich um strittige Fragen in der Kranken-, in der Alters- und Invaliditätsversicherung handelt? Wer hat Hunderten zur Seite ge standen, die mit Behörden und Gerichten zu thun hatte? Wer hat viele vor zweifelhaften Prozessen bewahrt? Wohin geht ihr, wenn gegen euch angethanes Unrecht in der Zeitung öffentlich Protest erhoben werden soll?